Während Stahlbeton und Zement für rund acht Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich sind, gewinnt ein altbekannter Baustoff neue Aufmerksamkeit: Hempcrete, im deutschsprachigen Raum als Hanfbeton oder Hanfkalk bezeichnet. Das Material aus Hanfschäben, Kalk und Wasser bindet während seines Lebenszyklus mehr Kohlenstoff, als bei Herstellung und Verarbeitung freigesetzt wird. Diese Eigenschaft macht Hempcrete zu einem der wenigen wirklich kohlenstoffnegativen Baustoffe der Welt.
📑 Inhaltsverzeichnis
- Was ist Hempcrete? Zusammensetzung, Rezeptur und Herstellung
- Klimabilanz: Warum Hempcrete kohlenstoffnegativ ist
- Bauphysik im Detail: Dämmung, Feuchte, Brandschutz
- Praxis und Projekte: Wo Hempcrete in Europa schon Standard ist
- Hürden in Deutschland: Normung, Preis und Verfügbarkeit
- 💬 Fragen? Frag den Hanf-Buddy!
In Frankreich, Großbritannien und Belgien existieren bereits Tausende fertige Gebäude mit Hanfbeton, in Deutschland kommen die ersten Vorzeigeprojekte gerade erst in den Genuss bauaufsichtlicher Zulassung. Dieser Artikel ordnet ein, was Hempcrete kann, wo seine Grenzen liegen und warum Architekturbüros, Sanierungsbetriebe und Bauherren die Vorteile zunehmend ernst nehmen.
Was ist Hempcrete? Zusammensetzung, Rezeptur und Herstellung

Hempcrete ist ein mineralisch gebundener Leichtbaustoff aus drei Grundkomponenten. Den Volumenanteil von etwa 75 Prozent stellen die Hanfschäben, also der zerkleinerte verholzte Innenkern des Hanfstängels. Als Bindemittel dient ein hydraulischer Kalk, oft kombiniert mit Puzzolanen wie gemahlenem Bims, gebrannter Kieselgur oder Metakaolin. Wasser aktiviert die Reaktion und führt zur charakteristischen Verkieselung des Kalks an der Oberfläche der Schäben.
Die Rohdichte des fertigen Materials liegt je nach Rezeptur zwischen 220 und 450 Kilogramm pro Kubikmeter. Damit zählt Hanfbeton zu den Leichtbetonen, allerdings ohne dass Polystyrol, Blähton oder Schaumglas zum Einsatz kommen. Die Verarbeitung erfolgt entweder als Gussmaterial in eine verlorene Schalung, als vorgefertigter Block oder als Spritzmasse auf eine Tragstruktur aus Holz. Letztere ist die übliche Bauweise, weil Hempcrete selbst keine tragenden Lasten aufnimmt.
Wer tiefer einsteigen möchte, findet in unserem Hintergrund zum Nutzhanf im Bauwesen eine ausführliche Material- und Verfahrensübersicht. Wichtig ist der Unterschied zu klassischen Hanfdämmungen aus Matten oder Filzen: Hempcrete ist ein monolithischer, formstabiler Baustoff, der gleichzeitig dämmt und Speichermasse bildet.
Klimabilanz: Warum Hempcrete kohlenstoffnegativ ist

Die Hanfpflanze bindet während ihres Wachstums beträchtliche Mengen Kohlendioxid. Pro Hektar Faserhanf nimmt der Bestand laut Berechnungen des European Industrial Hemp Association rund neun bis fünfzehn Tonnen CO2 aus der Atmosphäre auf. Ein Teil dieses Kohlenstoffs landet als gebundener Kohlenstoff in den Schäben, die für Hempcrete genutzt werden. Schätzungen nach EN 15804 zeigen, dass ein Kubikmeter eingebauter Hanfbeton zwischen 80 und 110 Kilogramm CO2 dauerhaft speichert.
Dem stehen die Emissionen aus der Kalkbrennung gegenüber. Hier liegt die größte Stellschraube für die Klimabilanz, denn klassischer Branntkalk verursacht etwa 750 bis 900 Kilogramm CO2 pro Tonne. Setzen Hersteller modernere natürlich-hydraulische Kalke oder formulierte Kalke mit hohem Puzzolan-Anteil ein, sinkt der Wert deutlich. In der Summe weisen Lebenszyklusanalysen einen Nettoeffekt von minus 30 bis minus 100 Kilogramm CO2-Äquivalent pro Kubikmeter aus, je nach Rezeptur und Energiemix der Produktion.
