Das Endocannabinoidsystem ist eines der wichtigsten Regulationssysteme des Körpers. Seit seiner Entdeckung vor mehr als 30 Jahren, begann man immer mehr zu begreifen, wie viele körperliche Funktionen und auch welche Krankheiten in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Endocannabinoidsystem stehen. Um die vom Endocannabinoidsystem abhängigen Prozesse steuern zu können, produziert der Körper selbst die entsprechenden Cannabinoide, die an den jeweiligen Rezeptoren andocken, um dort modulierend auf Prozesse einwirken zu können.
📑 Inhaltsverzeichnis
- Reizdarmsyndrom als mögliche Auswirkung
- Migräne als Folge von Anandamid-Mangel
- Fibromyalgie und weitere entzündliche Erkrankungen
- Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten
- Ist der Endocannabinoid-Mangel wissenschaftlich bewiesen?
- Was die Messwerte zeigen und wo die Theorie an Grenzen stößt
- 💬 Fragen? Frag den Hanf-Buddy!
Die aktuelle Forschungslage geht davon aus, dass ein Mangel an körpereigenen Cannabinoiden die Entstehung zahlreicher Krankheiten begünstigen kann. Die Überlegung dahinter ist, dass der Mangel an körpereigenen Cannabinoiden primär jene Krankheiten begünstigt, gegen die auch medizinisches Cannabis hilft. Einer der ersten Forscher der sich eingehend mit dieser Frage beschäftigte, war Ethan Russo. Er veröffentlichte im Jahr 2004 als erster eine wissenschaftliche Publikation, welche dieses Thema eingehend beleuchtete.
Reizdarmsyndrom als mögliche Auswirkung
Als gesichert gilt nach heutigem Wissensstand, dass ein Mangel an Endocannabinoiden das Auftreten entzündlicher Darmerkrankungen, etwa das Reizdarmsyndrom, begünstigen kann. Der menschliche Verdauungstrakt ist übersät mit Cannabinoidrezeptoren. Dort gibt es einen engen Zusammenhang zwischen dem Mikrobiom im Darm und dem Endocannabinoidsystem.
Ethan Russo schlussfolgerte aus der Tatsache, dass Cannabis als sehr wirksam gegen entzündliche Darmerkrankungen gilt, dementsprechend ein Mangel an Endocannabinoiden genau diese Darmerkrankungen begünstigen müsste. Nachdem er die Daten aller verfügbaren klinischen Studien, die sich auf PubMed finden, analysiert hatte, stellte er fest, dass sich aus der aktuellen Studienlage tatsächlich diese Schlussfolgerung ableiten lässt. Russo fand heraus, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen einem Mangel der Cannabinoide Anandamid und 2-AG und dem Reizdarmsyndrom gibt.
Migräne als Folge von Anandamid-Mangel
Anandamid hat einen direkten Einfluss auf mehrere Faktoren, welche das Entstehen von Migräne begünstigen können. Anandamid dockt nicht nur an den Cannabinoidrezeptoren an, sondern auch an den 5-HT Rezeptoren. Diese Rezeptoren spielen eine zentrale Rolle beim Auftreten von Migräne oder anderen Störungen wie Clusterkopfschmerzen. Ferner wirkt Anandamid auf einen bestimmten Bereich der grauen Substanz im Gehirn, von welchem bekannt ist, dass er in einem direkten Zusammenhang mit Migräne steht. Aus all diesen Faktoren kann abgeleitet werden, dass ein Mangel von Anandamid das Auftreten von Migräne begünstigt.
Fibromyalgie und weitere entzündliche Erkrankungen
Fibromyalgie ist eine häufig chronisch verlaufende, rheumatische Erkrankung, die sich vorwiegend durch Schmerzen in der Muskulatur und den Gelenken äußert. Cannabis erwies sich in mehreren klinischen Studien als hocheffektives Mittel, um die Entzündungen und Schmerzen bei dieser Erkrankung zu lindern. Die Forschung geht aktuell davon aus, dass Fibromyalgie das Resultat einer sogenannten Sensibilisierung infolge einer Hyperalgesie ist. Das bedeutet, der Patient hat ein stark erhöhtes Schmerzempfinden, welches in einem direkten Zusammenhang mit dem Endocannabinoidsystem steht. Es ist bekannt, dass Endocannabinoide auch eine zentrale Rolle im Schmerzempfinden und der Schmerzweiterleitung spielen. Dementsprechend kann ein Defekt in diesem System, mit Schmerzsyndromen wie Fibromyalgie einhergehen.
