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Home Nutzhanf für verschiedene Anwendungen Rohstoffe aus Hanf

Seile aus Hanf – bis heute ungeschlagen

von Dieter Klaus Glasmann
14.12.2018
in Rohstoffe aus Hanf
Lesezeit: 17 Minuten
Seile aus Hanf bis heute ungeschlagen 750x375 (1)
⏱ 19 Min. Lesezeit·3.691 Wörter
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Früher war das Wissen, wie man ein Seil herstellt, eine Fähigkeit, die für einige Menschen zum Überleben notwendig war. Die Segelschiffe der großen Entdecker wären ohne Seile nicht funktionsfähig gewesen. Heute beherrschen nur noch wenige das Handwerk der Seil-Herstellung. Im Lauf der Jahrhunderte haben die Menschen Seile aus einer Vielzahl von Materialien hergestellt, aber lange Zeit war der wichtigste Rohstoff dafür Hanf. Nutzhanf-Pflanzen sind sehr vielseitig verwendbar und eignen sich gut für die Herstellung von Hanfseilen.

📑 Inhaltsverzeichnis

  1. Nutzhanf ist mehr als nur CBD
  2. Vorteile von Hanf in der Seilherstellung
  3. Herstellung von Hanfseilen und Tauwerk
  4. Moderne Technik baut auf den bewährten Rohstoff Hanf
  5. Wie viel ein Hanfseil trägt: Bruchlast nach Durchmesser
  6. Bruchlast ist nicht Tragfähigkeit
  7. Wann ein Hanfseil als Anschlagmittel zugelassen ist
  8. Ablegereife: woran ein Hanfseil ausgemustert gehört
  9. Gedreht oder geflochten: was der Aufbau ändert
  10. Hanf, Sisal, Manila und Jute im Vergleich
  11. Was im Handel als Hanfseil verkauft wird
  12. Feuchtigkeit, Verrottung und Lebensdauer im Freien
  13. Wofür sich ein Hanfseil nicht eignet
  14. Vom Feld zum Seil: warum die Faser wieder verfügbar ist
  15. 💬 Fragen? Frag den Hanf-Buddy!

Nutzhanf ist mehr als nur CBD

Heutzutage wird der Hanfanbau in immer mehr Ländern wieder verstärkt betrieben. Nutzhanf hat keine der berauschenden Eigenschaften wie THC-haltige Cannabispflanzen und wird für viele nützliche Dinge angebaut. Zwar sind aktuell gesundheitsfördernde Nahrungsergänzungsmittel wie Öle mit Cannabidiol, dem sekundären Wirkstoff der Hanfpflanze, sehr beliebt und für viele Menschen zur ersten Assoziation mit Nutzhanf geworden, aber eigentlich ist die Cannabispflanze ein Rohstofflieferant für sehr viele verschiedene nützliche Dinge wie Hanfgarn, Papier, Stoff und natürlich auch das Hanf Seil.

Vorteile von Hanf in der Seilherstellung

Die Hanfpflanze ist zur Verwendung in der Seilherstellung schwer zu schlagen. Hanf ist eine schnell wachsende Pflanze und eignet sich perfekt für die Herstellung von Seilen. Die Hanfpflanze wächst schnell und produziert bis zu 75 Tonnen Trockenmasse pro Hektar und Jahr. Sie gedeiht auf schlechtem Boden, benötigt keine Düngemittel und Pestizide, um erfolgreich zu sein, und verschlingt atmosphärisches CO₂, was den Treibhauseffekt hemmt. Der Hanf produziert mehr Fasern als Baumwolle oder Flachs. Leider ist es jedoch recht aufwendig und kostenintensiv, die Faser aus der Pflanze zu gewinnen, um daraus Hanfseil, Garn oder Schnur herzustellen.

