Eine israelische Klinik hat 1.000 Menschen mit chronischen Rückenschmerzen über zehn Jahre begleitet, die mit Medizinalcannabis behandelt wurden. Die Opioiddosis sank bei den verbliebenen Patienten um fast 90 Prozent, die Schmerzwerte um über 80 Prozent. Die Zahlen gehen gerade durch die Szene. Weniger Beachtung findet ein Satz der Autoren selbst: Die Effekte seien so groß, dass Verzerrungen durch das Studiendesign wahrscheinlich mitspielen.
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Die Zehnjahresstudie zu Rückenschmerzen und Medizinalcannabis
Die Arbeit ist am 14. September im European Spine Journal erschienen. Sie stammt aus der orthopädischen Abteilung des Rabin Medical Center in Petach Tikwa, Erstautor ist Muhammad Khatib. Ausgewertet wurden 1.000 aufeinanderfolgende Patientinnen und Patienten aus einem Register, die vor Therapiebeginn kein Cannabis genommen hatten. Alle litten an chronischen Schmerzen im unteren Rücken.
Gemessen wurde vor allem der Opioidverbrauch, umgerechnet in Morphin-Milligramm-Äquivalente pro Tag. Dazu kamen die Schmerzstärke auf einer Skala von 0 bis 10, die Einschränkung im Alltag nach dem Oswestry Disability Index sowie Begleitmedikamente und Nebenwirkungen. Die Hanfjournal-Meldung vom 15. September hatte die Zahlen bereits aufgegriffen, allerdings ohne Angabe der Originalquelle. Wir haben die Publikation deshalb selbst herangezogen.
Die Ergebnisse: weniger Opioide, weniger Schmerz

Von den 1.000 Teilnehmenden blieben 638 bis zum Zehnjahres-Termin in der Studie, das sind 63,8 Prozent. In dieser Gruppe sank der Opioidverbrauch von 62,8 auf 6,4 Milligramm Morphin-Äquivalent am Tag. Das entspricht einem Minus von 89,8 Prozent. Die Schmerzstärke fiel von 8,71 auf 1,37 Punkte. Der Behinderungsindex verbesserte sich von 52,9 auf 36,8 Prozent, also um gut 16 Punkte.
Auch andere Medikamente wurden seltener genommen. Der Anteil der Personen mit Tramadol oder Tapentadol sank um 84 Prozentpunkte, bei Benzodiazepinen um 73,5 und bei Antidepressiva vom Typ SSRI um 71,9 Prozentpunkte. Bei Gabapentinoiden betrug der Rückgang 30,7 Prozentpunkte. Nebenwirkungen, die die Verträglichkeit betrafen, traten bei 11,4 Prozent der Arztbesuche auf. Schwere psychiatrische Ereignisse wurden in 0,02 Prozent der Besuche erfasst.
Die Studie reiht sich in eine Reihe von Registerdaten ein, die in dieselbe Richtung weisen. Über eine größere Auswertung mit 3.500 Patienten haben wir im Frühjahr unter dem Titel Medizinalcannabis statt Opioide berichtet. Israel gilt seit Langem als Vorreiter der Cannabisforschung. Der Weg dorthin war politisch nicht geradlinig, wie unsere älteren Berichte über die Entkriminalisierung während der CannaTech-Konferenz und die ersten Pläne zur Entkriminalisierung zeigen.
Warum die Autoren selbst zur Vorsicht mahnen

Die Forschenden ordnen ihre Zahlen ungewöhnlich deutlich ein. Die Studie hat keine Kontrollgruppe. Die gemessenen Effekte übertreffen die Werte aus randomisierten Studien bei Weitem. Als Beispiel nennen die Autoren eine aktuelle Phase-3-Studie, in der der Unterschied zu Placebo bei nur 0,6 Punkten auf der Schmerzskala lag. In der Registerstudie sank der Schmerzwert dagegen um über sieben Punkte, allerdings im Vorher-nachher-Vergleich ohne Placebogruppe.
Daraus schließen die Autoren, dass Verzerrungen durch das Beobachtungsdesign zu den Ergebnissen beitragen. Naheliegend sind mehrere Faktoren. Mehr als ein Drittel der Teilnehmenden ist vor dem Zehnjahres-Termin ausgeschieden. Wer die Therapie abbricht, weil sie nicht hilft, taucht in der Endauswertung nicht mehr auf. Zudem bessern sich Schmerzen über einen so langen Zeitraum teils auch ohne Behandlung. Die Autoren bezeichnen ihre Daten deshalb als hypothesengenerierend und fordern randomisierte Studien.
Einordnung für Schmerzpatienten in Deutschland