Eine weitere Erkrankung, bei der ein Mangel an Endocannabinoiden als begünstigender Faktor naheliegend erscheint, ist Mukoviszidose. Dabei handelt es sich um eine chronische schwere Lungenerkrankung, die häufig zum Tod führt. Cannabis gilt als effektives Mittel, um diese Erkrankung zu lindern. Gleichzeitig geht die aktuelle Studienlage davon aus, dass ein Mangel an körpereigenen Cannabinoiden diese Erkrankung begünstigen kann.
Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten
Es ist schwierig, eine einzelne konkrete Ursache für den Mangel an Endocannabinoiden im Patienten zu isolieren. Jedes Cannabinoid durchläuft einen mehrstufigen Syntheseweg, ehe es seine Funktion im Körper erfüllen kann. Es könnte unter anderem sein, dass ein Mangel an Arachidonsäure vorliegt. Dabei handelt es sich um eine Fettsäure, die als Ausgangsstoff für die Synthese einiger wichtiger Cannabinoide dient. Auch ein Mangel an den entsprechenden Enzymen, welche die eigentliche Umwandlung der Ausgangsstoffe durchführen, ist denkbar.
Umgekehrt kann auch genetisch bedingt ein Mangel an entsprechenden Rezeptoren vorliegen, sodass der Körper zwar die Cannabinoide produzieren kann, diese aber nicht ausreichend andocken und wirken können. Aufgrund dieser stark unterschiedlichen Ursachen, kann keine pauschale Therapieform, die für jeden Patienten funktioniert, genannt werden. Was bislang als gesichert gilt, ist, dass der Aufbau der Darmflora, eine signifikant unterstützende Wirkung auf entzündliche Darmerkrankungen hat. Die Darmflora kann beispielsweise mittels Probiotika aufgebaut werden.
Das sind Nahrungsergänzungsmittel, die genau jene Bakterienkulturen enthalten, die im gesunden Mikrobiom vorkommen und notwendig sind, für eine reibungslose Interaktion des Darms mit dem Endocannabinoidsystem. Vielleicht sollte man an dieser Stelle aber auch nicht das Rad neu erfinden und die Stecknadel im Heuhaufen suchen, sondern endlich Cannabis in vollem Umfang legalisieren und für alle Patienten zugänglich machen. Denn es ist hinreichend belegt, dass gegen alle Erkrankungen die infolge von Endocannabinoid-Mangel auftreten, Cannabis ein Mittel ist, welches den meisten Patienten eine Linderung verschafft.
Ist der Endocannabinoid-Mangel wissenschaftlich bewiesen?
So plausibel die Theorie klingt, wissenschaftlich ist der Endocannabinoid-Mangel bis heute nicht abschließend bewiesen. Fachlich spricht man von der klinischen Endocannabinoid-Defizienz, im Englischen Clinical Endocannabinoid Deficiency oder kurz CED. Ethan Russo formulierte das Konzept 2004 zunächst als Hypothese und legte 2016 mit einer überarbeiteten Fassung nach. Der Status hat sich seither kaum verändert. Es handelt sich weiterhin um ein gut begründetes Modell, nicht um eine gesicherte Diagnose.
Der Grund liegt in der Natur der vorliegenden Daten. Die meisten Belege stammen aus Beobachtungsstudien mit kleinen Fallzahlen. Sie zeigen Zusammenhänge, keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Ketten. Dass Cannabis vielen Patienten mit Migräne, Fibromyalgie oder Reizdarm hilft, beweist noch nicht, dass ein Mangel an körpereigenen Cannabinoiden die Krankheit ausgelöst hat. Genau an dieser Lücke setzt die wissenschaftliche Kritik an.
