Kaum ein Thema wird im CBD-Handel so offensiv beworben und so dünn belegt wie Sexualität. Wir haben uns angesehen, was die Studienlage tatsächlich hergibt, warum sich die Untersuchungen scheinbar widersprechen und an welcher Stelle aus Forschung Werbung wird.
📑 Inhaltsverzeichnis
- Was das Endocannabinoid-System mit Erregung zu tun hat
- Die Studienlage zu Cannabis: umfangreicher als gedacht, uneinheitlicher als behauptet
- Der Vergleich mit Alkohol
- Warum sich die Studien scheinbar widersprechen: die Dosis kehrt die Richtung um
- CBD ist nicht THC, und für CBD ist die Datenlage deutlich dünner
- CBD-Gleitmittel: was drinsteckt und was man wissen sollte
- Zwei Punkte, die in der Produktwerbung fehlen
- Was sich daraus mitnehmen lässt
- 💬 Fragen? Frag den Hanf-Buddy!
Wer nach CBD und Sex sucht, landet fast immer bei Produktseiten. Gleitgele mit Cannabidiol, Massageöle, Kapseln, dazu Versprechen von mehr Empfinden, weniger Anspannung, intensiveren Orgasmen. Studien werden dabei gern zitiert, meistens ohne Zusammenhang. Der Forschungsstand ist tatsächlich interessanter als die Werbung, nur sagt er etwas anderes.
Was das Endocannabinoid-System mit Erregung zu tun hat
Der Ausgangspunkt ist keine Erfindung des Marketings. Das Endocannabinoid-System ist an der Regulation von Stimmung, Stressverarbeitung und Durchblutung beteiligt, und all das spielt bei sexueller Erregung eine Rolle. CB1-Rezeptoren finden sich in Hirnarealen, die für Motivation und Belohnung zuständig sind, ebenso im peripheren Nervensystem.
Eine vielzitierte Arbeit von Klein und Kollegen untersuchte 2012 im Journal of Sexual Medicine, wie sich die Konzentration körpereigener Endocannabinoide bei Frauen im Verlauf sexueller Erregung verändert (DOI: 10.1111/j.1743-6109.2012.02708.x). Die Messwerte veränderten sich messbar. Das belegt eine Beteiligung des Systems, es belegt nicht, dass die Zufuhr von außen dieselbe Wirkung erzeugt. Genau an dieser Stelle wird in Produkttexten am häufigsten übersprungen.
Die Studienlage zu Cannabis: umfangreicher als gedacht, uneinheitlicher als behauptet

Zu Cannabis insgesamt, also vor allem zu THC, gibt es deutlich mehr Daten als zu CBD allein. Die größte Auswertung stammt von Sun und Eisenberg, die 2017 Daten des National Survey of Family Growth analysierten, einer repräsentativen US-Erhebung (DOI: 10.1016/j.jsxm.2017.09.005). Ergebnis: Konsumierende berichteten im Schnitt eine höhere Häufigkeit von Geschlechtsverkehr als Nichtkonsumierende.
Das klingt eindeutig, ist es aber nicht. Es handelt sich um eine Querschnittserhebung. Sie zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache. Menschen, die häufiger Sex haben, könnten ebenso gut häufiger konsumieren, und beides könnte auf gemeinsame Faktoren zurückgehen, etwa Alter, Partnerschaftsstatus oder allgemeine Risikobereitschaft. Die Autoren selbst formulieren entsprechend zurückhaltend.
Zwei weitere Arbeiten werden häufig als Beleg herangezogen. Lynn und Kollegen befragten 2019 in einer gynäkologischen Praxis 373 Frauen, von denen 127 angaben, vor sexueller Aktivität Cannabis zu verwenden (DOI: 10.1016/j.esxm.2019.01.003). Kasman und Kollegen erhoben 2020 mit dem Female Sexual Function Index Daten unter Kundinnen einer Cannabis-Verkaufsstelle (DOI: 10.1016/j.esxm.2020.06.009). An dieser Befragung nahmen 452 Frauen teil. Wer häufiger konsumierte, erreichte im Schnitt höhere Werte auf dem Index, 29,0 gegenüber 26,7 bei der niedrigsten Konsumfrequenz.
Beide Studien beruhen auf Selbstauskunft, und bei der zweiten ist die Stichprobe bereits vorselektiert: Wer in einem Cannabis-Geschäft einkauft, hat in aller Regel bereits gute Erfahrungen gemacht. Das entwertet die Arbeiten nicht, es begrenzt aber, was sie zeigen können. Sie beschreiben, wie Konsumierende ihre Erfahrung schildern. Sie messen keine Wirkung.