GanjaFarmerGanjaFarmer

Herstellung von Hanfseilen und Tauwerk

Ein geschlagenes Tau wird hergestellt, indem man Faserstränge unter Spannung zusammendreht. Die einzelnen Fäden werden rechtsherum gedreht und bilden die Garne. Die Garne wiederum werden linksherum verdreht und daraus entstehen die sogenannten Kardeele, das sind Einzelseile, die dann zu schwereren Tauwerken weiterverarbeitet werden. Üblicherweise werden dann drei oder vier dieser Kardeelen als abwechselnd links- und rechtsherum gedrehte Stränge zu einem geschlagenen Tau verarbeitet. Daneben kann man ein aber auch Tau flechten, das dann im Normalfall aus einem Mantel und einem Kern, der im maritimen Bereich auch Seele genannt wird, besteht. Der Mantel besteht aus einem Flechtwerk aus beispielsweise 32 Garnen, die Seele besteht entweder ebenfalls aus einem geflochtenen oder einem geschlagenen Strang. 

Moderne Technik baut auf den bewährten Rohstoff Hanf

Heutzutage gibt es viele Variationen, in denen z. B. Hanfseile hergestellt werden, so etwa das recht moderne Squareline-Tauwerk, das aus acht miteinander verflochtenen Kardeelen besteht. Von diesen acht Kardeelen sind jeweils vier rechts- und vier linksherum gedreht, was dazu führt, dass das Tau nach dem Flechten einen nahezu quadratischen Querschnitt aufweist. Auch wenn sich die Methoden und Techniken der Seilerei angepasst und weiterentwickelt haben, bleibt Hanf dafür bis heute der Rohstoff der Wahl, sowohl was die Gewinnung anbelangt, als auch die Stabilität, Belastbarkeit und Haltbarkeit.

Wie viel ein Hanfseil trägt: Bruchlast nach Durchmesser

Wer ein Hanfseil kauft, stößt auf eine Zahl, die auf jedem Datenblatt steht und selten erklärt wird: die Bruchlast in daN. Ein Dekanewton entspricht in der Praxis ungefähr einem Kilogramm Last. Die Bruchlast ist der Wert, bei dem das Seil im Zugversuch reißt. Sie beschreibt also eine Grenze, keine Arbeitslast. Die folgenden Werte stammen aus den Datenblättern eines deutschen Seilereibetriebs für vierlitzig gedrehtes Naturhanfseil und geben die Größenordnung wieder, die im Handel üblich ist.

DurchmesserBruchlastGewicht je 100 m
8 mm450 daN4,55 kg
10 mm700 daN7,50 kg
14 mm1.375 daN13,80 kg
18 mm2.250 daN21,30 kg
24 mm3.980 daN37,00 kg
Herstellerangaben für vierlitzig gedrehtes Naturhanfseil. Die Werte gelten für neues, trockenes Seil ohne Knoten.

Die Reihe setzt sich nach oben fort. Ein Hanfseil mit 40 Millimetern Durchmesser erreicht rund 9.980 daN, eines mit 50 Millimetern etwa 14.100 daN. Bemerkenswert ist der Verlauf der Kurve. Die Bruchlast wächst deutlich schneller als der Durchmesser, weil der tragende Querschnitt quadratisch zunimmt. Zwischen 8 und 24 Millimetern verdreifacht sich der Durchmesser, die Bruchlast steigt dagegen fast auf das Neunfache. Wer beim Durchmesser einen Schritt nach oben geht, gewinnt daher überproportional viel Reserve.

Zwei Einschränkungen gehören zu diesen Zahlen dazu. Jeder Knoten setzt die Bruchlast herab, weil er die Fasern an der Umlenkung staucht und quetscht. Und die Werte gelten für fabrikneues Seil. Ein Hanfseil, das eine Saison im Garten hing, trägt weniger, ohne dass man ihm das ansieht.

Bruchlast ist nicht Tragfähigkeit

Die wichtigste Unterscheidung beim Hanfseil ist die zwischen Bruchlast und zulässiger Tragfähigkeit. Die Bruchlast ist ein Prüfwert. Die Tragfähigkeit, im technischen Regelwerk als WLL geführt, ist die Last, die im Betrieb tatsächlich am Seil hängen darf. Zwischen beiden liegt ein erheblicher Abstand, und dieser Abstand ist kein Spielraum für Optimisten, sondern die eingerechnete Sicherheit.

