Zwei Jahre nach dem Start der Teillegalisierung präsentiert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin eine nüchterne Analyse der deutschen Drogenmärkte. Das Ergebnis lässt aufhorchen – aber nicht wegen Cannabis. Der Cannabiskonsum ist stabil geblieben, die Kriminalstatistik für Cannabisdelikte ist dramatisch gesunken. Das eigentliche Alarmsignal kommt von woanders: Kokain.
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Cannabis: Die Zahlen geben Entwarnung
Die Studie von Anna Bindler und Andreea-Maria Stoica, erschienen im DIW Wochenbericht 13/2026, wertet eine Kombination aus Befragungs- und Abwasserdaten aus. Das Ergebnis ist eindeutig: Die befürchtete Konsumexplosion ist ausgeblieben. Die 12-Monats-Prävalenz für Cannabis lag 2024 bei 9,8 Prozent – ein moderater Anstieg gegenüber 4,5 Prozent im Jahr 2012, aber kein Bruch in der Trendlinie nach April 2024. Die Abwasseranalysen aus deutschen Städten zeigen keine systematischen Veränderungen nach der Legalisierung.
Noch deutlicher ist der Rückgang bei den Cannabisdelikten. 2023 wurden knapp 174.000 Cannabisfälle in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfasst. 2024 waren es noch rund 62.000 – ein Rückgang auf etwa ein Drittel. Insgesamt sanken die Drogendelikte von 347.000 auf 228.000 Fälle. Das ist kein Zufall, sondern die direkte Folge der neuen Rechtslage: Was früher als Straftat galt, ist es schlicht nicht mehr.
Die Straßenpreise für Cannabis blieben ebenfalls stabil bei etwa zehn Euro pro Gramm, vergleichbar zwischen legalen Quellen wie Apotheken oder Anbauvereinigungen und dem illegalen Markt.
Kokain: Das eigentliche Problem explodiert

Während die Cannabis-Debatte die Schlagzeilen dominiert, spielte sich in deutschen Städten eine weitaus beunruhigendere Entwicklung ab. Die Abwasserdaten, die das DIW auswertet, zeigen für Kokain eine fast vierfach höhere Belastung als noch 2015. Dortmund, Hamburg, München, Stuttgart und Berlin sind die Brennpunkte dieser Entwicklung. Parallel dazu stieg die Zahl der polizeilich erfassten Kokaindelikte von rund 21.000 im Jahr 2022 auf über 27.700 im Jahr 2024.
Noch gravierender ist die regionale Konzentration von Methamphetamin. In Städten nahe der tschechischen Grenze – Chemnitz, Dresden, Erfurt und Nürnberg – zeigen die Abwassermessungen mehrfach erhöhte Werte im Vergleich zu 2015. Gleichzeitig sinken die Crackpreise, was auf ein wachsendes Angebot hindeutet.
Entscheidend: Diese Trends begannen lange vor April 2024. Die Cannabis-Teillegalisierung hat sie weder ausgelöst noch verstärkt.
Die Einstiegsdrogentheorie verliert erneut den Boden

Die Daten liefern erneuten Gegenwind für das politisch langlebige Argument, Cannabis sei eine Einstiegsdroge in härtere Substanzen. Wäre das der Fall, müsste man nach einer Liberalisierung des Cannabiszugangs eine kausale Zunahme des Kokainkonsums beobachten können. Das Gegenteil ist der Fall: Der Kokainkonsum stieg schon jahrelang vor der Reform – und Cannabis blieb stabil.
Bereits eine japanische Studie hatte die Einstiegsdrogentheorie eindrucksvoll widerlegt – die DIW-Daten für Deutschland passen nahtlos in dieses Bild. Der vermeintliche Zusammenhang zwischen Cannabis und dem Konsum harter Drogen ist nicht kausal, sondern bestenfalls korrelativ – und diese Korrelation verschwindet, wenn man die Zeitreihen genauer betrachtet.
Was die Politik jetzt priorisieren sollte

Die Autorinnen der Studie ziehen klare Konsequenzen: Prävention und Aufklärung sollten Vorrang haben – nicht eine Rückkehr zur Kriminalisierung von Cannabis. Die Dynamik auf dem Kokain- und Methamphetaminmarkt verlangt eine eigenständige politische Antwort, die nicht mit der Cannabis-Debatte vermischt werden darf.
Die Bilanz der deutschen Legalisierung ist in diesem Kontext differenzierter zu lesen: Die Reform hat ihre Kernziele – Entkriminalisierung, Dämpfung des Cannabis-Schwarzmarkts, Schutz für Konsumenten – im Ansatz erreicht. Dass gleichzeitig Kokain- und Methamphetaminmärkte wachsen, auch wenn der BKA-Präsident den Cannabis-Schwarzmarkt weiter als Problem benennt, zeigt: Die Herausforderungen für die Drogenpolitik reichen weit über eine einzelne Reform hinaus.
Für den Jugendschutz liefert die Frankfurter MoSYD-Studie mit dem Jugendkonsum auf einem 20-Jahres-Tief das stärkste empirische Argument gegen Panikszenarien.
Die DIW-Analyse zeigt: Deutschland braucht eine ehrliche Diskussion über alle Drogenmärkte – und nicht immer nur über Cannabis.
Sollte die Politik jetzt härter gegen Kokain vorgehen?
Häufige Fragen
Was hat die DIW-Studie 2026 zum Cannabiskonsum in Deutschland ergeben?
Die Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt eine deutliche Entwarnung: Eine Explosion der Nutzerzahlen nach der Reform im April 2024 ist ausgeblieben. Die Häufigkeit der Nutzung blieb mit einem Wert von etwa 9,8 Prozent stabil und folgt dem langfristigen Trend. Besonders signifikant ist der Rückgang der entsprechenden Delikte in der Kriminalstatistik, die sich nach der Neuregelung auf etwa ein Drittel des Vorjahresniveaus reduzierten.
Wie stark ist der Kokainkonsum in Deutschland gestiegen?
Laut Abwasserdaten sind die Kokainrückstände in deutschen Städten seit 2015 auf fast das Vierfache gestiegen. Besonders betroffen sind westdeutsche Großstädte wie Dortmund, Hamburg, München, Stuttgart und Berlin. Die Zahl der polizeilich erfassten Kokaindelikte stieg von rund 21.000 (2022) auf über 27.700 (2024).
Hat die Cannabis-Legalisierung den Kokainkonsum ausgelöst oder verstärkt?
Nein. Der Anstieg des Kokainkonsums begann laut DIW-Daten weit vor der Cannabis-Teillegalisierung im April 2024. Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Cannabisreform und dem Wachstum des Kokainmarkts.
Was empfehlen die Forschenden als politische Maßnahme?
Die DIW-Autorinnen Anna Bindler und Andreea-Maria Stoica empfehlen, Prävention und Aufklärung zu priorisieren – statt Cannabis erneut zu kriminalisieren. Die wachsenden Kokain- und Methamphetaminmärkte erfordern eine eigenständige drogenpolitische Antwort, unabhängig von der Cannabis-Debatte.
Wo ist Methamphetamin in Deutschland besonders verbreitet?
Abwasserdaten zeigen besonders hohe Methamphetaminbelastungen in Städten nahe der tschechischen Grenze: Chemnitz, Dresden, Erfurt und Nürnberg weisen im Vergleich zu 2015 deutlich erhöhte Werte auf. Der Preiszerfall bei Crack deutet auf ein wachsendes Angebot hin.

































