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Hempstone – Hanfzellulose in seiner besten Form

Norbert Schmid lächelt freundlich, während er sich mit der Hand durch den gepflegten Vollbart fährt. Der aufmerksame Mann mit wuscheligen Haaren ist Jahrgang 1955 und ein echtes Multitalent.


Ursprünglich als Chemiker ausgebildet, gelangte er über Vertriebtstätigkeiten bei verschiedenen Unternehmen der Medizintechnik in die Medizin-Branche, wo er als Produktmanager für Kardiotechnik tätig war. Heute ist Norbert Schmid der Mann hinter DRUM PARAM und baut Instrumente aus Hanffasern.

Durch die Liebe für Musik und handwerkliches Geschick gelangte Norbert Schmid zum Instrumentenbau und fertigte zunächst klassische Djembe, ein einfellige Bechertrommel aus Westafrika. 2006 entdeckte Schmid schließlich den revolutionären Werkstoff Hempstone. Seitdem wurde viel Zeit, Geld und Geduld in die Weiterentwicklung gesteckt. Bis heute stellt der gebürtige Österreicher das Gemisch aus Hanffasern und Wasser selbst her und baut daraus Musikintrumente. Wir haben mit Norbert Schmid über den Werkstoff Hempstone, Afrika und die Sehnsucht nach neuen Projekten gesprochen.

Interview mit Norbert Schmid, Gründer von DRUM PARAM

Hanf Magazin: Hallo Herr Schmid, können Sie bitte erklären, was Hempstone eigentlich ist?

Norbert Schmid: Hempstone ist ein Markenname für den gleichnamigen Werkstoff aus wassergebundener Hanfzellulose. Zellulose als ein Grundstoff pflanzlichen Lebens besteht aus zu Ketten aneinander gebundener Glukosemoleküle. Bis zu 60.000 solcher Zuckermoleküle können zu einem langen Riesenmolekül gebunden sein. Dabei gilt: je mehr, desto hochwertiger sind die Eigenschaften der faserbildenden Ketten. Hanfzellulose zählt zu den hochwertigsten Zellulosefasern.

Erst etwa 1996 entdeckten die Erfinder von Hempstone eine interessante Eigenschaft von Zellulose. Durch die entsprechende weiterführende Vergrößerung der Oberfläche durch mechanische Zerkleinerung und Zermahlung in Wasser und durch nachfolgende Trocknung ohne Bindemittel oder Zusätze schrumpft das Ganze zu einem festen und kompakten Werkstoff. Die nasse Masse nennt man Pulpe, die verwendete Nassmühle ist ein sogenannter Refiner. Die Wasserstoffbrücken agieren dabei als chemische Bindekräfte. Durch das Verdampfen des Wassers ziehen sich die seitlich abstehenden Hydroxygruppen der Zuckermoleküle zusammen und die Masse verdichtet sich je nach Wassergehalt auf ein Fünftel bis ein Siebentel. Es entsteht eine horn-, holz- oder kunststoffähnliche Masse. Dabei können Farbpigmente zur Färbung und, wenn beabsichtigt, verschiedene andere Mineralstoffe, Kohle, Metallpulver oder Tone von den Fasern mit eingeschlossen werden. Hempstone kann dann wie sehr festes Hartholz mit verschiedenen Werkzeugen bearbeitet werden.

Hanf Magazin: Ursprünglich wurde Hempstone von Zelfo Technology GmbH patentiert. Wird Hempstone ausschließlich von dieser Firma produziert?

Norbert Schmid: Hempstone wurde von den Erfindern, drei Personen der Oberösterreichischen Zellform GmbH, in Zusammenarbeit mit der Internorm AG, mit sachkundlicher Unterstützung von Dr. Stadlbauer bereits im Jahr 1998 zum Patent angemeldet, was später erteilt wurde. Nach dem Rückzug der Internorm AG aus dem Projekt wurde die Zellform GmbH mangels Kreditbürgschaft 2004 insolvent. Omodo GesmbR und als deren spätere Folgegesellschaft Zelfo Technology GmbH kaufte die Patente und Teile des maschinellen Equipments sehr preiswert auf. Ein kleinerer Teil des Equipments fiel dabei meinem Betrieb zu. Die Firma Zelfo Technology GmbH distanzierte sich aus Marketinggründen anfangs von Hanf und nannte den Werkstoff Zelfo. Ich behielt die Linie Hempstone bei und erwarb in langwieriger Verhandlung eine Lizenz zur Herstellung von Musikinstrumenten bei der Omodo GbR.