Bei Männern fällt das Bild uneinheitlicher aus. Shiff und Kollegen werteten 2021 Daten von 7.809 Männern einer andrologischen Klinik über zehn Jahre aus (DOI: 10.5489/cuaj.7185). Schon der Übersichtsartikel von Shamloul und Bella im Journal of Sexual Medicine kam 2011 zu dem Schluss, dass die vorliegenden Ergebnisse widersprüchlich sind und die Studienqualität begrenzt ist (DOI: 10.1111/j.1743-6109.2010.02198.x). An dieser Einschätzung hat sich weniger geändert, als die Menge der Publikationen vermuten lässt.
Der Vergleich mit Alkohol
Aufschlussreicher als der Vergleich von Konsumierenden mit Nichtkonsumierenden ist der Vergleich zweier Substanzen bei denselben Menschen. Eine spanische Arbeit in der Revista Internacional de Andrología hat 2024 genau das getan und 483 Personen befragt, die sowohl Alkohol als auch Cannabis kennen (DOI: 10.22514/j.androl.2024.014). Die beiden Substanzen wirkten sich unterschiedlich auf das sexuelle Erleben aus, und zwar nicht nur graduell, sondern in verschiedenen Bereichen.
Der praktische Punkt daraus: Wer beides mischt, kann nicht davon ausgehen, dass sich die Effekte addieren. Alkohol beeinträchtigt sexuelle Funktionen ab einer bestimmten Menge zuverlässig, daran ändert eine zweite Substanz nichts.
Warum sich die Studien scheinbar widersprechen: die Dosis kehrt die Richtung um

Der wichtigste Punkt für das Verständnis dieses Feldes wird fast nie erklärt, obwohl er die meisten Widersprüche auflöst.
Cannabinoide wirken vielfach biphasisch. Das bedeutet: Niedrige und hohe Dosen erzeugen nicht mehr oder weniger vom selben Effekt, sondern gegenläufige Effekte. Eine Übersichtsarbeit von Shustorovich und Kollegen in Pain Medicine hat 2024 die Literatur zu Schmerz, Angst und Schlafstörungen daraufhin durchgesehen und beschreibt genau dieses U-förmige Dosis-Wirkungs-Muster (DOI: 10.1093/pm/pnae004). Für Angst ist es besonders gut dokumentiert: Kleine Mengen THC wirken bei vielen Menschen entspannend, größere Mengen können Anspannung und Unruhe verstärken.
Überträgt man das auf Sexualität, ergibt der scheinbare Widerspruch plötzlich Sinn. Wenn Anspannung ein zentrales Hindernis ist, kann eine geringe Dosis das Erleben verändern. Wenn dieselbe Substanz in höherer Dosis Herzklopfen, Grübeln oder Distanz zum eigenen Körper auslöst, geschieht das Gegenteil. Studien, die Konsumierende pauschal mit Nichtkonsumierenden vergleichen und die Menge nicht erfassen, mitteln diese beiden Gruppen zu einem Ergebnis zusammen, das für niemanden gilt.
Das erklärt auch, warum Erfahrungsberichte so weit auseinandergehen und warum ältere Beiträge zu diesem Thema, auch in unserem eigenen Archiv, zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Nicht die Substanz ist widersprüchlich, sondern die Frage, die gestellt wurde.
CBD ist nicht THC, und für CBD ist die Datenlage deutlich dünner
Hier liegt die größte Lücke zwischen Forschung und Produktversprechen. Fast alle oben genannten Untersuchungen betreffen Cannabis mit THC. Studien, die CBD isoliert im sexuellen Kontext prüfen, gibt es praktisch nicht. Wer ein CBD-Produkt mit Verweis auf diese Arbeiten bewirbt, überträgt Ergebnisse auf einen anderen Wirkstoff.
Was es für CBD gibt, ist Evidenz an anderer Stelle. Der viel beachtete Übersichtsartikel von Blessing und Kollegen fasste 2015 in Neurotherapeutics den Forschungsstand zu CBD und Angststörungen zusammen (DOI: 10.1007/s13311-015-0387-1). Die präklinischen Befunde sind konsistent, die Zahl kontrollierter Studien am Menschen war und ist begrenzt.
Daraus ergibt sich der einzige plausible Weg, auf dem CBD hier überhaupt eine Rolle spielen könnte, und er ist indirekt: nicht über eine Wirkung auf Erregung oder Empfinden, sondern über eine mögliche Verringerung von Anspannung. Das ist eine Hypothese, keine belegte Wirkung, und sie ist für den sexuellen Kontext nicht untersucht. Formulierungen wie „steigert die Lust“ oder „intensiviert den Orgasmus“ sind durch nichts davon gedeckt. Sie sind in der EU bei Lebensmitteln und Kosmetika zudem nicht zulässig.
