Hanfsamen kennen die meisten geschält, als Topping auf dem Müsli oder im Salat. Weniger bekannt ist, was passiert, wenn man sie keimen lässt. In der ersten Folge unserer Kolumne mit Gerda Steinfellner geht es um einen Verarbeitungsschritt, der aus einem Samen etwas anderes macht.
📑 Inhaltsverzeichnis
Diese Kolumne entsteht in Zusammenarbeit mit Gerda Steinfellner. Sie ist Ernährungswissenschaftlerin und Mitgründerin von Hanfland, einem österreichischen Betrieb, der Speisehanf verarbeitet. Diese Doppelrolle nennen wir bei jeder Folge, weil sie beides mitbringt, wissenschaftliche Einordnung und den Blick aus der Produktion. Redaktionell verantwortet das Hanf Magazin die Beiträge, bezahlt werden sie nicht.
Was beim Keimen im Samen passiert
Ein Samen ist ein Ruhezustand. Er enthält alles, was eine Pflanze zum Start braucht, hält es aber in stabiler, lagerfähiger Form vor. Kommt Wasser dazu, in der richtigen Temperatur und mit Sauerstoff, beginnt der Stoffwechsel. Enzyme werden aktiv und zerlegen die Speicherstoffe: Stärke wird zu kürzeren Zuckern, Speicherproteine werden in Aminosäuren aufgespalten, Fette werden mobilisiert.
Für die Küche bedeutet das zunächst zweierlei. Der Samen wird weicher, und sein Geschmack ändert sich, meist in Richtung milder und leicht süßlicher. Was sich außerdem verändert, ist die Zusammensetzung, und genau dort wird es interessant und zugleich unübersichtlich, weil vieles von Sorte, Dauer und Bedingungen abhängt.
„Beim Keimen arbeiten die sameneigenen Enzyme“, erklärt Gerda Steinfellner. „Sie bauen Speicherstoffe um, und zwar im Samen selbst. Im Magen werden diese Enzyme von der Magensäure zerlegt wie jedes andere Eiweiß.“ Man isst also ein Lebensmittel, das seine Vorräte bereits aufgeschlossen hat.
Wie weit diese Umbauten reichen, zeigt eine Untersuchung aus dem Jahr 2026, die ganze, geschälte und gekeimte Hanfsamen direkt nebeneinander analysiert hat (Mierlita, Frontiers in Nutrition, Band 13, Artikel 1825902). Danach sinkt im gekeimten Samen die Phytinsäure gegenüber dem ganzen Samen um 57 Prozent, die kondensierten Tannine um 66 Prozent. Der Rohfaseranteil steigt auf 30,7 Prozent der Trockenmasse, und 93 Prozent der Kohlenhydrate entfallen auf Ballaststoffe. Phytinsäure und kondensierte Tannine zählen zu den sekundären Pflanzenstoffen; die Studie misst ihre Menge im Samen, nicht eine Wirkung im Körper.

Warum Hanfsamen dabei eine Besonderheit sind
Anders als bei Getreide oder Hülsenfrüchten spielt bei Hanfsamen das Fett die Hauptrolle. Rund ein Drittel des Samens besteht daraus, mit einem für Pflanzenöle ungewöhnlichen Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren. Beim Keimen wird ein Teil dieser Reserve angetastet, und je länger der Prozess läuft, desto mehr verändert sich das Profil.
Praktisch heißt das: Gekeimte Hanfsamen sind kein besseres Produkt als ungekeimte, sondern ein anderes. Wer sie einsetzt, tut das wegen Geschmack, Textur und Verwendung, nicht weil sie eine Kategorie höher stünden.
