Eine Arbeitsgruppe der Oregon State University hat den Cortisolspiegel von Menschen mit häufigem Cannabiskonsum im Speichel gemessen. Seit Anfang August laufen dazu Schlagzeilen, wonach Konsumierende bereits mit erhöhtem Stresshormon aufwachen. Der Blick in die Originalarbeit zeigt ein deutlich vorsichtigeres Bild. Der Marker, um den es der Studie eigentlich ging, unterschied sich zwischen den Gruppen nämlich gar nicht.
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Was die Cannabis-Cortisol-Studie tatsächlich gemessen hat
Julia Donner, Alexia N. Obrochta und Anita Cservenka haben ihre Arbeit am 9. Juni 2026 im Fachjournal „Cannabis“ veröffentlicht. Untersucht wurden 39 Erwachsene mit häufigem Cannabiskonsum und 43 gesunde Kontrollpersonen. Alle Teilnehmenden sammelten an zwei aufeinanderfolgenden Wochentagen Speichelproben, und zwar direkt nach dem Aufwachen, 30 Minuten später und noch einmal am Abend. Parallel dazu gaben sie ihr subjektives Stressempfinden an.
Im Zentrum stand die sogenannte Cortisol-Aufwachreaktion, in der Fachliteratur als CAR abgekürzt. Gemeint ist der Anstieg des Cortisolspiegels in der halben Stunde nach dem Erwachen. Diesen Anstieg erleben alle Menschen, und seine Höhe gilt als vergleichsweise stabiler Anhaltspunkt für die Aktivität der Stressachse zwischen Hypothalamus, Hirnanhangdrüse und Nebennierenrinde. Die Rechnung dahinter ist simpel. Man zieht den Wert beim Aufwachen von dem Wert nach 30 Minuten ab.
Der Befund, den die Schlagzeilen weglassen
Genau bei dieser Aufwachreaktion fanden die Forschenden keinen Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Der Wert lag bei p gleich 0,23 und damit weit von der üblichen Signifikanzschwelle entfernt. Die eigentliche Forschungsfrage der Studie ist damit negativ beantwortet. Wer häufig Cannabis konsumiert, zeigt am Morgen keine andere Cortisoldynamik als eine Kontrollperson.
Was sich unterschied, war allein der Ausgangswert. Direkt beim Aufwachen hatte die Konsumgruppe einen höheren Cortisolspiegel als die Kontrollgruppe, bei p gleich 0,047. Auf diesem einen Zahlenwert ruht die gesamte mediale Erzählung vom bereits gestressten Aufwachen. Wer nur die Überschrift liest, hält das für ein robustes Ergebnis. Wer die Arbeit liest, sieht einen Befund knapp unterhalb der Signifikanzschwelle.
Warum ein p-Wert von 0,047 zur Vorsicht mahnt

82 Teilnehmende sind für eine Speichelstudie eine ordentliche Zahl, für eine belastbare Aussage über die Stressachse aber keine große Stichprobe. Cortisol schwankt zudem erheblich. Auf den Messwert wirken Schlafdauer, Weckzeitpunkt, Nikotin, Koffein und die Zyklusphase. Hinzu kommt die schlichte Frage, ob jemand die Probe wirklich in der ersten Minute nach dem Aufwachen genommen hat. Zwei Messtage glätten solche Schwankungen nur begrenzt.
Dazu kommt die Bauart der Studie. Es handelt sich um einen Querschnitt, nicht um eine Längsschnittuntersuchung. Ob der Konsum den Cortisolspiegel hebt oder ob Menschen mit ohnehin höherem Grundstress häufiger konsumieren, lässt sich daraus nicht entscheiden. Cservenka sagt das in der Mitteilung ihrer Hochschule ausdrücklich selbst. Diese Zurückhaltung ist auf dem Weg in die Schlagzeilen verloren gegangen. Wie schnell aus einem Messwert eine Gewissheit wird, haben wir zuletzt bei den Drogenvortests nach einem österreichischen Festival beschrieben.
Der interessantere Befund liegt bei den Konsumfolgen

Untergegangen ist der dritte Befund, und er ist der aussagekräftigste der ganzen Arbeit. Das erhöhte Aufwach-Cortisol hing nicht an der Konsummenge oder der Konsumhäufigkeit. Es hing an den negativen Konsumfolgen, die die Teilnehmenden für sich selbst angaben, und zwar bei p gleich 0,007. Das ist der deutlichste Zusammenhang der gesamten Studie.
