In einer Spinnerei im französischen Norden läuft seit dem vergangenen Jahr eine Maschine, die jahrzehntelang stillstand. Sie verarbeitet Hanf zu Garn, das anschließend auf Webstühlen landet, die ursprünglich für Flachs gebaut wurden. Was nach industrieller Nische klingt, ist der sichtbare Teil einer Bewegung, die deutlich größer ist. Kleidung aus Hanf war über Jahrhunderte das Selbstverständlichste der Welt, verschwand dann fast vollständig aus den Kleiderschränken und kehrt nun mit erstaunlicher Wucht zurück. Diese Reportage zeichnet nach, warum die älteste Nutzfaser der Menschheit ausgerechnet jetzt wieder gefragt ist.
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Der Antrieb dahinter ist kein nostalgischer. Es geht um Wasserknappheit, um Pestizide, um Lieferketten und um eine Textilindustrie, die unter wachsendem Druck steht, ihre ökologische Bilanz zu verbessern. Hanf liefert auf viele dieser Fragen eine Antwort, die bemerkenswert alt und zugleich hochaktuell ist.
Vom Segeltuch zur Arbeitshose: eine vergessene Selbstverständlichkeit
Wer die Geschichte der Hanffaser ernst nimmt, stößt schnell auf Schiffe. Im 17. Jahrhundert erlebte die Faser ihren Höhepunkt in der Schifffahrt, wo sie zu Seilen und Segeltuch verarbeitet wurde. Für ein einziges größeres Segelschiff brauchte man je nach Quelle 50 bis 100 Tonnen Hanf. Schon Christoph Kolumbus soll die Segel seiner Schiffe aus Hanffasern haben fertigen lassen. Der Stoff war robust, salzwasserfest und in fast jeder Klimazone zu kultivieren.
Auch in der Alltagskleidung war Hanf lange gesetzt. Levi Strauss fertigte Mitte des 19. Jahrhunderts seine ersten Hosen aus dem Material, gedacht als strapazierfähige Arbeitskleidung für die Goldgräber Nordamerikas. Genau diese Eigenschaft machte den Stoff wertvoll: Er trotzte der ständigen Feuchtigkeit, ohne zu verschleißen. Wie tief die Faser in der europäischen Kulturgeschichte verwurzelt ist, lässt sich in unserem Beitrag über die Hanffaser von der Antike bis zur Moderne nachvollziehen.
Verdrängt wurde Hanf nicht, weil er schlechter geworden wäre. Die Baumwolle gewann mit der Mechanisierung des 19. Jahrhunderts an Tempo, später drängten billige synthetische Fasern auf den Markt. Hinzu kam in vielen Ländern das pauschale Anbauverbot für Cannabis, das den industriellen Nutzhanf jahrzehntelang mit in Sippenhaft nahm. Die Infrastruktur zur Faserverarbeitung wurde abgebaut, das Wissen ging verloren. Übrig blieb eine Faser ohne Maschinenpark.
Warum Kleidung aus Hanf ökologisch überzeugt


Der stärkste Treiber des Comebacks ist die Ökobilanz. Hanf benötigt im Anbau nur rund ein Viertel des Wassers, das konventionelle Baumwolle verlangt. Er wächst dicht und schnell, beschattet den Boden und unterdrückt Unkraut so wirksam, dass Herbizide weitgehend überflüssig werden. Pestizide braucht die Pflanze kaum, weil sie von Natur aus widerstandsfähig gegen viele Schädlinge ist. Auf gleicher Fläche liefert Hanf zudem ein Vielfaches an Fasermasse.
Dazu kommt die Kohlenstoffbilanz. Während des Wachstums bindet die Pflanze erhebliche Mengen CO2, und ein Teil davon bleibt in der Faser gespeichert. Wo Baumwolle in vielen Anbauregionen auf künstliche Bewässerung angewiesen ist und ganze Flusssysteme belastet, kommt Hanf in gemäßigten Klimazonen oft mit Regenwasser aus. Der direkte Vergleich beider Naturfasern fällt in fast allen Ökobilanzstudien zugunsten des Hanfs aus, wie unsere ausführliche Gegenüberstellung von Hanf und Baumwolle zeigt.
