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Unsere kiffenden Vorfahren: Schamanen und Prinzessinnen?

Die Geschichte unserer prähistorischen Vorfahren zu entschlüsseln, ist nie einfach. In den Epochen vor der Schriftlichkeit sind es nur Überreste und Zufallsfunde, die einen Blick in die Vorzeit erlauben. Während Stein und Keramik große Chancen haben, im Boden einige Jahrtausende zu überdauern, zersetzen sich organische Materialien wie Pflanzenfasern sehr schnell. Eiszeit, geologische Umwälzungen und Zersetzungsprozesse machen es uns schwer, nachzuweisen, ab wann Hanf breite Verwendung fand. 


Einen Cannabiskonsum mit berauschendem oder medizinischem Hintergrund nach zu weisen, ist noch schwieriger. Getrocknete Blüten verrotten zu schnell, wenn sie denn überhaupt dem Verwesungsprozess ausgesetzt und nicht vorher konsumiert werden. 

Daher ist jeder vorchristliche Cannabisfund eine kleine Sensation, und wenn man genug Funde hat, die in dieselbe Region und Epoche datieren, lässt sich sogar ein Bild vom frühgeschichtlichen Kiffer skizzieren. 

Ein Leichentuch aus Hanfplanzen 

Das Archäologenteam um Hong-En Jiang staunte nicht schlecht, als sie 2016 bei ihrer Ausgrabung bei der Turpan-Oase ein Grab mit 13 Cannabispflanzen fanden, die diagonal über der Brust des Toten lagen. Der Körper lag auf einem Bett aus Holz, sein Kopf ruhte auf einem roten Kissen. Der Mann verstarb ungefähr 500 vor Christus. Aus dieser Epoche gibt es Cannabisfunde. Allerdings stößt man auf getrocknete Blüten, oder aber der Hanf wurde als Quelle für Pflanzenfasern verwendet. Ganze Pflanzen, die diagonal – fast wie ein Leichentuch – über den Körper des Verstorbenen gelegt wurden, stellen einen besonderen Fund dar, für den es keine Referenz gibt. 

Andere Cannabisfunde aus der Epoche bestehen nur aus Blüten, oder belegen den Einsatz von Hanf als Nutzpflanze. 

Beim Turpan-Grab wurden die reifen Blüten abgeschnitten. Einzelne Zweige tragen noch unreife Blüten. Da sich die Hanfstängel der Körperform des Toten angepasst haben, muss man davon ausgehen, dass frisch geerntete Pflanzen zum Einsatz kamen. Dies wiederum legt folgende Schlüsse nahe: 

  • Die Beerdigung fand im Spätsommer statt. 
  • Bei dem Hanf handelt es sich um ein Produkt aus der Region.
  • Den reifen Blüten kam eine besondere Bedeutung zu.

Die Pflanze als Ganzes muss für den Toten, vielleicht auch für sein Umfeld, eine wichtige Bedeutung gehabt haben. 

Ebenfalls relevant ist der Fundort an sich. Die Turpan-Oase war ein wichtiger Zwischenstopp auf der Seidenstraße. 

Seidenstraße: Das frühgeschichtliche Amsterdam

Die Seidenstraße ist ein Netz von Handelsrouten, das sich von Ostasien bis hin zum Mittelmeerraum erstreckt. Gehandelt wurde nicht nur mit Seide, sondern auch mit Wolle und Edelmetallen. Gleichzeitig kam es immer wieder zu kulturellem Austausch, Ideen diffundierten von Asien nach Europa. Das Wissen um die Destillation und die Produktion von Schwarzpulver kam auf diesem Wege nach Westen. 

Hinweise auf Cannabishandel gibt es bislang praktisch gar nicht. Grund dafür könnte sein, dass das Kraut wie beim Grab von Turpan lokal angebaut wurde und damit kein überregionales Handelsgut war. Aber auch wenn damit nicht gehandelt wurde, konsumiert wurde es auf alle Fälle. 

Der Yanghai-Schamane

Zu den populärsten Cannabisfunden an der Seidenstraße zählt  das Grab des sogenannten Yanghai-Shamanen. 

Der Tote wird – wie auch das Grab an der Turpan-Oase – der Subeixi-Kultur zugeschrieben, von der frühe Cannabisnutzung bekannt ist. Allerdings deuten die ersten Spuren nicht auf einen Gebrauch der psychoaktiven Substanzen hin, sondern legen einen Gebrauch als Nutzpflanze nahe. Keramik aus der Subexi-Kultur ist häufig mit Hanfkordeln verziert. Das impliziert, dass Hanf so breite Verwendung fand, dass man Material für Dekorationszwecke übrig hatte. Damit präsentiert sich die Subeixi-Kultur als fortschrittlich, denn nur sozial durchstrukturierte, wohlhabende Kulturen haben so viel Materialüberschuss, den sie für gestalterische Zwecke verwenden. 