Aufschlussreich ist der Vergleich mit geschälten Samen. „Schälen senkt die Phytinsäure ebenfalls deutlich, nimmt aber mit der Schale die Faser und einen Teil der Pflanzenstoffe mit. Beim Keimen bleibt die Schale dran“, sagt Steinfellner. In der genannten Untersuchung zeigt entsprechend der gekeimte Samen die höchste, der geschälte die niedrigste antioxidative Aktivität im Labortest. Beim Eiweiß ist es umgekehrt: Der geschälte Samen kommt auf 33,8 Prozent, der gekeimte auf 28,2 Prozent. „Jede Form hat ihren Platz.“
Wichtig ist Steinfellner die Abgrenzung zum Marketing: „Die Grenze ziehe ich beim Übersetzen. ‚Weniger Phytinsäure‘ ist ein Messwert. ‚Antioxidative Aktivität‘ ist ein Laborwert aus dem Reagenzglas. Was das im Körper bewirkt, sagt diese Messung nicht, und genau dort beginnt das Superfood-Marketing. Ich nenne die Zahl und die Quelle und lasse das Versprechen weg.“
Selbst keimen lassen oder kaufen
Wer es selbst versuchen möchte, braucht ungeschälte Samen. Geschälte keimen nicht, ihnen fehlt die schützende Hülle, und sie sind für die Küche vorbereitet, nicht für den Anbau. Das ist der häufigste Fehler und der Grund, warum Versuche oft im Schimmel enden statt im Keimling.
Der Ablauf ähnelt dem bei anderen Sprossen: einweichen, abspülen, feucht und luftig halten, mehrmals täglich spülen. Entscheidend ist Hygiene, denn feuchtwarme Bedingungen sind für Keime aller Art günstig, nicht nur für die gewünschten. Wer unsicher ist, greift zu fertig gekeimter Ware aus kontrollierter Herstellung.
Für die eigene Küche hat Steinfellner eine klare Anleitung: „Hanfsamen sind Dunkelkeimer. Die ungeschälten Samen acht bis zwölf Stunden dunkel einweichen, dann zwei- bis dreimal täglich spülen und abtropfen lassen, bei Zimmertemperatur. Sobald die weiße Wurzelspitze sichtbar ist, ist der Samen gekeimt.“ Länger zu warten bringe wenig und erhöhe das Risiko, dass sich Schimmelpilze bilden. „Riecht es muffig, kommt alles weg.“
In der Produktion läuft der Prozess kontrollierter ab. Bei Hanfland keimt die Marke Keimkraft die Samen nach eigenen Angaben unter festgelegten Bedingungen und trocknet sie anschließend schonend. „Der Unterschied zur Küche liegt in der Kontrolle: gleichbleibende Temperatur, festgelegte Keimzeit, Hygieneplan“, so Steinfellner.
Was in die Küche passt
Gekeimte Hanfsamen sind weicher als ungekeimte und schmecken milder. Sie passen dorthin, wo man sie nicht mehr erhitzt: über den Salat, in den Aufstrich, ins Joghurt, in kalte Bowls. Sobald Hitze ins Spiel kommt, ist der Vorteil dahin, und man kann ebenso gut ungekeimte Samen nehmen.
Wie sich Hanfsamen grundsätzlich zusammensetzen und wofür sie sich eignen, haben wir im Beitrag zum Nährstoffprofil von Hanfsamen aufgeschrieben. Wer wissen möchte, wie Gerda Steinfellner zum Speisehanf kam, findet das in unserem Interview zu 20 Jahren Hanfland.
Quelle und weiterführende Informationen: Daniel Mierlita, „Assessment of nutritional and functional profile of whole, hulled and germinated hemp (Cannabis sativa L.) seeds“, Frontiers in Nutrition, Band 13 (2026), Artikel 1825902, doi.org/10.3389/fnut.2026.1825902. Weitere Hintergründe von Hanfland: Gekeimte Lebensmittel – warum du aus demselben Essen plötzlich mehr herausholst.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Gesundheits- oder Wirkaussage dar. Angaben zu Lebensmitteln ersetzen keine Ernährungsberatung. Bei Unsicherheiten zur eigenen Ernährung ist ärztlicher oder diätologischer Rat die richtige Adresse.





































