Seit April 2025 läuft in den Niederlanden die eigentliche Experimentierphase des geschlossenen Coffeeshop-Kreislaufs. Am 9. September 2026 ging die erste Folgemessung an die Zweite Kammer in Den Haag. Das Ergebnis ist auf den ersten Blick unspektakulär, und genau darin liegt seine politische Bedeutung: Wer sich vom regulierten Anbau einen Erdrutsch erhofft hatte, findet in den Daten ebenso wenig Bestätigung wie jene, die vor einer Konsumexplosion gewarnt haben.
📑 Inhaltsverzeichnis
Zehn Gemeinden gegen zehn Vergleichsgemeinden
Die Untersuchung führen das Trimbos-instituut, das Forschungsbüro Breuer&Intraval und RAND Europe gemeinsam durch, beauftragt vom Forschungszentrum WODC für das Justiz- und das Gesundheitsministerium. Verglichen werden zehn Gemeinden, die am Experiment teilnehmen, mit zehn Gemeinden, die weiter nach dem alten Duldungsmodell arbeiten. Die Daten für diese erste Messung wurden überwiegend zwischen September 2025 und März 2026 erhoben. Es ist die erste von vier jährlichen Folgemessungen, die bis 2028 laufen sollen. Wie der Umbau der Lieferkette begann, haben wir beim Start der Experimentierphase in unserem Bericht über das Modellprojekt mit 80 Coffeeshops nachgezeichnet.
Mehr Auswahl, günstigeres Gras, teureres Haschisch
Die deutlichste Veränderung betrifft das Angebot selbst. In den teilnehmenden Gemeinden hat sich das Sortiment spürbar verbreitert, und zwar stärker als in den Vergleichsgemeinden. Auf den Karten stehen inzwischen Produkte, die im geduldeten Markt kaum eine Rolle spielten: Edibles, Vapes und Konzentrate, ein Teil davon mit sehr hohen THC-Gehalten. Bei den Preisen läuft die Entwicklung auseinander. Cannabisblüten wurden günstiger, besonders die in den Niederlanden erzeugten Sorten. Haschisch dagegen verteuerte sich in den Interventionsgemeinden. Die Besucherinnen und Besucher bewerten das Preis-Leistungs-Verhältnis trotzdem besser als vor dem Start des Experiments.
Beim Konsum bewegt sich nichts
Genau dort, wo die politische Debatte am lautesten geführt wird, melden die Forscherinnen und Forscher ein Nullergebnis. Zwischen Interventions- und Vergleichsgemeinden ließen sich keine Unterschiede in der Konsumhäufigkeit feststellen. Auch die Zahl der Coffeeshop-Besuche blieb stabil. Bei der Lebensqualität in den betroffenen Vierteln liegen die Bewertungen zwischen 7,6 und 7,8 von zehn möglichen Punkten, und für Effekte des Experiments gibt es nach Einschätzung des Teams keine überzeugenden Hinweise. Das gilt in beide Richtungen, also weder für eine Verschlechterung der Sicherheitslage noch für eine messbare Entlastung.
Der illegale Markt verschwindet nicht von allein
Der Schwarzmarkt besteht weiter, und die Konsumierenden nennen dafür zwei sehr nüchterne Gründe: niedrigere Preise und größere Mengen. Das ist der wunde Punkt jedes regulierten Modells, denn ein legaler Kanal mit Mengenbegrenzung und Steuerlast kann diesen Vorteil kaum ausgleichen. Auf der Angebotsseite berichten die Beteiligten immerhin von einer engeren Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Coffeeshop-Betreibern, Produzenten und Aufsichtsbehörden. Dass diese Lieferkette auch neue Akteure anzieht, hat sich zuletzt gezeigt, als ein internationaler Tabakkonzern in den Markt einstieg und Den Haag feststellen musste, dass es keine rechtliche Handhabe dagegen gibt.
