Portugals Arzneimittelbehörde Infarmed rückt nicht von ihrem strengen Kurs gegenüber der Medizinalcannabisbranche ab. Auf der Fachkonferenz Portugal Medical Cannabis in Lissabon hat sie am 10. September 2026 die Aussetzungen und Lizenzentzüge der vergangenen Monate verteidigt. Gleichzeitig meldet sie einen spürbaren Fortschritt: Exportzertifikate sollen nur noch rund zwölf Tage dauern statt bisher zwei bis drei Monate. Für Deutschland ist das mehr als eine Randnotiz, denn Portugal war 2025 der zweitgrößte Lieferant von Medizinalcannabisblüten.
📑 Inhaltsverzeichnis
Der Beitrag knüpft an unseren Bericht über die parlamentarischen Anfragen zu Infarmed-Lizenzen und CBD-Beschlagnahmungen vom August an. Damals stand die Frage im Raum, warum binnen eines Quartals rund ein Drittel der Lizenzinhaber seinen Status verloren hatte. Jetzt hat die Behörde öffentlich ihre Sicht dargelegt.
Infarmed: Probleme bei der Dokumentation, nicht beim Produkt
Vasco Bettencourt leitet bei Infarmed die Abteilung für Lizenzierung. Nach Angaben des Branchendienstes Business of Cannabis begründete er die Maßnahmen vor allem mit Mängeln bei Aufzeichnungen und Rückverfolgbarkeit. Die Qualität der Ware selbst sei nicht der Auslöser gewesen. Aussetzungen und Widerrufe bezeichnete er als rechtliche Instrumente, die zur Durchsetzung der Vorgaben notwendig seien.
Die Behörde hat nach eigener Darstellung die Aufsicht über Rückverfolgbarkeit, Abfallentsorgung und die Qualifizierung von Kunden und Lieferanten verschärft. Ana Rita Martins, GMP-Inspektorin bei Infarmed, ergänzte, dass die Inspektionen inzwischen auch etablierte Betriebe erfassen. Früher standen vor allem neue Antragsteller im Fokus. Bereits am 26. Juni 2026 hatte Gesundheitsstaatssekretärin Ana Povo von Korrekturmaßnahmen gesprochen, die die Kontrollkapazitäten stärken sollen.
Der Hintergrund: Ermittlungen wegen gefälschter Einfuhrbescheinigungen
Der harte Kurs hat eine Vorgeschichte. Im Mai 2025 machte die portugiesische Kriminalpolizei die Operation „Erva Daninha“ öffentlich, über die wir damals als Schlag gegen ein illegales Medizinalcannabis-Netzwerk berichtet haben. Inzwischen richtet sich die Anklage gegen 24 Beschuldigte, darunter 13 Personen und 11 Unternehmen. Die Vorwürfe lauten unter anderem auf kriminelle Vereinigung, schweren Drogenhandel, Geldwäsche und Urkundenfälschung. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
Laut Anklage sollen Einfuhrbescheinigungen für Lieferungen in die Demokratische Republik Kongo, nach Guinea-Bissau und nach Kenia gefälscht worden sein. Ein Dokument trug demnach das Datum „30. Februar 2024“. Für den Kongo wurden in den Jahren 2024 und 2025 insgesamt 5.533 Kilogramm deklariert, ohne dass dort entsprechende Einfuhren verbucht wurden. Nach Kenia gingen 357 Kilogramm, obwohl die genehmigte Schätzmenge bei 300 Gramm lag.
Neue Plattform: Exportzertifikate in zwölf Tagen
Die gute Nachricht für die Branche betrifft die Bearbeitungszeiten. Seit Anfang 2026 läuft ein nationales System für Betäubungsmittel und psychotrope Stoffe, über das Infarmed nun Ein- und Ausfuhrzertifikate erteilt. Nach Bettencourts Angaben ist die Ausstellung damit auf zwölf Tage gesunken, weitere Verkürzungen seien geplant. Zum Vergleich nannte Business of Cannabis die Schweiz, wo solche Genehmigungen demnach innerhalb von 28 Stunden vorliegen.
