Nach zwei Wochen Unsicherheit ist geklärt, wie es mit Cannabis auf Kassenrezept weitergeht. KBV und GKV-Spitzenverband haben sich auf eine gemeinsame Auslegung verständigt. Für Patientinnen und Patienten mit laufender Extrakt-Therapie ist das die Entwarnung, für Blüten bleibt es beim Aus.
📑 Inhaltsverzeichnis
- Was seit dem 30. Juli gilt
- Die Klarstellung: Therapieversuch nur, wo ein zugelassenes Präparat existiert
- Bestandspatienten mit Extrakten behalten ihren Anspruch
- Blüten bleiben ausgeschlossen, Umstellung erforderlich
- Was das für Apotheken und Praxen bedeutet
- Was Betroffene jetzt wissen sollten
- 💬 Fragen? Frag den Hanf-Buddy!
Seit dem Inkrafttreten des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes herrschte in Praxen und Apotheken Unklarheit darüber, was mit bereits laufenden Cannabistherapien geschieht. Vor allem eine Frage war offen: Müssen Patientinnen und Patienten, die seit Jahren auf standardisierte Extrakte eingestellt sind, nun erst einen sechsmonatigen Therapieversuch mit einem zugelassenen Fertigarzneimittel durchlaufen? Am 6. August haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband dazu eine gemeinsame Auslegung veröffentlicht. Die Antwort lautet: nein.
Was seit dem 30. Juli gilt
Zur Einordnung zunächst die Fakten, die in der Berichterstattung zuletzt uneinheitlich wiedergegeben wurden. Das Gesetz wurde am 29. Juli 2026 im Bundesgesetzblatt verkündet (BGBl. I Nr. 228) und ist am 30. Juli 2026 in Kraft getreten. Seither können getrocknete Cannabisblüten nicht mehr zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden. Für die verbleibenden Cannabisarzneimittel, also standardisierte Extrakte, Rezepturen sowie Präparate mit Dronabinol oder Nabilon, besteht der Leistungsanspruch fort. An den Voraussetzungen, unter denen Versicherte überhaupt Anspruch auf eine Cannabisbehandlung haben, hat sich nach Angaben der KBV nichts geändert.
Die Klarstellung: Therapieversuch nur, wo ein zugelassenes Präparat existiert
Der Kern der Einigung betrifft die neue Vorrangregel. Der sechsmonatige Therapieversuch mit einem cannabishaltigen Fertigarzneimittel gilt demnach nur für die Indikationen, für die das jeweilige Fertigarzneimittel auch zugelassen ist. Daraus ergeben sich mehrere praktische Folgen:
- Gibt es für eine Indikation kein zugelassenes Fertigarzneimittel, etwa bei starken Schmerzen, kann bereits bei der erstmaligen Versorgung sofort ein Extrakt oder ein anderes cannabishaltiges Arzneimittel verordnet werden. Ein Therapieversuch ist dann nicht erforderlich.
- Der Therapieversuch kann vorzeitig abgebrochen werden, wenn die Patientin oder der Patient das Fertigarzneimittel nicht verträgt oder die Therapie sich als unwirksam erweist. Eine Weiterverordnung wäre dann im Sinne des Wirtschaftlichkeitsgebots unzweckmäßig.
- Ein zweites für die Indikation zugelassenes Fertigarzneimittel muss nicht zusätzlich getestet werden.
Bestandspatienten mit Extrakten behalten ihren Anspruch
Für die größte Sorgengruppe gibt die Klarstellung ausdrücklich Entwarnung: Patientinnen und Patienten, die bisher mit Extrakten oder Rezepturen behandelt wurden, haben weiterhin Anspruch darauf. Ärztinnen und Ärzte dürfen ihnen Folgeverordnungen ausstellen, und auch in diesen Fällen entfällt die Pflicht zu einem sechsmonatigen Therapieversuch mit einem Fertigarzneimittel.
Damit bestätigt sich verbindlich, was das Bundesgesundheitsministerium uns bereits vorab auf Anfrage mitgeteilt hatte:
„Bereits begonnene Therapien mit Zubereitungen (bspw. in Form von Extrakten) müssen nicht umgestellt werden.“
Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage des Hanf Magazins
Diese Auskunft war zu dem Zeitpunkt allerdings nur eine Rechtsauffassung des Ministeriums und für Krankenkassen und Medizinische Dienste nicht bindend. Erst die gemeinsame Auslegung von KBV und GKV-Spitzenverband schafft die Verbindlichkeit, die in der Versorgungspraxis gebraucht wird.
