Die Cannabisbehörde des US-Bundesstaats Minnesota hat sechs Jahre Registerdaten zu Autismus ausgewertet. Von 1.645 Patientinnen und Patienten berichtet gut ein Drittel der Betroffenen mit ausgeprägter Angst eine deutliche und anhaltende Besserung. Eine Kontrollgruppe gibt es nicht, und genau das schränkt die Aussagekraft ein.
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Cannabis bei Autismus: Was Minnesota ausgewertet hat
Der Bericht des Office of Cannabis Management trägt das Datum 1. Oktober 2026. Er umfasst alle Personen, die sich zwischen August 2018 und Juli 2024 erstmals mit der Diagnose Autismus-Spektrum-Störung in das staatliche Medizinalcannabisprogramm eingeschrieben haben. Das waren 1.811 Menschen, von denen 1.645 tatsächlich mindestens einmal ein Produkt gekauft haben. Nur diese Gruppe fließt in die Auswertung ein.
Minnesota hat dafür eine Besonderheit. Die Behörde ist gesetzlich verpflichtet, aus den Erfahrungen der Teilnehmenden zu lernen. Im Auswertungszeitraum mussten Patienten vor jedem Kauf einen Fragebogen ausfüllen und acht Standardsymptome auf einer Skala von 0 bis 10 bewerten. Staatliche Programme, die ihre Daten systematisch offenlegen, sind selten. Ein europäisches Beispiel ist das dänische Cannabisprogramm mit seinem Jahresbericht.
Die Kohorte ist jung und überwiegend männlich. Das Durchschnittsalter bei der Einschreibung lag bei 20 Jahren, 72,3 Prozent gaben männlich an. Knapp die Hälfte, nämlich 785 Personen, war jünger als 18 Jahre. Rund jeder Zehnte hatte zusätzlich eine posttraumatische Belastungsstörung als Diagnose angegeben, ein Feld, das wir im Beitrag über PTBS und Cannabis beleuchtet haben.
Angst, Schlaf, Depression: die Zahlen im Detail

Angst war das häufigste Begleitsymptom. 1.450 Personen, also 88,3 Prozent, gaben bei der Einschreibung mittlere bis schwere Angst an. Von ihnen meldeten 57,0 Prozent innerhalb von vier Monaten einen Rückgang des Werts um mindestens 30 Prozent. Diese Schwelle wertet die Behörde als klinisch bedeutsam.
Entscheidend ist der zweite Schritt. Die Besserung musste weitere vier Monate anhalten. Das gelang 498 Personen, bezogen auf alle Betroffenen sind das 34,3 Prozent. In manchen Berichten über die Auswertung stehen die 57 und die 67 Prozent nebeneinander, als wären es zwei Erfolgsquoten. Tatsächlich bezieht sich der zweite Wert nur auf jene, die sich zuvor gebessert hatten und für die Folgedaten vorlagen.
Bei den anderen Symptomen sieht es ähnlich aus. Eine anhaltende Besserung berichteten 37,3 Prozent bei Schlafstörungen, 34,4 Prozent bei Erschöpfung und 41,3 Prozent bei depressiven Beschwerden. Zwischen Minderjährigen und Erwachsenen unterscheiden sich die Quoten kaum. Die Behörde nennt ihre Rechnung konservativ, weil sie alle Personen ohne Folgedaten als nicht gebessert zählt.
Beim Kaufverhalten trennen sich die Altersgruppen deutlich. Für Minderjährige kaufen in Minnesota die Eltern, Blüten sind erst ab 21 Jahren erlaubt. In dieser Gruppe entfielen 85,3 Prozent der Produkte auf Kapseln, Lösungen und andere Präparate zum Schlucken, überwiegend CBD-betont oder ausgewogen. Erwachsene griffen zu 68 Prozent zu Produkten zum Inhalieren mit hohem THC-Anteil.
Nebenwirkungen und Verhaltensskala

