Seit unserer Reportage „Willkommen im Hanfland“ von 2019 ist im niederösterreichischen Hanfthal viel passiert. Gerda Steinfellner, Ernährungswissenschaftlerin und Mitgründerin von Hanfland, hat in den vergangenen Jahren erlebt, wie ein Markt einbricht und wie man trotzdem weitermacht.
Hanfland steht für österreichischen Bio-Speisehanf vom eigenen Acker: geschälte Hanfsamen, Hanföl, Hanfprotein und zuletzt gekeimte Saaten. Hinter den Produkten steht eine Frau, die Ernährungswissenschaft und Landwirtschaft zusammenbringt und dabei auffallend nüchtern über Wirkungen und Grenzen spricht.
Im Gespräch mit dem Hanf Magazin erzählt sie, wie sie als Ernährungsberaterin überhaupt zum Hanf kam, was Speisehanf ernährungsphysiologisch wirklich leistet, und warum sie beim Wort „Superfood“ hellhörig wird.
💬 Im Gespräch
Gerda Steinfellner, Ernährungswissenschaftlerin & Mitgründerin von Hanfland
Gerda Steinfellner ist Ernährungswissenschaftlerin und Mitgründerin der Hanfland GmbH im niederösterreichischen Hanfthal. Seit 2005 setzt sie sich für österreichischen Bio-Speisehanf ein, vom Acker bis auf den Teller.
Frage 1, Vom Fisch zum Hanf
Du beschäftigst dich seit 2005 mit Speisehanf und hast selbst angebaut. Wie bist du als Ernährungswissenschaftlerin überhaupt beim Hanf gelandet?
Gerda: Als Ernährungsberaterin in einer Ordination in Laa hatte ich ständig dasselbe Thema: Omega-3 und Fischessen. Meine Weinviertler Kunden wollten keinen Fisch, und dabei wusste ich, wie lebensnotwendig diese Fettsäuren für den gesamten Stoffwechsel sind. Dieses ewige Erklären und Überzeugenmüssen hat mich irgendwann wirklich frustriert.
Dann bekam ich als Gesundheitsmanagerin im Land um Laa die Aufgabe, den Hanf-Erlebnispfad in Hanfthal zu bewerben. Und plötzlich stand ich mitten in dieser Pflanze und habe verstanden: Das ist die Antwort. Eine Pflanze, die buchstäblich vor unserer Haustür wächst, mit einem Omega-3-Profil, das sich sehen lassen kann.
Seitdem hab ich es mir zur Aufgabe gemacht, die Menschen über die hochwertigen Hanfsamen aufzuklären. Meine Vision ist, Ackerboden mit Alltagsküche zu verbinden, damit Bio-Hanf aus Österreich nicht nur auf dem Teller landet, sondern wirklich ankommt. Im Körper. Im Leben. In Resonanz.
Frage 2, Überlebenskampf
Hanfland hat jahrelang ums Überleben gekämpft und trotzdem weitergemacht. Was war der Moment, an dem klar war, dass Speisehanf in Österreich seinen Platz findet?
Gerda: Das Überleben von Hanfland war existenziell bedroht. Als in den Oststaaten große Hanfschälanlagen gebaut wurden, hat sich der Markt fundamental verändert. Drei Kilo Rohhanf ergeben ein Kilo geschälte Hanfsamen, und wenn dieser Hanf aus Litauen kommt, ist er um ein Vielfaches günstiger als österreichischer Bio-Hanf. Viele Großkunden sind gewechselt, und 80 % unserer Wiederverkäufer haben ihre Shops geschlossen.
Wir hatten 2012 unsere Schälanlage in Heidenreichstein ausgebaut, mit Kreditvolumen, in gutem Glauben. Damals schälten wir rund 800 Tonnen im Jahr. Das ist dann massiv eingebrochen. Wir haben lange überlegt: Machen wir weiter oder nicht? Der Kredit muss zurückbezahlt werden, das ist Realität.
Am Ende haben wir uns entschieden: solange es geht, weitermachen und konsequent auf die Endkunden setzen. Den großen Durchbruch können wir noch nicht vermelden, wir sind sozusagen noch dabei durchzubrechen. Aber wir sind zuversichtlich. Wir haben uns bewusst kleiner und feiner aufgestellt und glauben daran, dass die Zukunft im direkten Kundenkontakt liegt.
Frage 3, Lebensmittel statt Wundermittel
Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht: Was kann Hanf als Lebensmittel wirklich, und wo wird zu viel versprochen?
