Eine neue deutschsprachige Studie liefert die ersten belastbaren Längsschnittdaten zum Cannabis-Konsumverhalten nach der Teillegalisierung in Deutschland. Lena Hahn, Gil Konz und Kai Sassenberg von der Universität Trier haben 605 Erwachsene einen Monat nach Inkrafttreten des Cannabisgesetzes befragt und sechs Monate später erneut. Das Ergebnis durchkreuzt eine der zentralen Annahmen der Legalisierungsdebatte. Ein nennenswerter Konsumanstieg ist in dieser Stichprobe nicht zu erkennen.
📑 Inhaltsverzeichnis
Eine Längsschnittstudie zum richtigen Zeitpunkt
Erschienen ist die Arbeit unter dem Titel „Change and Antecedents of Cannabis Consumption After the Legalization of Recreational Cannabis in Germany“ im „Journal of Drug Education“, einer von Sage publizierten Fachzeitschrift mit Peer-Review-Verfahren. Sie zählt zu den ersten quantitativen Untersuchungen, die das deutsche Konsumverhalten nicht aus dem Rückblick rekonstruiert, sondern in zwei Messzeitpunkten unmittelbar begleitet hat. Der erste Erhebungspunkt lag im Mai 2024, also rund vier Wochen nach dem Inkrafttreten des Konsumcannabisgesetzes am 1. April 2024. Die zweite Welle folgte ein halbes Jahr später, im Spätherbst 2024.
Die Stichprobe umfasst 605 erwachsene Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland. Die Daten wurden mit standardisierten Skalen erhoben und gegen ein etabliertes sozialpsychologisches Modell geprüft. Hahn forscht am Social Influence Lab des Fachbereichs Psychologie der Universität Trier, Sassenberg leitet zusätzlich eine Abteilung am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen. Die Verbindung beider Standorte ist im Kontext relevant. Sie steht für einen sozialpsychologischen, nicht für einen sucht- oder medizinischen Blick auf das Konsumverhalten.
Theorie des geplanten Verhaltens als Rahmen

Die Autorinnen und Autoren rahmen ihre Analyse mit der Theory of Planned Behavior nach Icek Ajzen. Dieses Modell verbindet drei Faktoren mit konkretem Verhalten. Die Einstellung der Person zum Verhalten, die wahrgenommene subjektive Norm im sozialen Umfeld und die wahrgenommene Verhaltenskontrolle wirken über die Intention auf das tatsächliche Handeln. Im Kontext einer Politikänderung wie der Teillegalisierung ist dieser Rahmen besonders aufschlussreich. Er erlaubt es zu zerlegen, ob ein Konsumanstieg eher durch verschobene Einstellungen, durch veränderte Normen oder durch erleichterten Zugang getrieben würde.
In der Auswertung zeigt sich kurz nach der Legalisierung eine enge Verzahnung zwischen Einstellung, subjektiver Norm, Intention und wahrgenommener Kontrolle auf der einen Seite und dem berichteten Konsum auf der anderen. Dieses Muster ist methodisch erwartbar, aber für die Politikdebatte aufschlussreich. Es deutet darauf hin, dass Konsum nach der Reform weniger ein Reflex auf das Gesetz war als ein Ergebnis stabiler Einstellungen, die sich in einem nun veränderten rechtlichen Umfeld äußern.
Kein messbarer Boom in den Konsumzahlen

Der politisch wichtigste Befund ist zugleich der unaufgeregteste. Zwischen den beiden Messzeitpunkten lässt sich kein systematischer Anstieg im selbstberichteten Cannabis-Konsum nachweisen. Die Sorge, die Reform würde innerhalb weniger Monate zu einer substantiellen Mehrnutzung führen, findet in dieser Stichprobe keinen empirischen Anker. Das Ergebnis fügt sich in eine Reihe internationaler Befunde ein, die in vergleichbaren Liberalisierungsphasen ebenfalls eher Stabilität als sprunghaftes Wachstum dokumentiert haben. Eine ähnliche Linie zeichnete bereits die DIW-Studie zu Konsummustern in der Legalisierungsphase für Deutschland nach, die bei Cannabis Stabilität sah und einen deutlich auffälligeren Anstieg bei Kokain dokumentierte.
Hahn, Konz und Sassenberg formulieren trotzdem eine klare präventionspolitische Empfehlung. Auch ohne Boom in der Gesamtgruppe sollten Präventionsprogramme bestehen bleiben und gerade vulnerable Gruppen erreichen. Dazu zählen Jugendliche, junge Erwachsene mit familiärer Vorbelastung und Konsumierende mit psychischen Vorerkrankungen. Die Studie liefert hier keine Eingriffsempfehlung für die breite Bevölkerung, sondern eine Schärfung der Zielgruppen. Dieser Akzent passt zu einer Debatte, die in Deutschland bisher zwischen breiter Abschreckung und gezielter Risikoaufklärung pendelt, wie der CanG-Zwischenbericht von April 2026 ausführlich dokumentiert.
Was die Studie politisch wiegt
Die methodische Reichweite der Untersuchung ist begrenzt. Eine Konvenienzstichprobe von 605 Personen über zwei Messzeitpunkte ersetzt keine repräsentative Verlaufsbefragung des Robert-Koch-Instituts oder des Epidemiologischen Suchtsurveys. Genau deshalb ist die zeitliche Position der Studie aber relevant. Sie liefert erste Längsschnittdaten für ein Zeitfenster, in dem belastbare repräsentative Befunde aus den großen amtlichen Erhebungen noch ausstehen. Bis diese vorliegen, sind solche Pilotbefunde der einzige empirische Maßstab gegenüber der politischen Erzählung eines flächendeckenden Konsumbooms.
Der Befund hat unmittelbare Folgen für drei laufende Debatten. Erstens für die Diskussion um Nachjustierungen am Cannabisgesetz, deren Hauptargument seit Monaten ein behaupteter Konsumanstieg ist. Zweitens für die Verschärfung der Telemedizin-Vorgaben, die mit einem ähnlichen Argumentationsmuster begründet wird, wie unsere Analyse zur Telemedizin-Diskussion nachzeichnet. Drittens für die internationale Bewertung der deutschen Reform, wie die NIH-Studie zur Wirkung von Cannabis-Legalisierung auf Opioid-Vergiftungen in vergleichbarer Weise zeigt, dass Reformen häufig anders wirken als prognostiziert.
Welche Forschungslücken die Studie sichtbar macht