Nebenwirkungen meldeten 321 Personen, das sind 19,5 Prozent. Von den 1.276 Einzelmeldungen galten 72,6 Prozent als leicht und 5,8 Prozent als schwer. Am häufigsten war Mundtrockenheit. Unter den schweren Meldungen steht ausgerechnet Angst an erster Stelle, gefolgt von Benommenheit und Panikattacken. Die Behörde räumt ein, dass der Fragebogen schwere Nebenwirkungen womöglich nicht vollständig erfasst.
Für die Kernsymptome des Autismus gibt es nur eine schmale Datenbasis. Personen unter 26 Jahren konnten freiwillig eine standardisierte Verhaltens-Checkliste ausfüllen. Verwertbare Bögen zu Beginn und nach rund zehn Wochen lagen von 46 der 1.170 infrage kommenden Personen vor, also von 3,9 Prozent. In dieser Gruppe sanken die Werte in allen Bereichen, etwa bei Reizbarkeit und Hyperaktivität. Der Bericht warnt selbst, dass hier vor allem jene geantwortet haben könnten, die eine Besserung erlebt hatten.
Was Registerdaten leisten und was nicht

Die Auswertung beschreibt, was Menschen berichten, die Cannabis bereits nutzen. Sie belegt keine Wirkung. Es fehlt eine Vergleichsgruppe, andere Behandlungen wurden nicht erfasst, und bei Kindern haben meist die Eltern die Bögen ausgefüllt. Wer zufrieden ist, bleibt zudem eher im Programm und liefert weiter Daten.
Wie viel das ausmacht, zeigen kontrollierte Studien. Der Bericht verweist selbst auf eine doppelblinde Untersuchung mit reinem CBD bei Jungen mit Autismus, die 2025 keinen Vorteil gegenüber Placebo fand und einen starken Placeboeffekt beschrieb. Andere Studien mit CBD-betonten Extrakten kamen zu gemischten Ergebnissen. Wir haben das zuletzt an der placebokontrollierten Studie zu NTI164 gezeigt. Älter ist die Forschung zu CBDV bei Epilepsie und Autismus-Spektrum-Störungen.
Für Deutschland lässt sich aus den Daten keine Empfehlung ableiten. Autismus ist hierzulande kein etabliertes Einsatzgebiet für Cannabisarzneimittel, und bei Kindern und Jugendlichen ist die ärztliche Zurückhaltung besonders groß. Dass viele Menschen sich im Thema ohnehin schwer zurechtfinden, zeigt unsere Auswertung einer Umfrage zu Medizinalcannabis. Der Wert des Berichts liegt woanders. Er zeigt, welche Beschwerden Betroffene tatsächlich behandeln wollen, nämlich Angst und Schlaf. Künftige kontrollierte Studien können dort ansetzen.
Häufige Fragen
Hilft Cannabis bei Autismus?
Das ist nicht belegt. Die Daten aus Minnesota zeigen, dass ein Teil der Patienten weniger Angst und besseren Schlaf berichtet. Ohne Kontrollgruppe lässt sich aber nicht sagen, ob das an Cannabis liegt. Kontrollierte Studien kommen bislang zu uneinheitlichen Ergebnissen.
Wie viele Patienten berichteten eine anhaltende Besserung?
Bei Angst waren es 34,3 Prozent der Personen mit mittleren bis schweren Beschwerden. Gemeint ist ein Rückgang um mindestens 30 Prozent, der über weitere vier Monate anhielt. Bei depressiven Beschwerden lag der Anteil bei 41,3 Prozent, bei Schlafstörungen bei 37,3 Prozent.
Welche Nebenwirkungen wurden gemeldet?
Knapp ein Fünftel der Patienten meldete mindestens eine Nebenwirkung, meist Mundtrockenheit, gesteigerten Appetit oder Müdigkeit. 5,8 Prozent der Meldungen wurden als schwer eingestuft. Die häufigste schwere Nebenwirkung war Angst.
Warum ist die Auswertung keine klinische Studie?
Es handelt sich um einen Behördenbericht auf Basis von Selbstauskünften und Kaufdaten. Er wurde nicht in einer Fachzeitschrift mit Begutachtung veröffentlicht. Es gab weder eine Zufallszuteilung noch ein Placebo, und andere Therapien der Patienten sind unbekannt.
Gilt Autismus in Deutschland als Indikation für Medizinalcannabis?
Eine feste Indikationsliste gibt es in Deutschland nicht, die Entscheidung liegt bei der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt. Autismus zählt nicht zu den etablierten Einsatzgebieten. Fragen zur Behandlung gehören in die fachärztliche Sprechstunde.
Quelle: Minnesota Office of Cannabis Management, Division of Medical Cannabis: Patients with Autism Spectrum Disorder in the Minnesota Medical Cannabis Program, Experience of Enrollees During the First Six Years, 1. Oktober 2026.







































