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Reduzierung von Opioiden, Antidepressiva und Antipsychotika bei geriatrischen Patienten in kanadischen Langzeitpflegeeinrichtungen

Ein überaus wichtiges Bestreben der Gesundheitspolitik Kanadas, wie auch vieler anderer Länder, lag in den letzten Jahren darauf, Rezepte für Schmerzmittel wie Opiate weniger häufig auszugeben. Doch obwohl die Ärzte ihren Fokus auf die übermäßige Anwendung von Opiaten in den verschiedensten Bevölkerungsschichten legten, wurde eine Patientengruppe dabei bisher meist übersehen:


Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des Kanadischen Instituts für Gesundheit bekommen Senioren in Langzeitpflegeinstitutionen etwa doppelt so häufig Opioide, und sogar drei Mal so oft Antidepressiva verschrieben, als jene, die außerhalb solcher Einrichtungen leben.

Im Durchschnitt sind kanadische Senioren in Langzeitpflege auf 9,9 verschiedene Medikamente eingestellt (verglichen mit 6,7 unterschiedlichen Arzneimitteln bei der Vergleichsgruppe). Studien zeigen eine klare Korrelation zwischen Polypharmazie und einem erhöhten Risiko negativer Gesundheitsauswirkungen, Stürzen, unerwünschter Nebenwirkungen und höherer Gesundheitskosten.

Tatsächlich war die Anzahl der Medikamente, die den Senioren verschrieben wurden, Auslöser für unerwünschte Nebenwirkungen und die wiederum der hauptsächliche Grund für die Unterbringung in einer Pflegeeinrichtung. Es stellte sich heraus, dass die Wahrscheinlichkeit einer Hospitalisierung aufgrund unerwünschter Nebenwirkungen bei Senioren, die 10-14 verschiedene Arzneimittel nahmen, fünf Mal so hoch war, als bei Senioren, die auf eins bis vier verschiedene Medikamente eingestellt waren.

Diese Daten sprechen Bände. Und sie haben mein Interesse daran geweckt, sichere und effektive alternative Therapiemöglichkeiten für Senioren in Langzeitpflege zu erforschen. In meiner täglichen Klinikroutine sehe ich eine Vielzahl von Senioren und es ist gut möglich, dass einige von ihnen in die Langzeitpflege übernommen werden. Während einer Nachfolgeuntersuchung mit einem Patienten, wurde mir bewusst, dass die Therapie mit Cannabinoiden eine reale Möglichkeit bieten könnte, um Lebensqualität sowie die Qualität der Sterbebegleitung in solchen Einrichtungen zu verbessern.

Meiner Erfahrung nach bieten Medikamente auf Cannabinoid-Basis eine sinnvolle Option für die Behandlung von Senioren, da sich uns durch sie multimodale Behandlungskonzepte eröffnen. Mit medizinischem Cannabis können verschiedene Symptome und Krankheitsbilder zugleich behandelt werden. Das ermöglicht uns, polypharmazeutische Ansätze zu reduzieren. Wie zuvor dargestellt, ist dies ein zentrales und wichtiges Thema in der Langzeitpflege.

Erste Forschungsansätze unterstützen die Annahmen, die wir im klinischen Alltag bereits sehen und sprechen somit für eine vertiefende Auseinandersetzung mit dem Thema. Anfang des Jahres entwickelte ich eine Fallserie, in der ich Senioren in Langzeitpflege Cannabis alternativ zu Opioiden, Antipsychotika und Antidepressiva verabreichte.

Die Ergebnisse stellte ich meinen Kollegen auf der CannX International Conference 2018 in Tel Aviv, Israel, vor sowie auf zwei Konferenzen in Ontario. Es handelte sich dabei um die führenden Gesundheitskonferenzen Kanadas, die Health Quality Ontario’s Transformation Conference und die Ontario Long Term Care Association 2018 Conference –Beide fanden in Toronto statt. Im Folgenden fasse ich die Methoden und Beobachtungen dieser Fall Serie nun hier zusammen:

Die Methode:

152 Patientenakten einer Pflegeeinrichtung wurden nach geeigneten Kandidate durchforstet. Die Anforderung: Der Patient sollte von folgenden Dingen profitieren können: 1. der Reduzierung einer polypharmazeutischen Behandlung und/oder 2. von einer alternativen Therapie, aufgrund der Tatsache, das die bisherige wenig bis keine positiven Effekte bis hin zu negativen Nebenwirkungen mit sich brachte. Die Patienten, wie auch die Angehörigen wurden hochgradig in den Nachfolgeprozess integriert. Sechs Patienten boten sich selbstständig für die Therapie mit Cannabinoiden an.

