Der zweite Konferenztag der Cannabis Europa London 2026 hat am Mittwoch deutlich gemacht, wo die nächsten Wachstumshebel der europäischen Branche liegen. Während der Auftakt am Vortag die deutsche Konsolidierungswelle in den Mittelpunkt stellte, drehten sich die Panels im Barbican Centre am 27. Mai um drei Themen, die in den nächsten zwölf Monaten den Wettbewerb prägen werden: standardisierte Genetik, die festgefahrene deutsche Telemedizin-Regulierung und die lange ignorierte Frauengesundheit.
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Im Publikum saßen über 1.000 Delegierte und mehr als 70 Speaker. Die Beobachtungen aus den Voices-Interviews, dem All-Eyes-on-Germany-Panel und der Frauen-Health-Session liefern ein Tableau, das DACH-Akteure direkt betrifft. Wir haben die wichtigsten Fäden gezogen.
Genetik als ungelöster Standard-Wettbewerb

Die Eröffnungs-Session zur Genetik brachte mit Arjan Roskam (Green House Genetics), Dave Auger (Big League Genetics) und Adele Hollman (Sanity Group) drei Branchen-Veteranen auf eine Bühne, die seit Jahren auf eine einheitliche Genetik-Sprache warten. Hollman fasste die Kernfrage so zusammen: „Genetics is the first variable we can control to have a predictable outcome.“ Übersetzt: Wenn am Anfang der Wertschöpfungskette keine reproduzierbare Sorte steht, sind alle nachgelagerten Standards ein Versprechen ohne Substanz. Das gilt vom GMP-Anbau bis zur Apotheken-Ausgabe.
Roskam wurde konkreter und nannte die zentrale Schwachstelle. Rund 90 Prozent der Produzenten würden ihre Blüten nach sechs bis acht Tagen Trocknung in den Versand geben, obwohl 14 Tage notwendig wären, um Chlorophyll und Restfeuchte sauber abzubauen. Die Folge: Geschmacks- und Wirkprofile zerfasern, Patienten erleben die gleiche Sorte als unterschiedlich wirksam. Der Markt verliert Vertrauen. Auger ergänzte, dass viele Distributoren etablierte Genetiken kurzerhand umbenennen. Dadurch finden Patientinnen und Patienten zuverlässig wirksame Produkte nach einem Lieferantenwechsel nicht mehr wieder.
Den fehlenden Datenrückfluss vom Patientenbett zum Züchter nannte Hollman die größte strukturelle Lücke. Genau hier setzt Roskams angekündigte App „Cannabigator“ an: Sie soll Patienten basierend auf Erkrankungen und Begleitmedikation Cannabinoid-Profile vorschlagen und Rückmeldungen anonymisiert in eine Genetik-Datenbank speisen. Für deutsche Apotheken und Telemediziner wäre das eine substanzielle Ergänzung zur aktuellen Trial-and-Error-Dosierung, die wir bereits in der Debatte um 25-Prozent-THC-Verschreibungen als Strukturproblem markiert haben.
Telemedizin Deutschland: Lütke, Heitepriem und das EU-Recht

Das mit Spannung erwartete Telemedizin-Panel besetzten Kristine Lütke (zuletzt FDP-Bundestagsfraktion), Dirk Heitepriem (Branchenverband Cannabiswirtschaft), Sascha Mielcarek (Canify) und Niels Lutzhöft (Bird & Bird). Sie diskutierten den Entwurf aus dem Bundesgesundheitsministerium, der seit Dezember 2025 auf eine zweite Lesung wartet und unter anderem eine Pflicht-Erstkonsultation vor Ort sowie ein Versandverbot für Cannabisblüten vorsieht.
Lütke positionierte sich klar gegen die geplante Einschränkung: „I’m not convinced that restricting telemedicine will have any positive effect on public health.“ Ihr Argument: Patienten, die digital keinen Zugang mehr fänden, würden in den Schwarzmarkt zurückwechseln, nicht zum stationären Arzt. Heitepriem erinnerte an die Begründung des CanG: „They said we don’t want home growing because quality can’t be secured.“ Genau diese Logik werde von der aktuellen Telemedizin-Bremse konterkariert. Die Einschränkung erschwere die regulierte Versorgung und erleichtere den unregulierten Konsum, so der Verbandsvertreter.