Was die Messwerte zeigen und wo die Theorie an Grenzen stößt
Es gibt durchaus messbare Hinweise, die für das Konzept sprechen. In der Rückenmarksflüssigkeit von Patienten mit chronischer Migräne wurden wiederholt niedrigere Anandamid-Werte gefunden als bei gesunden Vergleichspersonen. Auch für Fibromyalgie und das Reizdarmsyndrom gibt es Untersuchungen, die auf veränderte Spiegel von Anandamid und 2-AG hindeuten. Mehrere unabhängige Forschungsgruppen haben solche Beobachtungen inzwischen bestätigt.
Die entscheidende Einschränkung bleibt jedoch bestehen. Bis heute existiert kein anerkannter Labortest, der einen Endocannabinoid-Mangel zuverlässig diagnostiziert. Die gemessenen Unterschiede sind oft klein und schwanken je nach Methode und Tageszeit. Neuere Ansätze versuchen, Endocannabinoide im Speichel zu bestimmen, um eine einfachere Messung zu ermöglichen. Diese Verfahren stecken aber noch in der Erprobung und sind für die Praxis nicht zugelassen. Solange dieser Nachweis fehlt, bleibt der Endocannabinoid-Mangel ein Erklärungsmodell und keine feststellbare Krankheit.
Für Betroffene ändert das wenig an der praktischen Konsequenz. Ob nun ein echter Mangel oder eine gestörte Signalübertragung im Endocannabinoidsystem vorliegt, in beiden Fällen kann eine gezielte Modulation dieses Systems Beschwerden lindern. Die Theorie liefert damit vor allem einen Denkrahmen, warum ausgerechnet diese schwer behandelbaren Erkrankungen so häufig gemeinsam auftreten.
Hast du schon einmal von dem Endocannabinoidsystem gehört?
Häufige Fragen
Was ist ein Endocannabinoid-Mangel?
Der Begriff beschreibt die Annahme, dass der Körper zu wenige körpereigene Cannabinoide bildet oder diese nicht richtig wirken. Fachleute sprechen von einer klinischen Endocannabinoid-Defizienz. Die Theorie geht auf den Forscher Ethan Russo zurück und gilt bislang als Hypothese.
Welche Krankheiten werden mit einem Endocannabinoid-Mangel in Verbindung gebracht?
Am häufigsten genannt werden Migräne, Fibromyalgie und das Reizdarmsyndrom. Diese Erkrankungen teilen ähnliche Merkmale wie ein erhöhtes Schmerzempfinden. Auch bei weiteren chronischen Beschwerden wird ein Zusammenhang diskutiert, allerdings mit deutlich schwächerer Datenlage.
Kann man einen Endocannabinoid-Mangel testen lassen?
Nein, einen anerkannten Standardtest gibt es derzeit nicht. In Studien werden Anandamid und 2-AG in Rückenmarksflüssigkeit oder Blut gemessen. Für den Praxisalltag sind diese Verfahren jedoch nicht geeignet. Speicheltests werden erforscht, sind aber noch nicht zugelassen.
Hilft Cannabis bei einem Endocannabinoid-Mangel?
Viele Patienten berichten über eine spürbare Linderung, und mehrere Studien stützen diese Erfahrung. Cannabis und einzelne Cannabinoide greifen direkt in das körpereigene Regulationssystem ein und können eine gestörte Signalübertragung ausgleichen. Ob dahinter ein echter Mangel steckt, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt.
Ist der Endocannabinoid-Mangel offiziell als Krankheit anerkannt?
Nein, der Endocannabinoid-Mangel ist keine eigenständige, offiziell anerkannte Diagnose. Er gilt als wissenschaftliches Erklärungsmodell für bestimmte schwer behandelbare Erkrankungen. Die Forschung liefert Hinweise, aber noch keinen endgültigen Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang.
Quellen und weiterführende Links
ethanrusso.org/about-ethan-russo-md/
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15159679/








































