Asthma ist eine relativ weit verbreitete Erkrankung der Atemwege, die sich vorwiegend durch eine chronische Entzündung der Bronchien zeigt. Daher lautet die korrekte Bezeichnung auch Asthma bronchiale. Man geht davon aus, dass etwa 5 bis 10 % der Weltbevölkerung an einer Form von Asthma leiden. Es gibt stark unterschiedlich ausgeprägte Schweregrade, sodass leichtere Formen oftmals nicht erkannt werden.
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Akute Anfälle werden klassischerweise mit Asthmasprays, die auf Beta-2-Agonisten basieren, behandelt. Vor allem im 19. Jahrhundert, lange vor der Zeit der Cannabis-Prohibition, waren unter anderem Cannabiszigaretten ein weit verbreitetes Mittel gegen Asthma. Cannabis kann aufgrund seiner entzündungshemmenden Wirkung spürbare Linderung in den Bronchien verschaffen.
Nun gibt es neue Studienergebnisse, die zu dem Schluss kamen, dass das körpereigene Cannabinoid Anandamid eine neue Behandlungsmöglichkeit darstellen könnte. Darüber hinaus scheint es einen direkten Zusammenhang zu geben zwischen einem Ungleichgewicht im Endocannabinoidsystem und der Entstehung von Asthma.
Anandamid erweitert indirekt die Bronchien
Ein deutsches Forschungsteam kam in einer aktuellen Studie zu dem Ergebnis, dass Anandamid einen völlig neuen Behandlungsweg bei Asthma eröffnen könnte. Durch Beobachtungen an Mäusen konnte gezeigt werden, dass Anandamid in einer indirekten Weise zur Entspannung der glatten Atemmuskulatur und somit zu einer Erweiterung der Bronchien führt. Dies ist exakt jener Mechanismus, den auch gängige Asthmasprays bewirken und auf diese Weise eine akute Atemnot lindern können.
Wichtig zu verstehen ist an dieser Stelle, dass Anandamid hier in einer indirekten Weise wirkt. Der lindernde Effekt wird nicht unmittelbar durch eine Wirkung auf die Cannabinoidrezeptoren ausgelöst, sondern durch die Wirkung von bestimmten Abbauprodukten. Anandamid wird im Körper durch das Enzym FAAH abgebaut. Bei diesem Abbauprozess entsteht unter anderem Arachidonsäure. Die spezifische Wirkung der Arachidonsäure auf die glatte Atemmuskulatur ist die eigentliche Ursache für die beobachtete Weitung der Bronchien.
Studien-Check: Das Endocannabinoidsystem bei Asthma
Die aktuelle Forschung zeigt drei entscheidende Durchbrüche im Verständnis von Atemwegserkrankungen:
- Der Anandamid-Effekt: Anandamid erweitert die Bronchien indirekt über seine Abbauprodukte (Arachidonsäure). Im Gegensatz zu herkömmlichen Sprays entsteht dabei keine Rezeptor-Toleranz – die Wirkung bleibt also auch bei häufiger Anwendung stabil.
- Schnelligkeit der Inhalation: In Tierversuchen zeigte die inhalative Aufnahme von Anandamid eine ähnlich schnelle Wirkung auf die Atemmuskulatur wie moderne Beta-2-Agonisten (Notfallsprays).
- Die Rolle von OEA: Während Anandamid schützt, kann eine Überaktivität des Lipids Oleoylethanolamid (OEA) Entzündungen in den Atemwegen fördern. Ein Ungleichgewicht in diesem System scheint eine fundamentale Ursache für chronisches Asthma zu sein.
Fazit: Die gezielte Regulierung des Endocannabinoidsystems bietet einen vielversprechenden Ansatz für künftige, nebenwirkungsarme Asthmatherapien.
Forscher gehen davon aus, dass dieser Wirkungsmechanismus zukünftig eine völlig neue Therapieoption beim Menschen darstellen könnte. Gegenüber der bisherigen Notfallmedikation mittels Beta-2-Agonisten hat der neu entdeckte Weg über das Endocannabinoidsystem einen entscheidenden Vorteil: Es kommt zu keiner Desensibilisierung der Atemmuskulatur und zu keiner Toleranz an den beteiligten Rezeptoren. Dies ist ein bekanntes Problem, welches bei gängigen Asthmasprays bei häufiger Anwendung auftritt und bei akuter Symptomatik zu gefährlichen Komplikationen führen kann. Die beschriebene Verstoffwechslung von Anandamid, welche für die Erweiterung der Bronchien zuständig ist, tritt zudem überraschend schnell ein. Beobachtungen an Mäusen konnten zeigen, dass der inhalative Konsum von Anandamid ähnlich schnell zu messbaren Wirkungen führt wie konventionelle Beta-2-Agonisten.