Ein zweiter Klima-Hebel ist die Carbonatisierung. Der eingesetzte Luftkalk reagiert über Jahre hinweg mit dem CO2 der Umgebungsluft und verfestigt sich weiter. Eine Wand aus Hempcrete nimmt also nach dem Einbau zusätzlich Kohlenstoff auf. Die Kohlenstoffspeicherung von Hanf- und Holzrohstoffen hat sich damit als ernstzunehmende Säule klimaneutraler Bauweisen etabliert.
Bauphysik im Detail: Dämmung, Feuchte, Brandschutz
Wärmedämmung und Speichermasse
Hempcrete erreicht eine Wärmeleitfähigkeit zwischen 0,06 und 0,12 Watt pro Meter und Kelvin, abhängig von Rohdichte und Verdichtungsgrad. Damit liegt der Baustoff zwischen klassischer Holzfaserdämmung und mineralischen Leichtbetonen. Eine 30 Zentimeter starke Außenwand erreicht U-Werte um 0,28 Watt pro Quadratmeter und Kelvin, ausreichend für den Energiestandard KfW 55 in Verbindung mit guten Fenstern und Anschlussdetails. Die zusätzliche Speichermasse glättet sommerliche Temperaturspitzen, ein in heutigen Hitzeperioden zunehmend wichtiges Argument.
Feuchteregulierung und Raumklima
Das poröse Gefüge nimmt Wasserdampf aktiv auf und gibt ihn verzögert wieder ab. Damit puffert eine Hempcrete-Wand Spitzen der Innenraumluftfeuchte und stabilisiert das Raumklima. In Studien aus Frankreich und Großbritannien lag die relative Feuchte in Hanfbeton-Häusern auch im Winter selten unter 45 Prozent. Schimmelbildung wird durch den alkalischen Kalk-Anteil zusätzlich erschwert. Wer regelmäßig stoßlüften muss, profitiert hier bauphysikalisch ohne aktive Technik.
Brandschutz und Schallschutz
Hempcrete erreicht in zertifizierten Tests die Feuerwiderstandsklasse REI 120, das heißt 120 Minuten Brandschutz bei einer Materialstärke von zwölf Zentimetern. Der mineralische Kalk verhindert ein Durchbrennen der organischen Schäben und schützt zugleich die innenliegende Holztragstruktur. Die offene Porosität liefert nebenbei einen brauchbaren Schallabsorptionskoeffizienten, was den Baustoff für Trennwände in Schulen, Büros und Reihenhäusern interessant macht.
Praxis und Projekte: Wo Hempcrete in Europa schon Standard ist

Frankreich gilt als Heimatland des modernen Hanfbetons. Seit den 1990er Jahren entstanden dort mehrere Tausend Wohngebäude mit der Technik, darunter Sozialwohnungsbauten, Schulen und Sanierungen historischer Fachwerkhäuser. Belgien betreibt mit der Firma IsoHemp die größte automatisierte Produktion vorgefertigter Hanfblöcke in Europa. Großbritannien führt seit 2018 Hempcrete in den nationalen Baucodes als anerkannten Baustoff.
In Deutschland und Österreich entstehen aktuell die ersten Vorzeigeprojekte. Architekturbüros wie LXSY in Berlin, Holzbauunternehmen aus Süddeutschland und genossenschaftliche Bauträger in der Schweiz nutzen Hanfbeton vor allem im Sanierungsbereich. Ein Wiener Start-up entwickelt zudem CO2-negative Hanfziegel, die im Trockenverfahren ohne Wasserzugabe produziert werden. Der Megatrend Hanffasern in der Wirtschaft trägt dazu bei, dass die nötigen Rohstoffketten regional aufgebaut werden.
