Das Bundeskriminalamt hat am 14. September 2026 das Bundeslagebild Rauschgiftkriminalität 2025 veröffentlicht. Zwei Zahlen daraus werden die Debatte prägen, und sie zeigen in entgegengesetzte Richtungen: Die Zahl der registrierten Cannabisdelikte ist auf 42.909 gefallen. Gleichzeitig hat sich die sichergestellte Marihuanamenge auf 63,8 Tonnen verdreifacht.
📑 Inhaltsverzeichnis
Was das BKA für 2025 gezählt hat
Von den 42.909 Cannabisdelikten entfielen 42.823 auf Verstöße gegen das Konsumcannabisgesetz und 86 auf Verstöße gegen das Medizinal-Cannabisgesetz. Den größten Block bildet mit 25.093 Fällen der unerlaubte Handel und Schmuggel. Auf die besonders schweren Fälle nach § 34 Absatz 3 KCanG entfallen 5.207 Delikte, davon 4.328 wegen gewerbsmäßigen Umgangs oder Umgangs mit nicht geringen Mengen. Bei den Verbrechenstatbeständen nach § 34 Absatz 4 KCanG, zu denen auch die bandenmäßige Begehung zählt, registrierte das BKA 998 Delikte. Insgesamt wurden 34.037 Tatverdächtige erfasst, davon 19.184 mit deutscher Staatsangehörigkeit.
Die Gesamtzahl der Rauschgiftdelikte sank um 27,7 Prozent auf 228.104 Fälle. Rechnet man Cannabis heraus, ergibt sich ein völlig anderes Bild: Dieser Bereich liegt bei 122.082 Fällen und damit nur 4,6 Prozent unter dem Vorjahr. Der Rückgang der Gesamtstatistik ist also fast vollständig ein Cannabiseffekt, nicht das Ergebnis einer allgemein rückläufigen Drogenkriminalität. Ähnlich hatte zuvor bereits die DIW-Auswertung zu Cannabis und Kokain argumentiert.
Warum der Vergleich mit 2023 nicht trägt
In der Branchenberichterstattung kursiert seit Montag die Rechnung, die Cannabisdelikte seien seit 2023 um rund 80 Prozent gesunken. Rein arithmetisch stimmt das: 215.865 Fälle im Jahr 2023, 101.345 im Jahr 2024, 42.909 im Jahr 2025. Das BKA selbst hält in einer Fußnote jedoch ausdrücklich fest, dass Vergleiche der Deliktzahl 2025 mit den Vorjahren nicht möglich sind.
Dafür gibt es zwei Brüche in der Statistik. Bis 2023 wurden Cannabisdelikte ausschließlich nach dem Betäubungsmittelgesetz erfasst, 2024 wegen der unterjährigen Gesetzesänderung nach BtMG oder CanG und seit 2025 ausschließlich nach dem CanG. Hinzu kommen geänderte PKS-Schlüssel zwischen 2024 und 2025. Wer die drei Werte trotzdem in eine Reihe stellt, vergleicht drei unterschiedliche Erfassungsregime. Die Botschaft bleibt richtig, dass die Entkriminalisierung massenhaft Strafverfahren erspart hat. Die Prozentzahl ist trotzdem eine, die die Behörde ihren eigenen Daten nicht entnehmen würde. Diese Vorsicht fehlte schon bei der Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik 2025 in Teilen der Berichterstattung.
Verdreifachte Sicherstellungen und 567 Plantagen
Die belastbarere Zahl steht ohnehin an anderer Stelle. Während 2024 rund 19,4 Tonnen Marihuana sichergestellt wurden, waren es 2025 genau 63,8 Tonnen. Die Haschischmenge blieb mit 5,1 Tonnen nahezu unverändert. Dazu kommen 567 sichergestellte Cannabisplantagen mit Anbaukapazitäten ab 20 Pflanzen, ein Plus von rund 55 Prozent gegenüber 366 im Vorjahr. Darunter waren 79 Profiplantagen, 174 Großplantagen und 314 Kleinplantagen, ganz überwiegend Indoor.
Das BKA beschreibt außerdem eine Verschiebung der Schmuggelwege. Ein Großteil des sichergestellten Cannabis kam per Seecontainer oder Postversand aus Kanada, den USA und Thailand, dazu vermehrt per Luftfracht aus den USA und im Fluggepäck aus Thailand. Aus Spanien, wo sich professioneller Anbau durch organisierte Gruppen etabliert hat, gelangt Ware per Postversand nach Deutschland. Diese Routenverlagerung deckt sich mit Fällen, über die wir bereits berichtet haben, etwa dem kalifornischen Cannabis in einer Möbelfracht.