Wie groß der Abstand ausfällt, lässt sich an einem Beispiel zeigen. Ein vierlitzig gedrehtes Hanfseil mit 24 Millimetern kommt nach Herstellerangabe auf knapp 4.000 daN Bruchlast. Als Anschlagseil im gewerblichen Einsatz darf ein dreilitziges Hanfseil derselben Nenngröße dagegen nur 500 Kilogramm tragen. Das ist rund ein Achtel. Die beiden Zahlen stammen aus verschiedenen Bezugssystemen, das eine ist ein Herstellerdatenblatt für vierlitziges Seil, das andere eine Tragfähigkeitstabelle für dreilitziges Seil. Sie lassen sich deshalb nicht als exaktes Verhältnis lesen. Die Größenordnung stimmt trotzdem, und sie ist der Punkt.

Wann ein Hanfseil als Anschlagmittel zugelassen ist

Sobald ein Hanfseil im gewerblichen Bereich Lasten heben soll, greift ein eigenes Regelwerk. Maßgeblich ist die DGUV Regel 109-006 „Gebrauch von Anschlag-Faserseilen“, früher als BGR beziehungsweise GUV-R 152 geführt. Die grundlegenden Sicherheitsanforderungen stehen in der DIN EN 1492-4 für textile Anschlagmittel. Hanf ist dort ausdrücklich vorgesehen und trägt das Kurzzeichen „Ha“.

Hanf-Faserseile werden nach der DIN EN 1261 „Faserseile für allgemeine Verwendung; Hanf“ hergestellt. Die Regel beschreibt ihre Eigenschaften knapp und treffend: Sie haben „eine gute Griffigkeit und Handhabung sowie eine geringe Längenänderung bei Belastung“, sie laden sich nicht elektrostatisch auf, und sie sind „verrottungsanfällig bei Feuchtigkeitseinfluss“. Erkennbar sind sie am Kennfaden, der bei Hanf grün ist. Bei Manila ist er schwarz.

Zwei Vorgaben entscheiden in der Praxis. Die erste ist eine Untergrenze beim Durchmesser: „Faserseile unter 16 mm Durchmesser dürfen nicht als Anschlagseile verwendet werden.“ Ein achter oder zehner Hanfseil aus dem Baumarkt scheidet damit aus, unabhängig von seiner Bruchlast. Die zweite betrifft das Material: „Chemiefaserseile aus Polyethylen und Naturfaserseile aus Baumwolle sind nicht zulässig.“ Zugelassen sind neben Hanf die Naturfasern Manila und Sisal sowie Polyamid, Polyester und Polypropylen.

Die zulässigen Lasten stehen in eigenen Tabellen. Für dreilitzige Hanfseile nach DIN EN 1261 in der Anschlagart „ein Seil direkt“ gelten diese Werte.

Seil-NenngrößeEin Seil direktSchnürgang
16 mm250 kg200 kg
18 mm300 kg240 kg
20 mm350 kg280 kg
22 mm430 kg350 kg
24 mm500 kg400 kg
26 mm600 kg480 kg
Tragfähigkeit (WLL) für Anschlagseile aus Hanf nach DGUV Regel 109-006, Tabelle 2, dreilitzig.

Der Schnürgang, bei dem das Seil um die Last gelegt und durch sich selbst geführt wird, kostet also rund ein Fünftel der Tragfähigkeit. Für den privaten Gebrauch am Gartenzaun ist dieses Regelwerk nicht verbindlich. Als Maßstab taugt es trotzdem, weil es zeigt, wie konservativ Fachleute ein Naturfaserseil belasten.

