Eine systematische Übersichtsarbeit der Universidad de Chile in der Fachzeitschrift Frontiers in Veterinary Science kommt zu dem Schluss, dass Cannabidiol konsistent antiproliferative und proapoptotische Effekte in caninen Tumorzelllinien zeigt. Die im Mai 2026 erschienene Review fasst die präklinische Evidenz aus den Bereichen Lymphom, Mammakarzinom, Gliom, Prostatakarzinom, Osteosarkom und Urothelkarzinom zusammen. Die Autoren Francisca J. Medina und Cristian G. Torres von der Fakultät für Veterinärmedizin und Tierwissenschaften der Universität Chile sehen darin ein erhebliches Potenzial für die klinische Veterinäronkologie, weisen aber zugleich auf die methodischen Schwächen der bestehenden Studienlage hin.
📑 Inhaltsverzeichnis
Die Übersichtsarbeit folgt dem PRISMA-Standard und wertet Studien aus, die zwischen 2015 und 2025 in PubMed, Scopus und Web of Science erschienen sind. Berücksichtigt wurden ausschließlich Arbeiten mit caninen Zelllinien oder Hunden als Modellorganismus. Die wichtigste Botschaft an Praktikerinnen und Praktiker lautet, dass CBD in nahezu allen geprüften Tumorentitäten antitumoröse Effekte gezeigt hat, die Übertragbarkeit auf den klinischen Alltag aber noch von gut kontrollierten Veterinärstudien abhängt.
Wirkmechanismen im Überblick

Cannabidiol entfaltet seine antitumorale Wirkung über mehrere parallele Signalwege. In den untersuchten caninen Krebszellen induziert die Substanz Apoptose durch Aktivierung der Caspasen 3, 8 und 9 sowie über die mitochondriale Freisetzung von Cytochrom c. Parallel hemmt CBD die Zellmigration über eine Reduktion der Matrix-Metalloproteinasen MMP-2 und MMP-9. Bei Lymphomzellen zeigt sich zudem eine Modulation der MAPK-Signalkaskade, die zu autophagischer Zellbeseitigung führt. Die Autoren betonen, dass diese Mechanismen weitgehend unabhängig vom Cannabinoid-Rezeptor CB1 verlaufen, was das Fehlen psychotroper Effekte erklärt und die Substanz für den veterinärmedizinischen Einsatz besonders interessant macht.
Besondere Aufmerksamkeit widmen Medina und Torres dem Osteosarkom, einer aggressiven Knochenkrebsform, die bei großen Hunderassen häufig auftritt. Hier zeigten Zellkulturstudien eine dosisabhängige Reduktion der Lebensfähigkeit der Tumorzellen, wobei wirksame Konzentrationen zwischen 10 und 20 Mikromol pro Liter lagen. Ähnliche Effekte dokumentiert die Review für canine Mammakarzinome, die bei nicht kastrierten Hündinnen eine der häufigsten Tumorentitäten darstellen. Eine grundsätzliche Einführung in die Veterinär-Anwendungen von Cannabinoiden bietet unser Überblicksartikel zum Einsatz von Cannabis in der Veterinärmedizin.
Sicherheitsprofil bei Hunden

Ein zentraler Punkt der Review ist die dokumentierte Verträglichkeit von CBD bei Hunden. Studien aus den Jahren 2019 und 2023 zeigen, dass orale Dosierungen von zwei bis vier Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht in der Regel keine klinisch relevanten Nebenwirkungen verursachen. Bei höheren Dosen treten gelegentlich vorübergehende Erhöhungen der alkalischen Phosphatase sowie milde Diarrhö auf. Die Bioverfügbarkeit liegt nach Verabreichung mit fettreicher Nahrung um den Faktor vier bis fünf höher als bei nüchterner Gabe. Diese pharmakokinetischen Daten unterstützen die klinische Anwendbarkeit, auch wenn die optimale onkologische Dosierung noch nicht definiert ist.
Die Autoren ordnen ihre Befunde in einen breiteren Trend ein. Eine aktuelle Übersicht zur Cannabis-Krebstherapie bei Haustieren hatte bereits 2023 ähnliche Tendenzen aufgezeigt. Neu an der Universidad-de-Chile-Review ist die systematische methodische Bewertung. Von 142 zunächst identifizierten Studien blieben nach Anwendung der Ein- und Ausschlusskriterien 18 Arbeiten übrig, von denen jedoch nur drei prospektive klinische Studien an erkrankten Hunden umfassen. Die übrigen Studien arbeiten mit Zelllinien oder Mausmodellen mit transplantierten caninen Tumoren.
Methodische Schwächen und offene Fragen
Medina und Torres benennen die methodischen Limitationen offen. Die meisten Studien arbeiten mit Vollspektrum-Extrakten unterschiedlicher Zusammensetzung, was Vergleiche zwischen einzelnen Untersuchungen erschwert. Standardisierte CBD-Konzentrationen, validierte Endpunkte und einheitliche Tumorklassifikationen fehlen weitgehend. Eine Kombination mit klassischen Chemotherapeutika wurde nur in zwei Studien systematisch untersucht. Die Autoren fordern multizentrische klinische Studien mit größeren Hundepopulationen, einheitlichen Diagnosekriterien und definierter pharmakokinetischer Begleitanalyse.