Als Behandlungsindikatoren wurden chronische Schmerzen oder responsives Verhalten infolge einer Demenzerkrankung festgelegt. Die Beobachtung der Patienten erfolgte täglich acht Stunden lang über einen Zeitraum von zwei Monaten.

Die Ergebnisse:

Ausgewählt wurden sechs Patienten (alle weiblich, Durchschnittsalter: 87). Jeder Patientin wurde ein hoch dosiertes Cannabisöl in einer Konzentration von 5 mg THC : 20 mg CBD pro 1 mL verabreicht. Begonnen wurde mit einer geringen Dosis von 0,125 mL QID, die anschließend stetig, alle vier Tage, je nach Symptomen erhöht wurde. Die Maximaldosis überstieg jedoch nie 1 mL. Nach der Behandlung zeigten sich folgende Ergebnisse: Alle vier Patienten, die zuvor auf ein Antidepressiva (Trazodone) eingestellt waren, konnten die Behandlung damit absetzen. Drei von vier Patientinnen, die zuvor Opioide (namentlich Fentanyl, Percocet und Dilaudid) nahmen, konnte die Behandlung damit absetzen. Und all drei Patientinnen, die zuvor das Antipsychotika Seroquel eingenommen hatten, waren in der Lage dieses abzusetzen. Es wurden keinerlei Gehbeschwerden oder Stürze beobachtet.

Fazit:

Alle Patienten, die mit der Cannabinoid-Behandlung begonnen hatten, waren in der Lage, die Dosis ihrer Opioide, Antidepressiva und Antipsychotika drastisch zu reduzieren. Zusätzlich bemerkten die Bewohner der Einrichtung, die Angehörigen der Teilnehmerinnen und die Angestellten der Pflegestelle positive Effekte an den Patientinnen: Diese waren weit weniger von den Narkotika und Antipsychotika sediert. Ihr Appetit und ihre Verdauung reagierten angekurbelt und angeregt, sie konnten besser schlafen, ihr Schmerzlevel war im Einklang mit einer effektiven Schmerztherapie gebändigt und das responsive Verhalten verbesserte sich merklich. Einige Störfaktoren im Verhalten konnten sogar ganz aufgelöst werden.

Vom praktischen Gesichtspunkt aus betrachtet, hat Cannabis den Angestellten ein besseres Zeitmanagement ermöglicht: Die Häufigkeit der Verabreichungen von Arzneimitteln wurde reduziert und es waren weniger Einsätzen am Patienten nötig.

„Die Ergebnisse der teilnehmenden Bewohnerinnen überraschen in Sachen Lebensqualität und Stressmanagement,“, so Kim Van Dam, der Leiter der Steeves & Rozema Pflegeeinrichtung „Trillium Villa“ im kanadischen Ontario, dem ersten Pflegeheim, in dem ich dieTherapie mit Cannabinoiden einführte.

“Medizinisches Cannabis hält große Vorteile für Senioren bereit. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns um das Beseitigen von Beschaffungshürden kümmern, etwa indem wir die Bestellung, Aufbewahrung und die administrative Komponente von medizinischem Cannabis in unsere existierende Arzneimittel-Managementprozesse integrieren. Auch die Tatsache, dass Cannabis nicht Teil des so genannten Drug Benefit Programms von Ontario ist, zeigt eine weitere Hürde auf, die dringend aufgelöst werden müsste,“ so Van Dam weiter.

Die gesundheitlichen Verbesserungen, die wir bei diesen Patientinnen festgestellt haben, waren überaus vielversprechend. Aufgrund der großen Nachfrage bei Patienten wie ihrer Angehörigen wird das Cannabinoid-basierte medizinische Programm heute in allen Langzeitpflegeheimen von Steeves & Rozema in ganz Ontario angeboten.

Obwohl diese ersten klinischen Ergebnisse bereits überzeugend sind, besteht der nächste Schritt nun darin, größer angelegte klinische Untersuchungen zu entwickeln, um die gewonnenen Ergebnisse an weiteren Senioren zu testen.

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