Endometriose gehört zu den Erkrankungen, bei denen die Schmerztherapie regelmäßig an ihre Grenzen stößt. Eine neue Auswertung aus dem britischen Medizinalcannabis-Register verfolgt nun erstmals 101 Patientinnen über volle zwei Jahre. Die Ergebnisse sind bemerkenswert konstant, sie beantworten aber nicht die Frage, die Ärztinnen und Ärzte am meisten interessiert.
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Die Arbeit erschien am 11. August 2026 im Australian and New Zealand Journal of Obstetrics and Gynaecology. Erstautorin ist Tania Ahmed, die Studiengruppe um Mikael H. Sodergren am Imperial College London wertet seit Jahren die Daten des UK Medical Cannabis Registry aus. Eine Vorgängerarbeit derselben Gruppe hatte im November 2025 erst 63 Patientinnen über 18 Monate beschrieben.
Was die Zwei-Jahres-Daten zur Cannabistherapie bei Endometriose zeigen

Eingeschlossen wurden volljährige Patientinnen mit Endometriose als Hauptdiagnose, die mindestens zwei Jahre vor dem Datenauszug am 6. Januar 2025 im Register erfasst waren. Erhoben wurde zu Beginn sowie nach 1, 3, 6, 12, 18 und 24 Monaten, und zwar mit mehreren etablierten Instrumenten.
Gemessen wurden die Schmerzstärke und die Schmerzbeeinträchtigung im Brief Pain Inventory, der Gesamtwert des Short-Form McGill Pain Questionnaire 2, eine visuelle Analogskala für Schmerz, der Lebensqualitätsindex EQ-5D-5L, der Angstfragebogen GAD-7 sowie der Schlaffragebogen SQS. In allen sieben Skalen verbesserten sich die Werte gegenüber dem Ausgangswert, und zwar zu jedem einzelnen Nachbeobachtungszeitpunkt. Die Autorinnen und Autoren geben durchgängig ein Signifikanzniveau von p kleiner 0,001 an.
Dass Angst und Schlaf mit erfasst wurden, ist kein Beiwerk. Beide Bereiche hängen bei chronischen Unterleibsschmerzen eng mit dem Schmerzerleben zusammen, wie zuletzt auch eine Berliner Untersuchung zu THC gegen Albträume bei PTBS gezeigt hat.
Weniger Opioide im Rezeptblock

Der praktisch wichtigste Befund steckt in den Verschreibungsdaten. Die mittlere verordnete Opioidmenge, umgerechnet in orale Morphinäquivalente, sank von 19,9 ± 17,2 mg pro Tag zu Beginn auf 14,8 ± 15,9 mg pro Tag nach 24 Monaten. Das ist ein Rückgang um gut ein Viertel, und er hielt über den gesamten Zeitraum an.
Diese Richtung passt zu anderen Versorgungsdaten. Eine NIH-Studie zu Opioid-Vergiftungen nach Legalisierungsschritten beschrieb einen ähnlichen Zusammenhang auf Bevölkerungsebene. Auch ein randomisierter Versuch bei Fibromyalgie, Rheuma und Arthrose nutzte vergleichbare Endpunkte.
Das Sicherheitsprofil bewerten die Autoren als günstig. 18 der 101 Teilnehmerinnen, also 17,8 Prozent, meldeten insgesamt 165 unerwünschte Ereignisse. Davon galten 84 Meldungen oder 50,9 Prozent als leicht. Am häufigsten traten Müdigkeit, Lethargie und Kopfschmerzen auf.
Warum die Studie keinen Wirksamkeitsnachweis liefert