Rechtlich wurde es bei Lutzhöft konkret. Eine deutsche Sonderregulierung, die Ärzte im EU-Ausland von der Verschreibung deutscher Patienten ausschließt, verstoße seines Erachtens gegen Dienstleistungsfreiheit und Niederlassungsfreiheit. Das Bundesverfassungsgericht habe in vergleichbaren Konstellationen Präzedenzen für die Ablehnung inkonsistenter Gesetzgebung geschaffen. Heitepriem nannte den parallel laufenden Vorschlag, die Kassenerstattung für Cannabisblüten zu beenden, einen „attack on the really, really ill people“ und bezeichnete ihn als politisch motiviert, nicht ökonomisch. Die verschärfte Debatte um Online-Rezepte bekommt damit auf europäischer Bühne juristisches Gewicht.
Frauengesundheit: Endocannabinoid-System trifft Hormonkurve

Eine Session, die in London erstmals einen festen Programmplatz bekam, behandelte Frauengesundheit. Auf der Bühne: Dr. Grace Blest-Hopley (Hystelica), Dr. Michelle Nyangereka (Our Mothers‘ Gardens) und Suzanne Mulvehill (Female Orgasm Research Institute). Blest-Hopley brachte die Strukturkritik auf den Punkt: „Western medicine has treated women as little men.“ Frauen seien wegen ihrer hormonellen Variabilität aus klinischen Studien lange ausgeschlossen worden, was dazu führe, dass cannabinoide Therapien primär an männlichen Daten geeicht seien.
Inhaltlich wurde das Endocannabinoid-System mit der Hormonkurve verschränkt. Östrogen und Progesteron wirken als Neurosteroide direkt auf die Aktivität der Cannabinoid-Rezeptoren. Sinkt das Östrogen in der Perimenopause, beschleunigt sich der Abbau von Anandamid, dem körpereigenen Cannabinoid. Die Folge: mehr Schmerz, mehr Angst, schlechterer Schlaf. Neue Daten aus Maastricht zeigen zusätzlich, dass die anxiolytische Wirkung von THC bei Frauen zyklisch schwankt und sich deutlich von der konsistenten Männer-Response unterscheidet. Eine differenzierte Dosierung über den Zyklus hinweg ist nach diesen Befunden kein Wunschdenken, sondern eine medizinische Notwendigkeit.
Mulvehill berichtete, dass Illinois als erster US-Bundesstaat geschlechtsspezifische Indikationen wie Endometriose, Eierstockzysten und weibliche Orgasmusstörungen in das Medizinalcannabis-Programm aufgenommen hat. Blest-Hopley kritisierte gleichzeitig, dass der europäische Markt fast ausschließlich aus hochdosierten THC-Blüten bestehe, was für berufstätige Frauen mit hohen kognitiven Anforderungen wenig praxistauglich sei. Suppositorien als Alternative würden zwar entstehen, aber häufig von männlichen Teams ohne anatomisches Verständnis fehlerhaft formuliert. Nyangereka erweiterte den Blick: Die in Großbritannien drei- bis viermal höhere Mütter-Sterblichkeit schwarzer Frauen sei keine physiologische, sondern eine sichtbarkeitsbedingte Frage. Forderung des Panels: das Endocannabinoid-System in jedes medizinische Lehrbuch.
Die EFSA hatte vor wenigen Tagen CBD als reproduktionstoxisch eingestuft, THC ist international längst entsprechend klassifiziert. Für Schwangerschaft und Stillzeit, so Blest-Hopley, gelte deshalb klar: „Women should not be using cannabis.“ Wer die Frauen-Cannabis-Debatte in Deutschland weiterführen will, findet im Endocannabinoid-System der Patientinnen den medizinischen Kern, nicht in Lifestyle-Narrativen.