Ablegereife: woran ein Hanfseil ausgemustert gehört

Naturfaserseile versagen selten schlagartig und ohne Vorzeichen. Die DGUV Regel benennt für Naturfaserseile aus Manila und Hanf eine Liste von Mängeln, bei denen das Seil aus dem Verkehr zu ziehen ist. Diese Liste ist auch für den privaten Gebrauch die beste verfügbare Prüfanleitung, weil sie beschreibt, worauf man mit bloßem Auge achten kann.

Ein Seil ist ablegereif, wenn eine Litze gebrochen ist. Ebenso bei mechanischen Beschädigungen, starkem Verschleiß oder Auflockerungen im Gefüge. Ein besonders aussagekräftiges Zeichen nennt die Regel „Herausfallen von Fasermehl beim Aufdrehen des Seiles“. Wer ein Hanfseil aufdreht und feinen Staub herausrieseln sieht, hält ein Seil in der Hand, dessen Fasern innen bereits zerrieben sind. Hinzu kommen Schäden durch feuchte Lagerung oder aggressive Stoffe, Garnbrüche von mehr als zehn Prozent der Gesamtgarnzahl im am stärksten beschädigten Querschnitt sowie gelockerte Spleiße.

Auffällig ist, dass drei der sechs Kriterien nichts mit Belastung zu tun haben, sondern mit Lagerung und Alterung. Genau das ist die Schwäche der Naturfaser. Ein Hanfseil, das nie eine schwere Last gehalten hat, kann durch feuchte Lagerung im Keller unbrauchbar geworden sein.

Gedreht oder geflochten: was der Aufbau ändert

Im Handel stehen zwei Bauweisen nebeneinander, und der Unterschied ist größer, als er aussieht. Das gedrehte Hanfseil folgt dem Prinzip, das im Abschnitt zur Herstellung beschrieben ist: Garne, Kardeele, geschlagenes Tau. Es ist die klassische Form, sie ist dehnungsarm und lässt sich spleißen. Das geflochtene Hanfseil besteht dagegen aus einem Geflecht aus vielen Garnen, oft sechzehnfach geflochten, häufig um einen Kern herum.

Auf die Belastbarkeit wirkt sich das deutlich aus. Ein sechzehnfach geflochtenes Hanfseil mit 12 Millimetern erreicht rund 510 daN. Ein vierlitzig gedrehtes Seil mit nur 10 Millimetern kommt dagegen auf etwa 700 daN. Das dünnere, gedrehte Seil trägt hier also mehr als das dickere, geflochtene. Der Grund liegt in der Fadenführung: Im Geflecht laufen die Garne stärker schräg zur Zugrichtung, und ein Teil der Faserfestigkeit geht in die Struktur statt in die Last.

Dafür ist das geflochtene Seil geschmeidiger, es kringelt nicht und dreht sich unter Last nicht auf. Für Makramee, Griffe und feine Arbeiten ist es deshalb die angenehmere Wahl. Wer Zugkraft braucht, nimmt das gedrehte Seil. Wer Handhabung braucht, nimmt das geflochtene.

Hanf, Sisal, Manila und Jute im Vergleich

Hanf ist nicht die einzige Naturfaser, aus der Seile gedreht werden, und die vier gängigen Fasern stammen aus sehr verschiedenen Pflanzen. Sisal kommt aus den Blattfasern einer Agave. Manila, verwirrenderweise auch Manilahanf genannt, stammt aus den Blattfasern der Abaca-Banane und hat mit der Hanfpflanze botanisch nichts zu tun. Jute und Hanf dagegen sind beides Bastfasern aus dem Stängel, und genau daher rührt ihre Ähnlichkeit im Griff.

FaserHerkunftEinordnung
HanfBastfaser aus dem StängelReißfest, dehnungsarm, griffig auch nass, mäßig wetterfest
ManilaBlattfaser der Abaca-BananeÄhnlich reißfest, im Anschlagmittel-Regelwerk zugelassen
SisalBlattfaser der AgaveAbriebfest, aber steifer und spröder, geringere Bruchfestigkeit
JuteBastfaser aus dem StängelWeich und günstig, staubt stärker, sehr feuchtigkeitsempfindlich
Die vier gängigen Naturfasern im Seilbau. Manila und Sisal sind Blattfasern, Hanf und Jute Bastfasern.

