In Großbritannien wurden im Jahr 2025 exakt 1.701.064 Verordnungsposten für Medizinalcannabis abgegeben. Das geht aus einer Auskunft der NHS Business Services Authority hervor, die auf eine Informationsfreiheitsanfrage hin veröffentlicht wurde. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Zuwachs von 154 Prozent. Getragen wird dieser Markt fast vollständig von Privatrezepten, während der staatliche Gesundheitsdienst nur eine Randrolle spielt.
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Von 278 auf 1,7 Millionen Verordnungen in sechs Jahren
Die Zeitreihe ist ungewöhnlich steil. Im Jahr 2019, dem ersten vollen Jahr nach der britischen Öffnung, waren es 278 Verordnungsposten. Ein Jahr später lag die Zahl bei 4.469, danach bei 43.932 im Jahr 2021 und 124.247 im Jahr 2022. Für 2023 weist die Statistik 282.979 Posten aus, für 2024 dann 668.511. Der Sprung auf über 1,7 Millionen im Jahr 2025 setzt diese Kurve fort. Allein im Januar 2026 kamen 80.331 Posten hinzu. Was wir 2024 noch als Medizinalcannabis-Boom in Großbritannien beschrieben haben, hat sich seither also noch einmal mehr als verdoppelt.
Wichtig ist die Einordnung der Kennzahl. Gezählt werden abgegebene Verordnungsposten, nicht behandelte Menschen. Ein Patient mit mehreren Sorten und monatlichen Folgerezepten erzeugt im Laufe eines Jahres zweistellige Posten-Zahlen. Die Zahl der tatsächlich behandelten Personen lag 2025 bei etwa 100.000. Bemerkenswert ist außerdem die Produktvielfalt, denn allein im Jahr 2025 tauchten 10.190 unterschiedliche Produktbezeichnungen in den Daten auf.
Ein Markt, der fast vollständig privat finanziert ist
Das eigentlich Auffällige an den britischen Zahlen ist die Verteilung. Über 60.000 der rund 100.000 Behandelten sind Privatpatienten, die ihre Therapie selbst bezahlen. Über den National Health Service laufen dagegen nur etwa 1.000 Patienten, und zwar im Wesentlichen mit den zugelassenen Fertigarzneimitteln Sativex, Epidyolex und Nabilon. Für Familien, deren Kinder an therapieresistenter Epilepsie leiden, summieren sich die Selbstzahler-Kosten Berichten zufolge auf etwa 1.500 Pfund im Monat.
Diese Zweiteilung erklärt, warum in Großbritannien seit Jahren über den Zugang gestritten wird und nicht über die Verfügbarkeit. Wir haben den Konflikt zuletzt an einem konkreten Fall beschrieben. Ein NHS-Trust hatte seinen Patienten die verschriebene Medizin im Krankenhaus erlaubt. Wie belastbar die Versorgungsdaten inzwischen sind, zeigt die Auswertung des britischen Patientenregisters zur Cannabistherapie bei Endometriose. Sie dokumentiert zwei Jahre Verlauf. Das Register selbst existiert erst seit Mitte 2025, also vier Jahre nach der entsprechenden Empfehlung des zuständigen Beratungsgremiums.
Kanada liefert die Mehrheit der importierten Blüten
Parallel zu den Verordnungsdaten hat das britische Innenministerium Importzahlen offengelegt. Danach kamen 2025 insgesamt 30.120 Kilogramm Cannabisblüten ins Land, nach 15.025 Kilogramm im Jahr zuvor. Der Markt hat sich also innerhalb eines Jahres verdoppelt. Kanada lieferte davon 17.067 Kilogramm und damit 57 Prozent, ein drastischer Sprung gegenüber 2.579 Kilogramm im Jahr 2024. Bei Extrakten stieg die Einfuhr von 114,3 auf 395,5 Kilogramm, ein Plus von 246 Prozent.
Der ACMD-Review als Weichenstellung
Über all dem schwebt die Überprüfung durch den Advisory Council on the Misuse of Drugs. Das Gremium wurde vor mehr als einem Jahr mit einer formellen Bestandsaufnahme des britischen Medizinalcannabis-Sektors beauftragt. Wenige Wochen später veröffentlichte es einen Aufruf zur Beweiseinreichung. Die Vorlage wird zum Ende des Sommers 2026 erwartet. Der letzte vergleichbare Review stammt aus dem November 2020, damals war der Markt um mehr als den Faktor dreißig kleiner. Die Empfehlungen dürften deshalb auf eine völlig andere Ausgangslage treffen als vor sechs Jahren.
