Zwei Jahre nach dem Inkrafttreten des Cannabisgesetzes zeigt eine der größten deutschen Befragungsreihen keinen messbaren Anstieg beim Cannabiskonsum. Ein Forschungsteam um den Düsseldorfer Suchtforscher Daniel Kotz und den Hamburger Gesundheitswissenschaftler Jakob Manthey hat die Daten von 35.957 Menschen ausgewertet. Weder der Konsum im vergangenen Jahr noch der tägliche Gebrauch haben sich nach dem 1. April 2024 statistisch erkennbar verändert.
📑 Inhaltsverzeichnis
Cannabiskonsum nach der Legalisierung: Was die Studie gemessen hat

Die Arbeit ist am 11. September 2026 im International Journal of Drug Policy erschienen. Grundlage sind 23 Befragungswellen zwischen April 2022 und April 2026, also rund zwei Jahre vor und zwei Jahre nach der Reform. Befragt wurden Menschen zwischen 14 und 64 Jahren. Insgesamt gaben 2.302 von ihnen an, in den zwölf Monaten vor der Befragung mindestens einmal Cannabis konsumiert zu haben. Das entspricht 6,4 Prozent der Stichprobe, gerechnet über alle Wellen zusammen.
Die Forschenden haben nicht einfach Vorher-Nachher-Zahlen verglichen. Sie haben den Trend vor der Reform modelliert und geprüft, ob dieser Trend nach dem Stichtag abknickt. Dafür nutzten sie eine stückweise logistische Regression mit einem möglichen Knick ab der ersten vollständigen Befragungswelle nach April 2024. Untersucht wurden die Gesamtstichprobe, Männer und Frauen getrennt sowie zwei Altersgruppen: 14 bis 24 Jahre und 25 bis 64 Jahre. Zusätzlich betrachtete das Team den Anteil der täglich oder fast täglich Konsumierenden unter allen, die überhaupt Cannabis nutzen.
Kein Trendbruch, auch nicht bei Jugendlichen

Das Ergebnis ist eindeutig. Keiner der Koeffizienten für eine Trendänderung nach der Reform war statistisch signifikant, alle p-Werte lagen bei 0,15 oder darüber. Das gilt für die Gesamtbevölkerung, für beide Geschlechter und ausdrücklich auch für die jüngere Altersgruppe. Gerade beim Jugendschutz hatten Kritiker des Gesetzes einen deutlichen Anstieg vorhergesagt. Auch der intensive Konsum blieb stabil. Vor der Reform zeigte sich lediglich unter den Konsumierenden ein leicht rückläufiger Trend beim täglichen Gebrauch.
Um Zufallsbefunde auszuschließen, haben die Autoren sogenannte Placebo-Tests gerechnet. Dabei wird der Reformzeitpunkt künstlich auf andere Daten verschoben. Auch diese Sensitivitätsanalysen stützen das Hauptergebnis. Das Team zieht daraus einen vorsichtigen Schluss: Die Reform war in den ersten zwei Jahren nicht mit einer Veränderung der Konsumprävalenz verbunden.
Was der Befund bedeutet und was nicht
Die Studie reiht sich in eine Serie ähnlicher Ergebnisse ein. Schon die Längsschnittstudie der Universität Trier fand mit 605 Erwachsenen keinen nennenswerten Konsumanstieg. Die neue Auswertung hat allerdings ein ganz anderes Gewicht, weil sie auf fast 36.000 Befragten beruht und den Trend schon vor der Reform abbildet. Ein ähnliches Muster zeigen Daten aus acht Jahren legaler Läden in Kalifornien.
Ein Freibrief ist das trotzdem nicht. Die Studie misst Häufigkeiten, keine Folgen. Sie sagt nichts über die Herkunft des Cannabis, den Anteil des Schwarzmarkts oder gesundheitliche Schäden aus. Andere Daten zeichnen hier ein gemischteres Bild, etwa die Auswertung, nach der es bei Klinikeinweisungen einen moderaten Anstieg bei Erwachsenen gab. Außerdem handelt es sich um wiederholte Querschnittsbefragungen. Es wurden also nicht dieselben Personen über vier Jahre begleitet. Die Autoren empfehlen ausdrücklich, die Entwicklung länger und mit weiteren Datenquellen zu verfolgen, weil sich Effekte später zeigen könnten.
Zur Einordnung gehört auch die Finanzierung. Kotz erhielt laut Interessenerklärung Mittel des Bundesgesundheitsministeriums. Vier der fünf Autoren arbeiten zudem im Projekt EKOCAN mit, der offiziellen Begleitevaluation des Konsumcannabisgesetzes. Dieses Team hat zuletzt auch das Konsumverbot in Anbauvereinigungen kritisch bewertet.
Rückenwind für die Debatte um das Cannabisgesetz

Politisch kommt die Studie zu einem heiklen Zeitpunkt. Aus der Union kommen weiter Forderungen nach Korrekturen, aus Bayern kommen zugleich Rufe nach einer Cannabissteuer. Wer eine Rücknahme des Gesetzes mit einer Konsumwelle begründet, muss sich nun an diesen Daten messen lassen. Die Grundsatzfrage, ob Legalisierung den Konsum treibt, wird in Deutschland seit Jahren gestellt. Schon das Streitgespräch zwischen Rainer Thomasius und Bernd Werse drehte sich 2017 genau um diesen Punkt. Für die ersten zwei Jahre liegt nun eine belastbare Antwort vor. Was danach kommt, bleibt eine Aufgabe für die weitere Evaluation, über deren Stand unser Überblick zur Evaluation des CanG informiert.
Überrascht dich, dass der Cannabiskonsum nach der Legalisierung stabil blieb?
Häufige Fragen
Ist der Cannabiskonsum in Deutschland nach der Legalisierung gestiegen?
Laut der Studie von Kotz und Kollegen nicht messbar. In den ersten zwei Jahren nach dem 1. April 2024 zeigte sich weder beim Konsum im vergangenen Jahr noch beim täglichen Konsum ein statistisch signifikanter Trendbruch.
Wie viele Menschen wurden für die Studie befragt?
Ausgewertet wurden 35.957 Personen zwischen 14 und 64 Jahren aus 23 Befragungswellen von 2022 bis 2026. Davon berichteten 2.302 Personen von Cannabiskonsum in den vorangegangenen zwölf Monaten.
Gilt das Ergebnis auch für Jugendliche und junge Erwachsene?
Ja. Die Forschenden haben die Gruppe der 14- bis 24-Jährigen gesondert untersucht. Auch dort fand sich nach der Reform keine signifikante Veränderung des Trends.
Beweist die Studie, dass das Cannabisgesetz keine Auswirkungen hat?
Nein. Die Studie misst nur, wie häufig konsumiert wird. Aussagen zu Gesundheitsfolgen, zur Herkunft des Cannabis oder zu langfristigen Effekten trifft sie nicht. Die Autoren raten deshalb zu einer längeren Beobachtung mit weiteren Datenquellen.
Wo wurde die Studie veröffentlicht?
Die Arbeit ist am 11. September 2026 im International Journal of Drug Policy erschienen, einer Fachzeitschrift mit Peer-Review. Sie ist unter der DOI 10.1016/j.drugpo.2026.105501 abrufbar.
Quellen: Kotz D, Manthey J, Klosterhalfen S, Steinhoff P, Viechtbauer W: Cannabis use prevalence before and early after partial legalisation in Germany. International Journal of Drug Policy, 11.09.2026, DOI 10.1016/j.drugpo.2026.105501 (PubMed 42727136); Hanfjournal, 01.10.2026.





































