Die Universitätsmedizin Mainz hat Anfang Mai eine groß angelegte Online-Befragung für Cannabis-Patienten gestartet. Das Institut für Rechtsmedizin will damit eine Lücke schließen, die in der bisherigen Forschung zu Medizinalcannabis offen geblieben ist: Wie nutzen Patienten ihre Therapie tatsächlich, welche Begleitwirkungen treten im Alltag auf und wie schätzen sie ihre eigene Fahrtüchtigkeit unter laufender Medikation ein.
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Die Befragung läuft anonym, dauert nach Angaben der Forschenden wenige Minuten und steht jedem offen, der derzeit medizinisches Cannabis verschrieben bekommt. Initiiert wurde das Projekt von PD Dr. Cora Wunder, die in Mainz die Abteilung für Forensische Toxikologie leitet, gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Team Marica Hundertmark, André Ihlenfeld und Assaf Landschaft. Als Industriepartner ist die Copeia GmbH eingebunden, die die technische Plattform stellt.
Warum die Studie gerade jetzt wichtig ist
Mit der Umstufung von Cannabis aus dem Betäubungsmittelgesetz im April 2024 und dem starken Wachstum der Patientenzahl auf rund 900.000 Versorgte hat sich die Versorgungslage in Deutschland grundlegend verändert. Die alte Begleiterhebung des BfArM, die zwischen 2017 und 2022 die Daten von rund 21.000 Therapieverläufen erfasste, lieferte bisher die belastbarste Datenbasis. Nach dem Ende dieser Erhebung fehlt jedoch ein systematischer Überblick darüber, was sich seit der Liberalisierung im realen Alltag verändert hat.
Diese Datenlücke ist nicht nur akademisch. Im Bundestag liegt aktuell der Entwurf zur Änderung des Medizinal-Cannabisgesetzes auf dem Tisch, der den Versandhandel mit Cannabisblüten verbieten und einen verpflichtenden persönlichen Arztkontakt einführen soll. Belastbare Daten dazu, wie Patienten ihre Therapie tatsächlich umsetzen und welche Versorgungswege sie nutzen, fehlen weitgehend. Genau hier setzt die Mainzer Befragung an.
Was die Befragung untersucht
Vier Themenblöcke stehen im Mittelpunkt der Erhebung. Erstens die Anwendungsform: Vaporisation, oraler Konsum, Tinkturen oder Extrakte, gegebenenfalls Kombinationen. Zweitens die tatsächliche Dosierung im Alltag, also wie weit Patienten von ihrer ursprünglichen ärztlichen Verordnung abweichen, wenn sie ihre Symptome selbst titrieren. Drittens das Spektrum der Begleitwirkungen, sowohl erwünschter als auch unerwünschter, inklusive der Frage, ob diese Effekte zu Therapieabbrüchen führen.
Der vierte Block ist für ein rechtsmedizinisches Institut typisch und zugleich politisch besonders brisant: Wie schätzen Patienten ihre eigene Fahrtüchtigkeit ein, wenn sie unter laufender Cannabis-Medikation am Straßenverkehr teilnehmen, und welche Strategien wenden sie an, um Risiken zu minimieren. Die Frage hat reale Konsequenzen, wie der jüngste Beschluss des OVG Nordrhein-Westfalen zum Fahrerlaubnisentzug von Cannabis-Patienten zeigt.
Forensisch-toxikologischer Hintergrund
Dass die Studie vom Institut für Rechtsmedizin verantwortet wird, ist kein Zufall. Cora Wunder forscht seit Jahren an der Schnittstelle zwischen forensischer Toxikologie und medizinischer Cannabis-Anwendung. Sie hat in der Vergangenheit bereits eine deskriptive Auswertung individueller Anwendungsmuster bei Cannabis-Arzneimitteln in Deutschland publiziert. Ihr Schwerpunkt liegt darauf, valide Marker zu identifizieren, die im Verkehrskontrollfall den Genusskonsum von einer therapeutischen Anwendung unterscheiden können.
Die Lücke zwischen forensischen Standardgrenzwerten und der pharmakokinetischen Realität chronisch behandelter Patienten ist erheblich. THC und seine Metaboliten lassen sich bei regelmäßiger Einnahme über Wochen im Blut nachweisen, ohne dass eine akute Beeinträchtigung vorliegt. Studien aus den vergangenen Jahren deuten darauf hin, dass Cannabis-Patienten kaum messbare Einschränkungen ihrer Fahrtüchtigkeit zeigen, sobald sie eingestellt sind. Die Mainzer Erhebung soll diesen Befund mit Selbstauskünften ergänzen und in die laufende politische Debatte um Grenzwerte und Sondertatbestände einspeisen.
