Dass getrocknete Cannabisblüten aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung fliegen sollen, ist seit Monaten bekannt. Nun zeigt eine genauere Lesart des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes, dass es dabei nicht bleibt. Auch die Erstattung von Cannabis-Extrakten gerät ins Wanken, ausgerechnet jener Darreichungsform, die im Gesetzentwurf bislang als sichere Alternative galt.
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In unserem Bericht zur ersten Bundestagsdebatte über das Erstattungs-Aus hieß es noch, dass Extrakte, Fertigarzneimittel sowie Präparate mit Dronabinol und Nabilon erstattungsfähig bleiben. Eine aktualisierte Fassung des Entwurfs stellt genau das jetzt infrage. Für rund 65.000 Patientinnen und Patienten steht damit mehr auf dem Spiel als gedacht.
Was der neue Entwurf für Cannabis-Extrakte vorsieht
Der Kern der Verschärfung ist ein vorgeschalteter Therapieversuch. Bevor die Kasse einen Extrakt oder ein extraktbasiertes Präparat übernimmt, soll die Behandlung zunächst mit einem zugelassenen cannabishaltigen Fertigarzneimittel erfolgen. Vorgesehen ist ein Zeitraum von sechs Monaten.
Das Problem liegt im Detail. In Deutschland sind bislang nur drei cannabishaltige Fertigarzneimittel zugelassen: Sativex gegen Spastik bei Multipler Sklerose, Epidyolex gegen bestimmte Epilepsieformen und Canemes gegen Übelkeit bei Chemotherapie. Ein Patient mit chronischen Schmerzen fällt unter keine dieser drei Indikationen. Der geplante Vorrang würde ihn also zwingen, ein Medikament zu testen, das für sein Krankheitsbild gar nicht vorgesehen ist.
Ein viertes Präparat könnte den Kreis bald erweitern. Das gegen chronische Rückenschmerzen zugelassene Fertigarzneimittel Exilby steht kurz vor dem Markteintritt, hängt aber noch in den Preisverhandlungen. Bis dahin bleibt die Auswahl schmal.
Warum Verbände von einer Scheinersparnis sprechen
Patienten- und Branchenverbände kritisieren die Neufassung scharf. Ihr Hauptargument: Die Regelung spare am Ende keinen einzigen Euro. Ein sechsmonatiger Pflicht-Versuch mit einem oft teureren und für die Indikation ungeeigneten Fertigarzneimittel wirke wie ein Fremdkörper in einem Gesetz, das eigentlich Kosten dämpfen soll.
Die Zahlen stützen diesen Einwand. Für 1000 Milligramm reines THC kostet ölbasiertes Dronabinol rund 400 Euro, das Fertigarzneimittel Sativex etwa 380 Euro. Eine Blüte mit 22 Prozent THC liegt bei nur 40 bis 90 Euro. Wer von der günstigen Blüte auf verpflichtende Fertigarzneimittel umgeleitet wird, verursacht der Kasse also eher höhere als niedrigere Ausgaben. Wie kompliziert die Preisbildung bei Cannabis-Arzneimitteln tatsächlich ist, haben wir in unserer Analyse zum AMNOG-Verfahren und den Krankenkassen aufgeschlüsselt.
Die Dimension ist beachtlich. 2025 entfielen laut Branchenzahlen rund 119 Millionen Euro auf Blüten und noch einmal etwa 80 Millionen Euro auf Extrakte und extraktbasierte Zubereitungen. Genau dieser zweite Posten steht nun zusätzlich unter Druck. Schon die geplante Blütenstreichung hatte die Finanzkommission und die Verbände gegeneinander gebracht.
Was das für rund 65.000 Patienten bedeutet
Die meisten Menschen mit einem Cannabis-Rezept nutzen individuell angefertigte Zubereitungen. Dazu zählen Extrakte, Öle und Kapseln, die Apotheken auf die jeweilige Dosis abstimmen. Fertigarzneimittel spielen in der Versorgung bislang eine Nebenrolle. Fällt die Blüte weg und wird der Extrakt an einen Vorab-Test gekoppelt, trifft das den Kern der Patientenversorgung.
Für Betroffene bedeutet das im Zweifel: erst ein halbes Jahr ein ungeeignetes Präparat, dann womöglich der Wechsel auf das eigentlich passende. Diese Umwege sind nicht nur bürokratisch, sondern auch therapeutisch heikel. Beim Sprung von der vollen Pflanze auf isolierte Wirkstoffe geht das Zusammenspiel der Inhaltsstoffe verloren, das viele Betroffene als entscheidend beschreiben. Dass die Zahl der Cannabis-Verordnungen seit Jahren steigt, macht die Frage der Kostenübernahme umso brisanter.
Wie es politisch weitergeht
Verabschiedet ist nichts. Der Entwurf steckt weiter im Gesetzgebungsverfahren, die Federführung liegt beim Gesundheitsausschuss des Bundestages. Dort werden nun die Details verhandelt, und genau an dieser Stelle könnte der umstrittene Sechs-Monats-Passus noch fallen oder entschärft werden.
Für Ärztinnen und Ärzte bleibt die Lage unübersichtlich. Schon heute schwingt bei jeder Verordnung die Sorge vor einem Regress wegen der Cannabisverordnung mit. Eine zusätzliche Hürde bei den Extrakten dürfte die ohnehin zögerliche Verschreibungsbereitschaft weiter bremsen. Bis zur zweiten Lesung bleibt daher offen, wie viel vom aktuellen Entwurf am Ende Gesetz wird.
Häufige Fragen
Werden Cannabis-Extrakte künftig gar nicht mehr erstattet?
Ein vollständiger Ausschluss ist nicht geplant. Vorgesehen ist aber, dass die Erstattung eines Extrakts an einen vorherigen sechsmonatigen Therapieversuch mit einem zugelassenen Fertigarzneimittel gekoppelt wird. Für viele Patienten wäre der direkte Zugang damit deutlich erschwert.
Welche cannabishaltigen Fertigarzneimittel sind in Deutschland zugelassen?
Derzeit sind es drei: Sativex bei Spastik infolge Multipler Sklerose, Epidyolex bei bestimmten Epilepsieformen und Canemes gegen Übelkeit während einer Chemotherapie. Das Rückenschmerz-Präparat Exilby steht kurz vor dem Marktstart, befindet sich aber noch in den Preisverhandlungen.
Warum kritisieren Verbände den geplanten Sechs-Monats-Versuch?
Weil er in vielen Fällen medizinisch nicht passt und finanziell nichts bringt. Fertigarzneimittel sind pro Milligramm THC oft teurer als Extrakte oder Blüten. Ein verpflichtender Vorab-Test kann die Kosten also eher erhöhen, während er die Versorgung verzögert.
Ab wann könnte die Regelung gelten?
Ein konkretes Datum gibt es nicht. Der Entwurf liegt im Gesundheitsausschuss, eine zweite und dritte Lesung stehen noch aus. Bis dahin kann sich der Text der Cannabis-Passagen noch ändern.
Können Patienten Cannabis weiter privat beziehen?
Ja. Wer die Kosten selbst trägt, kann Blüten und Extrakte weiterhin per Privatrezept erhalten. Für Menschen mit dauerhaftem Bedarf und kleinem Budget ist das allerdings keine realistische Dauerlösung.
Quelle: krautinvest.de (GKV-Erstattung von Cannabis-Extrakten ebenfalls auf der Kippe, 07.07.2026); Referentenentwurf GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz; Verbände-Stellungnahmen (BvCW, DHV).







































