Vapor Pressure Deficit, kurz VPD, ist die wichtigste klimatische Steuergröße im Cannabis-Anbau – und gleichzeitig die am häufigsten missverstandene. Wer VPD versteht, kennt den Unterschied zwischen schwerfälligem Wachstum und kräftiger Fotosynthese. Eine Einordnung der Pflanzenphysiologie hinter dem Wert, der entscheidet, ob deine Stomata offen oder geschlossen bleiben.
📑 Inhaltsverzeichnis
Was VPD eigentlich misst
VPD steht für Vapor Pressure Deficit, übersetzt Sättigungsdefizit. Der Wert beschreibt, wie viel mehr Wasserdampf die Luft theoretisch noch aufnehmen könnte, wenn ihre aktuelle relative Luftfeuchtigkeit auf 100 Prozent gehoben würde. Gemessen wird in Kilopascal (kPa) – einer Druckeinheit, weil Wasserdampf in der Luft als Partialdruck quantifiziert wird.
Die Berechnung folgt der Magnus-Formel (Alduchov & Eskridge 1996), die den Sättigungsdampfdruck als Funktion der Temperatur ausdrückt. Multipliziert mit dem Faktor (1 minus relative Luftfeuchtigkeit) ergibt sich der VPD. Das klingt akademisch, hat aber eine sehr praktische Konsequenz: VPD verbindet zwei Werte (Temperatur und Luftfeuchtigkeit) zu einer einzigen Kennzahl, die für die Pflanze tatsächlich biologisch relevant ist.
Warum die Pflanze nicht Luftfeuchtigkeit, sondern VPD spürt
Cannabispflanzen transpirieren über ihre Stomata, kleine Atmungsöffnungen auf der Blattunterseite. Dabei verdampft Wasser aus dem Blattinneren und wird vom umgebenden Luftraum aufgenommen. Wie viel Wasser pro Zeiteinheit abgegeben werden kann, hängt nicht nur von der relativen Luftfeuchtigkeit ab, sondern entscheidend von der Differenz zwischen dem Dampfdruck im Blattinneren (nahezu 100 Prozent gesättigt) und dem Dampfdruck der umgebenden Luft.
Genau das misst VPD. Bei niedrigem VPD (hohe Luftfeuchtigkeit) ist die Differenz klein, Wasser kann kaum abgegeben werden, die Transpiration stockt. Bei hohem VPD (trockene Luft) ist der Sog groß, Wasser fließt zu schnell aus dem Blatt – die Stomata schließen als Schutzreaktion und blockieren damit die CO₂‑Aufnahme, die für die Fotosynthese unerlässlich ist. Optimal ist der mittlere Bereich, wo Wasseraufnahme und Fotosynthese in Balance laufen.
Die Phasen-Empfehlungen und ihre Logik
Cannabis hat in jeder Wachstumsphase einen anderen optimalen VPD-Bereich. Die Empfehlungen, die Caplan et al. (2017) und Chandra et al. (2017) systematisch zusammengetragen haben, sehen so aus:
- Klone und Sämlinge: 0,4 bis 0,8 kPa. Das junge Wurzelsystem kann noch wenig Wasser aufnehmen, Wachstum erfolgt über die Blätter. Hohe Luftfeuchte schützt vor Wasserstress.
- Vegetative Phase: 0,8 bis 1,2 kPa. Schnelles Biomassewachstum, voller Transpirationssog gewünscht für Nährstoffaufnahme über das Wasser.
- Frühe Blüte: 1,0 bis 1,4 kPa. Stretch-Phase, leicht erhöhter VPD reduziert Schimmelrisiko und fördert kompaktes Wachstum.
- Späte Blüte: 1,2 bis 1,5 kPa. Kurz vor der Ernte ist trockenere Luft Pflicht, um Botrytis (Grauschimmel) in den dichten Buds zu vermeiden.
