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Medizinisches Cannabis aus europäischer Perspektive – Vorbild Kanada?

Auf dem amerikanischen Kontinent bereits fast schon alltäglich, wird Cannabis nun auch in Europa zunehmend akzeptiert und offener hinsichtlich seiner Chancen und Risiken diskutiert. In erster Linie in seiner Eigenschaft als Heilpflanze und Lieferant Cannabinoid-basierter Medizin, die bei einer schnell wachsenden Zahl von Patienten für verschiedene Krankheitsbilder erfolgreich eingesetzt wird. Kanada zeigt auf, wohin die Reise voraussichtlich gehen wird.


Nachdem medizinisches Cannabis bereits seit 2001 legal eingesetzt wird, hat Kanada im vergangenen Jahr auch für alle anderen erwachsenen und selbstverantwortlichen Anwender einen regulierten Markt geschaffen. Vieles hat sich seither verändert. Unter anderem ist die Marktgröße exponentiell gewachsen. Laut eines Berichts von Deloitte Canada wird erwartet, dass der gesamte Cannabismarkt in Kanada – einschließlich medizinischer, illegaler und legaler Anwendung – im Jahr 2019 einen Umsatz von bis zu 7,17 Milliarden US-Dollar generieren wird. Darunter entfallen rund 4,34 Milliarden US-Dollar auf den legalen Freizeitmarkt. Es wird erwartet, dass medizinisches Cannabis zusätzliche 0,77 bis 1,79 Milliarden US-Dollar generiert.

Die nackten Zahlen aus Kanada über sprudelnde Steuereinnahmen, neu geschaffene Arbeitsplätze  oder die schrittweise Zurückdrängung des Schwarzmarkts sind in der deutschen und europäischen Debatte nur bedingt hilfreich. Europa durchläuft derzeit eine vielleicht zeitversetzte, jedoch in weiten Teilen andere Entwicklung. Es geht nicht so sehr um ökonomische Daten, neue Arbeitsplätze und das Entstehen einer neuen Industrie, die im Rahmen des diesjährigen Weltwirtschaftsforums Davos viel Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommen hat. Es geht vor allem um eine bessere und gesicherte Versorgung der rapide wachsenden Zahl europäischer Patienten, deren gegenwärtiges Potenzial auf Grundlage vorhandener Daten aus Kanada, Israel und verschiedenen europäischen Ländern auf über 3 Millionen geschätzt wird. 

Deutschland – aus Erfahrung Wissen machen

In Deutschland gibt es sehr innovative und wirtschaftlich stabile deutsche Unternehmen, die in der Cannabisindustrie tätig sind, nur nicht bei der Produktion und dem Anbau von Cannabis. Das beste Beispiel ist die Firma Storz & Bickel aus dem baden-württembergischen Tuttlingen – das technologisch fortschrittlichste Unternehmen für Vaporisatoren (Verdampfer).  Die Firma wurde im Jahr 2000 gegründet und hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu einer automatisierten und international zertifizierten Fabrik entwickelt. Storz & Bickel hält 17 Patente, arbeitet nach DIN EN ISO 13485 und erfüllt damit alle Anforderungen zur Herstellung von medizinischen Produkten.

Firmenzentrale Storz & Bickel, Tuttlingen, Baden Württemberg

Die 22-jährige Erfolgsgeschichte bahnbrechender Innovationen schwäbischer Tüftler macht Storz & Bickel mit seinen medizinisch zugelassenen Produkten einzigartig in Deutschland und gilt als weltweit führend in der Entwicklung und Herstellung von Vaporisatoren. Der deutsche Standort verfügt über die Kapazität, um die weltweit wachsende Produktionsnachfrage zu befriedigen. Die Akquisition durch Canopy Growth sieht Jürgen Bickel, geschäftsführender Gesellschafter von Storz & Bickel, positiv: „Der Zusammenschluss ermöglicht uns den nächsten wichtigen Entwicklungsschritt. Der Zugang zu umfangreichen Testlabors sowie zu pharmazeutischem und medizinisch-wissenschaftlichem Know-how eröffnet völlig neue Möglichkeiten der Produktentwicklung.“