Mögliche Cannabis-Alternative zu THC
Grundsätzlich erweist sich medizinisches Cannabis als mögliche Therapieoption bei Asthma. Die Pflanze enthält eine Vielzahl entzündungshemmender Cannabinoide und insbesondere THC, welches zur Entspannung und Weitung der Atemwege beiträgt. Aus diesem Grund war medizinisches Cannabis in früheren Jahrhunderten auch einer der Hauptbestandteile der damals bekannten Asthmazigaretten.
Allerdings ist die Inhalation von Cannabis bei Asthma auch ein zweischneidiges Schwert. Während einerseits die Bronchien entspannt und Entzündungen im Gewebe gelindert werden, ist der klassische inhalative Konsum bei gereizten Atemwegen stets mit Vorsicht zu genießen. Gleichzeitig gibt es Asthmatiker, die auf die Inhalation von Cannabis paradox reagieren: Bei ihnen löst das THC keine Weitung der Bronchien aus, sondern führt im Gegenteil zu einem Bronchialspasmus, also genau zu dem gegenteiligen Effekt, den man bei einem Anfall erreichen möchte. Bei dieser individuellen Problematik könnte zukünftig Anandamid Abhilfe schaffen, da der Wirkungsmechanismus und der biochemische Signalweg ein gänzlich anderer sind als beim THC aus der Cannabispflanze.
Das Endocannabinoidsystem ist an der Entstehung von Asthma beteiligt
Forscher gehen mittlerweile davon aus, dass ein chronischer Mangel an dem Cannabinoid Anandamid eine der grundlegenden Ursachen für die Entstehung von Asthma sein könnte. Das Vorhandensein von genügend Anandamid in den Bronchien kann durch einen adäquaten Muskeltonus auch das generelle Entstehen von Reizungen und Entzündungen verringern. Ein Mangel an Anandamid wurde in verschiedenen Studien bereits mit einigen weiteren schwerwiegenden Krankheitsbildern in Verbindung gebracht.
Umgekehrt kann eine Überaktivität eines anderen Lipids des erweiterten Endocannabinoidsystems, nämlich Oleoylethanolamid, das Auftreten von Asthma sogar begünstigen. Das Endocannabinoidsystem ist ein überaus komplexes Konstrukt, das aus vielen fein aufeinander abgestimmten Regulationsmechanismen besteht. Unzählige Körperfunktionen werden direkt oder indirekt über das Endocannabinoidsystem gesteuert und in Balance gehalten.
Bereits im Jahr 2021 konnte eine koreanische Studie eindrucksvoll zeigen, dass bei Asthmapatienten im Vergleich zu gesunden Personen Oleoylethanolamid eine übermäßig starke Wirkung in bestimmten Bereichen der Eosinophile aufweist. Dabei handelt es sich um einen bestimmten Typ von weißen Blutkörperchen, der Teil des Immunsystems ist. Einige Stoffwechselprodukte dieser Eosinophile stehen in einem direkten Zusammenhang mit der Entstehung von Asthma. Forscher gehen davon aus, dass durch die erhöhte Aktivität von Oleoylethanolamid im Endocannabinoidsystem in genau diesem Zelltyp die Bildung entzündungsfördernder Zytokine angeregt wird, die letztlich massiv an der Entstehung von chronischen Atemwegserkrankungen wie Asthma oder COPD beteiligt sind.
Quellen und weiterführende Studien:
- Studie zu Anandamid und Atemwegen (2023): Endocannabinoid signaling in the lung (PMC10105667)
- Forschung zu FAAH-Inhibitoren und Bronchien: Fatty acid amide hydrolase and airway reactivity (PubMed)
- Koreanische Studie zu Oleoylethanolamid (2021): Role of OEA in eosinophilic inflammation (Nature)


















