Eine Untersuchung der University of California in San Francisco hat gemessen, was inhaliertes Cannabis kurzfristig mit dem Herzrhythmus macht. Das Ergebnis fiel anders aus als erwartet. An Konsumtagen registrierten die Messgeräte rund 9 Prozent weniger Extraschläge als an Abstinenztagen. Die Arbeit erschien am 12. August 2026 im Journal of the American College of Cardiology.
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Wer nur die Schlagzeilen dazu liest, bekommt allerdings ein verzerrtes Bild. Der Effekt betrifft nur eine bestimmte Art von Extraschlägen. Die Forschungsgruppe selbst warnt ausdrücklich vor der Deutung, Cannabis sei damit gut für das Herz.
Ein Studiendesign, das sich selbst kontrolliert

Die Arbeitsgruppe um den Erstautor Adi Elias und den Kardiologen Gregory Marcus rekrutierte 108 erwachsene Gewohnheitskonsumenten. Das Durchschnittsalter lag bei 32 Jahren, 59 Prozent der Teilnehmenden waren Frauen. Keine der Personen hatte eine diagnostizierte Herzrhythmusstörung in der Vorgeschichte.
Über 14 Tage erhielt jede Person jeden Morgen eine Textnachricht mit der Zuteilung für diesen Tag. Sie lautete entweder Cannabis inhalieren oder abstinent bleiben. Die Zuteilung erfolgte zufällig. Am Ende standen 713 zugeloste Konsumtage den 616 Abstinenztagen gegenüber. Währenddessen trugen die Teilnehmenden ein EKG-Aufzeichnungsgerät, einen Schlaf- und Aktivitätstracker sowie einen Glukosesensor.
Dieses Crossover-Design ist der eigentliche Wert der Arbeit. Jede Person dient als ihre eigene Kontrollgruppe. Damit fallen viele Störfaktoren weg, die Beobachtungsstudien zu Cannabis seit Jahren belasten, etwa Rauchgewohnheiten oder die soziale Lage.
Weniger Extrasystolen, aber nur im Vorhof

Über alle Extraschläge hinweg sank die Rate an Konsumtagen um 9 Prozent. Das Rate Ratio betrug 0,91 bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,85 bis 0,98 und einem p-Wert von 0,02. Dieser Gesamtwert entsteht jedoch fast vollständig durch eine einzige Untergruppe.
Die vorzeitigen Vorhofkontraktionen, im Fachjargon PAC genannt, gingen um 10 Prozent zurück. Bei den vorzeitigen Kammerkontraktionen, den PVC, fand sich dagegen kein statistisch bedeutsamer Unterschied. Genau diese Unterscheidung geht in vielen Sekundärberichten verloren. Mehrere Meldungen sprechen pauschal von weniger Kammerextrasystolen, obwohl die Studie dazu nichts belegt.
Der Unterschied ist medizinisch nicht belanglos. Häufige Vorhofextrasystolen gelten als Vorbote von Vorhofflimmern. Kammerextrasystolen werden anders bewertet und in bestimmter Häufung mit einer Schwächung der Pumpleistung in Verbindung gebracht. Wer beide Kategorien vermischt, macht aus einem eng begrenzten Messbefund eine Aussage über die Herzgesundheit insgesamt.
Bei den weiteren erfassten Größen zeigte sich nichts. Schrittzahl, Schlafdauer und Glukosewerte unterschieden sich zwischen Konsum- und Abstinenztagen nicht bedeutsam.
Die Forschenden widersprechen ihrer eigenen Hypothese
Gregory Marcus, der an der UCSF eine Stiftungsprofessur zur Vorhofflimmern-Forschung innehat, ordnete das Ergebnis ungewöhnlich offen ein. Die Gruppe sei überrascht gewesen, weil die Daten der ursprünglichen Annahme widersprachen. Erwartet worden war eine Zunahme der Extraschläge.
Gleichzeitig zog Marcus eine klare Grenze. Die Gesamtwirkung von inhaliertem Cannabis auf die Gesundheit könne unter dem Strich weiterhin negativ ausfallen. Der Befund lege lediglich nahe, dass sich an der Substanz etwas über biologische Mechanismen lernen lasse.
Diese Zurückhaltung ist angebracht. Die Studie erfasst nur akute Effekte über 14 Tage. Eingeschlossen waren dabei ausschließlich Menschen, die ohnehin regelmäßig konsumieren. Über Langzeitfolgen und über Menschen mit einer bestehenden Herzerkrankung sagt sie nichts. Wie schwer sich aus einzelnen Messwerten belastbare Schlüsse ziehen lassen, zeigt sich auch bei der Frage, was Drogenvortests im Straßenverkehr tatsächlich beweisen.
Wie sich der Befund in die bisherige Forschung einfügt

