Großbritannien hat 2025 zum ersten Mal die Marke von 30 Tonnen jährlich importierter Cannabis-Blüten überschritten. Die neuen FOI-Daten aus dem britischen Innenministerium zeigen einen tieferen Wandel als die reine Mengensteigerung. Kanadische Produzenten schicken ihre Ware seit Anfang des Jahres direkt nach Großbritannien, statt sie wie früher zur Verarbeitung über Spanien oder Portugal zu leiten. Die alten europäischen Verarbeitungs-Hubs verlieren Anteile, das gesamte Lieferketten-Modell für medizinisches Cannabis in Europa kippt.
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30.062 Kilogramm: ein Rekordjahr in den UK-Importen
Die offiziellen Daten des Home Office wurden über ein Auskunftsersuchen vom 10. April 2026 von Business of Cannabis und Prohibition Partners gesichert. Sie umfassen ausschließlich getrocknete Cannabis-Blüten in Form sogenannter „Unlicensed Specials“, also der nicht zentralisierten medizinischen Verschreibung in Großbritannien. Extrakte, pharmazeutische Wirkstoffe und Importe aus den Crown Dependencies fließen nicht ein.
Die Gesamtmenge stieg 2025 auf 30.062 Kilogramm, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr mit 14.992 Kilogramm. Das Jahr 2023 erscheint in der Statistik zunächst mit hohen 26.973 Kilogramm, ist aber durch zwei einmalige Finnland-Lieferungen über je rund 10.000 Kilogramm verzerrt. Werden diese ausgeklammert, ergibt sich ein bereinigter Wert von rund 6.860 Kilogramm. Damit hat sich der britische Medizinalcannabis-Markt zwei Jahre in Folge ungefähr verdoppelt.
Auf Quartalsbasis ist die Beschleunigung noch deutlicher. Die Importe stiegen von 5.285 Kilogramm im ersten Quartal auf 11.810 Kilogramm im vierten Quartal 2025, eine Steigerung um 123 Prozent innerhalb eines Jahres. Wenn dieser Trend anhält, läge die Jahresimportmenge 2026 bei rund 47.000 Kilogramm.
Kanada bypasses Europa: Direktlieferung statt Spanien-Umweg

Die wirklich bemerkenswerte Veränderung verbirgt sich in der Herkunft der Ware. Kanadische Produzenten lieferten 2025 erstmals 17.067 Kilogramm direkt nach Großbritannien, mehr als das Sechsfache der 2.578 Kilogramm aus dem Vorjahr. Allein im vierten Quartal kamen 7.839 Kilogramm aus Kanada direkt auf die Insel.
Spanien war bisher das wichtigste Verarbeitungsland für kanadisches Cannabis in Europa. Die Datenreihe zeigt jetzt einen scharfen Bruch. Spanien lieferte im ersten Quartal 2025 noch 1.591 Kilogramm, im vierten Quartal nur noch 161 Kilogramm. Auf das Gesamtjahr 2025 entfielen 3.417 Kilogramm aus Spanien, das sind 11,4 Prozent der UK-Importe. Auch Deutschland verlor Anteile: 2024 waren 1.963 Kilogramm aus deutscher Verarbeitung verschickt worden, 2025 sank dieser Wert auf 1.404 Kilogramm. Portugal hingegen baute aus und lieferte 3.971 Kilogramm. Die Hanf-Magazin-Redaktion hat bereits analysiert, warum Portugal seinen Status als europäischer Cannabis-Verarbeitungshub strukturell verliert.
Alex Khourdaji, leitender Analyst bei Prohibition Partners, bringt den Trend auf den Punkt: „Das Wachstum unterstreicht die Dominanz der kanadischen Medizinalcannabis-Versorgung, getrieben von Überproduktion, engen Margen im Heimatmarkt und der internationalen Expansionsstrategie kanadischer Lizenznehmer.“ Die Daten deuteten zudem darauf hin, dass sich der Markt von kleinteiliger, Klinik-getriebener Versorgung hin zu größeren Großhandels-Beschaffungszyklen verschiebe.
Neue Herkunftsländer: Schweiz, Tschechien, Griechenland

Insgesamt 14 Herkunftsländer waren 2025 in der britischen Import-Statistik vertreten, drei mehr als im Vorjahr. Die Schweiz schickte erstmals 354 Kilogramm, Tschechien 142 Kilogramm und Griechenland 105 Kilogramm. Israel, bisher mit Spuren-Volumen vertreten, steigerte sich auf 186 Kilogramm. Südafrika, im Vorjahr noch ein kleiner Lieferant mit 421 Kilogramm, schickte 2025 bereits 1.345 Kilogramm und ist damit der konstanteste Wachstums-Lieferant außerhalb Kanadas und Portugals.
Diese Diversifizierung passt zu einer These, die sich in der europäischen Branche festsetzt: Der Cannabis-Welthandel wird breiter, gleichzeitig konsolidiert sich auf der Anbieterseite. Wer im EU-GMP-Standard produzieren kann und Bulk-Mengen liefert, gewinnt. Wer als reines Verarbeitungsland zwischen Erzeuger und Endkunde stand, verliert. Das gilt auch für die deutsche Lieferkette, wie unsere Analyse zur 62-Prozent-Dominanz Kanadas im deutschen Importmarkt zeigt.
Was das für Deutschland bedeutet