Hanf Magazin: Wie sind sie auf das Material Hempstone aufmerksam geworden?

Norbert Schmid: Nach meiner Tätigkeit als Produktmanager in der kardiologischen Medizintechnik, die ich 1992 beendete, gründete ich nach zahlreichen Bildungsreisen nach Westafrika 1998 mein Einzelunternehmen DRUM*PARAM. Bei einer Marketingveranstaltung der Zellform GmbH sah ich 2003 die ersten simpel gefertigten Didgeridoos im Einsatz und war als Chemiker fasziniert von den Eigenschaften des Materials und der Technologie. Ich sah eine resourcenschonende Alternative zum aufwendigen Drechseln oder Schnitzen großer Holzkörper und begann eine Kooperation mit der Zellform GmbH zum Prototypenbau von Djembekörpern, die dann 2004 durch die Insolvenz der Firma abrupt beendet wurde. Die einzige Chance für mich, weiterhin damit zu arbeiten, war den Werkstoff selbst herzustellen.

Hanf Magazin: Was kann über den Herstellungsprozess von Hempstone gesagt werden?

Norbert Schmid: Beim Einsatz entsprechend ökologischer Energiequellen kann die spezielle Bindefähigkeit von Zellulose eine resourcenschonende Alternative zu verschiedenen, auch ölbasierten Kunststoffen sein. Der maschinelle Aufwand ist aber auf industriellem Niveau und kann von einem Heimwerker nicht ohne Weiteres realisiert werden. Zudem bringt die notwendige Feinheit der Vermahlung Maschinen an ihre Grenzen. Lang dauernde Prozess- und Trocknungszeiten sind kostenintensiv. Wie die meisten Werkstoffe hat auch Hempstone klare technische und ökonomische Grenzen, die beim Einsatz des Materials sinngebend berücksichtigt werden müssen.

Hanf Magazin: Welche Instrumente fertigen Sie aus dem Hanffaser-Wasser-Gemisch? Warum ist Hemsptone dafür besonders gut geeignet?

Norbert Schmid: Als Ein-Personen-Unternehmen achte ich darauf, mich nicht zu verzetteln, der Aufwand für den Formenbau und das Prototyping ist nämlich ziemlich hoch. Die hohen Schrumpf- und Verformungskräfte des Materials sind auch eine technische Herausforderung. Zur Zeit fertige ich Didgeridoos, Djembekörper, Basstrommeln, eine Snaredrum im Stadium des Prototypings und den Korpus der Cannaguitar in Kooperation mit Jakob Frank. Für den Resonanzkörper der akustischen Gitarre, kombiniert mit edlen oder heimischen veredelten Hölzern, wie sie die innovative Schweizer Firma Sonowood herstellt, erwies sich das Material akustisch und mechanisch als besonders gut geeignet. Wenn sich ein Didgeridoo nach Herstellung ein wenig verbiegt, kann das dem Instrument einen interessanten Charakter geben. Für eine Klarinette oder ein Fagott wäre das katastrophal, weil die Mechanik nicht mehr funktionieren würde. Wichtig ist, Werkstoffe eigenschaftengerecht einzusetzen.

Hanf Magazin: Worin liegen Ihrer Meinung nach die Stärken des Materials? Gibt es Vorteile gegenüber Instrumenten aus „herkömmlichen“ Materialien?

Norbert Schmid: Wie schon erwähnt, passt die Akustik bei der Gitarre gut. Die Möglichkeit der Produktion einer komplexen Form aus einem Material, das eine möglichst gleichmäßige Resonanz über den ganzen Tonbereich unterstützt, ohne dabei viel Verschnitt und Abfall zu erzeugen, noch dazu aus einem nachwachsenden Rohstoff, kombiniert mit veredelten Hölzern aus nachhaltiger Quelle, ist meiner Meinung nach genial. Ein kleines Beispiel anhand der Trommelkörper: ein 6kg schwerer Djembekörper wird aus 100kg edlem Kernholz mühsam geschnitzt, wobei 94kg Edelholzschnitzelabfall anfallen. Ein 4kg Hempstonekorpus ist leichter, erzeugt minimalen Verschnitt, erlaubt poppiges Design, ist frei von umweltbelastendem Kunststoff, wächst in einem Jahr auf 8m² Acker ohne viel Bodenbelastung. Die Vorteile ergeben sich von selbst.

