In den USA ist „Ganjier“ das Pendant zum Sommelier oder Whisky-Connaisseur. In Deutschland kennt das Berufsbild bislang kaum jemand. Adele Hollmann ist die erste weibliche Ganjier:in Deutschlands, hat in der Schweiz die erste legale Cannabis-Dispensary Europas mit eröffnet und arbeitet heute als Senior Scientific Affairs Manager für Grashaus Projects und avaay innerhalb der Sanity Group. Damit verbindet sie eine in Deutschland seltene Doppel-Rolle: industrieller Medizinal-Cannabis-Hintergrund auf der einen Seite, sensorische Tiefe und Education auf der anderen.
Im schriftlichen Interview mit dem Hanf Magazin geht Hollmann auf den praktischen Unterschied zwischen Cannabis- und Wein-Verkostung ein, erklärt warum die meisten Konsument:innen und sogar viele Branchenakteur:innen Trichome unterschätzen, ordnet die Rolle von Lab-Tests vs. Sensorik ein und benennt klar, warum das Berufsbild Ganjier:in in Deutschland noch keine Infrastruktur hat. Spoiler: Es hängt nicht am Gesetz, sondern an den Fachgeschäften, die es bisher nicht gibt.
Die Antworten sind schriftlich eingegangen und für Lesbarkeit nur minimal redigiert.
💬 Im Gespräch
Adele Hollmann, Senior Scientific Affairs Manager (Grashaus Projects / avaay / Sanity Group), Ganjier
Adele Hollmann ist Senior Scientific Affairs Manager bei Grashaus Projects, avaay und der Sanity Group sowie zertifizierte Ganjier. Sie war an der Eröffnung der ersten legalen Cannabis-Dispensary Europas in der Schweiz beteiligt und bespielt unter „High Science“ auf Social Media die Cannabis-Education-Kommunikation von avaay. Auf der Mary Jane Berlin spricht sie über Ganjier-Basics für ein breites Cannabis-Publikum.
Frage 1: Verkostung ohne Ausspucken
Du bist die erste weibliche Ganjier:in in Deutschland und hast die erste legale Dispensary Europas in der Schweiz mit eröffnet. Wie unterscheidet sich Ganjier-Verkostung praktisch von Wein- oder Whisky-Verkostung?
Adele: Der praktische Unterschied zur Wein- oder Whisky-Verkostung ist grundlegend: Cannabisdampf kann man nicht ausspucken. Wer verkostet, konsumiert auch die Substanz. Genau deshalb sind für mich die Schritte vor der Inhalation so wichtig: das Aussehen, der Geruch und der Dry Hit, also der Zug an der ungezündeten Blüte. Über diese drei Stufen lässt sich schon erstaunlich viel über die Qualität lernen, ganz ohne etwas konsumiert zu haben. Eine Wein-Sommelière darf großzügig probieren. Eine Ganjier:in muss umso genauer hinschauen, riechen und tasten, bevor überhaupt etwas brennt.
„Cannabisdampf kann man nicht ausspucken. Wer verkostet, konsumiert auch die Substanz. Eine Ganjier:in muss umso genauer hinschauen, riechen und tasten, bevor überhaupt etwas brennt.“
Adele Hollmann · Sanity Group
Frage 2: Realistische Rollen im deutschen Markt
Das Ganjier-Berufsbild ist in den USA etabliert, in Deutschland noch unbekannt. Welche realistische Rolle siehst du für Ganjier:innen im deutschen Markt, bei Apotheken, in CSCs, im Fachhandel?
Adele: In der Rolle als Ganjier:in gibt es mehrere Anwendungsgebiete. Man kann diejenige sein, die für den Medizinal-Cannabis-Markt sourct, also Produzent:innen besucht, die Qualität testet und mitentscheidet, was eingekauft wird. Diese Sourcing-Aufgabe übernimmt bei uns mein Kollege Tim. Oder man geht stärker in Richtung Education und Harm Reduction, bis hin zur Aufklärung an Schulen. Mich zieht es klar in den Bildungsbereich.
Schön wäre es natürlich, wenn auch Apotheker:innen mehr Schulung hätten, um Produkte einschätzen und Patient:innen gezielter beraten zu können. Hier gibt es aber eine klare Grenze: Apothekenpersonal darf die Produkte nicht konsumieren. Eine Ganjier-Rolle in der Apotheke wäre deshalb auf eine Qualitätsanalyse beschränkt, die vollständig ohne Konsum funktioniert, also mit Mikroskop und Nase. Das ist zwar auch wertvoll für ein besseres Produktverständnis, aber begrenzt.