Diese Unterscheidung ist mehr als eine statistische Feinheit. Sie verschiebt die Frage weg vom Konsum an sich und hin zum problematischen Konsum. Die Autorinnen und Autoren formulieren entsprechend zurückhaltend, dass das Cortisol beim Aufwachen ein möglicher neurobiologischer Marker für problematischen Cannabiskonsum sein könnte. Das ist eine Forschungshypothese für die nächsten Jahre, kein fertiges Diagnoseinstrument. Wie eng das Endocannabinoidsystem und die Stressregulation biologisch verzahnt sind, haben wir in unserem Beitrag dazu ausführlich beschrieben, wie Cannabinoide Stress regulieren.
Was das für die Debatte im deutschsprachigen Raum bedeutet
Stressabbau gehört zu den am häufigsten genannten Konsummotiven, und zwar sowohl beim Genusskonsum als auch bei der Selbstmedikation. Die BIÖG-Drogenaffinitätsstudie 2025 zeigt, wie verbreitet der Konsum in den jungen Altersgruppen inzwischen ist. Gleichzeitig wird ein erheblicher Teil des CBD-Marktes mit Entspannungsversprechen beworben, obwohl die Evidenzlage dünner ist als das Marketing. Wir haben genau das in unserem Beitrag dazu eingeordnet, wie CBD bei der Stressbewältigung helfen kann.
Für die Prävention wäre ein biologischer Marker für problematischen Konsum tatsächlich nützlich. Bisher stützen sich Beratungsstellen auf Selbstauskünfte und auf Fragebögen. Ein objektiver Zusatzwert könnte Gespräche versachlichen. Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg, und die aktuelle Studie liefert dafür bestenfalls einen Startpunkt. In der laufenden Diskussion um Nachbesserungen am Cannabisgesetz spielt die Prävention eine zentrale Rolle, wie die Forderungen des Drogenbeauftragten nach Korrekturen zeigen.
Für Konsumierende selbst ändert die Studie zunächst nichts. Sie belegt weder, dass Cannabis das Stresssystem beschädigt, noch dass es die Stressbelastung senkt. Wer bei sich negative Konsumfolgen bemerkt, findet hier allenfalls einen Hinweis darauf, dass sich das auch körperlich abbilden könnte. Vergleichbare Vorsicht ist bei Studien zur Stimmungslage angebracht, wie unsere Übersicht zu Cannabis bei Depression zeigt.
Häufige Fragen
Belegt die Studie, dass Cannabis Stress verursacht?
Nein. Es handelt sich um eine Querschnittsstudie, die einen Zusammenhang beschreibt, aber keine Ursache belegt. Ob der Konsum den Cortisolspiegel hebt oder ob Menschen mit höherem Grundstress häufiger konsumieren, bleibt offen. Dafür wären Längsschnittstudien über einen längeren Zeitraum nötig.
Was ist die Cortisol-Aufwachreaktion?
Die Cortisol-Aufwachreaktion beschreibt den natürlichen Anstieg des Cortisolspiegels in der halben Stunde nach dem Erwachen. Sie tritt bei allen Menschen auf und gilt als Anhaltspunkt für die Aktivität der körpereigenen Stressachse. In dieser Studie unterschied sie sich zwischen den Gruppen nicht.
Wie viele Menschen haben teilgenommen?
An der Untersuchung nahmen 39 Erwachsene mit häufigem Cannabiskonsum und 43 gesunde Kontrollpersonen teil, insgesamt also 82 Personen. Jede Person sammelte an zwei aufeinanderfolgenden Wochentagen drei Speichelproben. Für eine endokrinologische Studie ist das eine übliche, aber keine große Stichprobe.
Bedeutet ein höherer Cortisolwert automatisch mehr Stress?
Nicht zwingend. Cortisol ist ein Hormon mit vielen Aufgaben, unter anderem im Stoffwechsel und im Immunsystem. Der Spiegel schwankt über den Tag und reagiert auf Schlaf, Koffein, Nikotin und den Zeitpunkt der Probenentnahme. Ein einzelner erhöhter Messwert ist deshalb kein Nachweis für erhöhte Stressbelastung.
Hilft Cannabis gegen Stress?
Diese Studie beantwortet die Frage nicht, denn sie hat keine Wirkung geprüft, sondern Hormonwerte verglichen. Viele Konsumierende berichten subjektiv von einer entspannenden Wirkung. Kontrollierte Untersuchungen zu Cannabis und Stress sind bislang jedoch rar, und die Ergebnisse fallen je nach Dosis und Cannabinoidprofil unterschiedlich aus.
Quelle: Donner J., Obrochta A. N., Cservenka A.: „Subjective Stress and Diurnal Salivary Cortisol in Adults with Frequent Cannabis Use“, Cannabis, online veröffentlicht am 9. Juni 2026, DOI 10.26828/cannabis/2026/000390. Ergänzend die Mitteilung der Oregon State University vom Juli 2026.




































