In Bern, Biel und Luzern kaufen seit knapp drei Jahren mehr als tausend Menschen ihr Cannabis legal in der Apotheke. Am Montag haben die drei Städte in Bern die erste große Zwischenbilanz der wissenschaftlichen Begleitstudie SCRIPT vorgestellt. Das zentrale Ergebnis widerspricht der gängigsten Befürchtung gegen regulierte Abgabe: Der legale Zugang führt nicht dazu, dass die Teilnehmenden häufiger konsumieren.
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Was die SCRIPT-Studie untersucht
SCRIPT steht für „Safer Cannabis Research In Pharmacies randomized controlled Trial“ und wird von den Universitäten Bern und Luzern unter der Leitung von Reto Auer von der Universität Bern durchgeführt. Beteiligt sind neun Apotheken in den drei Städten. In Bern und Biel läuft der Verkauf seit Herbst 2023, Luzern kam Mitte 2024 dazu. Insgesamt nehmen 1.177 Personen teil, davon 777 in Bern, 261 in Luzern und 139 in Biel.
Teilnehmen darf nur, wer volljährig ist und ohnehin bereits regelmäßig konsumiert. Der Versuch rekrutiert also keine neuen Konsumierenden, sondern holt bestehende aus dem Schwarzmarkt heraus. Bewilligt wurde er vom Bundesamt für Gesundheit und den kantonalen Ethikkommissionen, finanziert wird die Forschung unter anderem vom Schweizerischen Nationalfonds und vom Tabakpräventionsfonds. Die Anlage als randomisierte kontrollierte Studie unterscheidet SCRIPT von den meisten europäischen Modellversuchen. Eine ähnliche Logik verfolgte bereits die Zwischenbilanz des Basler Weed-Care-Projektes.
Kein Mehrkonsum, eher leichte Rückgänge

Die Forschenden berichten, dass der regulierte Zugang die Konsumhäufigkeit nicht erhöht hat. In den Daten zeigen sich sogar leichte Abwärtstendenzen. Das deckt sich mit den Befunden anderer Schweizer Standorte, wo der legale Markt den Schwarzmarkt schrittweise verdrängt, ohne dass die Konsummenge steigt.
Auch die befürchteten Nebeneffekte blieben aus. Die Studienleitung meldet keine Vorfälle wie den Weiterverkauf an Dritte oder auffälligen Konsum im öffentlichen Raum. Bei den verkauften Produkten dominieren mit rund 65 Prozent weiterhin Cannabisblüten, E-Liquids kommen auf 21 Prozent.
Die Beratung verschiebt die Konsumformen

Der interessanteste Teil der Zwischenbilanz betrifft nicht die Menge, sondern die Art des Konsums. In den neun Apotheken informiert das Fachpersonal beim Verkauf über schadensmindernde Konsumformen. Empfohlen werden vor allem das Verdampfen und die orale Einnahme anstelle des Rauchens. Die Forschenden sehen Hinweise darauf, dass Teilnehmende häufiger auf diese Formen wechseln.
Besonders bemerkenswert ist ein Multiplikatoreffekt: 71 Prozent der Befragten gaben an, die erhaltenen Hinweise zur Risikominderung auch an Menschen in ihrem persönlichen Umfeld weiterzugeben. Die Beratung wirkt damit über den Kreis der Studienteilnehmenden hinaus. Wer die beiden empfohlenen Alternativen einordnen will, findet die Datenlage zur oralen Aufnahme in unserer Auswertung der Johns-Hopkins-Pilotstudie zu 25 Milligramm THC und die Gerätepraxis in unserem Praxistest des AirVape Legacy Pro.
Der Preis als Instrument des Jugendschutzes

