Die Sorge war groß: Würde mit der Cannabis-Teillegalisierung im April 2024 die Zahl der berauschten Autofahrer in Deutschland steigen? Eine im Januar 2026 in The Lancet Regional Health – Europe veröffentlichte Studie liefert nun erstmals belastbare Antworten. Forschende des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf vergleichen die Lage in Deutschland systematisch mit der in Österreich, wo Cannabis weiterhin verboten ist. Das Ergebnis fällt für die Verkehrspolitik überraschend deutlich aus.
📑 Inhaltsverzeichnis
Acht Monate nach der Legalisierung: keine Zunahme von Cannabis am Steuer
Die Hamburger Arbeitsgruppe um Erstautorin Anna Schranz nutzte ein quasi-experimentelles Difference-in-Differences-Design. Befragt wurden zwei repräsentative Querschnitte vor und nach der Reform: November bis Dezember 2023 sowie November 2024 bis Januar 2025. Insgesamt nahmen rund 16.300 Menschen teil, darunter 982 monatliche Cannabis-Konsumierende in Deutschland und 178 in Österreich. Diese Stichprobengröße macht die Untersuchung zur derzeit aussagekräftigsten Datenbasis zur Frage, wie sich die Reform auf das Fahrverhalten auswirkt.
Der Anteil derjenigen, die unter Cannabis-Einfluss am Steuer saßen, sank in Deutschland leicht von 28,5 auf 26,8 Prozent. In Österreich, das als Kontrolle diente, stieg derselbe Wert in vergleichbarer Zeit von 12,8 auf 16,3 Prozent. Im Differenz-zu-Differenz-Vergleich ergibt sich daraus kein statistisch signifikanter Effekt der Legalisierung auf das Fahren unter Cannabis-Einfluss. Auch die Konsumprävalenz in der Allgemeinbevölkerung stieg in Deutschland nur moderat von 12,1 auf 14,4 Prozent, während Österreich nahezu unverändert bei 9,4 zu 9,6 Prozent verharrte.
Mischkonsum bleibt das größte Risiko
Spannend wird die Studie dort, wo sie die Qualität der einzelnen Fahrten unter Cannabis-Einfluss untersucht. 78,5 Prozent dieser Fahrten erfolgten ausschließlich unter Cannabis-Einfluss. In den verbleibenden 21,5 Prozent kombinierten die Betroffenen Cannabis mit Alkohol oder anderen Substanzen. Genau dieser Mischkonsum gilt verkehrsmedizinisch als besonders gefährlich, weil sich die psychoaktiven Effekte überlagern und die Reaktionsfähigkeit überproportional einbricht. Die Häufigkeit des Mischkonsums veränderte sich durch die Legalisierung nicht spürbar, war aber besonders bei wöchentlichen Konsumierenden nachweisbar.
Bemerkenswert ist auch, was die Studie nicht zeigt: einen sprunghaften Effekt durch den Wegfall des Konsumverbots. Die Befürchtung, eine niedrigere Hemmschwelle könnte zu deutlich mehr Fahrten unter Cannabis-Einfluss führen, lässt sich mit den Daten aus dem ersten Reformjahr nicht belegen. Damit reiht sich die UKE-Auswertung in die internationale Forschung ein, die nach Legalisierungen in Kanada, Uruguay und einzelnen US-Bundesstaaten ähnliche Befunde gefunden hatte.
Politische Sprengkraft für die Grenzwert-Debatte
Für die laufende Debatte um den 2024 eingeführten THC-Grenzwert von 3,5 Nanogramm pro Milliliter Blutserum hat die Studie politische Sprengkraft. Verkehrsverbände wie die Deutsche Verkehrswacht hatten in den vergangenen Monaten wiederholt eine Verschärfung des Grenzwertes gefordert und dabei mit der Erwartung argumentiert, die Legalisierung werde mehr berauschte Fahrer auf die Straße bringen. Mehr dazu im Hintergrund zu den Forderungen der Verkehrswacht. Genau diese Erwartung wird durch die Hamburger Daten nicht gestützt.