Der Fokus auf Cannabis in Deutschland liegt klar auf dem medizinischen Bereich: Im März 2017 hat der Deutsche Bundestag einstimmig ein Gesetz verabschiedet, welches medizinisches Cannabis und Cannabinoid-basierte Medizin verschreibungs- und erstattungsfähig gemacht hat – ohne eine Beschränkung auf spezifische Indikationen. Es obliegt nun den Ärzten, die Evidenzsituation je nach Indikation und Fall einzuschätzen und jeweils für schwer kranke Patienten zu entscheiden, ob sie diese neue Therapieoption einsetzen wollen. Oft sind die in Frage kommenden  Patienten ohne weitere therapeutische Option und nehmen zusätzlich pharmazeutische Präparate mit schwersten Nebenwirkungen, die ihnen kaum helfen. Unser Ansatz ist daher die kontinuierliche Aufklärung von Ärzten und Apothekern über Chancen und Risiken des Einsatzes von medizinischem Cannabis und Cannabinoid-haltiger Medikamente. 

In Deutschland ist die Zahl der Cannabis-Patienten von ca. 1.000 vor der Gesetzänderung auf geschätzt 40.000 Patienten in nicht einmal zwei Jahren angestiegen – und die tatsächliche Zahl der Cannabispatienten in Deutschland könnte deutlich höher liegen, wenn man auch Privatpatienten mitberücksichtigt, die keinen Übernahmeantrag bei den gesetzlichen Krankenkassen gestellt haben. Die Zahl der vertreibenden Apotheken hat sich in weniger als zwei Jahren verzehnfacht. Der Bedarf in Deutschland an Cannabinoid-haltigen Medizinprodukten wächst rasant und macht eine konsistente Versorgungsstrategie notwendig – und Europa ist dabei Herausforderung und Lösung.

Polen – ein neues Mitglied

Spectrum Cannabis Polen ist jüngster Zuwachs eines Netzwerks europäischer Produktions- und Vertriebsstellen, welches Canopy Growth zur Bedienung paneuropäischer Nachfrage nach medizinischem Cannabis derzeit aufbaut. In immer mehr europäischen Ländern wird der Zugang zu Cannabinoid-basierter Medizin erleichtert und lässt die Patientenzahlen und damit die Nachfrage rapide steigern. So auch im östlichen Nachbarland Deutschlands: Der erste Import von Spectrum Cannabis Polen wurde über die europäische Vertriebszentrale von Canopy Growth mit Sitz in St. Leon-Rot bei Heidelberg und Frankfurt am Main abgewickelt. Nachdem die Tschechische Republik bereits fester Bestandteil des europäischen Netzwerks für medizinisches Cannabis war, ist mit Polen in Mitteleuropa kürzlich ein weiterer Markt für medizinisches Cannabis entstanden. Dieser entspricht mit 38 Millionen Bürgern der Größe Kanadas, wo heute mehr als 300.000 kanadische Patienten über ein staatlich reguliertes System auf medizinisches Cannabis zugreifen.

Seit den am 1. November 2017 in Kraft getretenen Vorschriften kann medizinisches Cannabis in das Land eingeführt und von polnischen Apotheken verarbeitet und verkauft werden, sobald es amtlich registriert wurde. Im Oktober 2018 wurde Spectrum Cannabis Polen für eine Importlizenz zugelassen, welche die Einfuhr bestimmter Blütensorten ermöglicht. Polnische Ärzte können medizinisches Cannabis ebenso wie in Deutschland für eine Vielzahl von Symptomen verschreiben – von chronischen Schmerzen, Chemotherapie-bedingter Übelkeit und Erbrechen bis hin zur Muskelspastik bei Multipler Sklerose.