Die Studienlage zu Cannabis und Herz-Kreislauf-System ist widersprüchlich. Beobachtungsdaten verbanden den täglichen Konsum wiederholt mit einem erhöhten Risiko für koronare Herzkrankheiten. Eine ältere Auswertung beschrieb bei Konsumierenden dagegen eine niedrigere Ruheherzfrequenz. Im therapeutischen Bereich läuft zudem die Prüfung von Cannabidiol bei wiederkehrender Herzbeutelentzündung.
Der neue Befund passt in dieses uneinheitliche Bild. Er widerlegt keine der bisherigen Risikoannahmen, weil er einen anderen Endpunkt misst. Ähnlich vorsichtig war zuletzt eine Auswertung zu Cannabis und Klinikeinweisungen einzuordnen. Er zeigt vor allem, dass die akute Wirkung auf die elektrische Aktivität des Herzens komplexer ist als unterstellt.
Was Patientinnen und Patienten daraus ableiten können
Für die Praxis in Deutschland folgt daraus zunächst wenig. Die Arbeit ist keine Therapiestudie, und sie liefert keine Grundlage für eine Anwendung bei Herzrhythmusstörungen. Wer eine Herzerkrankung hat und Cannabis medizinisch nutzt oder nutzen möchte, klärt das weiterhin mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt.
Ein zweiter Punkt betrifft die Konsumform. Die Studie fasst das Rauchen und das Verdampfen unter dem Begriff des Inhalierens zusammen und trennt die beiden Wege nicht. Für eine Bewertung des Herz-Kreislauf-Risikos ist das relevant, weil die Verbrennungsprodukte eigenständige Risiken tragen. Diese Frage bleibt offen.
Häufige Fragen
Bedeutet die Studie, dass Cannabis gut für das Herz ist?
Nein. Die Untersuchung misst einen eng begrenzten akuten Effekt auf die Zahl der Extraschläge über 14 Tage. Der Studienleiter betont ausdrücklich, dass die Gesamtwirkung auf die Gesundheit weiterhin negativ ausfallen kann. Eine Aussage über einen langfristigen Nutzen für das Herz lässt sich daraus nicht ableiten.
Was ist der Unterschied zwischen Vorhof- und Kammerextrasystolen?
Vorhofextrasystolen entstehen in den Vorhöfen des Herzens. In großer Häufigkeit gelten sie als Hinweis auf ein erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern. Kammerextrasystolen entstehen in den Herzkammern und werden medizinisch anders bewertet. Die Studie fand nur bei den Vorhofextrasystolen einen bedeutsamen Rückgang.
Wie zuverlässig ist ein Ergebnis mit 108 Teilnehmenden?
Die Teilnehmerzahl ist überschaubar, das Design gleicht das jedoch teilweise aus. Weil jede Person an manchen Tagen konsumierte und an anderen abstinent blieb, dient sie als ihre eigene Vergleichsgruppe. Für Langzeitaussagen reicht der Zeitraum von 14 Tagen dennoch nicht.
Gilt der Befund auch für Gelegenheitskonsumenten?
Das ist offen. Eingeschlossen wurden ausschließlich Menschen, die regelmäßig rauchen oder verdampfen. Bei einem Gelegenheitskonsum kann die akute Wirkung auf den Herzrhythmus anders ausfallen. Die Studie liefert dazu keine Daten.
Ändert sich dadurch etwas an der ärztlichen Verordnung in Deutschland?
Nein. Medizinalcannabis wird in Deutschland nicht bei Herzrhythmusstörungen verordnet, und die Studie ändert daran nichts. Sie ist als Grundlagenforschung zu verstehen und richtet sich an die kardiologische Fachdiskussion, nicht an die Verordnungspraxis.
Quellen: Elias A. und andere, „Acute Effects of Cannabis Inhalation on Cardiac Ectopy, Physical Activity, Sleep, and Glucose“, Journal of the American College of Cardiology, August 2026, DOI 10.1016/j.jacc.2026.07.014; University of California San Francisco, Division of Cardiology.







