Unter den Naturfasern ist Hanf die reißfeste Referenz. Sisalseile gelten bei gleicher Stärke als merklich schwächer, und sie sind zugleich steifer, was das Knoten erschwert und das Bruchrisiko an der Umlenkung erhöht. Jute ist die weichste und günstigste der vier Fasern, hat aber die kürzeste Lebensdauer im Freien. Wie unterschiedlich sich die Hanffaser gegenüber anderen Naturfasern verhält, zeigt auch der große Vergleich von Hanf und Baumwolle.

Was im Handel als Hanfseil verkauft wird

Wer online nach einem Hanfseil sucht, findet auffällig viele Angebote, die im selben Titel „Juteseil“ und „Hanfseil“ nebeneinanderstellen. Das ist kein Zufall und meist auch keine Fälschung im engeren Sinn, sondern eine eingebürgerte Unschärfe im Handel. Beide Fasern sehen im gedrehten Seil ähnlich aus, beide sind bräunlich, beide riechen nach Naturfaser. Der Preisunterschied ist dagegen erheblich, weil Jute deutlich billiger ist.

Drei Anhaltspunkte helfen beim Einordnen. Erstens die Materialangabe: Steht dort „100 Prozent Naturhanf“ oder „Langhanf“, ist die Aussage eindeutig. Steht dort „Hanf/Jute“ oder gar nichts, ist Jute wahrscheinlich. Zweitens der Staub. Juteseile stauben beim Abrollen spürbar stärker als Hanfseile, was besonders in Innenräumen auffällt. Drittens der Preis je Meter, der bei echtem Naturhanf klar höher liegt.

Für Deko, Makramee und Katzenmöbel ist die Verwechslung folgenlos. Sobald aber Last am Seil hängt, ist sie es nicht mehr, denn Jute erreicht weder die Bruchlast noch die Witterungsbeständigkeit von Hanf. Dass echte Hanffaser in Europa überhaupt wieder verfügbar ist, hat mit dem Wiederaufbau der Verarbeitung zu tun. Warum das mühsam ist, beschreibt unser Beitrag dazu, warum die Infrastruktur für den Hanffaser-Boom fehlt. Wie sich die Faser wirtschaftlich entwickelt, zeigt auch das Comeback der Hanffaser bei europäischen Webereien.

Feuchtigkeit, Verrottung und Lebensdauer im Freien

Die Naturfaser hat gegenüber Kunststoff einen konstruktiven Nachteil, und der heißt Wasser. Hanf nimmt Feuchtigkeit auf, die Faser quillt dabei in der Dicke, und das Seil verkürzt sich in der Länge. Beides ist über Jahrhunderte im Segelschiff genutzt worden, weil sich Knoten und Spleiße im nassen Tauwerk zusätzlich festsetzen. Für moderne Anwendungen ist es meist ein Problem, denn ein Sonnensegel oder eine Abspannung zieht sich bei Regen zusammen.

Praktisch bedeutet das zweierlei. Ein nass gewordenes Hanfseil sollte unter leichtem Zug trocknen, damit es seine Länge wiederfindet. Und es sollte vollständig durchtrocknen, bevor es eingelagert wird. Feuchte Lagerung ist die häufigste Ursache für die Verrottung, und sie geht von innen aus, wo man sie nicht sieht. Die DGUV Regel führt Schäden durch feuchte Lagerung deshalb ausdrücklich als Grund für die Ablegereife.

Im Dauereinsatz im Freien hält ein Hanfseil je nach Standort und Witterung einige Jahre. Ein Juteseil gibt an derselben Stelle deutlich früher auf. Wer ein Naturseil ganzjährig draußen braucht und keine Wartung leisten will, ist mit einem Kunststoffseil in Hanfoptik besser bedient. Das ist eine ehrliche Abwägung und kein Argument gegen die Faser, denn ihre biologische Abbaubarkeit ist die Kehrseite derselben Eigenschaft. Wie weit sich Hanf sonst als Ersatz für erdölbasierte Werkstoffe eignet, ordnet unser Überblick zu Nutzhanf und Industrie ein.

