Amsterdam war jahrzehntelang das Mekka des Cannabistourismus. Wer aus Deutschland, der Schweiz oder Österreich kam, kannte das Ritual: Einmal durch die Grachten schlendern, einen Coffeeshop aufsuchen und legal einkaufen, was zuhause noch im Dunkel der Illegalität lag. Doch seit einigen Jahren bröckelt dieses Bild. Und im Frühjahr 2026 steht die nächste große Zäsur vor der Tür.
📑 Inhaltsverzeichnis
- 50 Jahre offen – und doch immer unter Beschuss
- Neue Stadtratsmehrheit, neuer Anlauf
- Geschäftsleute warnen: Mehr Dealer, weniger Transparenz
- Das niederländische Pilotprojekt als Alternative
- Was das für DACH-Länder bedeutet
- Was plant Amsterdam genau beim Coffeeshop-Touristenverbot?
- Ist ein Coffeeshop-Besuch in Amsterdam für Deutsche noch legal?
- Warum warnen Kritiker vor mehr Schwarzmarkt?
- Wie unterscheidet sich das niederländische Modellprojekt vom bisherigen System?
- Was bedeutet ein mögliches Verbot für Reisende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz?
- 💬 Fragen? Frag den Hanf-Buddy!
Nach den Amsterdamer Kommunalwahlen vom 18. März 2026 bahnt sich im Stadtrat eine neue politische Mehrheit an – eine, die das jahrzehntelange Offene-Tür-Prinzip für internationale Gäste in Frage stellt. Der Plan: Touristen aus dem Ausland soll der Zugang zu Coffeeshops in der Innenstadt grundsätzlich verwehrt werden. Was abstrakt klingt, wäre ein tektonischer Wandel für eine Stadt, die Cannabis-Liberalismus wie kaum eine andere zum Markenzeichen gemacht hat.
50 Jahre offen – und doch immer unter Beschuss
Seit den frühen 1970er Jahren toleriert der niederländische Staat den Verkauf kleiner Mengen Cannabis in lizenzierten Coffeeshops. Amsterdam wurde zum europäischen Epizentrum dieser Politik – mit zeitweise über 700 Shops allein in der Hauptstadt. Das sogenannte Gedoogbeleid, die offizielle Toleranzpolitik, schuf einen funktionierenden Graumarkt, der Millionen Touristen anzog und gleichzeitig die öffentliche Ordnung wahren sollte.
Doch spätestens mit der landesweiten Einführung des sogenannten Ingezetenenkriteriums im Jahr 2012 begann der Rückbau. Die meisten niederländischen Städte beschränkten den Zugang auf registrierte Einwohner – Amsterdam blieb als prominente Ausnahme bestehen, unter der Bedingung, Coffeeshops in der Nähe von Schulen zu schließen. Diese Ausnahme steht nun erneut auf dem Prüfstand.
Neue Stadtratsmehrheit, neuer Anlauf
Die PvdA hatte im Oktober 2025 erstmals einen formellen Vorstoß gewagt: Touristen solle der Cannabis-Kauf in der Innenstadt verboten werden, um den Partytourismus einzudämmen. Der Plan fand damals keine Mehrheit. Doch durch die Kommunalwahl im März 2026 könnte sich das ändern. GroenLinks, bislang ein starker Gegner des Verbots, fusioniert nach der Wahl mit der PvdA und dürfte dann die Linie der Partnerpartei verfolgen.
Bürgermeisterin Femke Halsema hat bereits signalisiert, das Verbot eigenständig umsetzen zu wollen – bevorzugt aber eine Mehrheit im Stadtrat. Sollte diese nach den Wahlen zustande kommen, wäre Amsterdam nach jahrzehntelanger Ausnahmestellung endgültig im Mainstream der niederländischen Cannabispolitik angekommen: Cannabis nur noch für Einheimische.
Geschäftsleute warnen: Mehr Dealer, weniger Transparenz
Die Reaktionen aus dem Rotlichtviertel und der Tourismusbranche sind eindeutig ablehnend. Eine Koalition von Coffeeshop-Betreibern und Geschäftsinhabern warnt vor einem Dominoeffekt: Wenn internationale Gäste keinen legalen Zugang mehr haben, weichen sie auf Straßenhändler aus – mit allen Konsequenzen für Qualität, Sicherheit und öffentliche Ordnung.
Kein Geringerer als Dirk Korf, emeritierter Kriminologe und langjähriger Erforscher der Coffeeshop-Szene, teilt diese Einschätzung. Eine Studie ergab, dass rund ein Viertel der ausländischen Touristen angab, im Falle eines Verbots zum Schwarzmarkt zu wechseln. Ein Muster, das aus anderen europäischen Regulierungsdebatten bekannt ist – etwa aus der Schweiz, wo legale Abgabemodelle den illegalen Markt systematisch zurückdrängen, sobald Verfügbarkeit und Qualität stimmen.
