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Genialität durch Einfachheit

Fotos: © Maren Krings

Weltweit werden konventionelle Baupraktiken immer unhaltbarer. Wir werden nicht nur mit der Notwendigkeit konfrontiert, Häuser für die wachsende Bevölkerung zu bauen, sondern üben auch immer mehr Druck auf unsere Ökosysteme aus, da wir unsere natürlichen Ressourcen mit einer unaufhaltsamen Geschwindigkeit ausbeuten.


So schrieb der bekannte Wiener Architekt Dietmar Steiner, Mitbegründer des Wiener Architekturzentrums, kürzlich in der Wiener Zeitung: „Wir bauen den größten Sondermüll der Baugeschichte“. Obwohl er sich sein Leben lang mit Architektur beschäftigt, spricht sich Dietmar Steiner gegen das Bauen aus – zumindest in seiner derzeitigen umweltschädigenden Form.

Fotos: © Maren Krings

Es ist ein großer Widerspruch. In der Achse Schweiz-Südtirol bilden sich 360 Grad Kreisläufe, womit die Hanfpflanze als Ganzes veredelt wird, von Lebensmitteln, CBD über Textilien bis hin zu Hanfsteinen. Für den Landwirt hat dies den Vorteil, dass er die ganze Pflanze vom Feld wegbekommt und dadurch auch mehr Geld verdient. Für die Firmen ist es ein Vorteil eine komplette Produktpalette anbieten zu können. Auch auf Messen und Veranstaltungen kann man die Begeisterung spüren. Tatsächlich werden heutzutage in der Baubranche Materialien verbaut, die auf Erdöl, Plastik und Chemie basieren und weder getrennt noch wiederverwertet werden können und respektive als Sondermüll entsorgt werden müssen.

Hanf in Kombination mit Naturkalk bietet hier eine klare Lösung sowohl in bauphysikalischer als auch ökologischer Sicht. Die Hanfschäben werden mit besonderen Naturkalken und Mineralien in einer Ziegelmaschine in Formen gepresst und luftgetrocknet. Heraus kommen Hanfsteine in diversen Stärken, die nach einem Monat Trocknungszeit verbaut werden können. Die Produktion benötigt zwar eine große Maschine, ist wegen der natürlichen Lufttrocknung aber äußerst schonend für die Umwelt.

Die bauphysikalischen Eigenschaften sind beeindruckend: Hanfsteine erlauben es uns Häuser zu bauen, ohne zusätzliche Dämmung, mit einer Mauerdicke von 40 cm erreicht man einen U-Wert von 0,18, was dem höchsten Klimahaus-Standard entspricht, mit 45 cm erreicht man Passivhaus-Standard.

Heutzutage ist es üblich bei Neubauten mit vielen Schichten zu arbeiten, verschiedenen Materialien mit verschiedenen Dehnungen. Daraus ergeben sich über kurz oder lang Schwachpunkte mit Kondenzwasserbildung, Schimmel und Bakterien. Die durchschnittliche Nutzungsdauer eines Hauses in Europa beträgt ca. 30-40 Jahre, danach ist es Sondermüll. Der Grund wieso Häuser gedämmt werden ist außer dem Komfort hauptsächlich die Schonung der Umwelt durch Energie-Ersparnis, was ja durchaus Sinn macht. Tatsächlich ist dies eine große Lüge – weil in Produktion und Entsorgung ein Vielfaches an Energie verschwendet wird, als in der kurzen Nutzungsdauer eingespart werden kann.

Hanfsteine haben hervorragende Werte in Wärmedämmung, Wärmespeicher und Wärmereflexion. Dadurch bringen sie behagliche Wärme im Winter und Kühle im Sommer. Sie dämmen Schall und regulieren die Raumakustik. In der Wirkung auf die Raumluft ähneln Hanfsteine dem Lehm. Sie nehmen die Luftfeuchtigkeit auf, durch den hohen pH-Wert des Kalks wird die Luft gereinigt und desinfiziert, und wird wieder an den Raum abgegeben. Daraus resultiert reine Raumluft mit regulierter Luftfeuchtigkeit, bei der man sich behaglicher fühlt. Im Gegensatz zu den meisten konventionellen Dämmmaterialien brauchen Hanfsteine keine synthetischen Brand-Hemmer. Da der Kalk in die Hanfschäben eindringt und mineralisiert brennen Hanfsteine nicht (Brandschutzklasse B-s1,d0).

Hanfsteine sind Insekten- und Ungeziefer resistent, sehr leicht im Gewicht und diffusionsoffen.

Die Bestandteile des Materials klingen zwar einfach, „Hanf + Kalk“, sind aber dennoch komplex. Nur hochwertige Naturkalke mit besonderer Zusammensetzung und in Kombination mit natürlichen Additiven ergeben ein hochqualitatives Produkt. Weltweit gibt es viele verschiedene Mischungen; wenige funktionieren in dem Sinne gut, dass in normaler Bauzeit gebaut werden kann. Dies ist heutzutage fundamental, weil Zeit an Geld gekoppelt ist. So kann man auch mit normalem gelöschtem Kalk Hanfbeton herstellen, braucht aber eine größere Menge an Kalk und zudem sehr lange Trocknungszeiten. Zum Teil benötigt man bis zu 1,5 Jahre, bis man den Verputz aufbringen kann. 