Hahn, Konz und Sassenberg adressieren die Antezedenzien des Konsums, sie messen aber nicht die Schadensseite, etwa Verkehrsunfälle, Behandlungseintritte oder Cannabis-induzierte Psychosen. Diese Lücke ist methodisch unvermeidbar, aber politisch wichtig. Eine vollständige Bilanz der Reform braucht eine Verschränkung von Konsumdaten mit Routinedaten aus Gesundheitswesen und Justiz. Erste Hinweise aus älteren Beobachtungsstudien, etwa zum studienbezogenen Konsumverhalten, finden sich in unserer früheren Berichterstattung. Eine ergänzende Perspektive dazu bietet etwa die Studie zum Cannabis-Konsum in akademischen Milieus. Auch zu Jugendlichen liegen Hinweise vor, die in der Debatte um Schutzdistanzen eine Rolle spielen, etwa in der Forschung zu Cannabisgeschäften in Schulnähe.
Für die kommende Erhebungswelle der Studie wären drei Punkte besonders interessant. Eine größere Stichprobe mit demografischer Quotierung würde die Aussagekraft auf Bevölkerungsebene heben. Eine zusätzliche Welle nach zwölf und 24 Monaten würde mögliche verzögerte Effekte sichtbar machen. Eine Verknüpfung mit Konsumformen, etwa Blüte, Edibles oder Vape, würde die Frage beantworten, ob die Reform die Substitutionsmuster verändert, ohne die Konsumprävalenz zu erhöhen. Eine Einordnung des breiteren rechtlichen Kontextes, in dem diese Daten gelesen werden müssen, liefert der ausführliche Überblick zum Cannabisgesetz 2026.
Hat die Legalisierung deinen Cannabis-Konsum verändert?
Häufige Fragen
Wer hat die Studie durchgeführt?
Verantwortlich sind Lena Hahn, Gil Konz und Kai Sassenberg von der Universität Trier, mit zusätzlicher Anbindung an das Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen. Veröffentlicht wurde die Arbeit im Peer-Review-Journal „Journal of Drug Education“ des Sage-Verlags unter dem DOI 10.1177/00472379261430434.
Wie groß war die Stichprobe und wann wurde gemessen?
Es nahmen 605 erwachsene Personen aus Deutschland teil. Die erste Erhebung fand etwa einen Monat nach Inkrafttreten des Cannabisgesetzes statt, die zweite sechs Monate später, also im Herbst 2024. Beide Wellen erfassten Einstellungen, Normen, wahrgenommene Verhaltenskontrolle und das selbstberichtete Konsumverhalten.
Ist der Cannabis-Konsum in Deutschland nach der Legalisierung gestiegen?
In dieser Stichprobe nicht systematisch. Die Daten zeigen zwischen den beiden Messzeitpunkten keinen nachweisbaren Anstieg des selbstberichteten Konsums. Das schließt einzelne Veränderungen in Untergruppen nicht aus, widerspricht aber der Erzählung eines flächendeckenden Konsumbooms direkt nach der Reform.
Warum empfehlen die Autoren trotz fehlendem Anstieg weiter Prävention?
Weil Prävention nicht erst bei einem Konsumboom sinnvoll ist. Die Studie identifiziert Einstellung, Norm und Verhaltenskontrolle als zentrale Stellschrauben. Diese lassen sich vor allem bei vulnerablen Gruppen, etwa Jugendlichen oder Konsumierenden mit psychischer Vorbelastung, gezielt adressieren. Gerade dort entfalten Programme die größte Wirkung.
Welche Aussagekraft hat die Studie für die politische Debatte?
Sie ersetzt keine repräsentative Erhebung, liefert aber die ersten Längsschnittdaten unmittelbar nach der Reform. Wer die Reform mit einem behaupteten Konsumanstieg nachjustieren will, muss diese Daten künftig im Argumentationsraum berücksichtigen. Belastbare Zahlen aus dem Epidemiologischen Suchtsurvey und vom Robert-Koch-Institut stehen noch aus.
Quellen: Hahn L., Konz G., Sassenberg K. (2026). „Change and Antecedents of Cannabis Consumption After the Legalization of Recreational Cannabis in Germany.“ Journal of Drug Education. DOI 10.1177/00472379261430434. Profilseite des Social Influence Lab der Universität Trier zu Lena Hahn.






