Wofür sich ein Hanfseil nicht eignet

Eine ehrliche Materialkunde nennt auch die Grenzen. Für persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz und für das Sportklettern kommt Hanf heute nicht mehr in Frage. Die einschlägigen Normen für Kletter- und Zugangsseile verlangen Chemiefasern, weil diese eine definierte, reproduzierbare Dehnung und ein kalkulierbares Alterungsverhalten haben. Das historische Bild vom Hanfseil am Fels gehört in die Bergsteigergeschichte, nicht in die heutige Praxis.

Zweitens scheidet Hanf für gewerbliche Hebevorgänge unterhalb von 16 Millimetern Durchmesser aus, wie oben beschrieben. Drittens ist ein Hanfseil an tragenden Punkten im Kinderspielbereich mit Vorsicht zu behandeln, weil die Alterung von innen kommt und eine Sichtprüfung sie nicht zuverlässig erfasst. Für eine Schaukelaufhängung im Freien greifen Hersteller deshalb zu Seilen mit Kunststoffkern oder gleich zu Kunststoffseilen in Hanfoptik.

Wo die Faser dagegen unangefochten stark ist, sind Anwendungen ohne Personensicherung: Deko und Makramee, Griffe und Henkel, Handläufe, Rankhilfen im Garten, Kratzmöbel für Katzen, Abgrenzungen und Absperrungen sowie der gesamte handwerkliche und gestalterische Bereich. Dort spielt Hanf seine Griffigkeit, seine Optik und seine Abbaubarkeit aus. Wie breit die Pflanze insgesamt nutzbar ist, zeigt unsere Übersicht zu den Verwendungsmöglichkeiten von Hanf.

Vom Feld zum Seil: warum die Faser wieder verfügbar ist

Dass Hanfseile heute überhaupt wieder aus europäischer Faser gedreht werden können, ist keine Selbstverständlichkeit. Nutzhanf darf in der Europäischen Union nur aus zugelassenen Sorten mit sehr niedrigem THC-Gehalt angebaut werden, und der Anbau war über Jahrzehnte praktisch zum Erliegen gekommen. Erst mit der Wiederzulassung entstand die Grundlage dafür, dass Bastfasern in nennenswerter Menge anfallen.

Der Weg vom Feld zum Garn ist aufwendig, und das erklärt den Preis. Die langen Bastfasern sitzen im Stängel und müssen vom holzigen Kern getrennt werden. Der Stängel wird dafür zunächst auf dem Feld geröstet, danach gebrochen und geschwungen. Was dabei als holziger Rest übrig bleibt, sind die Schäben, und auch sie werden weiterverwertet. Wie aus dem vermeintlichen Abfall ein eigener Rohstoffstrom geworden ist, beschreibt der Beitrag über Hanfstroh als Rohstoff.

Historisch war diese Kette in Europa dicht ausgebaut, weil Segelschifffahrt und Fischerei enorme Mengen Tauwerk verbrauchten. Wie lang die Linie zurückreicht, zeigt unser Beitrag über die Hanffaser in Europa von der Antike bis zur Moderne. Heute wird derselbe Rohstoff wieder aufgebaut, allerdings mit anderem Ziel: Der größte Teil geht in Textilien, Dämmstoffe und Verbundwerkstoffe, wie unser Beitrag zur Hanffaser in der Textilindustrie zeigt. Das Seil ist heute die kleinste, aber die älteste dieser Anwendungen.

Häufige Fragen zu Hanfseilen

Wie reißfest ist ein Hanfseil?

Hanf zählt zu den reißfestesten Naturfasern überhaupt: Ein gut gedrehtes Hanfseil erreicht eine Bruchlast, die viele synthetische Seile gleichen Durchmessers übertrifft, und behält seine Stabilität auch unter Dauerlast. Verantwortlich dafür sind die langen, festen Bastfasern aus dem Stängel der Pflanze – mehr dazu in unserem Beitrag über die heimische Faserpflanze Hanf.