In Social Clubs ist professionell ausgebildetes Personal sicher ein Gewinn, doch der Use Case ist überschaubar. Der eigentlich große Bedarf entsteht erst mit Fachgeschäften, und die gibt es in Deutschland bislang nicht. Genau deshalb liegt mein Fokus aktuell stark auf der Schweiz. Dort entstehen die Pilotversuche und auf Basis von deren Erkenntnissen hoffentlich bald ein großflächiger legaler Markt, in dem man ein nationales Schulungssystem nicht nur mitnutzen, sondern aktiv mitgestalten kann. Das Berufsbild Ganjier:in braucht eine Infrastruktur, in der es gebraucht wird, und diese Infrastruktur entsteht gerade eher in der Schweiz als in Deutschland.

Frage 3: Trichome als unterschätzte Kategorie
Welche sensorischen Kategorien sind aus deiner Erfahrung am wenigsten verstanden, bei Konsument:innen UND bei Branchenakteur:innen?
Adele: Ganz klar die Trichome. Viele haben sie schon einmal gesehen, können aber gar nicht richtig benennen, was das eigentlich ist und warum sie so wichtig sind. Trichome sind die Harzköpfchen der Pflanze, winzige Drüsen, in denen praktisch alle relevanten Inhaltsstoffe sitzen: Cannabinoide, Terpene, Flavonoide. Wer die Qualität einer Blüte beurteilen will, schaut zuerst auf die Trichome.
Sie zu erhalten ist entscheidend. Eine sorgsam behandelte Blüte trägt ihre Trichomköpfe noch vollständig. Sind sie abgefallen oder zerrieben, ist viel von dem verloren, worauf es ankommt. Genau dieses Prinzip steckt auch hinter Produkten wie Resin oder Extrakten. Dort wird gezielt nur der „Trichom-Saft“ genutzt, also das Konzentrat der Drüsenköpfe. Sobald man einmal verstanden hat, dass die Trichome das eigentlich Wertvolle sind, verändert sich der Blick auf jedes Produkt.

Frage 4: Education-Formate bei avaay und Sanity Group
Sanity Group und avaay sind dein aktuelles Setting. Welche konkreten Education-Formate baut ihr für den deutschen Markt auf, in denen Ganjier-Wissen einfließt?
Adele: Das wichtigste Format ist unser Social-Media-Kanal „High Science“, den ich für avaay, eine unserer Medizinal-Cannabis-Marken, bespiele. Dort erkläre ich Cannabis von A bis Z, Pflanzenkunde, Wirkweise, Qualität und verantwortungsvoller Umgang, in einer Sprache, die auch ohne Vorwissen verständlich ist.
Dazu kommen Vorträge bei öffentlichen Stellen und Auftritte auf Konferenzen sowie in Podcasts. Mehr Spielraum entstünde erst, wenn Pilotversuche von Grashaus Projects genehmigt würden, die ich mitgestalten durfte. Dann lässt sich Education an einem realen, regulierten Setting aufbauen.
Der konkreteste Teil meiner Arbeit liegt also auch hier deshalb aktuell in der Schweiz. Für unseren dortigen Pilotversuch erstelle ich Schulungen für das Fachpersonal, führe diese Schulungen durch und halte Workshops für die Studienteilnehmenden. Genau dort fließt Ganjier-Wissen schon heute direkt in ein legales Modell ein.
Frage 5: Lab-Tests vs. Sensorik
Lab-Tests vs. sensorische Bewertung. Wo widersprechen sich die beiden Welten regelmäßig, und welcher Aspekt hat in der Praxis mehr Aussagekraft?
Adele: Die beiden Welten widersprechen sich weniger, als dass sie unterschiedliche Fragen beantworten. Laboranalysen sind unverzichtbar, wenn es um Sicherheit geht: Kontaminationschecks auf Pestizide, Schimmel oder Schwermetalle und die exakten THC- und CBD-Werte. Das kann keine Nase leisten.
Sobald es aber um organoleptische Qualität geht, ist die Sensorik das genauere Instrument: Wie intensiv eine Blüte riecht, wie ihr Aromaprofil aufgebaut ist, wie sich die Textur und Struktur der Pflanze anfühlen. Diese Eigenschaften prägen die spätere Erfahrung stark, tauchen aber auf keinem Laborzertifikat auf. Ein Datenblatt ist außerdem nur eine Momentaufnahme. Es sagt nichts darüber, ob ein Cure sauber gelaufen ist oder wie das Produkt in einigen Wochen riechen wird. Meine Faustregel: Das Labor schützt vor Schaden, die Sensorik beschreibt die Qualität. Wer professionell arbeitet, braucht beides.