Dänemark – ein Schlüssel der europäischen Versorgungstrategie

Das skandinavische Land ist ein wichtiger Baustein in der paneuropäischen Versorgungstrategie von Canopy Growth. Der dänische Staat hat am 1. Januar 2019 eine Exekutivverordnung zur Durchführung von Cannabisexporten aus Dänemark in Kraft gesetzt. Innerhalb eines Jahres wurden medizinisches Cannabis in den legalen Bereich gebracht, umfassende Vorschriften für die Produktion eingeführt und medizinische Cannabis-Exporte erlaubt.

Die medizinische Cannabisindustrie des Landes hat nach Schätzungen des dänischen Gartenbauverbandes und von Invest in Denmark bereits mehr als 407 Millionen kanadische Dollar (306 Millionen US-Dollar) an ausländischen Direktinvestitionen in den noch jungen Sektor angezogen. Durch ihre jeweiligen lokalen Partnerschaften bauen kanadische Unternehmen für medizinisches Cannabis eine kumulative Anbaufläche von mehr als 186.000 Quadratmetern auf, um die lokale und paneuropäische Nachfrage zu decken. Einer dieser Produzenten sind wir mit Canopy Growth, das mit dem Hanfproduzenten Danish Cannabis ApS ein Joint Venture namens Spectrum Cannabis Denmark ApS gegründet hat. 

Wir planen bereits lange und intensiv die regionale Versorgungsstrategie mit Dänemark. Die Erfüllung aller GMP-Standards („Good Manufacturing Practice“ = „Gute Herstellungspraxis für Arzneimittel“) benötigt Zeit: Einsatz von Hochtechnologie zur Stabilisierung der Pflanzen, Installation von Ventillations- und Belichtungsanlagen, Sicherheitsschleusen, Steuerungsanlagen für das Klima, Inspektionen durch Behörden etc. In naher Zukunft werden medizinische Cannabisprodukte aus Dänemark auf dem europäischen Markt erhältlich sein und entscheidend zu gesamteuropäischer Versorgungssicherheit beitragen. Hightech meets Nature – in Denmark.

Warum Dänemark? Wegen des technologischen Vorsprungs des Landes, der starken Pflanzenzüchtung  bzw. des genetischen Erbes, einer unterstützenden, stabilen Regierung und nicht zuletzt aufgrund des einfachen Zugangs zum Markt der Europäischen Union und der Nähe zu Deutschland. Die dänische Agrarautomatisierung gleicht auch einen Nachteil aus, den das Land bei der Kostenwettbewerbsfähigkeit gegenüber wärmeren Ländern hat. Deshalb ist Dänemark ein Schlüssel der europäischen Versorgungsstrategie von Canopy Growth.

Ausblick

Medizinisches Cannabis wird in Europa offener diskutiert und mehr und mehr akzeptiert. Die Zahl von Cannabispatienten, die auf ihre Medikamente dringend angewiesen sind, wächst rasant. Neue Märkte in Europa öffnen sich und lassen die Nachfrage an Cannabinoid-basierten Medikamenten explodieren. Dieser Tatsache muss mit Verantwortungsbewusstsein und einer konsistenten gesamteuropäischen Versorgungsstrategie begegnet werden, die ethische Standards in der Gesundheitsversorgung mit Wissensvermittlung gegenüber (Fach-)Öffentlichkeit und ökonomischen Erfordernissen kombiniert. Die Weichen dafür haben wir gestellt. Auf diesem Weg dürfen wir nicht müde werden zu betonen, dass kein neues Produkt erschaffen wurde, sondern ein über 5.000 Jahre altes Wissen der Menschheitsgeschichte in hochtechnologischem Gewand zurück auf die Bühne gebracht wird. 

Cannabis ist eine Pflanze, die nun auf Hochtechnologie trifft und so wieder ihren Weg in die moderne evidenzbasierte Medizin findet. 

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