Beim Laufen produziert der Körper eigene Cannabinoide, und zwar deutlich länger als bisher gemessen. Das zeigt eine neue Studie der Universität Duisburg-Essen, die Marathon- und Ultramarathonläufer bis zu 230 Kilometer weit begleitet hat. Vor allem das Anandamid stieg über die gesamte Strecke an und blieb auch nach dem Zieleinlauf erhöht. Die Arbeit liefert neue Daten zu einer alten Frage: Was steckt hinter dem sogenannten Runner’s High?
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Endocannabinoide beim Marathon: Aufbau der Feldstudie
Die Untersuchung ist Anfang September in der Fachzeitschrift BMC Medicine erschienen. Erstautor ist Michael Siebers vom Institut für Forensische Psychiatrie und Sexualforschung der Universität Duisburg-Essen, Letztautor ist Johannes Fuss. Die Forschenden weisen darauf hin, dass fast alle bisherigen Messungen am Menschen Belastungen unter 60 Minuten betrafen. Was im Körper bei einem mehrstündigen Lauf passiert, war weitgehend unbekannt.
Das Team führte deshalb zwei Feldstudien unter realen Bedingungen durch. In der ersten liefen 19 trainierte Läufer einen Marathon. In einer zweiten Sitzung gingen dieselben Personen gleich lange spazieren, als Vergleich. Blut wurde beim Start, alle 14 Kilometer, im Ziel und nach 45 Minuten Pause abgenommen. In der zweiten Studie gaben 36 Ultramarathonläufer vor und nach ihrem Rennen Blutproben ab. Laut Bubatznews handelte es sich um die TorTour de Ruhr mit Distanzen von 100, 160 und 230 Kilometern.
Gemessen wurden unter anderem Anandamid, kurz AEA, und 2-Arachidonoylglycerol, kurz 2-AG. Beide Botenstoffe docken an dieselben Rezeptoren an wie THC. Wer die Grundlagen dazu nachlesen möchte, findet sie in unserem Beitrag Das Endocannabinoid-System erklärt. Parallel bewerteten die Teilnehmenden auf Skalen ihre Euphorie, ihre Angst und ihre Schmerzen.
Anandamid steigt stetig, 2-AG kommt spät

Das klarste Ergebnis betrifft das Anandamid. Während des Marathons stieg der Spiegel stetig an und lag 45 Minuten nach dem Ziel noch immer deutlich über dem Ausgangswert. Beim Spazierengehen fielen die Veränderungen nur gering aus, aber auch dort nahm das Anandamid allmählich zu. Bei den Ultraläufern war der Wert nach allen drei Distanzen höher als vor dem Start.
Das 2-AG folgte einem anderen Zeitmuster. Im Marathon stieg es erst in den späten Phasen des Laufs und in der frühen Erholung deutlich an. Nach den Ultraläufen war es ebenfalls bei allen Distanzen erhöht. Die Forschenden deuten das als verzögerte Reaktion, die eher mit der Erholung zusammenhängt als mit der Belastung selbst.
Runner’s High: Euphorie, Angst und Schmerz im Vergleich

Auch bei den Empfindungen zeigte sich ein Unterschied zwischen den Strecken. Nach dem Marathon berichteten die Läufer mehr Euphorie und weniger Angst als nach dem Spaziergang. Die Schmerzen nahmen ab Kilometer 28 zu. Beim Ultramarathon sank die Angst ebenfalls, die Schmerzen stiegen, die Euphorie veränderte sich dagegen nicht signifikant.
Das passt zu einer Beobachtung, die viele Läufer kennen: Das Hochgefühl stellt sich nicht beliebig lange ein. Irgendwann überwiegen Erschöpfung und Schmerz. Die Studie zeigt allerdings nur, dass Botenstoffe und Empfindungen gleichzeitig auftreten. Einen ursächlichen Zusammenhang belegt sie nicht. Die Autoren formulieren entsprechend vorsichtig, dass beides parallel auftrat.
Einordnung: Was die Studie für Cannabis-Interessierte bedeutet

Lange galt das Runner’s High als Wirkung von Endorphinen. Die Arbeitsgruppe hat diese Sicht schon früher herausgefordert. Johannes Fuss und Kollegen zeigten 2015 an Mäusen, dass die beruhigende und schmerzlindernde Wirkung des Laufens von Cannabinoid-Rezeptoren abhängt. Zwei Beteiligte von damals, darunter Fuss selbst, haben auch an der neuen Studie mitgearbeitet. Die aktuellen Messungen am Menschen liefern nun Daten aus echten Wettkämpfen statt aus dem Labor.
Eine Empfehlung für den Konsum lässt sich daraus nicht ableiten. Die Studie untersucht körpereigene Botenstoffe, nicht die Wirkung von THC oder CBD beim Sport. Wie Cannabis die Leistung beeinflusst, haben wir in unserem Beitrag Cannabis und Sport: Leistungsbremse oder Regenerationshelfer? zusammengetragen. Einen breiteren Überblick bietet Cannabis und Sport: Der komplette Guide. Dass Sport selbst zur Belastung werden kann, zeigt ein älterer Beitrag zur Frage, ob Sportsucht ein Thema der Suchtprävention wird. Wie offen manche Profis mit Cannabis umgehen, belegt die Episode um den MMA-Star Nate Diaz beim öffentlichen Training.
Häufige Fragen
Was ist das Runner’s High?
Als Runner’s High bezeichnen Läufer ein Hochgefühl bei längerer Ausdauerbelastung. Beschrieben werden Wohlbefinden, weniger Angst und eine veränderte Schmerzwahrnehmung. Welche Botenstoffe genau dahinterstecken, ist noch nicht abschließend geklärt.
Was sind Endocannabinoide?
Endocannabinoide sind Botenstoffe, die der Körper selbst herstellt. Die bekanntesten sind Anandamid und 2-AG. Sie wirken an denselben Rezeptoren wie Cannabinoide aus der Hanfpflanze und sind unter anderem an Stimmung, Schmerz und Stress beteiligt.
Wie viele Läufer wurden untersucht?
An der Marathonstudie nahmen 19 trainierte Läufer teil, an der Ultramarathonstudie 36. Die Ultraläufer absolvierten 100, 160 oder 230 Kilometer. Die Blutproben wurden während beziehungsweise vor und nach den Rennen genommen.
Beweist die Studie, dass Endocannabinoide das Hochgefühl auslösen?
Nein. Die Studie zeigt, dass die Botenstoffe beim Laufen ansteigen und sich zugleich die Stimmung verändert. Ob das eine das andere verursacht, lässt sich aus diesen Daten nicht ableiten.
Kann Cannabis das Runner’s High ersetzen?
Dazu macht die Studie keine Aussage. Sie misst ausschließlich körpereigene Stoffe und keine Wirkung von THC oder CBD. Wer vor oder beim Sport Cannabis konsumiert, sollte die Folgen für Koordination und Kreislauf bedenken.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt den Stand vom 17. September 2026 wieder und ist keine Gesundheitsberatung. Er enthält keine Wirkaussage zu Cannabisprodukten.
Quellen: Siebers M, Huvermann D, Siebers C et al.: Endocannabinoid dynamics across marathon and ultramarathon running: evidence from two field studies. BMC Medicine (2026), DOI 10.1186/s12916-026-05186-z (PubMed 42681668). Fuss J, Steinle J, Bindila L et al.: A runner’s high depends on cannabinoid receptors in mice. PNAS 112 (2015), DOI 10.1073/pnas.1514996112. Bubatznews, 16. September 2026.





