„Das Labor schützt vor Schaden, die Sensorik beschreibt die Qualität. Wer professionell arbeitet, braucht beides.“
Adele Hollmann · Sanity Group
Frage 6: Unterrepräsentierte Stilrichtungen
Welche Cannabis-Stilrichtungen oder Terpen-Profile sind in Deutschland 2026 unterrepräsentiert, obwohl sie sensorisch spannend wären?
Adele: Mir fehlen vor allem florale Geruchsprofile. Die dürfen ruhig kreativer und feiner sein als das, was der deutsche Markt aktuell anbietet. Spannend finde ich außerdem Pflanzen, die gezielt auf Indikationen zugeschnitten sind und ein dazu passendes Aroma- oder Geruchsprofil mitbringen.
Und dann liegt mir ein Thema besonders am Herzen: die „alten“ Kultivare zurückzuholen. Landrassen mit niedrigerem THC-Gehalt, dafür mit charakterstarken, über Generationen gewachsenen Profilen. Der deutsche Markt orientiert sich stark an „je mehr THC, desto besser“. Das ist die langweiligste Achse, auf der man Cannabis bewerten kann. Vielfalt im Terpen- und Aromaprofil finde ich viel spannender als einen hohen Wirkstoffwert allein.

Frage 7: Die erste Übung für Konsument:innen
Auf der Mary Jane sprichst du über Ganjier-Basics für das Publikum. Welche eine Übung würdest du jeder Cannabis-Konsumentin als ersten Schritt mit nach Hause geben?
Adele: Da geht es mir zuerst um die Lupe. Mein Wunsch wäre, dass sich Leute eine Lupe kaufen, die Cannabisblüte darunter genau anschauen und die Trichome entdecken, diese kleinen Harzköpfchen. Das ist eine richtig schöne Aufgabe, und man lernt enorm viel über Qualität. Sind die Trichome noch vollständig dran, ist das ein sehr gutes Zeichen. Sind die Trichomköpfe abgefallen, spricht das für mindere Qualität oder unsachgemäße Handhabung.
Die zweite Übung ist das bewusste Riechen. Auch das funktioniert völlig ohne Konsum. Es geht darum, die verschiedenen Schichten eines Geruchs zu identifizieren und zu benennen, und sich dann immer feiner in die Untergruppen hineinzuarbeiten.
Wer die Nase und den Blick durch die Lupe trainiert, hat die beiden wichtigsten Ganjier-Werkzeuge schon in der Hand.

Frage 8: 24-Monats-Horizont
Wo siehst du dich beruflich in 24 Monaten, und was muss in Deutschland passieren, damit das Berufsbild Ganjier:in hier institutionell ankommt?
Adele: Mein größter Wunsch: dass die Pilotversuche in Deutschland genehmigt werden. Damit hätten wir die legale Grundlage, erste Shops, in denen sich verantwortungsvolle Legalisierung praktisch erproben lässt, und einen echten Bedarf an Fachpersonal, das ausgebildet werden muss. Genau da würde ich sehr gerne mitwirken und das Berufsbild nicht nur in Deutschland, sondern europaweit fördern.
In den nächsten zwei Jahren sehe ich mich weiterhin auch stark in der Schweiz. Dort entstehen die Pilotversuche und der potenzielle legale Markt mit geplantem nationalen Schulungssystem. Dieses Modell möchte ich nach Deutschland übertragen.
Damit das Berufsbild Ganjier:in hier institutionell ankommt, braucht es vor allem einen ersten Schritt: genehmigte Pilotversuche. Daraus entsteht Infrastruktur, Fachgeschäfte, Schulungsbedarf, ein Berufsfeld, das Fachpersonal ausbildet. Das Berufsbild kommt nicht durch ein Gesetz allein, sondern dadurch, dass es einen Ort gibt, an dem es wirklich gebraucht wird.
Hinweis: Das Interview wurde schriftlich geführt. Antworten wurden für Lesbarkeit und Rechtschreibung leicht redigiert, ohne inhaltlich verändert zu werden. Adele Hollmann ist Senior Scientific Affairs Manager bei Grashaus Projects, avaay und der Sanity Group sowie zertifizierte Ganjier. Auf der Mary Jane Berlin spricht sie über Ganjier-Basics für Cannabis-Konsument:innen. Weiterführend: avaay-Kanal „High Science“ auf Social Media und sanitygroup.com.














