An dieser Stelle ist Nüchternheit angebracht. Es handelt sich um eine Beobachtungsanalyse ohne Kontrollgruppe. Niemand weiß, wie sich dieselben Frauen ohne Cannabistherapie entwickelt hätten, und chronische Schmerzverläufe schwanken ohnehin stark.
Hinzu kommt die Herkunft der Daten. Das Register speist sich aus einer privaten Selbstzahlerklinik, das Studienteam benennt den daraus folgenden Selektionsbias selbst. Wer monatlich für eine Therapie bezahlt, berichtet erfahrungsgemäß anders über deren Nutzen. Die Autoren ziehen daraus den einzig sauberen Schluss und fordern randomisierte kontrollierte Studien. Dieselbe Zurückhaltung ist auch bei anderen Cannabinoid-Befunden geboten, etwa bei der Phase-II-Studie zu CBD bei wiederkehrender Herzbeutelentzündung.
Was das für Betroffene in Deutschland bedeutet
In Deutschland leben nach Angaben der Endometriose-Vereinigung Deutschland rund zwei Millionen Betroffene, jedes Jahr kommen etwa 40.000 Neudiagnosen hinzu. Bis zur gesicherten Diagnose vergehen im Mittel rund zehn Jahre. Das ist der eigentliche Skandal hinter jeder Therapiedebatte. Er erklärt, warum viele Patientinnen bei der Schmerzbehandlung längst am Ende der Standardoptionen angekommen sind. Grundlagen dazu haben wir in unserem Beitrag zur Behandlung von Endometriose mit CBD-Öl und medizinischem Cannabis zusammengetragen.
Der Haken liegt in der Erstattung. Seit der Bundestag im Juli 2026 den Vorrang für Fertigarzneimittel beschlossen hat, sind Blüten aus der Regelerstattung der gesetzlichen Krankenversicherung heraus. Genau die Darreichungsform also, die im britischen Register eine tragende Rolle spielt. Eine britische Registerauswertung ändert an dieser Rechtslage nichts. Sie liefert Patientinnen und behandelnden Ärzten aber Argumente für die Einzelfallbegründung. Zudem erhöht sie den Druck, kontrollierte Studien zu einer jahrzehntelang unterforschten Indikation zu finanzieren.
Häufige Fragen
Beweist die Studie, dass Cannabis bei Endometriose wirkt?
Nein. Die Untersuchung ist eine Beobachtungsanalyse ohne Kontrollgruppe und kann deshalb keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen. Sie zeigt lediglich, dass sich die erfassten Werte über 24 Monate verbessert haben. Für einen Wirksamkeitsnachweis wären randomisierte kontrollierte Studien nötig, und genau die fordern die Autoren selbst ein.
Wie stark ging der Opioidbedarf zurück?
Die mittlere verordnete Menge fiel von 19,9 mg orale Morphinäquivalente pro Tag auf 14,8 mg pro Tag nach zwei Jahren. Das entspricht einem Rückgang um etwa 26 Prozent. Die Streuung ist allerdings groß, die Standardabweichung liegt in derselben Größenordnung wie der Mittelwert selbst.
Welche Nebenwirkungen traten auf?
Knapp 18 Prozent der Teilnehmerinnen meldeten unerwünschte Ereignisse, insgesamt 165 an der Zahl. Etwa die Hälfte davon war leicht ausgeprägt. Am häufigsten genannt wurden Müdigkeit, Lethargie und Kopfschmerzen. Schwere Ereignisse spielten in der Auswertung keine tragende Rolle.
Können sich deutsche Patientinnen Cannabis bei Endometriose verschreiben lassen?
Eine Verordnung ist grundsätzlich möglich, weil Medizinalcannabis in Deutschland nicht an eine feste Indikationsliste gebunden ist. Die Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenversicherung ist seit der Neuregelung im Juli 2026 jedoch deutlich enger geworden. Blüten sind aus der Regelerstattung gestrichen, Fertigarzneimittel haben Vorrang. Viele Betroffene zahlen deshalb selbst.
Warum ist die Herkunft der Daten ein Problem?
Das UK Medical Cannabis Registry erfasst Patientinnen einer privaten Selbstzahlerklinik. Diese Gruppe ist nicht repräsentativ, denn sie kann eine Therapie aus eigener Tasche tragen und hat sich bewusst dafür entschieden. Das Studienteam benennt diesen Selektionsbias offen. Er begrenzt die Übertragbarkeit der Ergebnisse.
Quellen: Ahmed T. et al., „Cannabis-Based Medicinal Products for Endometriosis: A 2-Year Prospective Analysis From the UK Medical Cannabis Registry“, Australian and New Zealand Journal of Obstetrics and Gynaecology, online veröffentlicht am 11. August 2026, DOI 10.1111/ajo.70173. Vorgängerarbeit: Getter et al., ebenda, online 26. November 2025, DOI 10.1111/ajo.70078. Zahlen zur Verbreitung in Deutschland: Endometriose-Vereinigung Deutschland e. V.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt Ergebnisse einer Registerauswertung wieder und stellt keine Gesundheits- oder Wirkaussage dar. Registerdaten ohne Kontrollgruppe erlauben keine Aussage über Ursache und Wirkung. Fragen zur eigenen Therapie gehören in ärztliche Hand.





































