Treibt ein Cannabisladen in der Nähe der Schule den Konsum von Jugendlichen nach oben? Eine kanadische Studie mit Daten von 419.887 Schülerinnen und Schülern findet dafür kaum Belege. Die Zusammenhänge zwischen der Erreichbarkeit legaler Geschäfte und dem Konsum waren klein, uneinheitlich und meist nicht signifikant. Für die deutsche Debatte über Abstandsregeln und künftige Modellprojekte ist das ein wichtiger Datenpunkt.
📑 Inhaltsverzeichnis
Vor knapp zwei Jahren haben wir bereits über eine US-Studie zu Cannabisgeschäften in Schulnähe berichtet, die sich auf Disziplinarmaßnahmen an Schulen konzentrierte. Die neue Arbeit aus Kanada ist deutlich größer und misst direkt den selbst angegebenen Konsum.
Die Studie: COMPASS-Daten aus vier kanadischen Provinzen

Das Team um Jamie Seabrook von der Western University in Ontario hat seine Ergebnisse in der Fachzeitschrift Drug and Alcohol Dependence veröffentlicht. Die Arbeit erschien am 20. September 2026 online und ist der Novemberausgabe zugeordnet. Grundlage sind Daten der COMPASS-Studie, einer jährlichen Befragung an weiterführenden Schulen. Ausgewertet wurden die Jahre 2018 bis 2023 in Alberta, British Columbia, Ontario und Quebec.
Die Forschenden verknüpften die Antworten mit Geodaten zu lizenzierten Cannabisgeschäften. Gemessen wurden die Entfernung zum nächsten Laden, die Zahl der Läden und eine nach Entfernung gewichtete Dichte im Umkreis von 2.000 Metern um jede Schule. Untersucht wurde, ob Jugendliche schon einmal, im letzten Jahr, im letzten Monat oder täglich konsumiert hatten. Die Modelle berücksichtigten Merkmale der Schüler und der Schulen.
Ergebnis: Kaum Zusammenhang zwischen Ladennähe und Jugendkonsum

Die Verbindung zwischen der Erreichbarkeit von Geschäften und dem Konsum fiel durchweg schwach aus. Um Zufallsbefunde auszuschließen, rechneten die Autorinnen und Autoren 264 verschiedene Modellvarianten. Auch diese Sensitivitätsanalysen stützten einen Null-Effekt. Gleichzeitig ging der Konsum insgesamt deutlich zurück: Der Anteil der Jugendlichen mit Konsum in den letzten zwölf Monaten sank von 22,2 Prozent im Jahr 2018 auf 10,0 Prozent im Jahr 2023.
Eine Einschränkung gibt es. Unter den Jugendlichen, die bereits konsumierten, ging eine bessere Erreichbarkeit im Jahr 2018 mit häufigerem Konsum einher. Das war die Frühphase nach der Legalisierung, als es noch wenige Läden gab. Mit dem Ausbau des Netzes verschwand dieser Zusammenhang. Stark mit dem Konsum verbunden war dagegen, wie leicht Jugendliche selbst an Cannabis zu kommen glaubten. Diese gefühlte Verfügbarkeit hing aber nur mäßig mit der tatsächlichen Nähe zu Geschäften zusammen.
Die Autorinnen und Autoren folgern, dass Regeln zur Ladennähe in einem reifen Markt nur begrenzt wirken dürften. Methodisch bleibt Vorsicht geboten. Es handelt sich um wiederholte Querschnittsbefragungen mit Selbstauskünften, keine Verlaufsstudie. Der Rückgang des Konsums fällt zudem teilweise in die Pandemiejahre und lässt sich nicht allein auf den Markt zurückführen. In ein ähnliches Bild passt eine frühere Meldung, wonach Kanadas Jugendliche nach der Legalisierung seltener mit der Polizei zu tun hatten.
Was die Ergebnisse für Abstandsregeln in Deutschland bedeuten

Deutschland hat keine Cannabisläden, aber Abstandsregeln. Anbauvereinigungen müssen einen Mindestabstand von 200 Metern zu Schulen, Kinder- und Jugendeinrichtungen und Spielplätzen einhalten. Wie viel Konfliktstoff darin steckt, zeigt der Fall aus Sachsen, wo eine Gemeinde per Spielplatz einen genehmigten Cannabis-Club ausbremsen will. Die kanadischen Daten lassen sich zwar nicht direkt übertragen, weil Clubs keine offenen Geschäfte sind. Sie sprechen aber dafür, dass der Jugendschutz eher an der gefühlten Verfügbarkeit und an der Prävention ansetzen sollte als an Metern auf dem Stadtplan.
Relevant wird die Frage spätestens bei regionalen Modellprojekten mit Verkaufsstellen, wie sie für eine zweite Säule des Gesetzes im Gespräch sind. Einen Überblick über die aktuelle Rechtslage gibt unser Guide zur Cannabis-Legalisierung in Deutschland. Für Deutschland selbst zeigt eine große Befragung bislang keinen Konsumschub nach dem Cannabisgesetz. In der Schweiz liefert die SCRIPT-Studie zum Verkauf in Apotheken weitere Daten zu regulierten Abgabestellen. Wie lange Kanada schon über Vertriebswege streitet, zeigt ein Blick zurück auf die Pläne von 2018, Cannabis in Drogeriemärkten zu verkaufen.
Häufige Fragen
Wie viele Jugendliche wurden in der kanadischen Studie befragt?
Ausgewertet wurden Angaben von 419.887 Schülerinnen und Schülern aus vier Provinzen. Die Daten stammen aus den Jahren 2018 bis 2023. Es handelt sich um wiederholte Befragungen an weiterführenden Schulen im Rahmen der COMPASS-Studie.
Erhöhen Cannabisläden in Schulnähe den Konsum von Jugendlichen?
Laut der Studie kaum. Die Zusammenhänge zwischen Ladennähe und Konsum waren klein und meist nicht signifikant. Nur in der Frühphase 2018 konsumierten Jugendliche, die bereits Cannabis nutzten, bei guter Erreichbarkeit etwas häufiger.
Ist der Cannabiskonsum von Jugendlichen in Kanada gestiegen?
Nein, in den untersuchten Provinzen ist er gesunken. Der Anteil mit Konsum im letzten Jahr fiel von 22,2 Prozent im Jahr 2018 auf 10,0 Prozent im Jahr 2023. Die Studie kann aber nicht klären, welche Ursachen hinter dem Rückgang stehen.
Welche Abstandsregeln gelten in Deutschland?
Anbauvereinigungen müssen 200 Meter Abstand zu Schulen, Kinder- und Jugendeinrichtungen und Spielplätzen halten. Zudem ist der Konsum in Sichtweite solcher Einrichtungen verboten. Cannabisläden wie in Kanada gibt es in Deutschland nicht.
Wo ist die Studie erschienen?
Die Arbeit von Seabrook und Kollegen erschien in der Fachzeitschrift Drug and Alcohol Dependence, Band 288. Sie ist frei zugänglich und trägt den Titel „Cannabis retail accessibility and adolescent use across a maturing market: Evidence from Canada“.
Quelle: Seabrook JA, Zhong S, Cole AG et al.: Cannabis retail accessibility and adolescent use across a maturing market: Evidence from Canada. Drug and Alcohol Dependence 288 (2026), 113368. DOI: 10.1016/j.drugalcdep.2026.113368.







