Ist ein Hanfseil wasserfest?

Hanf nimmt Feuchtigkeit auf und quillt dabei leicht – ein Effekt, den die Seefahrt früher gezielt nutzte, weil sich Knoten und Spleiße im nassen Tauwerk zusätzlich festsetzten. Vollständig wasserfest ist Hanf jedoch nicht: Damit ein Hanfseil nicht stockt oder fault, sollte es nach dem Kontakt mit Nässe immer gut durchtrocknen.

Wie pflege ich ein Hanfseil richtig?

Lagere Hanfseile trocken, luftig und vor direkter Sonne geschützt, damit die Fasern nicht spröde werden. Nach Feuchtigkeit gut trocknen lassen, grobe Verschmutzungen ausbürsten und das Seil locker aufschießen statt eng zu knicken – so bleibt ein Naturseil über viele Jahre belastbar.

Hanfseil oder Kunststoffseil – was ist nachhaltiger?

Hanfseile sind biologisch abbaubar, nachwachsend und kommen ohne Erdöl aus, während Kunststoffseile aus fossilen Rohstoffen bestehen und beim Verschleiß Mikroplastik freisetzen. Wie vielseitig der nachwachsende Rohstoff Hanf eine nachhaltigere Materialwirtschaft ermöglicht, zeigt unser Überblick Hanf als Lösung für eine nachhaltige Zukunft sowie unser Beitrag über Hanffaser als nachhaltigste Faser der Welt.

Wofür wird Hanffaser außer für Seile noch genutzt?

Aus der Hanffaser entstehen Textilien, Dämmstoffe, Papier und sogar Verbundwerkstoffe. Selbst die holzigen Schäben aus dem Stängelinneren werden weiterverwertet – etwa als Einstreu, Baustoff und Dämmmaterial. Zunehmend ersetzt Hanf auch erdölbasierte Kunststoffe, wie unser Beitrag über Hanf als Kunststoffersatz in Verpackungen zeigt. Wie weit sich der Baustoff denken lässt, zeigt das Tiny Hemp House – ein kleines Eigenheim aus Hanf.

Wofür eignet sich dickes Hanfseil beim Basteln und Dekorieren?

Dickes Hanfseil ist ein beliebtes Bastelmaterial: Aus dem naturbelassenen Tau entstehen Makramee-Wandbehänge, rustikale Deko, Griffe und Henkel, kratzfeste Katzenmöbel oder stabile Rankhilfen im Garten. Weil die Naturfaser gut färbbar und formstabil ist, hält sie Knoten und Wicklungen zuverlässig – ideal für langlebige DIY-Projekte im Landhaus- und Boho-Stil. Wie weit sich die Hanffaser handwerklich verarbeiten lässt, zeigt das Porträt der Werkstatt zur findigen Libelle und ihrer textilen Handwerkskunst aus Hanf.

Welcher Teil der Hanfpflanze wird zum Seil verarbeitet?

Zum Seil verarbeitet werden die langen Bastfasern aus dem Stängel des Nutzhanfs – nicht Blüte, Blatt oder Samen. Hanf liefert dabei mehr Fasern als Baumwolle oder Flachs, allerdings ist es aufwendig und kostenintensiv, die Faser aus der Pflanze zu gewinnen. Aus den gewonnenen Fasern werden zuerst rechtsherum gedrehte Garne, daraus linksherum verdrehte Kardeele und aus drei oder vier Kardeelen schließlich das geschlagene Tau. Wie dieser Weg vom Rohstoff bis zum fertigen Strang verläuft, zeigt unser Beitrag Von der Faser zum Seil.

Welche Bruchlast hat ein Hanfseil mit 10 mm Durchmesser?