Gerda: Hanf ist ein außergewöhnliches Lebensmittel, aber kein Wundermittel. Diese Unterscheidung ist mir als Ernährungswissenschaftlerin sehr wichtig. Was Hanf wirklich kann: Er liefert ein vollständiges Aminosäureprofil, also alle essenziellen Aminosäuren, die der Körper nicht selbst herstellen kann. Dazu Eisen, gerade für pflanzenbasiert lebende Menschen ein echtes Thema, und Magnesium, das in der modernen Ernährung oft zu kurz kommt. Und dann das Cannabisin in der Hanfschale, ein Ballaststoff, der für einen ausgeglichenen Blutzuckerspiegel sorgt.
Was zu viel versprochen wird: Sobald das Wort „Superfood“ fällt, wird es für mich kritisch. Kein einzelner Samen rettet die Gesundheit. Hanf ist ein wertvoller Baustein, aber er wirkt im Kontext einer insgesamt ausgewogenen Ernährung. Auch bei CBD-Produkten erlebe ich viel Übertreibung.
„Ehrlichkeit schafft mehr Vertrauen als Versprechen.“
Gerda Steinfellner · Hanfland
Frage 4, Omega-3
Omega-3 ist eines deiner Dauerthemen. Warum ist Hanf hier so besonders, und worauf sollte man beim Kauf achten?
Gerda: Omega-3 ist mein Dauerthema, weil es in der westlichen Ernährung chronisch unterversorgt ist und die Folgen unterschätzt werden. EPA und DHA sind essenziell: für geschmeidige Zellmembranen, für das Gehirn, für die Entzündungsregulation. Hanföl liefert Alpha-Linolensäure, die pflanzliche Omega-3-Fettsäure, die der Körper zu EPA und DHA umwandeln kann. Hanf hat gegenüber Lein und Chia einen Vorteil: Er enthält zusätzlich Stearidonsäure, die direkt zu EPA und DHA umgewandelt wird, also effizienter als Alpha-Linolensäure allein.
Dazu kommt das Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3 von etwa 3:1, genau der Zielkorridor, den Ernährungswissenschaftler empfehlen. Die meisten Menschen liegen heute bei 15:1 oder schlechter. Beim Kauf sollte man achten auf: Kaltpressung, Bio-Qualität, regionale Herkunft, dunkle Glasflasche und kühle Lagerung. Und auf den Geschmack: Wenn es scharf oder ranzig schmeckt, ist es oxidiert, dann keinesfalls mehr verwenden.

Frage 5, Hanfprotein
Was unterscheidet Hanfprotein von den gängigen Proteinquellen, und für wen ist es wirklich sinnvoll?
Gerda: Protein ist gerade in aller Munde, zu Recht. Ab etwa 40 Jahren verliert der Körper zunehmend Muskelmasse, wenn er nicht ausreichend versorgt wird. Den aktuellen Protein-Hype sehe ich trotzdem kritisch: Die Aufnahme muss zum Stoffwechsel passen, nicht „je mehr, desto besser“. Hanf liefert alle essenziellen Aminosäuren, bei pflanzlichen Proteinen keine Selbstverständlichkeit. Soja kann das auch, ist aber für viele ein Thema. Gegenüber Molke ist Hanf weniger konzentriert, dafür natürlicher, ballaststoffreicher und bei Laktoseintoleranz problemlos. Und gegenüber Erbsenprotein punktet Hanf mit dem zusätzlichen Fettsäureprofil.
Sinnvoll ist es für Frauen ab 40, die ihren Proteinbedarf pflanzlich decken wollen, für Menschen, die sich pflanzenbasiert ernähren, für alle, die Soja oder Molke nicht vertragen, und für jeden, der Protein als echtes Lebensmittel mit Herkunft will, nicht als Pulver aus dem Fitnessstudio.
Frage 6, Regionaler Bio-Anbau
Was bedeutet regionaler Bio-Hanfanbau konkret für Qualität, Lieferkette und Klimabilanz?
Gerda: Das ist eigentlich Günthers Thema, er baut schon seit 20 Jahren Hanf an. Heuer bauen wir auf 160 Hektar Bio-Hanf an, deutlich weniger als vor Jahren, in Österreich, gemeinsam mit Landwirten, die wir kennen. Genau das ist mir wichtig: zu wissen, wo ein Lebensmittel gewachsen ist. Wenn ich das Gesicht des Bauern kenne, der es angebaut hat, umso besser. Das ist ein Vertrauen, das kein Preisvergleich ersetzen kann.
Für die Qualität heißt das kurze Wege, schnelle Verarbeitung, frische Ernte. Für die Lieferkette Transparenz, ohne anonyme Zwischenhändler. Und für die Klimabilanz ist Hanf ohnehin bemerkenswert: Er wächst ohne Pestizide, verbessert die Bodenstruktur, bindet CO₂. Regionalität ist für uns kein Marketing-Versprechen, sondern der Grund, warum wir 2012 mit Hanfland angefangen haben.