Ehrlich bleibt der Vergleich nur, wenn man die Schwächen mitnennt. Reine Hanffasern sind in ihrer Rohform gröber als Baumwolle, und für feine, weiche Stoffe gilt biologisch angebaute Baumwolle nach wie vor als angenehmere Wahl. Für strapazierfähige, langlebige Kleidung dagegen spielt Hanf seine Vorteile voll aus. Hinzu kommt ein praktischer Effekt, den viele Trägerinnen und Träger schätzen: Das Material wird mit jeder Wäsche weicher, ohne an Festigkeit zu verlieren.
Der technische Durchbruch heißt Cottonisierung


Dass Hanf heute überhaupt im Mainstream ankommen kann, liegt an einem Verfahren mit sperrigem Namen. Bei der Cottonisierung werden die langen, steifen Hanffasern verkürzt und von Bestandteilen wie Lignin, Hemicellulose und Pektin befreit. Übrig bleibt eine kurze, geschmeidige Faser, die sich wie Baumwolle anfühlt und sich auf herkömmlichen Spinnmaschinen verarbeiten lässt. Die Cottonisierung kann mechanisch oder chemisch erfolgen, und an genau dieser Stelle entscheidet sich, wie nachhaltig der gesamte Prozess am Ende wirklich ist.
Der Charme dieser Technik liegt in der Kompatibilität. Wer cottonisierten Hanf einsetzt, muss keine völlig neuen Fabriken bauen, sondern kann auf bestehende Anlagen zurückgreifen. Das senkt die Einstiegshürde für Marken und Spinnereien erheblich. Genau hier liegt zugleich der Engpass, denn die mechanische Aufbereitung der Faser, das sogenannte Entholzen und Hecheln, verlangt spezialisierte Anlagen, die in vielen Ländern erst wieder aufgebaut werden müssen.
Welche Rolle die Faser über Kleidung hinaus spielt, von Dämmstoffen bis zu Verbundwerkstoffen, ordnet unser Überblick zu Nutzhanf in der Industrie ein. Die Textilfaser ist nur ein Strang eines deutlich breiteren Rohstoffs.
Europa baut die Wertschöpfungskette neu auf


Das Comeback hat eine geografische Mitte, und die liegt in Europa. Die für Hanf genutzte Anbaufläche in der Europäischen Union ist von rund 20.500 Hektar im Jahr 2015 auf etwa 37.700 Hektar im Jahr 2024 gestiegen, für 2025 werden um die 40.000 Hektar erwartet. Frankreich ist mit Abstand führend und widmete der Pflanze 2024 rund 23.600 Hektar. Zum Vergleich: China, weltweit größter Produzent, kultivierte im selben Jahr etwa 65.000 Hektar, davon ein erheblicher Anteil eigens für Textilhanf.
Was Europa einen Vorteil verschafft, ist die vorhandene Flachsinfrastruktur. In Nordwesteuropa stehen Spinnereien und Webereien, die für Leinen gebaut wurden und sich mit überschaubarem Aufwand auch für Hanf nutzen lassen. Projekte wie das von der EU geförderte Hemp4Circularity arbeiten genau an dieser Lücke und versuchen, eine geschlossene Kette vom Feld über die Faseraufbereitung bis zum fertigen Stoff aufzubauen. Etablierte Häuser wie Lemaitre Demeestere, 1835 gegründet, entwickeln langlebige Stoffe auf Hanfbasis.
Auch der Markt bestätigt den Trend in Zahlen. Branchenanalysen beziffern den globalen Markt für Hanfbekleidung für 2025 auf rund 3,3 Milliarden US-Dollar und erwarten bis 2035 ein Volumen von über 8 Milliarden, was einer jährlichen Wachstumsrate im Bereich von zehn Prozent entspricht. Die einzelnen Prognosen schwanken stark, doch die Richtung ist über alle Studien hinweg dieselbe. Dass deutsche Verarbeiter dabei noch hinterherhinken, liegt vor allem an der fehlenden Infrastruktur, ein Thema, das auch in der Branche selbst offen diskutiert wird.