Für Betroffene hierzulande kommt die Studie in einer schwierigen Phase. Seit dem 30. Juli erstatten die gesetzlichen Kassen keine Cannabisblüten mehr. Eine Übergangsregelung für laufende Therapien gibt es nicht, wie das Sozialgericht Frankfurt im Eilverfahren bestätigt hat. Vor einer Kostenübernahme für Extrakte steht inzwischen ein sechsmonatiger Therapieversuch mit einem zugelassenen Fertigarzneimittel.
Für chronische Rückenschmerzen ist das seit Juni der Extrakt Exilby, über dessen Zulassung als erstes Cannabis-Arzneimittel gegen chronische Rückenschmerzen wir berichtet haben. Der Erstattungsbetrag wird noch verhandelt, Details stehen in unserem Beitrag zum Exilby-Preis und dem AMNOG-Verfahren. Die israelischen Registerdaten ändern an dieser Rechtslage nichts. Sie liefern aber ein Argument für genau die kontrollierten Studien, die die Autoren selbst verlangen.
Häufige Fragen
Was hat die israelische Studie untersucht?
Sie hat 1.000 Menschen mit chronischen Schmerzen im unteren Rücken über zehn Jahre begleitet, die mit Medizinalcannabis behandelt wurden. Erfasst wurden der Opioidverbrauch, die Schmerzstärke, die Einschränkung im Alltag, Begleitmedikamente und Nebenwirkungen.
Wie stark sank der Opioidverbrauch?
Bei den 638 Personen, die bis zum Ende dabei waren, sank die tägliche Opioiddosis von 62,8 auf 6,4 Milligramm Morphin-Äquivalent. Das ist ein Rückgang um knapp 90 Prozent. Über die ausgeschiedenen Teilnehmenden sagt dieser Wert nichts aus.
Beweist die Studie, dass Cannabis gegen Rückenschmerzen wirkt?
Nein. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie ohne Kontrollgruppe. Die Autoren halten Verzerrungen durch das Design ausdrücklich für wahrscheinlich und fordern randomisierte Studien zur Überprüfung.
Wie häufig traten Nebenwirkungen auf?
Nebenwirkungen, die die Verträglichkeit betrafen, wurden bei 11,4 Prozent der Arztbesuche dokumentiert. Schwere psychiatrische Ereignisse waren mit 0,02 Prozent der Besuche selten.
Zahlt die Krankenkasse in Deutschland Cannabis bei Rückenschmerzen?
Cannabisblüten werden seit dem 30. Juli 2026 nicht mehr erstattet. Für Extrakte muss zunächst ein sechsmonatiger Versuch mit einem zugelassenen Fertigarzneimittel erfolgen, bei chronischen Rückenschmerzen ist das Exilby. Die Einzelheiten klärt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt mit der Kasse.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt den Stand vom 17. September 2026 wieder und ist keine Rechts- oder Gesundheitsberatung. Er ersetzt keine ärztliche Beratung und enthält kein Heilversprechen. Die berichteten Ergebnisse stammen aus einer unkontrollierten Beobachtungsstudie.
Quellen: Khatib M, Robinson D, Lavon E et al.: Ten-year outcomes of medical cannabis for chronic low back pain: opioid reduction, pain relief, and functional improvement in 1,000 patients. European Spine Journal (2026), DOI 10.1007/s00586-026-10290-y (PubMed 42734834). Hanfjournal, 15. September 2026.





