Die britische Strukturverschiebung ist für den deutschen Markt aus mehreren Gründen interessant. Erstens fragmentiert sich das Lieferketten-Modell, das in der Phase 2018 bis 2024 funktioniert hatte. Damals dominierten kanadische Erzeuger plus europäische Verarbeiter, oft in Portugal oder Spanien. Heute übernehmen kanadische Lizenznehmer das EU-GMP-Compliance-Profil zunehmend selbst. Das verändert die Margenverteilung zugunsten der Erzeuger und drückt auf die europäischen Mittler.
Zweitens deutet die UK-Dynamik auf eine Lehre für Deutschland hin. Auch hier sind im ersten Quartal 2026 die Cannabis-Importe erstmals seit zwei Jahren leicht gesunken, gleichzeitig steigt der Wettbewerbsdruck durch Direktlieferungen. Ein neuer Marktbericht des Ökonomen Beau Whitney identifiziert die Preis-Kompression als typischen Reifeindikator und nennt Deutschland als Beispiel mit „beschleunigtem Preisdruck durch Importwachstum und regulatorische Verschiebungen“.
Drittens ist die Diversifizierung der Herkunftsländer auch politisch lesbar. Wenn Schweiz, Tschechien und Griechenland erstmals als Lieferanten auftauchen, ist das ein Hinweis darauf, dass die EU-interne Cannabis-Produktion an Bedeutung gewinnt. Die Rolle einzelner Kanalinseln wie Jersey im deutschen Importmix illustriert dieselbe Dynamik aus anderer Perspektive. Für Patientinnen und Patienten könnte das mittelfristig eine breitere Sortenauswahl und stabilere Preise bedeuten.
Ein Frühindikator für Cannabis Europa 2026
Die FOI-Daten erscheinen wenige Tage vor der Branchenkonferenz Cannabis Europa London am 26. und 27. Mai 2026. Prohibition Partners wird seine vollständige Auswertung dort präsentieren und einen detaillierten Bericht zur britischen Marktdynamik vorlegen. Das Home Office weist darauf hin, dass die 2025er-Werte provisorisch bleiben, bis der jährliche INCB-Returns-Prozess am 30. Juni 2026 abgeschlossen ist. Eine substanzielle Korrektur ist nach derzeitigem Stand nicht zu erwarten, kleinere Anpassungen sind aber möglich.
Sollte Europa eigene Cannabis-Produktion statt Importe aus Kanada fördern?
Häufige Fragen
Warum liefert Kanada plötzlich direkt nach Großbritannien?
Kanadische Produzenten haben in den letzten Jahren erheblich in eigene EU-GMP-zertifizierte Anlagen investiert. Damit können sie die regulatorische Hürde für den britischen und europäischen Markt selbst nehmen, statt die Ware über Drittländer wie Spanien oder Portugal verarbeiten zu lassen. Hinzu kommen Überproduktion und enge Margen im kanadischen Heimatmarkt, die den Export-Druck verstärken.
Hat Großbritannien ein Medizinalcannabis-Programm wie Deutschland?
Großbritannien legalisierte den verschreibungspflichtigen Medizinaleinsatz von Cannabis 2018, behielt aber ein hochrestriktives Verschreibungsregime im staatlichen Gesundheitsdienst NHS. Die meisten Patientinnen und Patienten beziehen Medizinalcannabis privat über sogenannte Specials-Verschreibungen, die in der FOI-Datenreihe als „Unlicensed Specials“ auftauchen. Deutschland hat seit dem Cannabisgesetz 2024 ein deutlich breiteres und stärker in der gesetzlichen Krankenversicherung verankertes Verschreibungsregime.
Welche Rolle spielt Portugal im neuen Lieferketten-Modell?
Portugal wächst weiter, wenn auch langsamer als Kanadas Direktlieferungen. Die portugiesische Cannabis-Industrie hat Investitionen in EU-GMP-Anlagen vorgenommen und positioniert sich als europäischer Erzeuger eigener Marken, nicht nur als Verarbeiter kanadischer Ware. Mittel- bis langfristig könnte Portugal damit weniger anfällig für den Bypass-Trend sein als Spanien.
Beeinflusst der UK-Trend die deutschen Importpreise?
Ja, indirekt. Wenn Kanada zunehmend Direktversand betreibt und seine Produktionskapazität auf den europäischen Markt drückt, sinkt der Marktpreis für Bulk-Blüten EU-GMP-Standard. Deutschland ist über die gleichen Liefernetzwerke angeschlossen, sodass die Preisbewegungen in Großbritannien einen Frühindikator für die deutsche Importentwicklung darstellen.
Wo gibt es belastbare Zahlen zur kanadischen Cannabis-Marktdominanz?
Die jüngste Auswertung von Prohibition Partners liefert quartalsweise Daten zum britischen Markt. Für Deutschland veröffentlicht das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM eigene Importstatistiken. Ergänzend dokumentieren die kanadischen Behörden die Exportvolumina ihrer Lizenznehmer. Die Kombination dieser Quellen erlaubt eine relativ präzise Einschätzung der internationalen Marktlage.
Quellen: Home Office UK (FOI-Daten 10.04.2026 zu Medizinalcannabis-Importen), Business of Cannabis (Berichterstattung 20. Mai 2026), Prohibition Partners (Analyse UK Medical Cannabis Market Update 2026), Global Cannabis Network Collective (Marktbericht Beau Whitney, 19. Mai 2026), eigene Recherchen Hanf-Magazin.









































