Wenn in Deutschland über die Folgen der Teillegalisierung gestritten wird, fällt fast immer der Verweis auf Kalifornien. Der US-Bundesstaat hat seine Cannabisläden im Januar 2018 geöffnet und liefert damit den längsten zusammenhängenden Datensatz, den ein westlicher Markt zu bieten hat. Eine neue Auswertung der University of California in San Diego hat diesen Zeitraum jetzt vollständig durchgerechnet, und das Ergebnis fällt unspektakulärer aus, als beide Lager es gern hätten.
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Was die Forscher aus San Diego ausgewertet haben
Die Studie erschien im „Journal of Cannabis Research“. Verantwortlich sind Wissenschaftler des Center for Medicinal Cannabis Research und der Herbert Wertheim School of Public Health and Human Longevity Science an der UC San Diego. Ausgewertet wurden die Antworten von 178.836 Erwachsenen aus dem California Health Interview Survey, einer der größten regelmäßigen Gesundheitsbefragungen der Vereinigten Staaten.
Der Untersuchungszeitraum reicht von 2017 bis 2024. Damit deckt er das Jahr vor dem Start des lizenzierten Verkaufs ab und dazu die ersten sieben Jahre eines funktionierenden Einzelhandels. Kalifornien hatte den Freizeitkonsum im November 2016 per Volksabstimmung über Proposition 64 freigegeben, die ersten Läden öffneten am 1. Januar 2018.
Der Gesamtkonsum bewegte sich kaum

Der Anteil der Erwachsenen, die im zurückliegenden Jahr Cannabis konsumiert hatten, lag 2017 bei 22,1 Prozent. 2024 waren es 23,5 Prozent. Diesen Unterschied stufen die Autoren als statistisch nicht signifikant ein. Beim Konsum im zurückliegenden Monat zeigt sich zunächst ein Ausschlag nach oben, von 14,5 Prozent im Jahr 2017 auf 17,7 Prozent im Jahr 2018. Danach ging der Wert wieder zurück, auf 15,4 Prozent im Jahr 2024. Auch dieser Endstand unterscheidet sich nicht bedeutsam vom Niveau vor der Ladenöffnung.
Bemerkenswert ist vor allem, was bei den jungen Erwachsenen passierte, nämlich nichts. In der Altersgruppe von 18 bis 25 Jahren fanden die Forscher über den gesamten Zeitraum keine signifikanten Veränderungen. Genau diese Gruppe steht in der deutschen Debatte im Zentrum, wenn vor einer Konsumwelle gewarnt wird. Die kalifornischen Zahlen stützen diese Sorge nicht. Ein ähnliches Bild zeichnete zuletzt die Trierer Längsschnittstudie zum Konsum nach der Teillegalisierung, wenn auch auf deutlich kleinerer Stichprobe.
Die Älteren sind die eigentliche Veränderung

Wo sich wirklich etwas verschoben hat, ist am anderen Ende der Altersskala. Bei den 40- bis 59-Jährigen stieg der Monatskonsum von 10,7 auf 14,5 Prozent. Bei den Menschen ab 75 Jahren hat er sich mehr als verdoppelt, von 2,4 auf 5,5 Prozent. Die Autoren führen diese Entwicklung auf ein wachsendes Interesse an gesundheitlichen Anwendungen zurück, nicht auf einen neuen Freizeittrend unter Senioren.
Das passt zu Befunden aus anderen Ländern. Eine große JAMA-Auswertung zum Cannabisgebrauch älterer Erwachsener zeigte in diesem Jahr, dass viele Ältere gezielt zu Cannabis greifen, um klassische Medikamente zu ersetzen. Wer die Legalisierungsdebatte ausschließlich als Jugendschutzdebatte führt, übersieht also die Gruppe, in der sich tatsächlich etwas bewegt. Für die Versorgungsplanung ist das die interessantere Nachricht.
Was das für die deutsche Debatte bedeutet