Blatttemperatur ist nicht Lufttemperatur
Eine Feinheit, die viele übersehen: VPD wird streng genommen mit der Blatttemperatur berechnet, nicht mit der Lufttemperatur. Cannabisblätter liegen typischerweise 1 bis 3 Grad Celsius unter der Lufttemperatur, bei intensiver Beleuchtung manchmal noch tiefer. Ein Infrarot-Thermometer am Blatt liefert hier Klarheit. Wer ohne misst, kann pauschal –2 °C als Offset annehmen – das ist der typische Wert in geschlossenen Growräumen mit guter Belüftung.
Was passiert bei Abweichungen
VPD zu niedrig (zu feucht): Die Pflanze kann nicht effektiv transpirieren. Nährstofftransport im Xylem stockt, was sich in Calcium-Mangelerscheinungen zeigen kann (verzogene Blätter), obwohl Calcium im Substrat ausreichend vorhanden ist. Bei sehr niedriger Differenz steigt zusätzlich das Risiko für Mehltau und in der späten Blüte für Schimmel.
VPD zu hoch (zu trocken): Die Pflanze schließt ihre Stomata, um Wasserverlust zu begrenzen. Damit stoppt die CO₂‑Aufnahme, die Fotosynthese geht zurück, das Wachstum verlangsamt sich. Zudem zeigt die Pflanze sichtbar Stresszeichen wie Blattkrümmen.
Wie du den Wert für deinen Grow ermittelst
Zwei Werte musst du kennen: Lufttemperatur und relative Luftfeuchtigkeit, beides idealerweise auf Pflanzenhöhe gemessen. Ein günstiges Hygrometer-Thermometer-Kombigerät reicht. Mit beiden Werten und einer angenommenen Blatttemperatur (–2 °C unter Luft als Faustregel) kannst du den VPD direkt mit unserem VPD-Rechner bestimmen.
Wer es genauer braucht, ergänzt ein Infrarot-Thermometer und misst die Blatttemperatur direkt. Der Aufwand lohnt sich besonders in der Blütephase, wo eine VPD-Optimierung Ertrag und Qualität messbar steigern kann.
Häufige Fragen
Reicht es, nur die Luftfeuchtigkeit zu kontrollieren?
Nein. Dieselbe Luftfeuchtigkeit ergibt bei unterschiedlichen Temperaturen unterschiedliche VPD-Werte. 60 Prozent bei 20 °C ergeben einen niedrigeren VPD als 60 Prozent bei 28 °C. Pflanzen reagieren auf VPD, nicht auf RH allein.
Sind die Phasen-Empfehlungen sortenspezifisch?
Mittelwerte aus der Literatur. Sativa-dominierte Sorten aus tropischen Klimaten tolerieren niedrigere VPD, robuste Indica-Sorten aus den Bergregionen vertragen höhere Werte. Die Bandbreite liegt typischerweise bei plus/minus 0,1 kPa um den Mittelwert.
Wie reagiere ich, wenn der VPD daneben liegt?
Bei zu niedrigem VPD: Luftfeuchtigkeit senken (Entfeuchter, mehr Belüftung) oder Temperatur erhöhen. Bei zu hohem VPD: Luftbefeuchter, weniger Belüftung, Temperatur senken. Veränderungen schrittweise, der Klimawert braucht 30 bis 60 Minuten zur Stabilisierung.
Kann zu hoher VPD die Ernte verbessern?
In der späten Blüte ja, weil das Schimmelrisiko sinkt und Trichome konzentrierter ausgebildet werden. Aber nur, solange die Pflanze nicht in den Wasserstress kippt. Werte über 1,5 kPa sind selten produktiv.
Wissenschaftliche Quellen: Alduchov & Eskridge (1996) zur Magnus-Formel · Caplan D et al. (2017) zur Cannabis-Klimaoptimierung · Chandra S et al. (2017) zu methodischen Anforderungen an Anbaubedingungen.










