CBD-Gleitmittel: was drinsteckt und was man wissen sollte

Die am schnellsten wachsende Produktgruppe sind Gleitgele mit Cannabidiol, üblich sind Mengen im Bereich von 100 bis 300 Milligramm pro Flasche. Beworben werden sie mit entspannender Wirkung auf die Muskulatur und besserem Empfinden.
Klinische Studien, die eine solche Wirkung bei vaginaler oder topischer Anwendung belegen, existieren nicht. Was untersucht ist, betrifft die Aufnahme von Cannabinoiden über die Haut allgemein, und dort ist die Durchlässigkeit begrenzt. Die Schleimhaut verhält sich anders als die äußere Haut, aber belastbare Daten zur Aufnahme und zur lokalen Wirkung im Genitalbereich fehlen.
Ein praktischer Punkt ist dabei wichtiger als jede Wirkungsdiskussion und wird auf Produktseiten fast nie erwähnt: Öl-basierte Gleitmittel greifen Latex an. Fette und Öle setzen die Reißfestigkeit von Naturlatex herab, weshalb Kondomhersteller ausdrücklich auf wasser- oder silikonbasierte Produkte verweisen. Der Einfluss zusätzlicher Gleitmittel auf die Kondomfestigkeit ist genormt geprüft. Viele CBD-Gele sind öl-basiert, weil Cannabidiol fettlöslich ist. Wer mit Kondom verhütet, sollte die Basis des Produkts prüfen, und im Zweifel ein wasserbasiertes Gel wählen.
Dazu kommt der Umstand, dass Schleimhäute empfindlicher reagieren als die Haut am Arm. Duft- und Konservierungsstoffe, die in einem Körperöl unauffällig bleiben, können hier reizen. Ein Blick auf die vollständige Zutatenliste lohnt sich mehr als der Blick auf die CBD-Menge.
Zwei Punkte, die in der Produktwerbung fehlen
Substanzkonsum und Verhütung. In Erhebungen zum Sexualverhalten geht Substanzkonsum vor dem Sex regelmäßig mit riskanterem Verhalten einher, also seltener genutzten Kondomen. Das ist kein Effekt des Wirkstoffs auf den Koerper, sondern eine Folge veränderter Entscheidungen in der Situation. Wer das weiß, kann es einplanen.
Wechselwirkungen mit Medikamenten. CBD wird in der Leber über dieselben Enzymsysteme abgebaut wie viele Arzneimittel und kann deren Abbau hemmen. Dokumentiert ist das vor allem für höhere Dosen bei innerlicher Anwendung. Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte die Anwendung ärztlich abklären, statt sich auf die verbreitete Aussage zu verlassen, CBD sei nebenwirkungsfrei. Diese Aussage ist in dieser Form nicht haltbar.
Was sich daraus mitnehmen lässt
Der Zusammenhang zwischen Endocannabinoid-System und sexueller Reaktion ist real und wissenschaftlich beschrieben. Was daraus für ein gekauftes Produkt folgt, ist offen.
- Die vorhandenen Studien betreffen überwiegend Cannabis mit THC, nicht isoliertes CBD.
- Sie beruhen zum großen Teil auf Selbstauskunft und zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen.
- Die Dosis kann die Richtung der Wirkung umkehren, was viele scheinbare Widersprüche erklärt.
- Für CBD im sexuellen Kontext fehlt belastbare Evidenz vollständig, der diskutierte Weg über Anspannung ist eine Hypothese.
- Bei Gleitmitteln ist die Produktbasis relevanter als der CBD-Gehalt, öl-basiert und Latex vertragen sich nicht.
Wer sexuelle Probleme hat, die belasten, ist mit ärztlicher Abklärung besser beraten als mit einem Gel. Hinter Lustlosigkeit, Schmerzen oder Erektionsstörungen stehen häufig behandelbare Ursachen, von hormonellen Veränderungen über Medikamentennebenwirkungen bis zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wie sich Cannabis auf die männliche Zeugungsfähigkeit auswirkt, haben wir in einem eigenen Beitrag zur männlichen Fruchtbarkeit zusammengetragen. Zu hormonell bedingten Beschwerden in den Wechseljahren gibt es unseren Überblick zu Cannabidiol in den Wechseljahren. Eine ausführlichere Betrachtung des Verhältnisses von Cannabis und Sexualität findet sich in unserem älteren Beitrag Marihuana und Sex.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt den Stand der Forschung wieder und stellt keine medizinische Beratung dar. Er enthält keine Gesundheits- oder Wirkaussage zu einzelnen Produkten und keine Konsumempfehlung. Bei anhaltenden sexuellen Funktionsstörungen ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll. Cannabisprodukte sind Erwachsenen vorbehalten.









































