In der Schweiz nennt man es nüchtern „Pilotversuch“. Was in Lausanne unter dem Projektnamen Cann-L seit Dezember 2023 läuft, hat aber längst die Dimension eines vollwertigen Modellprojektes erreicht. Sucht Schweiz und die Stadtverwaltung haben Ende April einen ausführlichen Zwischenbericht vorgelegt, der konkrete Zahlen liefert. Über 1.750 Erwachsene aus dem Stadtgebiet sind inzwischen registriert, eine Erstkohorte von 670 Teilnehmenden hat ihren Konsum nach 18 Monaten um durchschnittlich 20 Prozent reduziert, und der lokale Schwarzmarkt soll um mindestens zwei Millionen Schweizer Franken Umsatz geschrumpft sein.
📑 Inhaltsverzeichnis
Was Cann-L misst und wie
Cann-L ist eines von sieben staatlich genehmigten Pilotprojekten zum nicht gewinnorientierten Cannabisverkauf in der Schweiz. Während Zürich mit Züri Can das mediale Aushängeschild stellt und das Tessiner Vorhaben in Vernier eine kleinere Vergleichsgruppe abbildet, ist Cann-L in Lausanne mit aktuell knapp 1.750 erwachsenen Teilnehmenden nach Zürich der zweitgrößte Versuch des Landes. Träger sind die Stadt Lausanne und die nationale Fachstelle Sucht Schweiz, die wissenschaftliche Auswertung übernehmen das Institut für Nonprofit- und Public Management der Fachhochschule Nordwestschweiz und die Universität Lausanne im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit.
Die Teilnehmenden sind im Schnitt 36 Jahre alt, drei Viertel von ihnen sind männlich. Sie können in einer eigens eingerichteten Verkaufsstelle Blüten und alternative Konsumformen erwerben. Die Preise orientieren sich am Schwarzmarkt, der THC-Gehalt liegt bei durchschnittlich 12,5 Prozent und damit nach Angaben der Forschungsgruppe rund zwei Prozentpunkte unter dem, was im Lausanner Schwarzmarkt zirkuliert. Begleitend dokumentieren die Teilnehmenden ihren Konsum, beantworten regelmäßig Fragebögen und können sich bei medizinischen oder psychischen Auffälligkeiten an angegliederte Beratungsstellen wenden.
Konsum sinkt, Schwarzmarkt verliert
Der Befund nach gut zwei Jahren ist deutlich. Die wissenschaftliche Auswertung der ersten Kohorte zeigt eine durchschnittliche Konsumreduktion von 20 Prozent. Wer länger im Programm ist, konsumiert tendenziell weniger, nicht mehr, was der Befürchtung vieler Kritikerinnen und Kritiker widerspricht, ein legaler Zugang führe automatisch zu Mehrkonsum. Cann-L deckt mittlerweile rund 20 Prozent des in Lausanne geschätzten Gesamtkonsums ab, der Schwarzmarkt verliert in derselben Größenordnung Umsatz. Die offiziell bezifferten zwei Millionen Franken sind dabei nur die untere Schätzgrenze, die ausschließlich auf den über die Verkaufsstelle dokumentierten Mengen basiert.
Bemerkenswert ist auch ein Effekt, den das Projekt nicht primär ansteuern wollte. Etwa hundert Teilnehmende haben über die Beratungsstrukturen erstmals oder nach langer Pause ärztlichen Kontakt aufgenommen, sei es wegen psychischer Belastungen, Schlafstörungen oder Konsumfragen. Die niedrige Schwelle eines regulären Verkaufsprozesses öffnet damit eine Tür zum Versorgungssystem, die in der reinen Strafverfolgungs-Logik versperrt bleibt. Ähnliche Beobachtungen sind aus den deutschen Pilotprojekten über die letzten Monate ebenfalls dokumentiert.
Mehrwertsteuer und Präventionsfonds
Cann-L ist als nichtgewinnorientiertes Projekt aufgestellt, betriebswirtschaftlich aber transparent. Im Jahr 2025 flossen mehr als 60.000 Franken Mehrwertsteuer in die Bundeskasse. Zusätzlich generierte das Projekt rund 300.000 Franken, die in lokale Prävention und Begleitforschung reinvestiert werden. Diese Zahlen sind politisch bedeutsam, weil sie das vielleicht wichtigste Schweizer Argument gegen den Schwarzmarkt unterfüttern. Geld, das vorher in den illegalen Strukturen versickerte, finanziert nun Aufklärung, ärztliche Sprechstunden und Materialanalysen.