Während angesichts hanfverzierter Tontöpfe und Hanftextilien noch nicht von Cannabiskonsum gesprochen werden kann, drängt sich diese Theorie angesichts der Fundlage im Grab des Yanghai-Shaman richtiggehend auf. 

Neben dem Toten befand sich ein Gefäß mit Cannabisblüten. Die Blüten waren allesamt weiblich und zeichneten sich durch einen hohen THC-Wert aus. 

Daneben fanden die Archäologen Pfeil und Bogen, eine Harfe, diverse Töpfe und persönliche Gegenstände wie Schminkutensilien. All das zusammen führt zu der Annahme, dass es sich bei dem Toten um eine spirituelle Figur gehandelt hat. Ob der Cannabiskonsum religiösen oder medizinischen Zwecken oder doch eher dem persönlichen Vergnügen diente, lässt sich nicht rekonstruieren. 

Die Prinzessin von Ukok

Aber auch außerhalb der gängigen Seidenstraße fand die Pflanze Anklang. Hoch im sibirischen Norden fanden Archäologen das Grab einer Frau, die als Prinzessin von Ukok in die Geschichtsbücher eingegangen ist. 

Das Ukok-Plateau ist Teil der eurasischen Steppe. Die Region ist kalt und trocken, und war lange von Nomadenvölkern besiedelt. Zu einem solchen Nomadenstamm gehörte auch die Prinzessin von Ukok. Sie wird der Pazyryk-Kultur zugeordnet, die wiederum eng mit der skythischen Kultur verwandt scheint. Bezüglich der Skythen ist durch den Griechen Herodots belegt, dass sie Cannabis zu Rausch- und Vergnügungszwecken konsumierten. Für die Pazyryk-Kultur ist keine solche Beobachtung überliefert. Dennoch liefert der Fund von Ukok wie alle Eismumien einen tiefen Einblick in die zeitgenössische Kultur, denn die kalt-trockenen Bedingungen führten dazu, dass Körper und Grabbeigaben optimal konserviert wurden. 

Sogar die Tattoos der Prinzessin sind noch deutlich erkennbar. Der Frau, die auch als „Sibirian Ice Maiden“ bekannt ist, wurde in einem Hügelgrab zur Ruhe gebettet. Ihren Spitznamen „Prinzessin“ verdankt sie den reichen und wertvollen Grabbeigaben. So wurde die Frau mit Beistelltischchen und sechs Pferden fürs Jenseits ausgerüstet. Pferde waren – gerade in einer nomadischen Gesellschaft – ein wertvoller Besitz und deuten auf eine sehr hohe Position hin. Auf dem Beistelltisch fand man eine Schale mit Cannabisblüten.Untersuchungen ergaben, dass die Frau an Brustkrebs erkrankt war, und höchst wahrscheinlich im Alter von 25 Jahren daran gestorben ist. Damit ist ein medizinischer Einsatz des Cannabis sehr nahe liegend, man nimmt an, dass sie es zur Linderung von Schmerzen eingesetzt hat. 

Schlussfolgerungen

Diese drei Funde zeichnen bezüglich vorchristlicher Cannabisnutzung ein klares Bild. Cannabis war als Konsumgut bekannt. Es wurde für medizinische Zwecke und höchst wahrscheinlich auch in einem kultischen Kontext eingesetzt. 

Cannabis als Handelsgut ist nicht belegt, was nicht zuletzt daran liegt, dass Hanf praktisch auf der ganzen Welt wächst. Da aber alle drei Gräber Zugang zur Seidenstraße hatten, scheint es naheliegend, dass sich auf diesem Weg eine cannabisaffine Kultur etablierte. Interessant ist, dass alle drei Gräber höher gestellten Personen zugeordnet werden. Damit öffnet sich das Feld für weitere Fragen. 

Wie chinesische Quellen belegen, war Hanf als Medizin und Rauschmittel bekannt. Zusammen mit dem Fakt, dass die Pflanze fast überall wächst, kann ausgeschlossen werden, dass der Konsum nur höher gestellten Personen erlaubt war. Allerdings könnte es kulturelle Gründe dafür geben, dass man das Kraut nur höhergestellten Personen ins Grab gab. Naheliegend ist auch eine kultische Interpretation. In prähistorischen Kulturen lagen Medizin und Magie nahe beieinander. Vielleicht hatten alle drei Personen eine kultische Funktion in ihrer Gesellschaft, und es oblag ihnen, dass Cannabis zu verwalten oder zu verabreichen, womit Cannabis als Grabbeigabe einen ähnlichen Stellenwert hat wie persönliche Arbeitsgeräte in Gräbern. Ebenfalls naheliegend ist die Idee, dass die kultische Funktion in der Gesellschaft mit einem vermehrten Konsum einherging. 

So oder so, frühe Cannabisfunde sind ein interessantes Thema, weil sie Einblick in die Kultur, die soziale Struktur und die Gedankenwelt unserer Vorfahren liefern. 

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