Kalifornien ist nicht Deutschland. Der US-Bundesstaat hat einen kommerziellen Einzelhandel mit Werbung und Markenprodukten, das deutsche Konsumcannabisgesetz kennt nur Eigenanbau und Anbauvereinigungen. Trotzdem taugt der kalifornische Verlauf als Prüfstein für ein zentrales Argument. Wenn schon ein voll kommerzialisierter Markt nach acht Jahren keinen messbaren Anstieg beim Gesamtkonsum produziert, ist die Erwartung eines Konsumbooms durch das deutlich engere deutsche Modell schwer zu begründen.
Umgekehrt liefert die Studie auch keinen Freifahrtschein. Sie misst Prävalenz, also wie viele Menschen konsumieren. Sie misst nicht, wie problematisch dieser Konsum ist. Deutsche Daten wie die BIÖG-Drogenaffinitätsstudie 2025 zeigen bei einzelnen Gruppen sehr wohl Bewegung. Die ehrliche Zwischenbilanz lautet deshalb, dass die großen Umbrüche in beide Richtungen ausgeblieben sind. Wer sich fragt, ob die Freigabe von Cannabis ein Fehler war, findet in Kalifornien vor allem eines, nämlich die Normalisierung statt der befürchteten Eskalation.
Wo die Studie an ihre Grenzen stößt
Die Autoren benennen ihre Schwachstellen selbst. Die Erhebungsmethodik des California Health Interview Survey wurde im Untersuchungszeitraum verändert, was Vergleiche über die Jahre erschwert. Die Pandemie ab 2020 hat das Konsumverhalten zusätzlich überlagert. Und der Zugang zu legalem Cannabis ist in Kalifornien alles andere als flächendeckend. Mehr als die Hälfte der Bezirke untersagt kommerzielle Cannabisbetriebe bis heute. Solche kommunalen Verbote sind auch in anderen US-Bundesstaaten die Regel.
Was die Studie trotzdem leistet, ist ein Realitätsabgleich. Acht Jahre sind lang genug, um kurzfristige Neugier-Effekte von dauerhaften Verhaltensänderungen zu trennen. Der Ausschlag von 2018 war offenbar genau das, ein Neugier-Effekt.
Häufige Fragen
Ist der Cannabiskonsum in Kalifornien nach der Legalisierung gestiegen?
Nicht in einem statistisch bedeutsamen Ausmaß. Der Jahreskonsum lag 2017 bei 22,1 Prozent und 2024 bei 23,5 Prozent der Erwachsenen. Den Unterschied stufen die Autoren als nicht signifikant ein. Beim Monatskonsum gab es 2018 einen kurzen Anstieg, der sich bis 2024 wieder zurückbildete.
Welche Altersgruppe konsumiert seit der Legalisierung mehr?
Vor allem die Älteren. Bei den 40- bis 59-Jährigen stieg der Monatskonsum von 10,7 auf 14,5 Prozent, bei den über 75-Jährigen von 2,4 auf 5,5 Prozent. Die Forscher vermuten dahinter ein gewachsenes Interesse an gesundheitlichen Anwendungen. Bei den 18- bis 25-Jährigen blieben die Werte dagegen stabil.
Wie belastbar sind die Ergebnisse?
Die Stichprobe von 178.836 Befragten ist sehr groß und stammt aus einer etablierten staatlichen Gesundheitsbefragung. Die Autoren weisen aber auf Methodenwechsel während des Erhebungszeitraums, auf den Einfluss der Pandemie und auf regional sehr unterschiedliche Verfügbarkeit hin. Die Befunde sind belastbar, aber nicht eins zu eins auf andere Märkte übertragbar.
Lässt sich das Ergebnis auf Deutschland übertragen?
Nur eingeschränkt. Kalifornien hat einen kommerziellen Einzelhandel, Deutschland setzt auf Eigenanbau und Anbauvereinigungen ohne Gewinnabsicht. Wenn der weitaus offenere kalifornische Markt jedoch keinen dauerhaften Konsumanstieg zeigt, spricht wenig dafür, dass das engere deutsche Modell einen solchen auslöst.
Sagt die Studie etwas über problematischen Konsum aus?
Nein. Die Auswertung erfasst die Verbreitung des Konsums, nicht dessen Intensität oder mögliche Folgeschäden. Fragen zu Abhängigkeit, Klinikeinweisungen oder psychischen Folgen müssen andere Untersuchungen beantworten. Die Studie beantwortet ausschließlich die Frage, ob nach der Ladenöffnung mehr Menschen konsumieren.
Quellen: Journal of Cannabis Research (UC San Diego, Center for Medicinal Cannabis Research und Herbert Wertheim School of Public Health and Human Longevity Science), California Health Interview Survey 2017 bis 2024.





