Was sich daraus für Deutschland ablesen lässt
Für die deutsche Debatte um regionale Modellvorhaben ist das niederländische Experiment die nächstliegende europäische Referenz, auch wenn die zweite Säule des Cannabisgesetzes hierzulande politisch auf Eis liegt. Der Befund lautet vorerst: Regulierung verändert zunächst das Produkt und die Lieferkette, nicht das Verhalten der Konsumierenden. Wer von einem Modellprojekt kurzfristige Effekte auf Konsumzahlen erwartet, setzt die Messlatte an der falschen Stelle. Ein Blick in die Schweiz stützt das, wo Zürich sein Pilotprojekt Züri Can bis 2028 verlängert hat, statt nach zwei Jahren Bilanz zu ziehen. Dass die Schweiz diesen Weg früh eingeschlagen hat, zeigt schon unser älterer Beitrag darüber, wie das Land auf dem Weg zu Modellprojekten war, und in Deutschland scheiterte ein Modellprojekt zur Cannabisabgabe lange an den Genehmigungsbehörden.
Bemerkenswert ist auch die Zurückhaltung der Forschenden selbst. Sie schreiben ausdrücklich, der Zeitraum sei zu kurz, um belastbare Schlüsse zu ziehen. Damit stehen sie im Widerspruch zu der Geschwindigkeit, mit der solche Zwischenstände politisch verwertet werden. Welche Kennzahlen überhaupt taugen, um Legalisierungseffekte zu messen, ist ohnehin umstritten, wie unsere Auswertung des EU-Cannabis-Toolkits gezeigt hat. Die nächsten Messungen folgen jährlich, über die Fortsetzung des Experiments entscheidet das Kabinett im Jahr 2029.
Häufige Fragen
Was ist das niederländische Wietexperiment genau?
Es ist ein staatlich kontrollierter Versuch, die Lieferkette der Coffeeshops zu schließen. Zugelassene Produzenten beliefern die Coffeeshops in zehn teilnehmenden Gemeinden legal, während der Verkauf im übrigen Land weiterhin nur geduldet wird und der Nachschub aus dem illegalen Markt stammt. Die Experimentierphase läuft seit April 2025.
Ist der Cannabiskonsum durch das Experiment gestiegen?
Nach der ersten Folgemessung nicht. Die Forschenden fanden keine Unterschiede in der Konsumhäufigkeit zwischen den teilnehmenden Gemeinden und den Vergleichsgemeinden. Auch die Besuchszahlen in den Coffeeshops blieben stabil.
Wurde Cannabis in den Niederlanden durch die Regulierung teurer?
Das hängt vom Produkt ab. Cannabisblüten wurden günstiger, vor allem die in den Niederlanden angebauten Sorten. Haschisch dagegen verteuerte sich in den teilnehmenden Gemeinden. Insgesamt bewerten die Kundinnen und Kunden das Preis-Leistungs-Verhältnis besser als vor dem Start.
Verdrängt der legale Verkauf den Schwarzmarkt?
Bisher nicht. Der illegale Handel besteht weiter, und die Konsumierenden begründen das mit niedrigeren Preisen und größeren Abgabemengen. Genau an diesem Punkt zeigt sich die Grenze eines Modells, das den legalen Bezug mengenmäßig deckelt.
Wann liegen endgültige Ergebnisse vor?
Die Folgemessungen laufen jährlich bis 2028. Erst danach soll eine Gesamtbewertung möglich sein. Über die Fortsetzung oder Beendigung des Experiments entscheidet das niederländische Kabinett im Jahr 2029.
Quellen: Trimbos-instituut, erste Befunde aus dem Experiment Gesloten Coffeeshopketen, veröffentlicht am 9. September 2026; WODC, Onderzoek Experiment Gesloten Coffeeshopketen, erste Folgemessung, übermittelt an die Zweite Kammer am 9. September 2026.







