Seit Juni gilt zudem ein neues Meldemodell mit vierteljährlichen Berichten. Infarmed hat nach eigenen Angaben seither mehr als 14 Treffen mit lizenzierten Unternehmen abgehalten, um die Anforderungen umzusetzen. Die Exporte blieben trotz der Turbulenzen hoch: 2025 führte Portugal 79.883 Kilogramm aus, im ersten Halbjahr 2026 waren es rund 66.000 Kilogramm. Im Land selbst wurden 2025 dagegen nur 7.023 Verschreibungen gezählt.
Was das für die Versorgung in Deutschland bedeutet
Deutschland hat 2025 laut BfArM-Daten rund 201 Tonnen Medizinalcannabisblüten importiert. Davon stammten 55.164 Kilogramm aus Portugal, nur Kanada lieferte mit 93.006 Kilogramm mehr. Wie schwankend die Quartalszahlen sind, zeigte zuletzt die Korrektur der BfArM-Importdaten für das erste Quartal 2026. Hinzu kommt, dass ein Teil der kanadischen Ware über Portugal nach Europa gelangt. Die kanadischen Blütenexporte nach Portugal sind seit ihrem Höchststand im April 2025 allerdings um 86,6 Prozent eingebrochen.
Engpässe bei Medizinalcannabis sind in Deutschland kein neues Phänomen, wie ein Blick auf die Debatte um anhaltende Lieferengpässe aus den Anfangsjahren zeigt. Schon damals wurde gefragt, wie viel Anbaufläche für Deutschlands Versorgung nötig wäre. Heute hängt die Lage stärker an Genehmigungswegen und Nachweisketten als an der Fläche.
Genau hier liegt die Verbindung zur deutschen Debatte. In Hessen wird bereits geprüft, ob das bisherige Importmodell ausreicht, wir haben das unter dem Stichwort GMP-Washing beschrieben. Wenn Portugal Rückverfolgbarkeit und Lieferantenqualifizierung ernster nimmt, stärkt das die Nachweiskette auch für deutsche Importeure. Kurzfristig können strengere Prüfungen aber Lieferungen verzögern. Ob die kürzeren Zertifikatsfristen den Bedeutungsverlust Portugals als Verarbeitungshub bremsen, wird sich erst an den Importzahlen der kommenden Quartale zeigen.
Häufige Fragen
Was ist Infarmed?
Infarmed ist die nationale Behörde für Arzneimittel und Gesundheitsprodukte in Portugal. Sie vergibt unter anderem die Lizenzen für Anbau, Verarbeitung, Import und Export von Medizinalcannabis. Außerdem stellt sie die Zertifikate aus, ohne die keine Ware ins Ausland geliefert werden darf.
Warum hat Infarmed Lizenzen ausgesetzt oder widerrufen?
Nach Darstellung der Behörde ging es vor allem um Mängel bei der Dokumentation und der Rückverfolgbarkeit. Die Produktqualität sei nicht das Problem gewesen. Anlass für die schärfere Aufsicht waren strafrechtliche Ermittlungen wegen mutmaßlich gefälschter Einfuhrbescheinigungen.
Wie lange dauert ein Exportzertifikat in Portugal jetzt?
Laut Infarmed werden die Zertifikate über die neue nationale Plattform inzwischen in rund zwölf Tagen ausgestellt. Zuvor dauerte es zwei bis drei Monate. Die Behörde will die Frist weiter verkürzen.
Wie wichtig ist Portugal für deutsche Cannabispatienten?
Sehr wichtig. Mit gut 55 Tonnen stammte 2025 mehr als ein Viertel der nach Deutschland importierten Medizinalcannabisblüten aus Portugal. Verzögerungen bei portugiesischen Genehmigungen können sich daher auf Sortenverfügbarkeit und Lieferzeiten in deutschen Apotheken auswirken.
Sind die Beschuldigten der Operation „Erva Daninha“ verurteilt?
Nein. Gegen 24 Beschuldigte wurde Anklage erhoben, ein Urteil liegt nach unserem Kenntnisstand nicht vor. Bis zu einer rechtskräftigen Entscheidung gilt für alle die Unschuldsvermutung.
Quellen: Business of Cannabis (Bericht zur Konferenz Portugal Medical Cannabis, Lissabon, 10. September 2026), Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Importstatistik 2025), Assembleia da República.




































