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Ein Plädoyer für eine Heilpflanze

Ich bin seit einem Unfall querschnittgelähmt und seit neun Jahren chronische Schmerzpatientin. Mit der Situation im Rollstuhl habe ich mich gut zurechtgefunden, die Schmerzen machen mir das Leben aber zur Hölle. Ein gesunder Mensch kann sich nicht in seinen schlimmsten Träumen vorstellen, was es heißt, täglich Schmerzen auszuhalten. Ich weiß aber, es gibt unzählige Menschen wie mich. Wir zwingen uns immer wieder aufzustehen und jeden Tag zu überstehen. Die klassische Schulmedizin überfordern wir. Oft haben die Ärzte schon alle gängigen Medikamente am Patienten ausprobiert, aber die Nebenwirkungen machen alles nur noch schlimmer. Dann sind sie mit ihrem Latein am Ende und schicken den Patienten weiter meistens zum Psychologen. Dort werden die nächsten Medikamente ausprobiert. Spätestens dann verliert der Patient das Vertrauen, sodass er die Ärzte meidet. So war es bei mir. Ein Teufelskreis!


Die Schmerzen und die Verzweiflung bleiben. In meinem Fall habe ich gute Nachrichten. Ich habe einen Weg gefunden. Mir geht es viel besser. Zum einen habe ich gelernt, mit den Schmerzen umzugehen, und ich habe mir Techniken beigebracht, um sie meditativ zu beeinflussen. Ich habe aber auch eine Pflanze gefunden, die mir als Schmerzmittel dient und geholfen hat, die starken Medikamente abzusetzen. Die ganze Erfolgsgeschichte hat nur einen Haken. Die Pflanze, die meine Schmerzen lindert, heißt Cannabis und ist in der Schweiz verboten. Mir hilft medizinisches Cannabis in hohen Dosen. Es lindert die neuropathischen Schmerzen und löst die spastischen Krämpfe, ohne dass ich Nebenwirkungen spüre. Im Internet findet man Unmengen an Informationen über die Verwendung von Cannabis als Schmerzmittel, aber wenn man es in der Schweiz legal als Medikament einnehmen will, ist das immer noch praktisch unmöglich. Ich habe zwar eine Sonderbewilligung, aber die Cannabistropfen aus der Apotheke sind unverhältnismäßig teuer und für meine Beschwerden viel zu schwach. In Kanada und den USA ändert sich die Situation rasant. Den Patienten werden vielfältige Einnahmeformen angeboten. In Europa ist der Zugang zu sinnvollen medizinischen Cannabisprodukten kläglich. Seit März 2017 können Ärzte in Deutschland laut Gesetz medizinisches Cannabis verschreiben. Die Versorgung und die ärztliche Betreuung ist aber ungenügend. Zudem werden die Kosten von den Krankenkassen meist nicht übernommen. Das ist als Cannabis-Patientin unglaublich frustrierend! So viel über medizinisches Cannabis zu wissen und es nicht einsetzen zu können, lässt mich manchmal fast verzweifeln. Ich bin inzwischen eine Schmerzexpertin und möchte diese Erfahrungen weitergeben. Ich habe jahrelang an mir selber herumexperimentiert. Es könnten so viele davon profitieren. Es sind heute keine schlüssigen Argumente mehr gegen Cannabis vorzubringen. Mit dem Gegner darüber zu diskutieren, ist fast unmöglich, da sie jahrzehntelange Lüge der Prohibition wiederholen, die inzwischen klar von Studien widerlegt werden. Auch der Austausch mit den Ärzten ist schwierig. Als gut informierte Cannabis-Patientin finde ich nur noch schwer einen Nenner, um mit ihnen zu kommunizieren. Es ist den Ärzten nur bedingt ein Vorwurf zu machen, da sie in ihrem Studium nichts über medizinisches Cannabis und das Endocannabinoid-System lernen. Im Zeitalter des Internets sollten sie aber über den Tellerrand blicken und den Patienten zuhören. Wer mit chronischen Schmerzpatienten arbeitet und sich noch nie mit Cannabis auseinandergesetzt hat, ist kein guter Arzt. Schmerzpatienten permanent abhängigmachende Medikamente zu verabreichen, ohne Suche nach längerfristig milderen Therapieformen und mentalen Strategien, um den Schmerz zu bewältigen, hat meiner Meinung nach nicht viel mit Medizin zu tun. Aber genau das wurde bei mir gemacht. Ich wurde abhängig, magerte ab und habe nach jeder Mahlzeit erbrochen. Meine Lebensqualität war gleich null. Da sollte doch jeder Arzt eingreifen und nach einer anderen Lösung suchen. Die Medikamente haben meinen durch den Unfall bereits stark verletzten Körper noch mehr kaputt gemacht. Den Weg der Cannabis-Patientin einzuschlagen braucht sehr viel Mut, Kraft und Ausdauer. Viele kranke Menschen haben diese Energie nicht. Es ist ein unglaublich belastendes Gefühl, sich illegal versorgen zu müssen. Und es braucht Geld, da man sein Medikament selber finanzieren muss. Es ist eine unmenschliche Situation. Da ich offen meine Geschichte erzähle, habe ich viele Cannabis-Patienten kennengelernt. Jede dieser Geschichten hat das Recht erzählt zu werden. Viele von ihnen haben ein immenses Wissen und es ist wirklich schade, dass dieses nicht genutzt wird. Sollten Ärzte und Patienten nicht anfangen als Teams zusammen zu arbeiten? Ich habe viele mutige Menschen kennengelernt, die für ihre Überzeugung einstehen und Patienten beraten. Wir sind bereit unser Wissen weiterzugeben, dazu müssten die Ärzte aber zuhören. Den Cannabis-Patienten sollten eigentlich von der Gesellschaft auf die Schulter geklopft werden, weil sie für ihre Gesundheit einstehen und sich selber helfen. Ich habe meine Gesundheitskosten drastisch gesenkt. Ich nehme nur noch ein Medikament ein, ich lasse mir keine Schmerzpumpe implantieren und ich war schon lange nicht mehr mit einer Lungenentzündung im Spital, da ich auf meine Ernährung achte und mein Immunsystem akribisch wieder aufgebaut habe. Das hat eine Menge Geld gespart, dass im Endeffekt jedem Beitragszahler unseres Gesundheitssystems zugutekommt. Jedes Jahr werden in der Schweiz die Krankenkassenbeiträge erhöht und die Gesundheitskosten explodieren. Vielleicht ist es ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber es wäre doch einen Versuch wert. Gerade alte Menschen die zum Teil starke Medikamenten-Cocktails einnehmen, könnten diese dank Cannabis reduzieren und ihre Lebensqualität verbessern. Davon bin ich überzeugt. Bei mir hat es ja auch funktioniert.