Fotos: © Maren Krings

Der Unterschied von Hanfbeton und Hanfsteinen ist – sofern die Mischung gut ist – nur der zeitliche Faktor: Der Hanfstein wurde vorfabriziert und ist trocken während der Hanfbeton erst trocknen muss. Bei gleicher Mischung ist das Endergebnis aber dasselbe. Nicht zu unterschätzen ist beim Hanfbeton der Arbeitsaufwand. Das Material muss im Zwangsmischer gemischt, die Wände müssen eingeschalt, gefüllt und gestampft werden, wodurch nur eine geringe Mauerhöhen pro Tag realisiert werden kann. Den Erfahrungen nach ist dies machbar, wenn der Bauherr ohne externe Baufirma arbeitet und Zeit hat. Sobald die Arbeit eine Firma machen muss, sprengt es die Baukosten. In einigen Fällen jedoch, zum Beispiel bei einer sehr schiefen, alten Steinmauer oder bei der Ausfachung von alten Fachwerkhäusern ist Hanfbeton die ideale Lösung, auch weil es da wenig gute Alternativen gibt.

Entwickelt, zertifiziert und marktreif gemacht wurde auch ein Putzsystem aus Hanf und Kalk in einer Kooperation der Firmen Schönthaler, Ecopassion und Röfix. Dieser Verputz ist in der Wirkung dem Lehm sehr ähnlich. Verwendet wird hochwertiger natürlicher Kalk in Kombination mit feinen Hanfschäben. Das Ergebnis ist ein ästhetisch und funktional hochwertiges Produkt. Hanf-Kalk-Putze werden aufgrund des Kalkes härter als Lehm und unempfindlicher gegenüber Wasser. Die Applikation ist sehr einfach. Der Grundputz kann manuell oder mit handelsüblichen Verputzmaschinen aufgespritzt werden, was die Arbeitskosten senkt.

Weil sowohl im Mörtel, Putz und Hanfstein immer nur dieselben zwei Materialien vorkommen, ist das Gebäude unempfindlich gegenüber äußeren Einflüssen und langlebig. Schon die Römer verwendeten sehr ähnliche Kalke. Ein weiterer großer Pluspunkt ist die Wiederverwertbarkeit. Hanfsteine können nicht nur kompostiert werden, sie können komplett als Baumaterial wiederverwendet werden (cradle to cradle).

Ein weiterer großer Vorteil von diesen zwei Materialien ist die Diffusionsoffenheit, die außer der wohltuenden Wirkung auch die Langlebigkeit garantiert, besonders bei Renovierungen. Wenn man altes Mauerwerk oder Holzwände nachträglich dämmt, muss bei den meisten Dämmmaterialien eine Dampfbremse oder Zementsperre eingebaut werden, damit der Taupunkt nicht die Kondenz in die Dämmung eindringen lässt. Diese absolute Luftdichtigkeit mindert die Langlebigkeit des alten Mauerwerks massiv, weil Steinmauerwerk und Holzwände Diffusionsoffenheit brauchen. Da Hanfsteine das entstehende Kondenzwasser aufsaugen und an den Raum abgeben und dabei trotzdem die Dämmwirkung nicht verlieren, sind keine Dampfsperren notwendig.

In der Ökobilanz eines Bauproduktes werden alle Einflüsse von der Produktion bis hin zur Entsorgung akribisch berechnet. Bei den Hanfsteinen kam das Resultat einer negativen CO² Bilanz heraus (minus 90 Prozent). Man spart mit dem Bau eines Hanfhaues also einige Tonnen an CO² ein.

In Europa wird immer mehr Nutzhanf angebaut, Schäben und Fasern aber meistens nicht verwendet. Dies macht sowohl ökologisch, agrartechnisch, philosophisch als auch ökonomisch wenig Sinn, da erst durch die vollständige Nutzung der Pflanze ihre Vielfalt erkennbar wird.

Nearly zero energy building

Die EU will mit den nearly zero energy building ab 2020 bei jedem Bau die Produktion und Entsorgung der Materialien mit einberechnen. In den skandinavischen Ländern ist dies heute schon so. Mit Hanf-Kalk werden wir dem heute schon gerecht und fördern damit eine enkeltaugliche Zukunft. Deshalb hat 2017 ein Hanf-Hochhaus den Klima-Haus Award gewonnen und 2016 den Green Building Award. Bauen mit Hanf-Kalk ist keineswegs neu. Es ist zwar immer noch eine Nische, im südlichen Raum aber eine große und noch wachsende Nische mit großem Potenzial für eine Zukunft mit Zukunft.

Quelle: Wiener Zeitung

© Fotos: Maren Krings

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