Hanf Magazin: Ihre Expertise spielte bei der Herstellung des Prototyps der Canna Hanfgitarre von Jakob Frank eine wichtige Rolle. Haben Sie bereits vor der Herstellung des Prototyps mit Hempstone gearbeitet? Wie haben Sie davon erfahren und was gab den Anlass, Hemsptone als Material zu verwenden?

Norbert Schmid: Ja klar, ich habe 2005 mit Omodo den Lizenzvertrag geschlossen und nachdem der Werkstoff nirgends mehr zu beziehen war, selbst eine kleine Produktionsanlage aufgebaut und das Material und seine eigenwilligen Eigenschaften genau studiert. Mit bescheidenen Investitionsmitteln sind erste Trommelkörper, akustisch austarierte Didgeridoos, entstanden. Inzwischen bin ich bei Seriennummer 500 angelangt. Es gab auch schon mal eine Kooperation zur Herstellung einer semiakustischen Hanf-Gitarre, das Projekt wurde aber aus ergebnis- und teamtechnischen Gründen im Stadium des Prototypings abgebrochen. Das Instrument war auch nicht vergleichbar mit der Erhabenheit von Jakobs Arbeit. Jakob hat mich und Hempstone gefunden und wollte eine Hempstonegitarre als Diplomarbeit zum Abschluss seines Studiums realisieren. Das Ganze war sehr erfolgreich und ich war von Jakobs Design sehr beeindruckt. Sein ruhiges besonnenes Gemüt steht manchmal im Gegensatz zu meiner hitzigen Natur, genau das lässt uns aber regulierend aufeinander einwirken. Ich bin sehr glücklich über diese gelungene Zusammenarbeit. Als Ein-Mann-Unternehmen mit breitem, auch naturwissenschaftlichem Fachwissen und kreativer Improvisationsfähigkeit vereinige ich etwa 20 Berufe, denn ich kann mir Techniker, Konstrukteure, Elektriker, Formenbauer, IT, Marketing, etc. nicht leisten. Der Schritt zu einem gut funktionierenden 10-12 Personen Betrieb würde wohl mindestens eine Million Euro Investitionskosten bedeuten.

Hanf Magazin: Gibt/gab es irgendwelche rechtlichen Hürden oder Einschränkungen?

Norbert Schmid: Wie jedes Patent ist auch das von Hempstone nach 20 Jahren abgelaufen. Folgepatente der Zelfo Technology GmbH tangieren mich nicht, das war ein wichtiger Punkt in der Vertragsverhandlung. Hervorragende Berater bei der niederösterreichischen Wirtschaftskammer, halfen mir bei der Vermeidung von Knebelverträgen. Der Markenschutz kostet einiges Geld, ist aber wichtig. In Europa einen Produktionsbetrieb in diesem Bereich mit Mitarbeitern zu planen und realisieren, ist eine wirtschaftliche Herausforderung. Das geht nur mit hochpreisigen sogenannten Hi-End Produkten und hohem Investitionskapital. So bin ich Einzelunternehmer geblieben, fühle mich frei, bin bei der Verwirklichung von Ideen aber auch limitiert.

Hanf Magazin: Gibt es weitere Pläne für den Einsatz von Hempstone?

Norbert Schmid: In der jetzigen Unternehmensstruktur ja: Trommelkörper für Schlagzeuge, eine Kora, das ist die westafrikanische Harfe der Griots, Ngoni, eventuell Lampenkörper, die in Kooperationen entstehen. Weitere Ideen gibt es viele. Ich bin ein geistiger Jungbrunnen, aber der Körper ist 64 und fordert auch seinen Tribut. Tatsächlich scheint mir das Leben viel zu kurz für all die Ideen. Ich bin meinen Eltern und vor allem meinem Großvater als Mentor sehr dankbar, dass ich das alles erleben durfte und habe trotz einiger sehr leidvoller und schmerzlicher Erfahrungen in meinem Leben meine jugendliche Frische, liebevolle Menschlichkeit und Toleranz wie ich glaube, erhalten können. In Bezug auf Hempstone ist es wahrscheinlich am Sinnvollsten, das Wissen und die Erfahrung bei Zeiten an engagierte und interessierte jüngere Menschen weiterzugeben.

Bildquelle: http://cannaguitars.com/hempstone-de

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