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Spannende Zeiten für die Cannabisforschung

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Derzeit hat man das Gefühl, als würden täglich neue Forschungsergebnisse publiziert. Und das Gefühl trügt nicht – nie gab es so viel Forschungsaktivität zum Thema Cannabis. Allein zur medizinischen Anwendung ist die Zahl der Veröffentlichungen zwischen 2000 und 2017 um den Faktor 9-10 gestiegen und es ist nicht davon auszugehen, dass dieser Trend bald abreißen könnte. 

Doch nicht jeder kann oder will wissenschaftliche Fachliteratur wälzen, um sich zum Thema Cannabis als Medizin zu informieren. Und so wächst die Fülle an Informationen, die vor allem im Internet verbreitet werden, mindestens ebenso stark. Leider finden sich hierzu keine zuverlässigen Daten, denn im Gegensatz zur wissenschaftlichen Literatur greifen hier kaum Kontrollmechanismen. Hier hat sich zu diesem Zweck der Peer-Review-Prozess etabliert, also die Begutachtung einer Arbeit vor ihrer Veröffentlichung durch unabhängige Wissenschaftler aus derselben Fachrichtung. Einen vergleichbaren Prozess gibt es bei anders veröffentlichten Informationen meist nicht – und hier äußert sich auch schon das größte Problem, was diese Informationen betrifft: fehlende Qualitätskontrolle.

Sicher gibt es reihenweise Beispiele für gut recherchierte und belastbare Daten und Informationen, die über nicht wissenschaftliche Kanäle verbreitet werden – leider gibt es jedoch auch zahllose Orte in den Tiefen des Internets, an denen man es nicht allzu genau nimmt. So gab es unter anderem zahllose Beiträge in verschiedenen Outlets, die überschwänglich proklamierten Cannabis heile Krebs. Trotz des mehr als lockeren Umgangs mit den Fakten bekam ein News-Artikel zu dem Thema mit dem reißerischen Titel „Cancer institute finally admits marijuana kills cancer“ über 4 Millionen Interaktionen. Es ist richtig, dass eine bereits 1975 veröffentlichte Studie berichtet hat, dass Cannabinoide in bestimmten Fällen das Tumorwachstum hemmen können. Solche und vor allem auch neuere Ergebnisse lassen vermuten, dass Cannabis zur Behandlung von Krebs höchstwahrscheinlich noch eine Rolle spielen wird. Eine differenzierte Betrachtung sollte aber derzeit noch mit der Feststellung enden, dass noch keine endgültigen Schlüsse möglich sind. Eine Darstellung, wie sie in dem o. g. Artikel zu sehen ist, wäre also zumindest als etwas verzerrt einzustufen.

Ein so unreflektierter Umgang mit „Fakten“ hat ganz unmittelbare negative Folgen: Es werden falsche Hoffnungen geweckt, eine Hysterie wird befeuert, Befürworter der Liberalisierung von Cannabis übernehmen solche Aussagen und nutzen sie als Argument. Unnötig zu erwähnen, dass solche Argumente dann schnell zum Bumerang werden können. Was mich daran am meisten ärgert: Es ist unnötig. Die bisherigen Ergebnisse sind eindrucksvoll genug – eine Argumentation für den medizinischen Einsatz von Cannabis hat es gar nicht nötig, sich hinter übertriebenen Heilsversprechungen zu verstecken! 

Langfristig besteht eine noch viel größere Gefahr, nämlich dass es für die ganze Bewegung zur Freigabe von Cannabis (ob nun für den medizinischen, oder den sogenannten Freizeitbereich) zu einem gewaltigen backlash kommt. Cannabisgegnern, so sehr man sie auch – in vielen Fällen zu Recht – als ewig gestrige „reefer-madness“ Panikmacher verteufeln mag, liefern grandiose, aber falsche Claims jedenfalls die perfekte Munition. Die Cannabis-Bewegung kann leicht als unwissenschaftlich abgestempelt werden. Das sollte nicht in unserem Sinne sein. 

Klar –wissenschaftliche Methodik hat ihre Grenzen und diese Grenzen werden auch und vor allem in der Cannabisforschung deutlich: Cannabisblüten (oder auch Vollextrakte aus Cannabisblüten), aus pharmakologischer Sicht Vielstoffgemische, erfordern eine ganz andere Herangehensweise, als die Untersuchung einzelner Wirkstoffe. Für die meisten Leser ist es sicher keine Neuigkeit, dass die weibliche Cannabisblüte einige Hunderte potenziell wirksame Inhaltsstoffe enthält. Neben den Cannabinoiden und den mehr und mehr in den Fokus rückenden Terpenen zählen dazu auch Flavonoide (z. B. Cannflavine – das nächste große Thema?) und Alkaloide. Die Wirkung jeder einzelnen Substanzen hinreichend zu untersuchen ist schon eine Mammutaufgabe. Die Wirkung eines Vielstoffgemisches, in dem sich einzelne Bestandteile auch noch gegenseitig beeinflussen (Stichwort Entourage-Effekt), erhöht den Arbeitsaufwand für die Forscher noch mal um ein Vielfaches. Es ist kompliziert…

So sagt Ethan Russo, einer der bekannteren Forscher auf diesem Gebiet zwar zu Recht, es gäbe mittlerweile sehr deutliche Hinweise auf die Existenz spezieller pflanzlicher Synergien (bekannt als „Entourage-Effekt“) bei der Einnahme von Cannabisblüten und Vollextrakten. Gleichwohl seien diese aber noch nicht ausreichend in Zahl und Qualität um „die Massen zu befriedigen“.