Was der britische Weg für Deutschland bedeutet
Für den deutschen Markt sind die Zahlen aus zwei Gründen interessant. Erstens fällt der Größenvergleich deutlich aus, denn Deutschland hat 2025 die 200-Tonnen-Marke bei den Cannabisimporten geknackt, während Großbritannien bei gut 30 Tonnen liegt. Zweitens zeigt der britische Fall, wohin ein Markt driftet, wenn die Kostenträger außen vor bleiben. Genau darum wird hierzulande gerade gerungen, seit der Bundestag den Vorrang für Fertigarzneimittel bei der Kassenerstattung beschlossen hat. Wer die britische Entwicklung kennt, weiß, dass ein solcher Schritt die Nachfrage nicht senkt, sondern in den Selbstzahlerbereich verschiebt.
Bemerkenswert ist dabei, wie wenig die politische Debatte mit dieser Realität Schritt hält. Vor sieben Jahren stand in Großbritannien noch die Frage im Raum, ob es überhaupt eine Volksabstimmung über die Cannabis-Legalisierung geben würde. Heute versorgt das Land sechsstellige Patientenzahlen, ohne dass sich am rechtlichen Rahmen für den Genusskonsum etwas geändert hätte. Der Medizinalmarkt ist damit an der Politik vorbeigewachsen. Ob der ACMD-Review diese Lücke schließt oder nur beschreibt, entscheidet sich in wenigen Wochen.
Häufige Fragen
Wie viele Menschen erhalten in Großbritannien Medizinalcannabis?
Im Jahr 2025 waren es rund 100.000 Patientinnen und Patienten. Die vielzitierten 1,7 Millionen beziehen sich dagegen auf abgegebene Verordnungsposten. Ein einzelner Patient kann im Jahr viele solcher Posten auslösen, weil mehrere Sorten und monatliche Folgerezepte üblich sind.
Zahlt der NHS die Cannabistherapie?
Nur in Ausnahmefällen. Etwa 1.000 Menschen werden über den staatlichen Gesundheitsdienst versorgt, und zwar überwiegend mit den drei zugelassenen Fertigarzneimitteln. Alle übrigen Behandelten sind Privatpatienten und tragen die Kosten selbst.
Woher stammt das britische Medizinalcannabis?
Der überwiegende Teil wird importiert. Kanada stellte 2025 mit 17.067 Kilogramm rund 57 Prozent der eingeführten Blüten. Die Gesamteinfuhr lag bei 30.120 Kilogramm und hat sich damit gegenüber dem Vorjahr verdoppelt.
Was ist der ACMD-Review?
Der Advisory Council on the Misuse of Drugs berät die britische Regierung in Drogenfragen. Er prüft derzeit den Medizinalcannabis-Sektor und soll seine Ergebnisse zum Ende des Sommers 2026 vorlegen. Die vorherige Überprüfung dieser Art stammt aus dem November 2020.
Lassen sich die britischen Zahlen mit den deutschen vergleichen?
Nur eingeschränkt, weil beide Länder unterschiedlich zählen. Deutschland erfasst Importmengen in Tonnen, Großbritannien zusätzlich Verordnungsposten. Der Mengenvergleich fällt trotzdem deutlich aus, denn der deutsche Import lag 2025 bei über 200 Tonnen und damit um ein Vielfaches über dem britischen Volumen.
Quellen: NHS Business Services Authority (Auskunft FOI-03941, veröffentlicht am 30. Juli 2026), britisches Innenministerium (Auskunft FOI2026/10126, veröffentlicht am 11. August 2026), Business of Cannabis.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt den Stand vom August 2026 wieder und stellt keine medizinische Beratung dar. Die Regelungen zum Zugang zu Medizinalcannabis unterscheiden sich von Land zu Land. Für die Behandlung im Einzelfall ist die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt zuständig.





































