Albträume gehören zu den quälendsten Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ein Team der Charité Berlin hat nun geprüft, ob das verschreibungspflichtige THC-Präparat Dronabinol dagegen hilft. Die Antwort, veröffentlicht am 5. August 2026 im Fachmagazin Nature Medicine, fällt deutlich aus: Mehr als ein Drittel der Behandelten hatte nach zehn Wochen gar keine Albträume mehr.
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Zehn Wochen, mehr als 170 Patientinnen und Patienten
An der Untersuchung nahmen über 170 Menschen mit einer diagnostizierten PTBS und häufigen, intensiven Albträumen teil. Zehn Wochen lang bekamen sie jeden Abend vor dem Schlafengehen entweder Dronabinol in Tropfenform oder ein Scheinmedikament. Das Placebo sah identisch aus und schmeckte ebenfalls nach Cannabis. Weder die Behandelnden noch die Teilnehmenden wussten, wer was erhielt. Damit erfüllt die Arbeit den Goldstandard der klinischen Forschung, das doppelblinde, placebokontrollierte Design.
Initiiert und federführend durchgeführt wurde die Studie an der Charité. Beteiligt waren außerdem die Psychiatrische Universitätsklinik im St. Hedwig-Krankenhaus, das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Unterstützt wurden die Arbeiten durch das Pharmaunternehmen Bionorica SE. Möglich sind solche Untersuchungen in Deutschland erst, seit 2017 das „Cannabis als Medizin“-Gesetz in Kraft trat. Wie zäh der Weg dorthin war, zeigt der Rückblick auf die öffentliche Anhörung zur Cannabis-als-Medizin-Petition und auf die damalige Debatte zwischen Legalisierung und Verbot in der Medizin.
Die Albtraumlast sank fast doppelt so stark

Gemessen wurde die Albtraumlast auf einer Skala von null bis acht Punkten. In der Dronabinol-Gruppe sank sie im Schnitt um 3,7 Punkte, unter Placebo nur um 2,2 Punkte. Das ist ein Unterschied, den Betroffene im Alltag deutlich spüren. Bemerkenswert ist auch, wie stark das Placebo für sich genommen wirkte. Rund ein Drittel der Kontrollgruppe sprach ebenfalls an.
Mehr als ein Drittel der mit Dronabinol Behandelten berichteten, dass sie nach zehn Wochen gar keine Albträume mehr erlebt haben. Weitere 21 Prozent sprachen von einer mindestens halbierten Albtraumlast. Insgesamt nahmen rund fünf von sechs Patientinnen und Patienten in der Dronabinol-Gruppe ihren Gesundheitszustand subjektiv als deutlich verbessert wahr.
Das Zitat stammt von Prof. Stefan Röpke, der an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Benjamin Franklin den Forschungsbereich Traumafolgestörungen leitet. Welches Präparat dabei zum Einsatz kam, erklären wir im Detail in unserem Beitrag zu Dronabinol als THC-Reinstoff aus der Apotheke.
Warum ausgerechnet der REM-Schlaf im Fokus steht

