1.300 Sorten von 58 Anbietern – der deutsche Medizinalcannabismarkt ist in kurzer Zeit zu einem der artenreichsten der Welt geworden. Was für Patienten auf den ersten Blick nach Wahlfreiheit aussieht, entpuppt sich für Apotheken und den pharmazeutischen Großhandel als wachsende logistische und wirtschaftliche Herausforderung. Thomas Porstner vom Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels (PHAGRO) bringt es auf den Punkt: „Sortenvielfalt ist Fluch und Segen zugleich.“
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Die Zahlen hinter dem Boom
Drei Unternehmen dominieren das Angebot: Remexian stellt 203 Sorten bereit, Cantourage kommt auf 107, Cannamedical auf 104. Am anderen Ende der Skala finden sich Anbieter, die lediglich eine bis drei Sorten im Programm haben. Der Preis pro Gramm Blüte schwankt zwischen 2,99 und 17,09 Euro, der Durchschnitt liegt bei 6,81 Euro. Rund 78 Prozent der verfügbaren Sorten kosten zwischen fünf und zehn Euro – ein Segment, in dem der Wettbewerb besonders intensiv ist.
Der THC-Gehalt reicht von 1 bis 37 Prozent. Sativa-Sorten kommen im Schnitt auf 21,9 Prozent THC, Indica-Sorten auf 23 Prozent, Hybride auf 23,8 Prozent. Sorten mit niedrigem THC-Gehalt weisen in der Regel höhere CBD-Konzentrationen auf, was ihnen entzündungshemmende und entkrampfende Eigenschaften verleiht. Diese Marktentwicklung hat direkte Folgen für die Versorgungsstrukturen – wie bereits im Kontext des Preiskampfs unter Telekliniken deutlich wurde.
Warum die Vielfalt den Großhandel unter Druck setzt
Für den pharmazeutischen Großhandel bedeutet dieses Wachstum einen erheblichen operativen Aufwand. Ein Portfolio von über 1.000 Sorten lässt sich nicht so bewirtschaften wie ein übersichtliches Medikamentensortiment. Lagerlogistik, Kühlanforderungen, Verfallsdaten und die Verwaltung kleinster Restmengen erzeugen Kosten, die sich in den Margen niederschlagen. PHAGRO-Vertreter Porstner spricht von Margendruck und fraglich werdender wirtschaftlicher Tragfähigkeit des Handels – verbunden mit der Forderung, über Preisregulierungen nachzudenken.
Hinzu kommt der Wettbewerb durch digitale Plattformen und Vergleichsdienste, die den Preiskampf im Medizinalcannabis-Segment weiter intensiviert haben. Für den klassischen Großhandel, der breite Sortimente vorhalten muss, ist das eine strukturelle Belastung. Das Bild eines Markts im Wandel trifft dabei den Kern: Was als Diversifizierung beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Konsolidierungsdruck.
Was Patienten wirklich davon haben – und was nicht
Für Patienten ist die Ausgangslage ambivalent. Theoretisch gibt es für nahezu jede Indikation und jede Konsumgeschichte ein passendes Produkt. Praktisch sieht es in vielen Apotheken, besonders im ländlichen Raum, anders aus: Nicht spezialisierte Apotheken halten oft nur ein kleines Sortiment vor und müssen benötigte Sorten erst bestellen, was zu Wartezeiten führt.
Auf spezialisierten Plattformen sind die Wahlmöglichkeiten größer, der Überblick aber entsprechend schwieriger. THC-Gehalt, CBD-Konzentration, Genetik, Anbauqualität und Terpenprofil – all das beeinflusst die Wirkung individuell. Für Patienten ohne einschlägige Erfahrung ist die Orientierung im 1.300-Sorten-Universum eine echte Hürde. Dass es dabei auch um Wirtschaftlichkeit geht, zeigt Deutschland eindrücklich: Der Markt hat die 200-Tonnen-Marke bei Importen geknackt – die Versorgungsinfrastruktur hinkt dieser Dynamik hinterher.
Häufige Fragen
Wie viele Medizinalcannabis-Sorten gibt es in Deutschland?
Derzeit sind in Deutschland über 1300 Medizinalcannabis-Sorten von 58 Anbietern verfügbar. Die drei größten Anbieter sind Remexian (203 Sorten), Cantourage (107) und Cannamedical (104).
Was kostet Medizinalcannabis in der Apotheke?
Der Preis variiert erheblich: zwischen 2,99 und 17,09 Euro pro Gramm Blüte. Der Durchschnittspreis liegt bei rund 6,81 Euro. Rund 78 Prozent der verfügbaren Sorten kosten zwischen fünf und zehn Euro.
Warum ist Medizinalcannabis nicht in jeder Apotheke erhältlich?
Nicht alle Apotheken sind auf Medizinalcannabis spezialisiert. Insbesondere im ländlichen Raum haben viele Apotheken nur ein begrenztes Sortiment und müssen Produkte häufig erst bestellen. Für eine verlässliche Versorgung empfiehlt sich eine spezialisierte Cannabis-Apotheke.
Was bedeutet der Preiskampf im Medizinalcannabis-Markt für Patienten?
Intensiver Wettbewerb durch digitale Vergleichsplattformen hat die Preise für Patienten in vielen Fällen gesenkt. Gleichzeitig gerät der Großhandel unter Margendruck, was mittelfristig die Verfügbarkeit bestimmter Sorten beeinflussen könnte.
Was ist PHAGRO und was fordert der Verband?
PHAGRO ist der Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels. Er vertritt die Interessen des deutschen Pharmavorgroßhandels gegenüber Politik und Öffentlichkeit. Angesichts des wachsenden Sortiments und des Margendrucks im Medizinalcannabis-Segment spricht sich PHAGRO für regulatorische Maßnahmen zur Preisregulierung aus, um die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Handels zu sichern.




