Für die allermeisten Anwender sollte es unterdessen unumstritten sein, dass verschiedene Sorten auch sehr verschiedene Wirkung haben können. Das gilt auch dann, wenn die Konzentration von beispielsweise THC, die gleiche ist. Die alte Unterteilung in Sativa und Indica ist hierbei zwar nicht mehr ganz zeitgemäß und wenig wissenschaftlich, wird aber – mangels Alternative – in der Praxis nach wie vor verwendet. In Zukunft wird man vermutlich immer öfter auch ganze Terpenprofile verschiedener Sorten vorliegen haben, mit denen es hoffentlich irgendwann möglich ist, mit steigender Präzision die richtige Sorte für die richtige Situation zu identifizieren. Eine eher sedierende Sorte, die einen chronischen Schmerzpatienten endlich wieder nachts durchschlafen lässt, wird mit großer Wahrscheinlichkeit nicht die beste Wahl für einen Patienten sein, der tagsüber auf die Anwendung von Cannabis angewiesen ist.

Hier wiederum liegt der große Vorteil eines so komplexen Vielstoffgemisches, wie es in der Cannabisblüte vorliegt: Die Komplexität bietet Spielraum für individuelle Therapiegestaltung – vorausgesetzt Arzt und Patient sind bereit, diesen Weg zu gehen und ein wenig zu experimentieren. 

Einzelne Cannabinoide, wie sie für medizinische Zwecke z. B. in Form von Dronabinol vorliegen, spielen diesen Vorteil nicht aus – mit berechtigter Sorge nehmen daher viele die Bemühungen einzelner Akteure wahr, Cannabisblüten als „Steinzeitmedizin“ dastehen zu lassen. Es sei hierbei keine präzise Dosierung möglich, die Blüten seien nur unzureichend standardisierbar und noch dazu unverhältnismäßig teuer. Solche Argumente halten einer näheren Betrachtung nicht stand – jeder, der eine Feinwaage bedienen kann und sich mit modernen Formen des Cannabisanbaus für medizinische Zwecke beschäftigt hat, kann das bestätigen. Auch das Preisargument wurde bereits hinreichend von verschiedenen Seiten entkräftet, so zum Beispiel von Dr. Grotenhermen, dem Deutschen Hanfverband und der Deutschen Apotheker Zeitung.

Glücklicherweise gibt es aber auch reichlich Befürworter ganzheitlicher Cannabisarzneimittel, die dem Patienten die Intelligenz der Pflanze in vollem Umfang verfügbar machen.

Dieses Bild zieht sich wie ein roter Faden durch die meisten Aspekte der Cannabisdebatte. Starre und vorgefertigte Meinungen, tiefe Gräben, der ideologische Rucksack wiegt schwer. Einige haben entweder selbst Erfahrungen mit Cannabis gesammelt, oder sich diese aus ihrem Umfeld schildern lassen. Jemand, der bspw. den Cannabiskonsum seines Kindes für sein Scheitern in Schule oder Studium verantwortlich macht – ob berechtigterweise, oder nicht – wird sich in den meisten Fällen wenig Offenheit für die positiven Wirkungen bewahren. Andere wiederum haben ihre Meinung durch jahrzehntelange bestenfalls undifferenzierte Darstellungen von Cannabis in den Medien formen lassen. Und auch wenn Cannabis nun tatsächlich langsam in der Mitte der Gesellschaft ankommt – an den Enden der Gauß-Kurve brodelt es; und zwar an beiden. 

Zu jedem der hier angerissenen Aspekte könnte man ganze Bücher schreiben – und zum Teil ist das schon geschehen. Was aber sehr schnell sehr deutlich wird ist, dass es durchaus keine einfache Aufgabe ist, sich auf eigene Faust und auf eine differenzierte, ausgewogene und zumindest halbwegs objektive Weise zum Thema Medizinalcannabis zu informieren.

Genau hier setzt das Deutsche Institut für Medizinalcannabis an. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, Ärzten, Apothekern, Pflegepersonal und Patienten mit eigens konzipierten Fortbildungen und Infomaterial einen gründlichen Einstieg in jeweils relevante Aspekte zu ermöglichen. Dabei orientieren wir uns an neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, relevanten Fallstudien und wichtigen Erfahrungswerten aus Praxis und Alltag Betroffener und all derer, die hautnah mit dem Thema zu tun haben.

Für wen kommt eine Behandlung mit Medizinalcannabis in Frage? Für wen nicht? Welche Darreichungsformen gibt es und was sind deren Vor- und Nachteile? Wie finde ich die geeignete Dosis? Wie kann ich die Cannabinoidtherapie für meine individuelle Situation optimieren? Wie stelle ich einen erfolgreichen Antrag auf Kostenübernahme und was gibt es bei der Rezeptierung zu beachten?

Auf diese und viele weitere Fragen suchen und finden wir jeden Tag gründlich recherchierte, nützliche und praxisrelevante Antworten.

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