Australiens Medizinalcannabismarkt schrumpft erstmals seit der Legalisierung 2016. Das Penington Institute meldet für das zweite Halbjahr 2025 einen Umsatzrückgang von 28,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Auslöser ist ein massiver Eingriff der australischen Arzneimittelbehörde TGA gegen aggressive Werbung und Klick-Rezept-Praktiken. Die Bilanz ist ein Lehrstück für jeden europäischen Markt, der gerade über Klickrezepte und Versandapotheken streitet, allen voran für Deutschland.
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Die nackten Zahlen aus dem Penington Institute
Im zweiten Halbjahr 2024 wechselten in Australien noch 3,72 Millionen Einheiten medizinisches Cannabis den Besitzer. Ein Jahr später, im zweiten Halbjahr 2025, waren es nur noch 2,65 Millionen. Das entspricht einem Minus von 28,5 Prozent. Es ist die erste Marktumkehr, seit Australien 2016 medizinisches Cannabis zuließ und damit zu einem der größten Patientenmärkte weltweit aufstieg. Das Penington Institute, eine in Melbourne ansässige Public-Health-Forschungsstelle, hat die Zahlen aus den TGA-Verschreibungsdaten zusammengetragen.
Der Einbruch trifft einen Markt, der in den Vorjahren regelmäßig zweistellig wuchs. Zwischen 2020 und 2023 hatte sich der Patientenkreis in Australien jedes Jahr vervielfacht, getragen von einer Welle privater Telemedizin-Anbieter und niedrigschwelliger Online-Konsultationen. Genau diese Strukturen geraten nun ins Visier der Behörden.
Was die TGA konkret durchsetzt
Die Therapeutic Goods Administration verhängte ab 2025 eine Serie von Compliance-Maßnahmen. Im Visier standen sechs Cannabis-Unternehmen, zwei Privatpersonen und über 50 Ärztinnen und Ärzte. Vorwürfe: unzulässige Werbung, irreführende Patientenansprache und mangelnde Sorgfaltspflicht bei der Verschreibung. Die TGA selbst formuliert, die High-Volume-Kliniken hätten Profit über Patientenversorgung gestellt und dies in der Praxis durch sehr kurze Konsultationen ausgedrückt. In einigen Fällen lagen zwischen erstem Patientenkontakt und Rezept weniger als zehn Minuten.
Das Penington Institute weist darauf hin, dass die TGA bereits 2023 vor genau diesen Praktiken gewarnt hatte. Damals blieben Maßnahmen zaghaft. Mit der Verschärfung 2025 ändert sich das Bild. Werbeverbote für rezeptpflichtige Cannabisprodukte werden strenger durchgesetzt, Kliniken müssen Konsultationsprotokolle vorhalten, Verschreibungsdaten werden engmaschiger ausgewertet. Die Folge: Anbieter ziehen sich aus dem Markt zurück oder reduzieren ihr Geschäft.
Parallelen zur deutschen Versandhandels-Debatte
Die australischen Vorgänge schlagen direkt in die deutsche Debatte um das geplante Erste Gesetz zur Änderung des Medizinal-Cannabisgesetzes. Das Bundesgesundheitsministerium will den Versandhandel mit Cannabisblüten verbieten und Telemedizin-Konsultationen einschränken. Apothekerverbände, der Bund Deutscher Cannabis-Patienten und mehrere Patientenorganisationen warnen vor einem Versorgungsabriss in ländlichen Regionen und bei Patienten mit eingeschränkter Mobilität. Australien zeigt die andere Seite der Medaille: Wo Telemedizin und Online-Rezeptmärkte unreguliert wachsen, entstehen Strukturen, die regulatorisch sehr aufwendig zu korrigieren sind.
Das Penington Institute warnt allerdings vor einem Pauschalrückzug. Ein zu strenger Crackdown gefährde den Zugang für Patienten, die auf Cannabis als Therapie angewiesen sind. Diese Balance ist genau die Frage, die im Bundestag und in den deutschen Apothekerkammern verhandelt wird. Wer die deutsche Debatte verfolgen will, findet in unserem Beitrag zum Kanada-Anteil am deutschen Medizinalcannabismarkt einen aktuellen Vergleichswert für die DACH-Versorgung.