Für Tierhalter und Tierärzte bedeutet die Übersicht eine vorsichtige Ermutigung, aber keine Therapieempfehlung. CBD könne in onkologischen Behandlungsschemata als unterstützende Maßnahme erwogen werden, etwa zur Schmerzlinderung, zur Appetitstimulation oder zur Stressreduktion in Verbindung mit Chemotherapie. Die alleinige Anwendung als kurative Krebstherapie sei durch die Datenlage nicht gerechtfertigt. Wer eine ergänzende Cannabinoid-Therapie für sein Tier in Betracht zieht, sollte das mit der behandelnden Tierärztin abstimmen, idealerweise unter Einbeziehung einer veterinäronkologischen Spezialeinrichtung.
Rechtliche Situation in Deutschland
In Deutschland sind veterinärmedizinische Cannabinoid-Präparate noch immer ein Sonderfall. Es gibt kein zugelassenes CBD-haltiges Tierarzneimittel auf dem deutschen Markt. Tierärztinnen und Tierärzte können CBD-Produkte aus dem Lebensmittel- oder Kosmetikbereich nicht regulär verschreiben. Die Anwendung erfolgt häufig als Umwidmung im Rahmen des Therapienotstands nach Paragraf 56a Arzneimittelgesetz. Hanf-Magazin hat dazu unter CBD-Studien für den Hund und im Beitrag Tierisch gut: Wie Cannabis deinem Liebling helfen kann mehrfach berichtet. Eine Marktzulassung speziell für die Veterinäronkologie ist auf absehbare Zeit nicht zu erwarten.
Häufige Fragen
Kann ich meinem an Krebs erkrankten Hund einfach CBD-Öl aus dem Reformhaus geben?
Ohne tierärztliche Begleitung ist davon abzuraten. Lebensmittel-CBD-Produkte unterliegen keiner pharmazeutischen Qualitätskontrolle, ihr Cannabidiol-Gehalt schwankt mitunter erheblich. Außerdem können Wechselwirkungen mit laufenden Therapien wie Chemotherapeutika oder Schmerzmitteln auftreten. Sprechen Sie die Behandlung immer mit Ihrer Tierärztin oder Ihrem Tierarzt ab und ziehen Sie idealerweise einen veterinäronkologisch erfahrenen Spezialisten hinzu.
Welche Krebsarten zeigen in der Review die deutlichsten Effekte?
Die stärkste präklinische Evidenz liegt für canines Lymphom und Osteosarkom vor. Bei beiden Tumorentitäten dokumentieren mehrere unabhängige Studien dosisabhängige Hemmungen der Tumorzellteilung und eine Steigerung der Apoptoserate. Für Gliom und Urothelkarzinom ist die Datenbasis kleiner, aber tendenziell konsistent. Mammakarzinom und Prostatakarzinom zeigen ebenfalls Effekte, hier sind die Studienzahlen jedoch noch zu gering, um robuste Aussagen abzuleiten.
Gibt es klinische Studien an echten Patienten und nicht nur an Zellkulturen?
Ja, allerdings sind sie noch rar. Die Universidad-de-Chile-Review identifiziert drei prospektive klinische Studien mit erkrankten Hunden. Die größte umfasst 28 Tiere und untersucht CBD als Begleittherapie bei Lymphompatienten. Die methodische Qualität dieser Studien ist heterogen, die Fallzahlen sind klein. Multizentrische Phase-2-Studien sind in Vorbereitung, konkrete Ergebnisse werden frühestens 2027 erwartet.
Welche Dosierungen werden in der Forschung verwendet?
In den klinischen Studien liegen die Dosierungen meist zwischen zwei und fünf Milligramm CBD pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, verabreicht als orales Öl mit fettreicher Nahrung. In Zellkulturen wurden Konzentrationen zwischen 5 und 30 Mikromol pro Liter eingesetzt. Diese Laborwerte lassen sich nicht direkt auf die orale Dosis übertragen, da Bioverfügbarkeit und Gewebeverteilung berücksichtigt werden müssen.
Hat THC einen ähnlichen Effekt wie CBD?
Einige der eingeschlossenen Studien testen THC-haltige Vollspektrum-Extrakte und finden hier mitunter sogar stärkere antitumorale Effekte. Allerdings ist THC für Hunde toxisch, weil die Tiere besonders empfindlich auf die psychotropen Eigenschaften reagieren. Die Übersichtsarbeit empfiehlt deshalb klar, sich in der klinischen Anwendung auf CBD-dominierte Präparate zu konzentrieren, wenn überhaupt mit Cannabinoiden gearbeitet wird.
Quellen: Medina FJ, Torres CG. Antitumor Effects (Potential) of Cannabidiol (CBD) in Canine Oncology: A Systematic Review. Frontiers in Veterinary Science, Vol. 13, 2026; Marijuana Moment 15.05.2026; Universidad de Chile, Facultad de Ciencias Veterinarias y Pecuarias.











