Die Ergebnisse passen ins Bild, das auch der zweite Zwischenbericht der gesetzlich beauftragten Begleitforschung EKOCAN gezeichnet hat. Auch dort fanden sich keine Belege für einen relevanten Konsumanstieg, dafür aber Hinweise auf eine sinkende Bedeutung des Schwarzmarkts. Eine Einordnung dieser Entwicklung gibt es im Bericht zum CanG-Zwischenbericht. Wer die geltenden Grenzwerte und die rechtliche Lage rund um Cannabis am Steuer noch einmal nachlesen möchte, findet im Überblick zum THC-Grenzwert 2026 die wichtigsten Eckpunkte.
Was die Studie nicht beantworten kann
Bei aller Klarheit der Befunde markieren die Autorinnen und Autoren auch die Grenzen ihrer Untersuchung. Die Erhebung deckt nur die ersten acht Monate nach Inkrafttreten des Konsumcannabisgesetzes ab. Ob sich Konsum- und Fahrverhalten mittelfristig verschieben, etwa wenn die ersten Anbauvereinigungen flächendeckend versorgen, lässt sich aus diesen Daten nicht ableiten. Auch die Selbstauskunft bei sensiblen Themen wie Drogenkonsum am Steuer ist eine bekannte Limitation. Weitere Wellen der Befragung sind im Rahmen der Begleitforschung bereits geplant.
Klar ist aber: Die Hamburger Studie liefert der politischen Diskussion eine Datengrundlage, die bisher fehlte. Sie ersetzt Spekulation durch Statistik und stellt damit jene Argumentation infrage, die sich auf einen vermuteten, nicht aber empirisch belegten Anstieg der Cannabis-Fahrten beruft. Für die anstehenden Beratungen zum Medizinal-Cannabisgesetz und zu möglichen Anpassungen im Fahrerlaubnisrecht ist das ein Signal, das sich nur schwer ignorieren lässt.
Häufige Fragen
Wer hat die Studie zur Cannabis-Legalisierung und zum Fahren unter Einfluss durchgeführt?
Die Untersuchung stammt vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf unter Leitung von Anna Schranz. Sie wurde im Januar 2026 im Fachjournal The Lancet Regional Health – Europe veröffentlicht und ist Teil der Begleitforschung zur deutschen Cannabis-Reform.
Hat die Cannabis-Legalisierung in Deutschland zu mehr Fahrten unter Einfluss geführt?
Nein. Acht Monate nach Inkrafttreten des Konsumcannabisgesetzes lag die Quote der Fahrten unter Cannabis-Einfluss bei monatlich Konsumierenden in Deutschland sogar leicht niedriger als zuvor. Im Vergleich zur Kontrollgruppe Österreich ergibt sich kein statistisch signifikanter Effekt der Legalisierung.
Welche Methode wurde verwendet?
Die Forschenden setzten ein quasi-experimentelles Difference-in-Differences-Design ein. Verglichen wurden zwei repräsentative Bevölkerungsbefragungen in Deutschland und Österreich vor der Reform und rund acht Monate danach. Österreich diente als Kontrollgruppe, weil dort die Rechtslage unverändert blieb.
Wie groß ist das Risiko durch Mischkonsum?
Rund jede fünfte Fahrt unter Cannabis-Einfluss erfolgte unter zusätzlichem Einfluss von Alkohol oder anderen Substanzen. Diese Mischkonsum-Konstellation gilt verkehrsmedizinisch als besonders riskant und betrifft primär regelmäßige, wöchentliche Konsumierende.
Was bedeuten die Ergebnisse für den THC-Grenzwert?
Die seit 2024 geltenden 3,5 Nanogramm pro Milliliter Blutserum standen zuletzt in der Diskussion, weil Verkehrsverbände eine Verschärfung forderten. Die neue Datenlage liefert für eine Verschärfung keine empirische Begründung, da kein Anstieg der Cannabis-Fahrten erkennbar ist. Eine politische Entscheidung darüber wird voraussichtlich im Rahmen der weiteren Reformdebatte fallen.










