Was die Korrektur strukturell verändert
Drei Effekte werden in den australischen Daten sichtbar. Erstens konsolidiert sich der Anbietermarkt. Kleinere Tele-Kliniken geben auf oder werden übernommen. Zweitens steigt der Anteil von Ärztinnen und Ärzten mit eigener Praxis und längerer Behandlungsanamnese. Drittens verschieben sich Produktanteile: Blüten verlieren Marktanteile zugunsten von Ölen und standardisierten Extrakten, weil bei diesen die Verschreibungsdokumentation einfacher fällt. Der Markt schrumpft also nicht nur, er strukturiert sich um.
Ein vierter Effekt ist gesellschaftlich relevanter. Patientenvertretungen in Australien berichten, dass viele Versorgungswege länger und teurer geworden sind. Wer in den vergangenen Jahren über Tele-Klinik versorgt wurde, muss sich nun einen niedergelassenen Arzt suchen, der mit medizinischem Cannabis vertraut ist. In dünn besiedelten Regionen ist das nicht selbstverständlich. Diese Verlagerung erinnert an die Befürchtungen, die deutsche Patientenverbände wie der Bund Deutscher Cannabis-Patienten in ihrer Stellungnahme zum Referentenentwurf formuliert haben. Eine globale Einordnung medizinischer Cannabismärkte liefert unser Cannabis-International-Guide 2026.
Sollte Deutschland den Versandhandel mit Cannabisblüten verbieten?
Häufige Fragen
Wie groß war der Rückgang im australischen Medizinalcannabismarkt?
Im zweiten Halbjahr 2025 wurden 2,65 Millionen Einheiten verkauft, gegenüber 3,72 Millionen im Vorjahreszeitraum. Das entspricht einem Minus von 28,5 Prozent. Die Daten stammen vom Penington Institute auf Basis der TGA-Verschreibungsstatistik.
Was war die Ursache für den Markteinbruch?
Die australische Arzneimittelbehörde TGA verschärfte 2025 die Durchsetzung gegen unzulässige Werbung und gegen Tele-Kliniken mit sehr kurzen Konsultationen. Sechs Cannabis-Unternehmen, zwei Privatpersonen und über 50 Ärztinnen und Ärzte wurden adressiert. Anbieter zogen sich aus dem Markt zurück oder reduzierten ihr Geschäft.
Welche Rolle spielen Tele-Kliniken in Australien?
Niedrigschwellige Online-Konsultationen haben Australiens Medizinalcannabismarkt zwischen 2020 und 2023 schnell wachsen lassen. Mit der Verschärfung 2025 stehen genau diese Strukturen in der Kritik. Die TGA sieht in vielen Fällen Profit über Patientenversorgung gestellt und konsultationen unter zehn Minuten als unzureichend.
Welche Parallelen gibt es zum deutschen Markt?
In Deutschland plant das Bundesgesundheitsministerium ein Versandverbot für Cannabisblüten und Einschränkungen für Telemedizin. Australien zeigt, wie ein boomender Markt nach unzureichender Initialregulierung nachträglich diszipliniert wird. Die deutsche Debatte versucht, diesen Korrekturkurs vorab in das Gesetz zu schreiben.
Gefährdet der Crackdown den Patientenzugang?
Das Penington Institute warnt vor genau dieser Folge. Patientenvertretungen berichten von längeren und teureren Versorgungswegen, weil viele Tele-Versorger aufgeben. Eine ähnliche Sorge formulieren in Deutschland der Bund Deutscher Cannabis-Patienten und die Apothekerschaft mit Blick auf das geplante MedCanG-Update.
Quellen: Penington Institute (Melbourne), Therapeutic Goods Administration (TGA), Business of Cannabis (Mai 2026), Bund Deutscher Cannabis-Patienten Stellungnahme zum MedCanG-Referentenentwurf.










































