Ein Jahr lang haben 374 regelmäßig Konsumierende in Basel ihr Cannabis legal in der Apotheke gekauft. Jetzt liegt die erste begutachtete Auswertung des Pilotversuchs Weed Care zur psychischen Gesundheit vor. Das Ergebnis: Depressive Symptome, Angst und problematischer Konsum haben sich im Mittel nicht verschlechtert, sondern leicht verringert. Die Studie hat allerdings klare Grenzen, und die gehören zur Nachricht dazu.
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Weed Care Basel: Was die neue Studie untersucht hat
Die Arbeit ist Anfang September in der Fachzeitschrift Drug and Alcohol Dependence erschienen. Erstautorin ist Eva-Maria Pichler von den Psychiatrischen Diensten Aargau, die zugleich an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg forscht. Beteiligt sind außerdem Forschende aus dem Umfeld der Basler Psychiatrie, darunter Marc Walter und Marc Vogel.
Ausgewertet wurden 374 Teilnehmende mit Apothekenzugang. Sie waren im Schnitt 35,8 Jahre alt, 81 Prozent von ihnen Männer. Abgegeben wurden Produkte mit höchstens 20 Prozent THC, die Menge war auf 10 Gramm THC pro Monat begrenzt. Zum Bezug gehörten eine Beratung durch das Apothekenpersonal und wiederholte Befragungen. Die Forschenden verglichen die Werte zu Studienbeginn mit denen nach einem Jahr und nutzten dafür lineare gemischte Modelle.
Weed Care ist für unsere Leser kein Unbekannter. Der Basler Versuch startete Anfang 2023, und über die Zwischenbilanz des Weed-Care-Projektes haben wir im April 2025 berichtet. Damals lagen nur Angaben aus einer Medienmitteilung vor. Die neue Publikation ist die erste Auswertung zu diesem Thema, die ein Peer-Review durchlaufen hat.
Die Ergebnisse zur psychischen Gesundheit

Im Mittel sanken die depressiven Symptome, gemessen mit dem Fragebogen PHQ-9, von 5,37 auf 4,53 Punkte. Auch die Angstwerte und der Wert für problematischen Konsum gingen leicht zurück. Die Rückgänge sind statistisch signifikant, aber klein. Am deutlichsten fiel der Rückgang beim Problemkonsum in der Gruppe aus, die schon zu Beginn einen hohen Wert im Screening-Test CUDIT-R hatte.
Beim Konsumverhalten zeigt sich ein gemischtes Bild. Die Teilnehmenden konsumierten nach einem Jahr etwas häufiger als zu Beginn. Die insgesamt verbrauchte Menge stieg jedoch nicht. Damit bestätigt sich die verbreitete Sorge nicht, ein legaler Zugang treibe den Verbrauch automatisch nach oben.
Ein Befund relativiert die guten Nachrichten. Der Anteil der Personen oberhalb klinisch relevanter Grenzwerte blieb praktisch gleich. Beim möglichen problematischen Konsum sank er von 32,7 auf 28,6 Prozent, der Unterschied ist statistisch nicht eindeutig. Wer vorher behandlungsbedürftige Beschwerden hatte, hatte sie in der Regel auch nachher.
Die Grenzen der Studie: keine Kontrollgruppe in dieser Auswertung

Das Gesamtprojekt Weed Care ist randomisiert angelegt. Die jetzt veröffentlichte Auswertung betrachtet aber nur die Gruppe mit Apothekenzugang. Eine parallel beobachtete Vergleichsgruppe fließt nicht ein. Die Autorinnen und Autoren schreiben deshalb selbst, dass sich aus den Daten keine Kausalaussage ableiten lässt. Ob die Apotheke die leichten Verbesserungen bewirkt hat, bleibt offen.
Hinzu kommt die Auswahl der Teilnehmenden. Mitmachen durften nur Erwachsene, die ohnehin regelmäßig konsumieren. Über Neueinsteiger oder Jugendliche sagt die Studie nichts. Laut der Aufbereitung im Hanfjournal erklärte der Faktor Zeit zudem weniger als ein Prozent der Unterschiede. Den weitaus größeren Anteil machten stabile persönliche Unterschiede zwischen den Teilnehmenden aus.
Unterm Strich belegt die Arbeit also keinen gesundheitlichen Nutzen der Apothekenabgabe. Sie spricht aber gegen die Annahme, ein regulierter Zugang verschlechtere unter diesen Bedingungen die psychische Verfassung. Wer die Debatte um Cannabis und psychische Erkrankungen breiter einordnen will, findet in unserem Überblick zu Mythen, Fakten und Risikogruppen bei Cannabis und Psychosen den Stand der Forschung.
Einordnung: Schweizer Pilotversuche und die Lage in Deutschland

