Seit der Teillegalisierung von Cannabis im April 2024 werden in Deutschland etwas mehr Menschen mit cannabisbedingten Diagnosen in Kliniken aufgenommen. Das zeigt eine neue Auswertung des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS), die im Deutschen Ärzteblatt erschienen ist. Der Anstieg fällt bei Erwachsenen moderat aus, bei Jugendlichen war er nur vorübergehend.
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Was die Ekocan-Studie zu Klinikeinweisungen untersucht hat
Die Untersuchung gehört zum Forschungsprojekt Ekocan, das das Bundesgesundheitsministerium 2024 in Auftrag gegeben hat. Geleitet wird es von Jakob Manthey am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Für die Auswertung nutzten die Forschenden die Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenkassen aus dem Zeitraum von Januar 2022 bis September 2025.
Berücksichtigt wurden ausschließlich stationäre Aufenthalte, bei denen eine cannabisbezogene Diagnose als Hauptdiagnose vergeben wurde. Dazu zählen die ICD-10-Schlüssel F12.0 bis F12.9 sowie T40.7. Insgesamt flossen 77.232 Krankenhausaufnahmen in die Analyse ein. Die Forschenden verglichen jeweils zwölf Monate vor und nach dem Inkrafttreten des Cannabisgesetzes.
Deutlicher Anstieg bei Intoxikationen und Psychosen

Bei den Erwachsenen stieg die Gesamtzahl der cannabisbezogenen Aufnahmen um 5,6 Prozent. Das entspricht rund 1.359 zusätzlichen stationären Fällen im Jahr nach der Gesetzesänderung. Die wöchentliche Rate je 1.000 Krankenhausaufnahmen kletterte von 1,12 auf 1,27.
Zwei Diagnosegruppen fielen dabei besonders auf. Akute Intoxikationen nahmen um 37,1 Prozent zu, cannabisinduzierte Psychosen um 16,4 Prozent. Diese beiden Kategorien treiben den Gesamtanstieg maßgeblich. Wer die Hintergründe zu psychotischen Reaktionen einordnen möchte, findet in unserem Überblick zu Cannabis und Psychosen die wichtigsten Risikogruppen. Eine Vanderbilt-Studie zum Mischkonsum hatte zuletzt gezeigt, dass die Kombination aus Cannabis und Tabak das Psychose-Risiko bei vorbelasteten Personen zusätzlich erhöht.
Bei Jugendlichen nur ein vorübergehender Effekt

Bei Jugendlichen zeichnet sich ein anderes Bild ab. Kurz nach der Teillegalisierung stieg die Zahl der Aufnahmen zunächst um 14,9 Prozent. Dieser Effekt schwächte sich jedoch Woche für Woche um 0,4 Prozentpunkte ab und war nach etwa 35 Wochen wieder verschwunden. Über zwölf Monate summierten sich rund 91 zusätzliche Fälle. Die wöchentliche Rate stieg von 1,07 auf 1,22 je 1.000 Aufnahmen.
Damit passt der Befund zu anderen Erhebungen, die keinen dauerhaften Konsumanstieg bei Minderjährigen gefunden haben. Der vorübergehende Ausschlag deutet eher auf einen kurzfristigen Neugier-Effekt hin als auf eine bleibende Verhaltensänderung. Für die Prävention bleibt die Altersgruppe dennoch im Fokus.
Wie die Forschenden die Zahlen einordnen

Die Studienautoren mahnen zur Vorsicht bei der Deutung. Aus den Abrechnungsdaten lässt sich nicht zweifelsfrei ableiten, dass die Gesetzesänderung die alleinige Ursache ist. Der Cannabiskonsum in der Bevölkerung ist seit April 2024 nur moderat gestiegen. Im Studientext heißt es, die Ergebnisse deuteten auf einen moderaten unmittelbaren Effekt der Gesetzesänderung auf die Zahl der cannabisspezifischen Krankenhausaufnahmen bei Erwachsenen hin.
Als mögliche Faktoren nennen die Forschenden die breitere Verfügbarkeit von hochpotentem Medizinalcannabis sowie die öffentliche Debatte, die manche Menschen zum Ausprobieren bewegt haben könnte. Parallel baut der Staat die Begleitforschung aus. Erst kürzlich hat die BLE die ersten vier Cannabis-Forschungsprojekte bewilligt. Wie sich die Freigabe auf den Schwarzmarkt auswirkt, haben wir zudem im CanG-Zwischenbericht beleuchtet.
Für die Versorgung ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe. Auf der einen Seite steht der medizinische Nutzen, etwa bei chronischen Schmerzen oder PTBS. Auf der anderen Seite braucht es Aufklärung über Dosierung und Risiken, damit sich die Zahl akuter Zwischenfälle nicht weiter erhöht. Belastbare Aussagen zur langfristigen Entwicklung sind erst mit mehreren Jahren Datenbasis möglich.
Häufige Fragen
Um wie viel sind die cannabisbedingten Klinikeinweisungen gestiegen?
Bei Erwachsenen nahm die Gesamtzahl der cannabisbezogenen Krankenhausaufnahmen im Jahr nach der Teillegalisierung um 5,6 Prozent zu. Das sind rund 1.359 zusätzliche Fälle. Besonders deutlich stiegen akute Intoxikationen mit 37,1 Prozent und cannabisinduzierte Psychosen mit 16,4 Prozent.
Bedeutet der Anstieg, dass die Legalisierung schuld ist?
Nicht zwangsläufig. Die Studie zeigt einen zeitlichen Zusammenhang, kann aber keine Kausalität beweisen. Die Autoren verweisen darauf, dass der Konsum insgesamt nur moderat gestiegen ist und mehrere Faktoren zusammenwirken könnten, etwa die stärkere Verfügbarkeit von hochpotentem Medizinalcannabis.
Sind Jugendliche stärker betroffen?
Nein. Bei Jugendlichen gab es zwar zunächst einen Anstieg um 14,9 Prozent, dieser verschwand aber nach etwa 35 Wochen wieder. Über das gesamte Jahr summierten sich lediglich rund 91 zusätzliche Aufnahmen. Der Effekt war also nur vorübergehend.
Was sind cannabisinduzierte Psychosen?
Dabei handelt es sich um psychotische Zustände, die im engen zeitlichen Zusammenhang mit dem Konsum auftreten. Typisch sind Wahrnehmungsstörungen, Wahn oder starke Unruhe. Besonders gefährdet sind Menschen mit einer entsprechenden Veranlagung sowie Konsumierende von hochpotenten Produkten.
Wer hat die Studie durchgeführt?
Verantwortlich ist das Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf im Rahmen des Ekocan-Projekts. Dieses Projekt begleitet im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums die Folgen des Cannabisgesetzes. Die Ergebnisse erschienen im Deutschen Ärzteblatt.
Quellen: Deutsches Ärzteblatt (ZIS/Ekocan-Studie, Manthey et al.), Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung am UKE.







