Real-World-Daten als Ergänzung zur klinischen Forschung
Die Mainzer Befragung folgt einem Trend, der sich in der europäischen Cannabis-Forschung zunehmend etabliert: Real-World-Evidence aus großen Patientenkohorten ergänzt die randomisierten kontrollierten Studien, die bei einer Pflanze mit hunderten Inhaltsstoffen, individueller Dosierung und subjektiver Symptombewertung methodisch an Grenzen stoßen. Eine kürzlich publizierte deutsche Versorgungsstudie zeigte beispielsweise, dass Medizinalcannabis bei 3.500 Patienten in zahlreichen Indikationen zu einer signifikanten Reduktion des Opioid-Bedarfs führte.
Die Befragung ist anonym aufgebaut. Weder Namen noch Adressen oder andere direkt identifizierende Daten werden erfasst, die Auswertung erfolgt ausschließlich zu wissenschaftlichen Zwecken unter den Vorgaben der Datenschutz-Grundverordnung. Patienten, die teilnehmen möchten, finden den Zugang über das Portal copeia.de/iacst. Wann mit ersten Zwischenergebnissen zu rechnen ist, hat das Mainzer Team noch nicht öffentlich kommuniziert. Erfahrungsgemäß werden solche Erhebungen nach Erreichen einer aussagekräftigen Stichprobe ausgewertet und in einschlägigen Fachzeitschriften publiziert.
Häufige Fragen
Wer kann an der Mainzer Cannabis-Befragung teilnehmen?
Teilnahmeberechtigt sind alle Personen in Deutschland, die ein gültiges Cannabis-Arzneimittel ärztlich verordnet bekommen haben und dieses regelmäßig anwenden. Eine Einschränkung auf bestimmte Indikationen oder Therapieformen besteht nicht.
Werden persönliche Daten erfasst?
Nein. Die Befragung läuft vollständig anonym. Es werden weder Namen noch Adressen, E-Mail-Adressen oder andere direkt identifizierende Informationen erhoben. Die Datenverarbeitung erfolgt nach den Vorgaben der DSGVO ausschließlich zu wissenschaftlichen Zwecken am Institut für Rechtsmedizin Mainz.
Welche Forschungsfragen stehen im Mittelpunkt?
Vier Schwerpunkte sind zentral: die Form der Einnahme, die tatsächliche Dosierung im Alltag, die erwünschten und unerwünschten Begleitwirkungen sowie die Selbsteinschätzung der Fahrtüchtigkeit unter laufender Therapie. Die Studie soll ein realitätsnahes Bild der Versorgungslage liefern.
Wie lange dauert die Online-Befragung?
Die genaue Bearbeitungszeit hat das Mainzer Team nicht öffentlich beziffert. Erfahrungsgemäß sind solche Erhebungen so konzipiert, dass sie in zehn bis zwanzig Minuten ausgefüllt werden können, ohne dass die Teilnahmebereitschaft leidet.
Wer steht hinter der Studie?
Studienleitung ist PD Dr. Cora Wunder, Leiterin der Abteilung Forensische Toxikologie am Institut für Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Mainz. Zum wissenschaftlichen Team gehören Marica Hundertmark, André Ihlenfeld und Assaf Landschaft. Als technischer Partner ist die Copeia GmbH eingebunden, die das Studienportal bereitstellt.
Welchen Bezug hat die Studie zum geplanten MedCanG-Verschärfung?
Der Bundestag berät derzeit über eine Verschärfung des Medizinal-Cannabisgesetzes mit Versandhandelsverbot und verpflichtendem Praxiskontakt. Belastbare Daten zur tatsächlichen Versorgungslage und zu möglichen Konsequenzen einer Reform fehlen weitgehend. Die Mainzer Erhebung kann diese Lücke schließen helfen, auch wenn sie unabhängig vom Gesetzgebungsverfahren konzipiert ist. Dass eine Berücksichtigung in der laufenden politischen Beratung erfolgt, ist angesichts der bisherigen Praxis jedoch nicht zu erwarten.
Quelle: Pressemitteilung Universitätsmedizin Mainz / Lucys Magazin (04.05.2026), copeia.de/iacst, Institut für Rechtsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.













