Von der Nische in den Kleiderschrank
Spannend wird das Comeback dort, wo es die Nische verlässt. Spezialisierte Marken wie das deutsche Label Hempage haben Hanftextilien über Jahre am Leben gehalten. Inzwischen tauchen Hanfanteile aber auch in Kollektionen von Häusern auf, die man nicht zwangsläufig mit Ökomode verbindet, von nachhaltig orientierten Marken wie Lanius bis zu Namen wie Esprit oder Hugo Boss. Der Stoff wandert damit aus dem Naturkostladen in den regulären Handel.
Für Konsumentinnen und Konsumenten bedeutet das eine größere Auswahl, aber auch die Notwendigkeit, genauer hinzusehen. Reine Hanfstoffe, Mischungen mit Baumwolle oder Tencel und chemisch gegenüber mechanisch cottonisierte Fasern unterscheiden sich in Tragegefühl und Umweltbilanz deutlich. Wer beim Kauf auf den Faseranteil und das Aufbereitungsverfahren achtet, trifft eine bewusstere Entscheidung als jene, die nur dem Etikett vertrauen.
Am Ende ist das Comeback der Hanffaser keine Modeerscheinung, sondern die Rückkehr einer Pflanze, die nie aufgehört hat, sinnvoll zu sein. Sie wurde nur eine Zeit lang vergessen, weil billigere Alternativen lauter waren. Steigender Druck auf Wasserreserven, Lieferketten und Klimabilanzen rückt die alten Stärken wieder in den Vordergrund. Die Maschine in der nordfranzösischen Spinnerei steht damit für mehr als Nostalgie. Sie steht für eine Industrie, die gerade neu lernt, was sie längst konnte.
Hast du schon einmal Kleidung aus Hanf getragen?
Häufige Fragen
Ist Kleidung aus Hanf wirklich nachhaltiger als Baumwolle?
In den meisten Ökobilanzstudien schneidet Hanf besser ab. Er benötigt nur etwa ein Viertel des Wassers konventioneller Baumwolle, kommt fast ohne Pestizide aus und liefert auf gleicher Fläche mehr Fasermasse. Bei feinen, sehr weichen Stoffen bleibt Bio-Baumwolle eine gute Alternative, doch für langlebige, robuste Kleidung liegt Hanf klar vorn.
Warum ist Hanfkleidung lange aus den Geschäften verschwunden?
Mit der Mechanisierung setzte sich im 19. Jahrhundert die Baumwolle durch, später kamen günstige Kunstfasern hinzu. In vielen Ländern traf das pauschale Cannabisverbot auch den industriellen Nutzhanf, sodass die Verarbeitungsinfrastruktur abgebaut wurde. Erst neue Verfahren und der Nachhaltigkeitsdruck haben die Faser zurückgebracht.
Was bedeutet Cottonisierung bei Hanffasern?
Bei der Cottonisierung werden die langen, steifen Hanffasern verkürzt und von Lignin, Hemicellulose und Pektin befreit. Das Ergebnis ist eine kurze, weiche Faser, die sich wie Baumwolle anfühlt und auf herkömmlichen Spinnmaschinen verarbeitet werden kann. Das Verfahren kann mechanisch oder chemisch erfolgen.
Kratzt Kleidung aus Hanf auf der Haut?
Rohe Hanffasern sind gröber als Baumwolle, doch moderne Verarbeitung und cottonisierte Fasern machen die Stoffe deutlich weicher. Hanfkleidung wird zudem mit jeder Wäsche angenehmer, ohne an Haltbarkeit zu verlieren. Mischungen mit Baumwolle oder Tencel verstärken diesen Effekt.
Wo wird Hanf für Textilien in Europa angebaut?
Frankreich ist mit rund 23.600 Hektar im Jahr 2024 der mit Abstand größte europäische Produzent, gefolgt von Ländern wie Deutschland und den Niederlanden. Die gesamte EU-Anbaufläche lag 2024 bei etwa 37.700 Hektar und wächst weiter. Ein Vorteil Europas ist die vorhandene Flachsinfrastruktur, die sich für Hanf mitnutzen lässt.



