Frage 7, Speisehanf ist keine Droge
Ihr schreibt „Bei uns gibt’s nichts zu rauchen, aber ganz viel zu verstehen“. Wie sehr kämpft ihr 2026 noch gegen die Verwechslung von Speisehanf mit einer Droge?
Gerda: Wir kämpfen eigentlich gar nicht mehr dagegen, wir lachen mittlerweile darüber. Der 20. April ist für uns eine wunderbare Gelegenheit, den Unterschied mit einem Augenzwinkern zu erklären. Aber im Ernst: Die Verwechslung passiert noch, auf zwei Ebenen. Erstens bei Menschen, die Hanf nie als Lebensmittel wahrgenommen haben, da braucht es Aufklärung, Geduld und manchmal einfach eine Kostprobe. Zweitens bei Menschen, die sich insgeheim eine berauschende Wirkung erhoffen. Die müssen wir enttäuschen: Speisehanf enthält weniger als 0,2 % THC, das ist für jede Wirkung dieser Art irrelevant.
Was sich verändert hat: Das Bewusstsein wächst. Jüngere Menschen kennen Hanfsamen aus dem Supermarkt, aus Instagram-Bowls, aus Sporternährungsblogs. Die Frage ist nicht mehr „Darf ich das?“, sondern „Wie verwende ich das am besten?“.
Frage 8, Gekeimte Hanfsamen
Gekeimte Hanfsamen sind euer neuestes Thema. Woran arbeitest du gerade, und was kommt als Nächstes auf den Teller?
Gerda: Gekeimte Saaten sind für mich gerade das spannendste Thema in der Ernährungswissenschaft, und sie passen perfekt zu unserer Philosophie: maximale Nährstoffdichte aus minimalem Aufwand. Beim Keimen erwacht der Samen, Enzyme werden aktiv, und Phytinsäure, die Mineralien wie Eisen und Zink bindet, wird abgebaut. Die Nährstoffe sind dann für den Körper deutlich besser verfügbar.
Wir haben gekeimte Hanfsamen bereits im Onlineshop, und ich freue mich besonders über die geschroteten gekeimten Hanfsamen. In dieser Form kann man das Hanfpulver einfach übers Essen geben, in Bowls, ins Joghurt, ins Porridge, samt fein vermahlener Schale, also Ballaststoffe fürs Darmmikrobiom. Die eigentliche Arbeit jetzt ist, das in die Welt zu bringen.
„Fragt euch nicht, was man nicht essen sollte, sondern wovon ihr mehr essen solltet.“
Gerda Steinfellner · Hanfland
Frage 9, Hanf-Alltag
Wie sieht dein eigener Hanf-Alltag aus? Was landet bei dir zuhause regelmäßig auf dem Teller?
Gerda: Ich antworte ehrlich, nicht als Werbebotschaft. Und ich glaube, wenn ich nicht so überzeugt wäre von den gesundheitlichen Auswirkungen der täglichen Aufnahme, hätte ich wohl schon aufgegeben. Was bei mir täglich draufkommt: geschälte Hanfsamen, über das Müsli, über den Salat, ins Joghurt, so selbstverständlich wie Salz und Pfeffer. Und seit wir die gekeimten Hanfsamen schroten, kommen täglich zwei bis drei Esslöffel Hanfpulver irgendwo dazu.
Das Hanfproteinpulver steht immer in der Küche, CBD-Tropfen nehme ich seit mindestens fünf Jahren täglich. Beim Öl gehe ich nach Lust und Laune: mal ein Hanfaufstrich aus Magertopfen mit Hanföl und geschälten Hanfsamen, mal kaltgepresstes Hanföl zu Erdäpfeln aus dem Dampfgarer. Mein Resümee nach all den Jahren: Gesunde Ernährung funktioniert nur, wenn sie alltagstauglich ist. Ein Löffel hier, ein Schuss dort, und der Körper bekommt, was er braucht.

Frage 10, In einem Satz
Wenn du jemandem, der Hanf nur als Rauschmittel kennt, in einem Satz erklären müsstest, warum er auf seinen Teller gehört, was sagst du?
Gerda: Vergiss alles, was du über Hanf zu wissen glaubst: Koste einfach mal die gerösteten geschälten Hanfsamen, integriere sie in deinen Alltag, und deine Zellwände werden es dir danken.
Dieses Interview wurde schriftlich geführt und für die Lesbarkeit behutsam redigiert. Die Aussagen geben die Sicht von Gerda Steinfellner wieder.



