Was das über den Schwarzmarkt aussagt
Sicherstellungsmengen sind kein direktes Maß für Angebot. Sie hängen auch davon ab, wo kontrolliert wird und wie viele Kräfte dafür frei sind. Genau darin liegt der interessante Punkt: Weil Besitz und Eigenanbau in Grenzen straffrei sind, müssen Polizei und Zoll deutlich weniger Kleinstfälle bearbeiten. Die frei werdende Kapazität landet erkennbar bei Handel, Schmuggel und Plantagen. Dass parallel die Zahl der aufgedeckten Plantagen um mehr als die Hälfte steigt, passt in dieses Bild.
Die politische Lesart bleibt umstritten. Der BKA-Präsident hatte bereits im Frühjahr erklärt, der Schwarzmarkt sei trotz Legalisierung ungebrochen. Das Lagebild stützt diese Einschätzung insofern, als der Zufuhrdruck aus dem Ausland hoch bleibt. Es widerlegt aber auch die Erwartung, ein legaler Bezugsweg für Erwachsene lasse das illegale Angebot von selbst verschwinden, wenn dieser Weg über Anbauvereinigungen eng bleibt und Modellprojekte nicht starten. Für die historische Einordnung lohnt der Vergleich mit einem früheren Jahresbericht zur Rauschgiftkriminalität aus der Prohibitionszeit.
Wirkstoffgehalt: Haschisch zieht davon
Eine oft behauptete Entwicklung relativiert das Lagebild deutlich. Der mediane Wirkstoffgehalt des sichergestellten Marihuanas ist in zehn Jahren nur geringfügig gestiegen, von 12,6 Prozent im Jahr 2014 auf 14,9 Prozent im Jahr 2025. Von einer Verdopplung der Blütenpotenz kann keine Rede sein. Anders bei Haschisch: Dort hat sich der Median im selben Zeitraum von 9,7 auf 27,8 Prozent mehr als verdoppelt. Wer über Risiken durch hohe THC-Gehalte spricht, spricht also vor allem über Extrakte und Harz, nicht über Blüten vom Schwarzmarkt.
Häufige Fragen
Was ist das Bundeslagebild Rauschgiftkriminalität?
Es ist ein jährlicher Bericht des Bundeskriminalamts zur Lage und Entwicklung der Drogenkriminalität in Deutschland, aufgeschlüsselt nach Substanzen. Grundlage sind vor allem Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik sowie Erkenntnisse aus Ermittlungsverfahren.
Warum sind die Cannabiszahlen nicht mit früheren Jahren vergleichbar?
Weil sich die Erfassungsgrundlage zweimal geändert hat. Bis 2023 galt das Betäubungsmittelgesetz, 2024 lagen beide Rechtsstände in einem Jahr, seit 2025 wird ausschließlich nach dem Cannabisgesetz erfasst. Zusätzlich wurden die PKS-Schlüssel angepasst.
Bedeuten mehr Sicherstellungen einen größeren Schwarzmarkt?
Nicht zwingend. Sicherstellungen sind Kontrollergebnisse und hängen von Schwerpunktsetzung und Personaleinsatz ab. Ein Anstieg kann ebenso auf intensivere Ermittlungen gegen Handel und Schmuggel hindeuten wie auf ein größeres Angebot.
Wie hoch ist der THC-Gehalt im beschlagnahmten Cannabis?
Beim Marihuana liegt der Median für 2025 bei 14,9 Prozent, beim Haschisch bei 27,8 Prozent. Das sind Werte aus polizeilichen Sicherstellungen, sie lassen sich nicht auf legal erworbene Produkte übertragen.
Wie viele Menschen wurden 2025 wegen Cannabis beschuldigt?
Das BKA weist 34.037 Tatverdächtige im Zusammenhang mit Cannabisdelikten aus. Tatverdacht bedeutet nicht Verurteilung, ein erheblicher Teil der Verfahren wird eingestellt.
Quelle: Bundeskriminalamt, Bundeslagebild Rauschgiftkriminalität 2025, Stand 14. September 2026.





