Das niederländische Pilotprojekt als Alternative
Dabei ist der politische Wille zu einer Neuregelung in den Niederlanden grundsätzlich vorhanden – er bewegt sich nur in eine andere Richtung. Seit April 2025 läuft das nationale Pilotprojekt für regulierten Cannabis-Anbau und -Verkauf in zehn Modellkommunen. Dort kaufen Coffeeshops ihr Cannabis von staatlich kontrollierten Erzeugern – ein Paradigmenwechsel weg vom geduldeten Graumarkt hin zu echter Regulierung.
Das ist der eigentliche Widerspruch der aktuellen Debatte: Einerseits experimentiert der niederländische Staat mit dem wohl progressivsten Cannabis-Regulierungsmodell Europas. Andererseits diskutiert Amsterdam, ausgerechnet jetzt den Zugang für jene Touristen zu sperren, die das System seit Jahrzehnten mitfinanzieren. Ob das politisch konsistent ist, bleibt die offene Frage.
Was das für DACH-Länder bedeutet
Für deutschsprachige Cannabiskonsumenten ist Amsterdam schon lange kein Pflichtprogramm mehr. Seit der deutschen Teillegalisierung im April 2024 können Erwachsene hierzulande legal konsumieren und über Cannabis Social Clubs Zugang zu reguliertem Cannabis erhalten. Auch in der Schweiz laufen Pilotprojekte, die kontrollierte Abgabe ermöglichen. Und selbst in Österreich ist das Schreckgespenst des Cannabistourismus weitgehend ausgeblieben – entgegen früherer Befürchtungen.
Ein Amsterdamer Touristenverbot würde diesen Trend höchstens beschleunigen: Wer früher in die Niederlande fuhr, um legal einzukaufen, bleibt dann schlicht zuhause. Der symbolische Verlust wäre aber ein anderer – ein Stück europäischer Cannabisgeschichte, das still und leise zu Ende geht.
Häufige Fragen
Was plant Amsterdam genau beim Coffeeshop-Touristenverbot?
Amsterdam erwägt, internationalen Touristen den Kauf von Cannabis in Coffeeshops der Innenstadt zu verbieten. Nach dem Vorbild anderer niederländischer Städte würde Cannabis dann nur noch für offiziell gemeldete Einwohner erhältlich sein. Nach den Kommunalwahlen vom 18. März 2026 könnte es erstmals eine Stadtratsmehrheit für diesen Schritt geben.
Ist ein Coffeeshop-Besuch in Amsterdam für Deutsche noch legal?
Aktuell noch ja – Touristen dürfen in Amsterdam weiterhin Coffeeshops besuchen und Cannabis kaufen. Das könnte sich jedoch ändern, wenn der Stadtrat das geplante Ingezetenenkriterium für Amsterdam beschließt. Bis dahin gilt die bestehende Toleranzregelung.
Warum warnen Kritiker vor mehr Schwarzmarkt?
Eine Studie zeigt, dass rund ein Viertel der ausländischen Touristen bei einem Verbot auf Straßenhändler ausweichen würde. Kriminologen und Coffeeshop-Betreiber befürchten, dass ein Verbot das Gegenteil des Gewünschten bewirkt: mehr illegaler Handel, weniger Kontrolle über Qualität und Mengen, höheres Risiko für Konsumenten.
Wie unterscheidet sich das niederländische Modellprojekt vom bisherigen System?
Im Rahmen des nationalen Pilotprojekts beziehen Coffeeshops in zehn Gemeinden ihr Cannabis von staatlich zugelassenen Erzeugern – statt wie bisher aus dem geduldeten Graumarkt. Das schafft erstmals eine lückenlose, regulierte Lieferkette vom Anbau bis zum Verkauf und gilt als Blaupause für eine mögliche vollständige Legalisierung in den Niederlanden.
Was bedeutet ein mögliches Verbot für Reisende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz?
Praktisch wenig – denn die legale Ausgangslage hat sich im DACH-Raum in den letzten Jahren erheblich verbessert. Deutschland erlaubt Eigenanbau und Cannabis-Clubs, die Schweiz testet regulierte Abgabe, Österreich verzeichnet keinen nennenswerten Cannabistourismus. Amsterdam als Reiseziel für Cannabiskonsum hat an Bedeutung verloren – ein Verbot würde das nur formalisieren.







