Was DACH-Akteure aus den drei Strängen ziehen sollten
Die drei Themen wirken auf den ersten Blick disparat. Tatsächlich teilen sie eine gemeinsame Diagnose: Der europäische Markt skaliert schneller, als die Standards mithalten können. Genetik-Reproduzierbarkeit, rechtssichere Telemedizin und differenzierte Indikationen für Frauen sind drei Hebel, die in DACH praktisch von denselben Akteuren bearbeitet werden müssen. Wer in den nächsten zwölf Monaten Marktanteile gewinnen will, baut diese Standards intern auf, statt auf den nächsten regulatorischen Push zu warten. Wer das verpasst, riskiert, in der Konsolidierungswelle zur reinen Import-Logistik degradiert zu werden, wie es das Q1-Bild der deutschen Importe bereits andeutet.
Bemerkenswert war zusätzlich, wie selbstkritisch der britische Gastgeber die eigene Cannabis-Politik einordnete. Mehrere Panels verwiesen auf Polizeieinsätze gegen Patientinnen mit gültiger Verschreibung als anhaltendes UK-Problem, während Deutschland trotz Telemedizin-Debatte weiter als Premium-Verschreibungsmarkt gilt. Diese Asymmetrie könnte Importeure, die heute noch auf britische Cluster setzen, in den nächsten Monaten zur Neuausrichtung zwingen. Auf dem 7. Medicinal Cannabis Congress an der Charité am 28. und 29. Mai werden die in London skizzierten Themen voraussichtlich aus deutscher Perspektive weitergedacht.
Häufige Fragen
Was waren die zentralen Themen am zweiten Tag der Cannabis Europa London 2026?
Im Fokus standen drei Stränge: reproduzierbare Genetik als Voraussetzung für Patientenergebnisse, die festgefahrene deutsche Telemedizin-Regulierung samt EU-rechtlicher Risiken sowie Cannabis in der Frauengesundheit mit Endocannabinoid-System, Hormonkurve und geschlechtsspezifischen Indikationen.
Warum ist die deutsche Telemedizin-Debatte für die gesamte EU relevant?
Deutschland ist Europas größter Medizinalcannabis-Markt. Eine Einschränkung der Online-Verschreibung würde nicht nur den deutschen Versorgungspfad verändern, sondern Telemedizin-Modelle in den Niederlanden, Polen, Tschechien und Großbritannien beeinflussen. Lutzhöft (Bird & Bird) verwies zudem auf EU-Dienstleistungsfreiheit als rechtliche Hürde, falls Deutschland Auslandsärzte ausschließt.
Welche Rolle spielen Hormone für die Wirkung von Cannabis bei Frauen?
Östrogen und Progesteron modulieren das Endocannabinoid-System direkt. Sinkt der Östrogenspiegel, etwa in der Perimenopause, wird Anandamid schneller abgebaut, was Schmerz- und Angstempfindlichkeit erhöht. Studien aus Maastricht zeigen außerdem, dass die angstlösende THC-Wirkung über den weiblichen Zyklus hinweg schwankt und sich von der Männer-Response unterscheidet.
Was ist „Cannabigator“ und wer hat die App vorgestellt?
„Cannabigator“ ist eine App, die Green-House-Gründer Arjan Roskam am 27. Mai in London vorstellte. Sie soll Patientinnen und Patienten anhand ihrer Erkrankung und Begleitmedikation passende Cannabinoid-Profile empfehlen und Rückmeldungen anonymisiert in eine Genetik-Datenbank zurückspielen.
Wie geht es nach der Konferenz weiter?
Die in London skizzierten Themen werden auf dem 7. Medicinal Cannabis Congress an der Charité Berlin am 28. und 29. Mai 2026 aus deutscher Sicht weitergedacht. Branchen-Beobachter erwarten zudem, dass die EUDA am 9. Juni in Brüssel ihren European Drug Report 2026 mit zusätzlichen DACH-relevanten Daten veröffentlicht.
Quellen: Business of Cannabis Live-Bericht „Cannabis Europa London 2026 Key Insights Day 2″ vom 27. Mai 2026, Cannabis-Europa-Speaker-Verzeichnis 2026, Hanf-Magazin-Recherche zu Bird & Bird, Sanity Group und Hystelica.





