Die Lausanner Stadtregierung argumentiert offen damit, dass Cann-L kein Pilotversuch im engeren Sinne mehr sei, sondern faktisch ein staatlich zugelassener Markt mit Forschungsbegleitung. Die Verlängerung des Zürcher Schwesterprojekts bis 2028, die Mitte April beschlossen wurde, deutet darauf hin, dass die Schweizer Politik genau diese Logik teilt. Ein Schweizer Cannabisgesetz auf Bundesebene gilt bisher als unwahrscheinlich vor dem Ende der nationalen Pilotphase 2027 oder 2028. Die Befundlage aus Lausanne dürfte das parlamentarische Tempo aber spürbar erhöhen.
Was die deutsche Debatte daraus mitnehmen kann
Für die deutsche Diskussion um Anbauvereinigungen, Modellprojekte und die geplante Reform des Medizinal-Cannabisgesetzes ist Cann-L mehr als nur ein Schweizer Lokalexperiment. Die Lausanner Daten zeigen, dass eine kontrollierte Verkaufsstelle mit niedrigerem THC-Gehalt, beratender Begleitung und transparenter Buchführung den Schwarzmarkt substanziell verdrängen kann, ohne den Konsum zu erhöhen. Während in Deutschland die Modellprojekte nach dem Konsumcannabisgesetz weiterhin auf konkrete Genehmigungen warten und der Bundesrat über Einschränkungen für Telemedizin diskutiert, liefert die Schweiz einen empirisch belastbaren Vergleichswert.
Der nächste Zwischenbericht ist für Anfang 2027 angekündigt. Bis dahin wird sich zeigen, ob die 20-Prozent-Reduktion stabil bleibt, ob die Beratungsdaten weiter steigen und ob sich die Kosten der staatlichen Begleitung tragen lassen. Sollte Cann-L dauerhaft solche Zahlen produzieren, dürfte der politische Druck auf die Berner Bundesversammlung wachsen, das Pilotmodell in eine reguläre gesetzliche Grundlage zu überführen.
Häufige Fragen
Was ist das Pilotprojekt Cann-L?
Cann-L ist ein staatlich genehmigtes Cannabis-Pilotprojekt in der Schweizer Stadt Lausanne. Es wurde im Dezember 2023 eröffnet und ermöglicht erwachsenen Teilnehmenden den nicht gewinnorientierten Erwerb von Cannabisprodukten in einer dedizierten Verkaufsstelle. Träger sind die Stadt Lausanne und Sucht Schweiz, die wissenschaftliche Auswertung erfolgt durch die Fachhochschule Nordwestschweiz und die Universität Lausanne.
Wie viele Menschen nehmen an Cann-L teil?
Mit Stand Ende April 2026 sind über 1.750 erwachsene Personen aus Lausanne registriert. Das Durchschnittsalter liegt bei 36 Jahren, rund 75 Prozent der Teilnehmenden sind männlich. Damit ist Cann-L nach Züri Can das zweitgrößte der sieben laufenden Schweizer Pilotprojekte.
Welche Wirkung hat Cann-L auf den Cannabiskonsum?
Eine Auswertung der ersten Kohorte von 670 Personen, die mindestens 18 Monate dabei sind, zeigt eine durchschnittliche Konsumreduktion von 20 Prozent. Der THC-Gehalt der über Cann-L vertriebenen Blüten liegt bei rund 12,5 Prozent und damit unter dem Niveau des lokalen Schwarzmarktes von etwa 14,5 Prozent.
Was bedeutet das für den Schwarzmarkt in Lausanne?
Cann-L deckt rund 20 Prozent des geschätzten Cannabis-Konsums in Lausanne ab. Der lokale Schwarzmarkt verliert nach den dokumentierten Verkaufszahlen mindestens zwei Millionen Franken Umsatz. Die offizielle Schätzung gilt als unterer Wert, weil ausschließlich nachweisbare Mengen erfasst werden.
Welche Bedeutung hat Cann-L für die Schweizer Cannabispolitik?
Die Daten aus Lausanne stützen die Argumentation für eine bundesweite Regulierung des Cannabismarktes. Bereits Mitte April hat Zürich sein Pilotprojekt Züri Can bis 2028 verlängert. Sollten Cann-L und die anderen sechs Pilotprojekte stabile Reduktionen, gesundheitliche Verbesserungen und steuerliche Beiträge nachweisen, wächst der politische Druck, das Modell in eine reguläre gesetzliche Grundlage zu überführen.









