Die Preise im Versuch liegen leicht über dem Schwarzmarktniveau. Dieser Aufschlag finanziert die Beratungsleistung in der Apotheke. Ältere Teilnehmende akzeptieren das offenbar ohne Weiteres. Die 18- bis 25-Jährigen reagieren dagegen deutlich empfindlicher auf den Preis. Die Studienleitung liest das als wirksamen Hebel des Jugendschutzes, weil gerade die jüngste Gruppe über den Preis erreichbar bleibt.
Das ist ein Argument, das in der deutschen Debatte bisher kaum vorkommt. Dort wird der Preis meist nur als Wettbewerbsfaktor gegenüber dem Schwarzmarkt diskutiert, nicht als steuerbare Stellschraube für den Zugang jüngerer Erwachsener.
Was das für die Schweizer Regulierungsdebatte bedeutet
Die Ergebnisse fallen in eine heikle Phase. Das Parlament ringt weiter um eine dauerhafte Regelung, das geplante Cannabisprodukte-Gesetz, kurz CanPG. Zuletzt hat die Gesundheitskommission des Nationalrats die Vorlage an die Subkommission zurückverwiesen. Die Studienleitung sieht die Zwischenergebnisse ausdrücklich als Stütze für diesen Entwurf, was insofern erwartbar ist, als die Pilotversuche gerade dazu dienen, die Grundlage für eine solche Regelung zu liefern. Parallel wachsen die Pilotversuche weiter, etwa mit dem St. Galler Versuch mit Postversand. Belastbare Zahlen aus laufenden Projekten sind für diese Debatte das wertvollste Material.
Einordnend bleibt festzuhalten, dass es sich um eine Zwischenbilanz handelt und nicht um eine abschließende, begutachtete Publikation. Ein Teil der Befunde beruht auf Selbstauskünften der Teilnehmenden. SCRIPT läuft deshalb länger als geplant: Der Verkauf ist inzwischen bis Oktober 2028 bewilligt und endet damit zwei Jahre später als ursprünglich vorgesehen.
Häufige Fragen
Was ist die SCRIPT-Studie?
SCRIPT ist eine randomisierte kontrollierte Studie der Universitäten Bern und Luzern zum regulierten, nicht gewinnorientierten Cannabisverkauf in Apotheken. Sie läuft in Bern, Biel und Luzern mit 1.177 Teilnehmenden und neun beteiligten Apotheken. Untersucht wird, wie sich der legale Zugang in Kombination mit einer Fachberatung auf das Konsumverhalten auswirkt.
Ist der Cannabiskonsum durch die Apothekenabgabe gestiegen?
Nein. Die Zwischenergebnisse zeigen keine Zunahme der Konsumhäufigkeit, sondern leichte Abwärtstendenzen. Da nur bereits regelmäßig konsumierende Volljährige teilnehmen durften, misst die Studie allerdings nicht, ob eine allgemeine Freigabe neue Konsumierende anziehen würde.
Wer darf an dem Schweizer Pilotversuch teilnehmen?
Teilnehmen dürfen volljährige Personen mit Wohnsitz in einer der beteiligten Städte, die bereits regelmäßig Cannabis konsumieren. Der Versuch richtet sich ausdrücklich nicht an Einsteigerinnen und Einsteiger. Der Bezug erfolgt ausschließlich in den teilnehmenden Apotheken und ist an die Studienteilnahme gebunden.
Wie lange läuft die SCRIPT-Studie noch?
Der Verkauf war ursprünglich bis Oktober 2026 bewilligt. Inzwischen ist die Studie bis Oktober 2028 verlängert worden, die Auswertung reicht darüber hinaus. Damit stehen den politischen Gremien deutlich mehr Daten zur Verfügung, bevor über eine dauerhafte Regelung entschieden wird.
Lassen sich die Ergebnisse auf Deutschland übertragen?
Nur eingeschränkt. Die Schweizer Versuche arbeiten mit einer festen Studienpopulation, einer Apothekenabgabe und begleitender Beratung. Das deutsche Modell setzt auf Anbauvereinigungen und den Eigenanbau. Der Befund zur Beratungswirkung und zur Preissensibilität jüngerer Erwachsener ist trotzdem für jede Regulierungsdebatte relevant.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt den Stand vom 9. September 2026 wieder und ist keine Rechts- oder Gesundheitsberatung. Er ersetzt keine ärztliche Beratung und enthält keine Gesundheits- oder Wirkaussage zu Cannabisprodukten. Es handelt sich um eine Zwischenbilanz aus einem laufenden Pilotversuch, nicht um eine abgeschlossene, begutachtete Veröffentlichung; ein Teil der Befunde beruht auf Selbstauskünften der Teilnehmenden. Die Teilnahme am Schweizer Versuch ist an feste Voraussetzungen gebunden und in Deutschland nicht möglich.
Quellen: SCRIPT-Studie der Universitäten Bern und Luzern (script-studie.ch), gemeinsame Medienorientierung der Städte Bern, Biel und Luzern vom 7. September 2026, Bundesamt für Gesundheit (Übersicht der bewilligten Pilotversuche mit Cannabis).







