Cannabis-Patientin zu sein setzt aber voraus, dass man bereit ist die Verantwortung für sich und seine Gesundheit zu übernehmen. Es ist nicht einfach, die richtige Cannabis-Sorte, Einnahmeform und Dosierung zu finden. Man braucht Geduld und muss seinen Körper beobachten. Zudem müsste man eng mit dem Arzt zusammenarbeiten, um eine optimale Therapie zu gewährleisten. Diese Voraussetzung ist noch nicht gegeben. Im Moment ist man alleine gelassen und muss sich selber informieren. Aber Cannabis-Patienten sind inzwischen in allen Ländern auf der Welt gerne dazu bereit, ihre Erfahrungen zu teilen.

Cannabis ist kein Wunderheilmittel und kann wie jedes Medikament Nebenwirkungen haben. Meine Schmerzen sind nicht verschwunden. Sie sind aber gedämpft und dadurch besser auszuhalten. Medizinisches Cannabis hat sich in meiner persönlichen Studie als klarer Testsieger der Schmerzmittel durchgesetzt. Und ich denke, ich bin repräsentativ, da ich so ziemlich alles gegen neuropathische Schmerzen und spastische Krämpfe ausprobiert habe. Wenn du es auch versuchen willst, frag deinen Arzt. Vielleicht interessiert es ihn nicht, dann gehe ihm auf die Nerven. Frage ihn jedes Mal danach und fordere ihn auf sich zu informieren. Irgendwann können die Ärzte die Nachfrage nicht mehr ignorieren. 

Ich werde jedenfalls nicht aufhören meine Geschichte zu erzählen und für mein Recht, medizinisches Cannabis einzusetzen, als Präsidentin des Medical Cannabis Verein Schweiz kämpfen. Und ich bin mir sicher, eines Tages werde ich und die anderen Cannabis-Patienten den Respekt erhalten, der uns zusteht. Ich bin stolz darauf Cannabis-Patientin zu sein!

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