THC greift in das körpereigene Endocannabinoid-System ein. Dieses System ist an der Regulation von Schlaf, Stress und der Verarbeitung emotionaler Erinnerungen beteiligt. Genau dort vermuten die Forschenden den Wirkmechanismus.
Es gibt Hinweise darauf, dass THC im REM-Schlaf, den intensiven Traumphasen, in denen das Gehirn Erlebnisse verarbeitet und Emotionen reguliert, die Traumaktivität abschwächt und damit nächtliche Stressreaktionen mildert.
Diese Erklärung passt zu Beobachtungen aus früheren Arbeiten. Einen Überblick über die Studienlage bietet unsere Einordnung dazu, was die Wissenschaft zu Cannabis und Schlaf wirklich sagt. Bereits 2022 zeigte eine kleinere Untersuchung, dass Cannabis den Schlaf bei PTBS verbessert. Neu ist die Größe und die methodische Härte der Berliner Arbeit.
Was die Studie ausdrücklich nicht zeigt
Der Effekt betraf gezielt die Albträume und den Schlaf, nicht die Erkrankung als Ganzes. Die Schwere der Traumafolgestörung und begleitende Depressionen veränderten sich nicht eindeutig. Dronabinol ist damit kein PTBS-Medikament, sondern ein Mittel gegen ein einzelnes, besonders belastendes Symptom.
Bei der Verträglichkeit fiel die Bilanz günstig aus. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf. Häufiger beobachtete das Team mittelgradige und leichtere Begleiterscheinungen wie Schwindel, Kopfschmerzen und gesteigerten Appetit. Entzugserscheinungen nach dem Absetzen der abendlichen Dosen fanden die Forschenden nicht. Offen bleibt, ob die Wirkung über zehn Wochen hinaus anhält oder ob sich ein Gewöhnungseffekt einstellt. Genau das wollen die Beteiligten als Nächstes klären.
Eine echte Lücke in der deutschen Versorgung

Für traumabedingte Albträume ist in Deutschland bislang kein Präparat zugelassen. Verordnet werden unter anderem Antidepressiva und blutdrucksenkende Medikamente, die aber meist nicht gegen das nächtliche Traumgeschehen ankommen. Wer die Debatte um Cannabis in der Traumatherapie verfolgen will, findet den größeren Rahmen in unserem Beitrag dazu, wie Veteranen und Trauma-Patienten von Cannabis profitieren. Die Berliner Daten liefern dieser Diskussion nun erstmals eine belastbare randomisierte Grundlage aus Deutschland. Eine Zulassung folgt daraus noch nicht, ein Argument für die Kostenübernahme im Einzelfall aber sehr wohl.
Häufige Fragen
Was ist Dronabinol?
Dronabinol ist verschreibungspflichtiges THC, das in diesem Fall direkt aus der Hanfpflanze gewonnen wurde. In der Studie kam es als Tropfen zum Einsatz. In Deutschland wird es bereits in der Schmerzmedizin verordnet, meist dann, wenn die Standardbehandlungen nicht ausreichen.
Wie viele Menschen haben an der Studie teilgenommen?
Es waren mehr als 170 Patientinnen und Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung und häufigen, intensiven Albträumen. Sie erhielten zehn Wochen lang jeden Abend entweder Dronabinol oder ein Placebo. Die Zuordnung erfolgte zufällig und verdeckt.
Heilt THC damit eine posttraumatische Belastungsstörung?
Nein. Die Wirkung beschränkte sich auf die Albträume und den Schlaf. Die Schwere der PTBS und begleitende Depressionen veränderten sich in der Studie nicht eindeutig. Eine Psychotherapie ersetzt das Medikament also nicht.
Welche Nebenwirkungen traten auf?
Schwere Nebenwirkungen gab es nicht. Häufiger berichteten die Teilnehmenden über Schwindel, Kopfschmerzen und gesteigerten Appetit. Nach dem Absetzen stellte das Studienteam keine Entzugserscheinungen fest.
Kann ich Dronabinol jetzt gegen Albträume verschrieben bekommen?
Eine Zulassung für diese Indikation gibt es in Deutschland nicht. Eine Verordnung ist grundsätzlich im Einzelfall möglich, die Entscheidung liegt bei der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt. Die neuen Daten stärken die Argumentation gegenüber der Krankenkasse, ersetzen aber keine ärztliche Beratung.
Quellen: Charité, Pressemitteilung vom 05.08.2026 „Cannabis-Wirkstoff THC kann traumabedingte Albträume ausschalten“; Roepke S et al., Dronabinol for nightmares in post-traumatic stress disorder: a randomized controlled trial, Nature Medicine, 05.08.2026, doi: 10.1038/s41591-026-04546-9; Deutsches Ärzteblatt vom 05.08.2026.







