Ein vierlitzig gedrehtes Naturhanfseil mit 10 Millimetern erreicht nach Herstellerangaben rund 700 daN, was ungefähr 700 Kilogramm entspricht. Ein 8-Millimeter-Seil liegt bei etwa 450 daN, ein 14-Millimeter-Seil bei rund 1.375 daN. Diese Werte gelten für neues, trockenes und knotenfreies Seil. Jeder Knoten senkt die Bruchlast, und gealtertes Seil trägt weniger.

Darf man ein Hanfseil zum Heben von Lasten benutzen?

Im gewerblichen Bereich nur unter klaren Bedingungen. Die DGUV Regel 109-006 lässt Hanf als Anschlagmittel zu, verlangt aber mindestens 16 Millimeter Durchmesser und Herstellung nach DIN EN 1261. Die zulässige Tragfähigkeit liegt weit unter der Bruchlast: Ein dreilitziges Hanfseil mit 16 Millimetern darf direkt angeschlagen 250 Kilogramm tragen, eines mit 24 Millimetern 500 Kilogramm. Baumwollseile sind als Anschlagmittel gar nicht zulässig.

Ist ein gedrehtes oder ein geflochtenes Hanfseil besser?

Das hängt vom Zweck ab. Das gedrehte Seil trägt bei gleichem Durchmesser mehr, weil die Garne näher an der Zugrichtung liegen. Ein sechzehnfach geflochtenes Seil mit 12 Millimetern kommt auf rund 510 daN, ein gedrehtes mit nur 10 Millimetern dagegen auf etwa 700 daN. Das geflochtene Seil ist dafür geschmeidiger und dreht sich unter Last nicht auf, was es für Makramee, Griffe und feine Arbeiten angenehmer macht.

Woran erkenne ich, ob ein Seil wirklich aus Hanf besteht?

Viele Angebote führen „Juteseil“ und „Hanfseil“ im selben Titel, weil sich beide Bastfasern im gedrehten Seil ähnlich sehen. Achte zuerst auf die Materialangabe: „100 Prozent Naturhanf“ oder „Langhanf“ ist eindeutig, eine fehlende oder gemischte Angabe spricht für Jute. Juteseile stauben beim Abrollen außerdem spürbar stärker, und echter Naturhanf liegt im Preis je Meter deutlich höher. Bei Anschlagseilen gibt zusätzlich der Kennfaden Auskunft, der bei Hanf grün ist.

Eignet sich ein Hanfseil als Kletterseil?

Nein, für die Personensicherung ist Hanf heute nicht mehr geeignet. Die Normen für Kletter- und Zugangsseile verlangen Chemiefasern, weil diese eine definierte Dehnung und ein kalkulierbares Alterungsverhalten aufweisen. Bei der Naturfaser beginnt die Alterung im Inneren des Seils, und eine Sichtprüfung erfasst sie nicht zuverlässig. Für Klettertaue in der Halle und für dekorative Anwendungen ohne Absturzrisiko bleibt Hanf dagegen ein bewährtes Material.

Wann ist ein Hanfseil ablegereif?

Die DGUV Regel 109-006 nennt sechs Mängel: den Bruch einer Litze, mechanische Beschädigungen oder starken Verschleiß, das Herausfallen von Fasermehl beim Aufdrehen des Seiles, Schäden durch feuchte Lagerung oder aggressive Stoffe, Garnbrüche von mehr als zehn Prozent der Gesamtgarnzahl im am stärksten beschädigten Querschnitt sowie gelockerte Spleiße. Drei davon entstehen ohne jede Belastung, allein durch falsche Lagerung.

Wie lange hält ein Hanfseil im Freien?

Im Dauereinsatz draußen hält ein Hanfseil je nach Standort und Witterung einige Jahre, deutlich länger als ein Juteseil, aber kürzer als ein Kunststoffseil. Entscheidend ist die Trocknung: Nach Nässe sollte das Seil unter leichtem Zug durchtrocknen, weil es sich beim Aufquellen der Faser in der Länge zusammenzieht. Feuchte Lagerung ist die häufigste Ursache für die Verrottung, und sie beginnt im Inneren des Seils.

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