Hürden in Deutschland: Normung, Preis und Verfügbarkeit
Trotz aller Vorteile ist Hempcrete in Deutschland noch nicht in den klassischen Bauproduktnormen geregelt. Bauvorhaben benötigen bislang eine Zustimmung im Einzelfall durch das jeweilige Bauamt oder eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung des DIBt. Beides verursacht Mehrkosten und Zeitverzögerung. Ein bundesweit anerkanntes technisches Regelwerk fehlt, obwohl die ASTM-Normen in den USA und die französische Régles Professionnelles inzwischen praxistauglich sind und als Vorlage dienen könnten. Der ausführliche Bericht über die deutsche Baustoffindustrie beschreibt die strukturellen Hürden im Detail.
Auch der Preis bleibt ein Argument der Skeptiker. Reine Materialkosten für Hempcrete liegen pro Quadratmeter Wandfläche bei 90 bis 130 Euro und damit über klassischem Mauerwerk. Wer jedoch Dämmung, Innenputz und sommerlichen Wärmeschutz mit einrechnet, schließt die Lücke häufig vollständig. Wenn die EU-Bauprodukteverordnung wie geplant ab 2027 verpflichtende Klimakennwerte für Baustoffe einführt, wird sich die Kalkulation weiter zugunsten biogener Materialien verschieben.
Die dritte Hürde betrifft die Rohstoffversorgung. Der deutsche Faserhanfanbau wächst, bewegt sich aber laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung weiterhin im niedrigen vierstelligen Hektarbereich. Für eine flächendeckende Versorgung der Bauwirtschaft mit Schäben fehlen Aufbereitungsanlagen. Hier setzen mehrere Bundesförderprogramme an, die seit 2025 explizit Investitionen in Hanf-Verarbeitungsstraßen unterstützen.
Häufige Fragen
Ist Hempcrete tragfähig genug für ein ganzes Haus?
Hempcrete übernimmt keine tragenden Lasten und wird daher mit einer Tragstruktur aus Holz, Stahl oder Mauerwerk kombiniert. Üblich sind Holzständerkonstruktionen, in die der Hanfbeton gegossen oder eingespritzt wird. Das Ergebnis ist eine monolithische Wand mit gleichzeitiger Trag-, Dämm- und Speicherfunktion.
Wie lange hält Hanfbeton?
Die ältesten dokumentierten Anwendungen in Frankreich stammen aus den frühen 1990er Jahren und zeigen bis heute keine relevanten Schäden. Da der Kalk über Jahrzehnte weiter carbonatisiert, gewinnt die Wand sogar an Festigkeit. Eine Nutzungsdauer von achtzig bis hundert Jahren gilt als realistisch, ohne dass nennenswerte Wartung anfällt.
Kann ich Hempcrete später recyceln?
Ja, Hanfbeton lässt sich am Ende der Nutzungsdauer rückbauen, schreddern und als Bodenverbesserer auf landwirtschaftlichen Flächen einsetzen. Alternativ wird das Material zerkleinert und als Schüttdämmung in Neubauten weiterverwendet. Diese Kreislaufwirtschaft ist bei klassischem Stahlbeton bislang nicht möglich, hier dominiert das Downcycling zu Recyclingschotter.
Welche Förderungen gibt es 2026 für Hanfbeton-Bauten?
Die KfW fördert biogene Baustoffe seit 2025 im Programm BEG 261 mit einem Tilgungszuschuss von bis zu fünfzehn Prozent für nachweislich kohlenstoffspeichernde Wandaufbauten. Daneben unterstützen Landesprogramme in Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen Sanierungsvorhaben mit Hempcrete, sofern eine Lebenszyklusanalyse nach DIN EN 15978 beiliegt.
Eignet sich Hempcrete auch für die Altbausanierung?
Gerade in der Sanierung spielt Hanfbeton seine Stärken aus, weil das Material diffusionsoffen ist und mit historischen Wandaufbauten aus Lehm, Bruchstein oder Fachwerk harmoniert. Sanierungen mit Hempcrete vermeiden Tauwasserprobleme, die bei mineralischen oder synthetischen Dämmungen häufig auftreten. Mehr dazu findest du in unserem Überblick zur Nutzhanf-Industrie und ihren Anwendungsfeldern.












