Blüten bleiben ausgeschlossen, Umstellung erforderlich
Nicht umfasst von der Klarstellung sind Cannabisblüten. Sie dürfen seit dem 30. Juli nicht mehr zu Lasten der Krankenkassen verordnet werden, und zwar ausdrücklich auch bei bereits laufenden Therapien. Das Ministerium hatte uns dazu erklärt:
„Der Leistungsausschluss gilt ab Inkrafttreten des Gesetzes auch für bereits begonnene Therapien.“
Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage des Hanf Magazins
Wer bisher Blüten erhalten hat, muss deshalb auf ein anderes cannabishaltiges Arzneimittel umgestellt werden. Dabei ist laut KBV grundsätzlich eine erneute Genehmigung der Krankenkasse erforderlich. Ausgenommen sind Verordnungen durch Ärztinnen und Ärzte, die vom Genehmigungsvorbehalt befreit sind, darunter Fachärztinnen und Fachärzte für Allgemeinmedizin, Neurologie und Frauenheilkunde. Sie können eine Genehmigung freiwillig einholen, wenn sie sich absichern wollen. Die KBV rät in jedem Fall, den Grund des Wechsels genau zu dokumentieren.
Was das für Apotheken und Praxen bedeutet
Für die Versorgungspraxis verschiebt die Einigung auch die Frage, wer das wirtschaftliche Risiko trägt. Dabei muss man zwischen oralen Extrakten und Blüten unterscheiden, denn die Lage ist für beide eine andere.
In den Tagen nach dem Inkrafttreten stand vor allem das Retaxationsrisiko der Apotheken für orale Extrakte im Raum, weil das Gesetz keine Übergangsregelung enthielt. Diese Einschätzung ist durch die Klarstellung überholt, wie Dr. Christiane Neubaur, Geschäftsführerin des Verbands der Cannabis versorgenden Apotheken, gegenüber dem Hanf Magazin präzisiert: Inzwischen liege das Risiko beim verschreibenden Arzt, in Form eines möglichen Regresses. Deshalb empfiehlt es sich nach ihren Worten, einen Antrag auf Kostenübernahme bei der Krankenkasse zu stellen. Bestehende Extrakt-Therapien können dagegen ohne Antragstellung weitergeführt werden. Auch die KBV weist Praxen ausdrücklich auf das Regressrisiko hin.
Bei Blüten sieht es anders aus. Sie sind definitiv aus der Erstattung heraus, und Blütenrezepte dürfen seit dem 30. Juli nicht mehr beliefert werden. Das gilt laut Neubaur ausdrücklich auch dann, wenn das Rezept noch vor dem 30. Juli ausgestellt, aber erst danach eingelöst wurde. Für die Apotheke besteht in diesen Fällen weiterhin eine Retax-Gefahr.
Auch die zuvor befürchtete Zwangsumstellung stabil eingestellter Patientinnen und Patienten ist vom Tisch. Neubaur dazu:
„Dieser Zwang zu cannabinoid-basierten Fertigarzneimitteln besteht nicht mehr. Nur innerhalb der zugelassenen Indikationsbereiche müssen Fertigarzneimittel verordnet werden.“
Dr. Christiane Neubaur, Geschäftsführerin des Verbands der Cannabis versorgenden Apotheken
Was Betroffene jetzt wissen sollten
Wer auf Extrakte, Rezepturen oder Dronabinol eingestellt ist, muss die Therapie nicht wechseln und braucht keinen erneuten Therapieversuch. Wer bislang Blüten auf Kassenrezept erhalten hat, wird dagegen umgestellt; Blüten bleiben verordnungsfähig, allerdings auf Privatrezept und damit auf eigene Kosten. Was das für Menschen bedeutet, die auf die genaue Steuerbarkeit ihrer Therapie angewiesen sind, hat uns ein Betroffener im Interview geschildert. Welche Therapie im Einzelfall in Frage kommt, entscheidet ausschließlich die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.
Unabhängig von der Klarstellung läuft der juristische Widerstand gegen den Blüten-Ausschluss weiter. Einzelne Betroffene haben Eilanträge bei den Sozialgerichten gestellt, die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin bereitet nach eigenen Angaben gemeinsam mit einem Fachanwalt eine Verfassungsbeschwerde vor. Wie diese Angriffspunkte im Einzelnen aussehen, haben wir gesondert eingeordnet.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt den Stand der Erstattungsregelung vom 7. August 2026 wieder und stellt keine Rechts- oder Gesundheitsberatung dar. Fragen zur eigenen Therapie gehören in ärztliche Hand.





