Die Basler Daten ergänzen die Befunde aus Bern, Biel und Luzern. Dort hat die Studie SCRIPT vor wenigen Tagen ihre erste Zwischenbilanz vorgestellt, die wir in unserem Beitrag Cannabis aus der Apotheke: Was die Schweizer SCRIPT-Zwischenbilanz zeigt auswerten. Anders als Weed Care ist SCRIPT noch nicht begutachtet veröffentlicht. Beide Versuche zeigen bisher in dieselbe Richtung: kein deutlicher Mehrkonsum unter regulierter Abgabe. Die Schweiz diskutiert solche Modelle schon lange, wie schon unser älterer Bericht über neue Projekte und die SRF-Arena-Debatte zeigt.
In Deutschland fehlen vergleichbare Daten weiterhin. Die zweite Säule der Legalisierung mit regionalen Modellprojekten ist nicht über die Planungsphase hinausgekommen. Nach Angaben der Bundesregierung hatte die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung mit Stand November 2025 keinen einzigen wissenschaftlichen Modellversuch nach dem Konsumcannabisgesetz genehmigt. Mehr zum Hintergrund lesen Sie in unserem Beitrag Wann kommen die regionalen Modellprojekte?. Die Schweizer Studien liefern damit Erkenntnisse, die hierzulande politisch gefordert, aber praktisch nicht erhoben werden.
Häufige Fragen
Was ist das Basler Projekt Weed Care?
Weed Care ist ein wissenschaftlicher Pilotversuch des Kantons Basel-Stadt, der seit 2023 läuft. Erwachsene, die bereits regelmäßig Cannabis konsumieren, können Cannabisprodukte in ausgewählten Apotheken kaufen. Die Abgabe ist mengenmäßig begrenzt und an Beratung sowie regelmäßige Befragungen gebunden.
Hat sich die psychische Gesundheit der Teilnehmenden verschlechtert?
Nein. Nach einem Jahr lagen die Werte für Depression, Angst und problematischen Konsum im Mittel leicht niedriger als zu Beginn. Der Anteil der Personen mit klinisch relevanten Werten blieb aber praktisch unverändert.
Beweist die Studie, dass die Apothekenabgabe gesund ist?
Nein. Die Auswertung hat keine Vergleichsgruppe ohne Apothekenzugang einbezogen und lässt daher keine Aussage über Ursache und Wirkung zu. Sie zeigt lediglich, dass unter den Bedingungen des Pilotversuchs keine Verschlechterung messbar war.
Wie viel Cannabis durften die Teilnehmenden kaufen?
Die Abgabe war auf 10 Gramm THC pro Monat begrenzt, gerechnet wird also in Wirkstoff und nicht in Blütengewicht. Die Produkte durften höchstens 20 Prozent THC enthalten und wurden vom Apothekenpersonal abgegeben.
Gibt es solche Modellprojekte auch in Deutschland?
Bislang nicht. Ein eigenes Gesetz für regionale Modellprojekte mit kommerzieller Abgabe, die sogenannte zweite Säule, gibt es nicht. Forschungsvorhaben nach dem Konsumcannabisgesetz hatte die zuständige Bundesanstalt bis November 2025 nicht genehmigt. In Deutschland ist legaler Genusskonsum derzeit nur über den Eigenanbau und über Anbauvereinigungen möglich.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt den Stand vom 17. September 2026 wieder und ist keine Gesundheitsberatung. Er enthält keine Wirkaussage zu Cannabisprodukten.
Quellen: Pichler EM, Mosandl CF, Kronschnabel J et al.: Recreational cannabis access via pharmacies: A 1-year Swiss study on cannabis use and mental health. Drug and Alcohol Dependence 288 (2026), DOI 10.1016/j.drugalcdep.2026.113337 (PubMed 42715655). Hanfjournal, 16. September 2026. Bundesamt für Gesundheit, Übersicht der bewilligten Pilotversuche mit Cannabis.





































