Am 24. April 2026 hat die Four 20 Pharma GmbH den dritten Circle of Experts ausgerichtet. Im Hotel Vivendi Paderborn und parallel digital trafen sich Ärztinnen, Apotheker und Pflegende zu einem Tag über Medizinalcannabis. Erstmals teilte sich das Programm am Nachmittag in berufsgruppenspezifische Sessions auf. Der Schritt verrät einiges über den Reifegrad der Cannabistherapie in Deutschland.
📑 Inhaltsverzeichnis
Plenum: vier Schwerpunktvorträge
Den Auftakt im Plenum übernahm Prof. Dr. med. Thomas Herdegen mit einem Überblick über die multimodale Wirkung von Medizinalcannabis und Sicherheitsfragen bei multimorbiden Patientinnen und Patienten. Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel ordnete das Thema international ein, also entlang der Frage, welche Versorgungsmodelle in anderen Ländern funktionieren und welche Probleme die deutsche Praxis bisher umschifft. Dr. med. Konrad F. Cimander, langjährig in der Cannabistherapie aktiv, fasste Herausforderungen und Chancen für 2026 zusammen.
Den vierten Slot belegte Prof. Dr. med. Kirsten Müller-Vahl mit ADHS und Cannabis, ein Bereich, der studienseitig vergleichsweise dünn aufgestellt ist und in der Praxis kontrovers diskutiert wird. Müller-Vahl ist eine der wenigen Forscherinnen, die das Thema strukturiert beackert. Mehr zur Studienlage hat das Hanf Magazin bereits in einem eigenen Beitrag zur ADHS-Forschung aufbereitet.
Am frühen Nachmittag stellte Prof. Dr. Sven Gottschling die Corall-Studie zu Cannabinoiden in der Palliativversorgung vor. Dr. Matthias Giesel präsentierte die aktuelle Studienlage, André Ihlenfeld brachte Real-World-Daten aus der Versorgungspraxis ein, also Auswertungen aus laufender Verordnungstätigkeit statt aus kontrollierten Studien.
Berufsgruppen-Sessions: Neuerung 2026
Die strukturelle Neuerung des Jahres war die Aufteilung in drei Sessions am späten Nachmittag, eine pro Berufsgruppe. Für Ärztinnen und Ärzte standen konkrete Krankheitsbilder im Vordergrund: myofasziale Schmerzen (Dr. Daniel Huse), Fibromyalgie (Dr. Giesel), Schlafstörungen (Müller-Vahl) sowie komplexe Schmerz- und Palliativsituationen (Gottschling).
Die Apotheken-Session widmete sich pharmazeutischen Praxisfragen. Johannes Hoffmann referierte zu inhalativen Extrakten und Polymedikation, Dr. Christiane Neubaur zu Versorgung im Wandel und zur Abrechnung in der Apotheke, einem Bereich, der seit dem Wegfall der BtM-Pflicht für Cannabisblüten viel Nachregulierung erfordert hat. Wie weit das Thema mittlerweile reicht, zeigt allein die Vielfalt im deutschen Medizinalcannabis-Markt.
Die Pflege-Session deckte Schmerzmanagement in der stationären Langzeitpflege (Sascha Saßen) und die Cannabinoidtherapie als Teil dessen ab, was Nicolas Enriquez „Aromatherapie 2.0″ nennt. Enriquez brachte zugleich seine Perspektive als Patient ein, was in einer Pflege-Session selten anzutreffen ist und dem Format eine zusätzliche Ebene gegeben hat.
Eine Abschlussdiskussion mit Vertretern aller drei Berufsgruppen schloss den Tag, bevor das Programm ins Networking-Dinner überging.
Was die Veranstaltung über die Versorgungspraxis verrät
Format-Veranstaltungen wie der Circle of Experts sind nichts Neues. Auffallend ist aber, dass die Cannabistherapie nun differenziert genug ist, um drei parallele Tracks zu rechtfertigen. Vor wenigen Jahren wäre eine Tagung zu Medizinalcannabis im Ärztepublikum gelandet, mit Apotheken- und Pflegethemen am Rand. Dass diese Berufsgruppen jetzt eigene Programmblöcke füllen, deutet auf eine Versorgungsrealität hin, in der Cannabis als Therapeutikum nicht mehr nur Verschreibungsthema ist, sondern entlang der gesamten Behandlungskette mitgedacht werden muss, von der ärztlichen Indikation über die Apothekenabgabe an Patient:innen bis zur Anwendung in der Pflege.
Gleichzeitig bleibt das Format herstellergetrieben. Four 20 Pharma ist Anbieter und Veranstalter zugleich, ein Spannungsfeld, das die Branche kennt: Wer den Diskurs finanziert, prägt ihn. Der Mehrwert der Veranstaltung steht und fällt damit, ob die fachlichen Inhalte unabhängig genug aufbereitet werden, um auch Skeptiker:innen ernst zu nehmen, oder ob sie auf längere Sicht zu Marketing-Instrumenten verkommen. Die Auswahl der Referierenden, mehrheitlich aus Universitätskliniken und mit ausgewiesener Forschungsexpertise, spricht in diesem Jahr für Ersteres.
„Der Circle of Experts hat nicht nur an Größe gewonnen, sondern auch an inhaltlicher Tiefe. Gerade die neuen, berufsgruppenspezifischen Sessions haben gezeigt, dass wir echten Mehrwert für die tägliche Versorgungspraxis schaffen“, sagt Tino Haack, Geschäftsführer der Four 20 Pharma GmbH.
Ob das Wachstum den Schritt vom Branchen-Event hin zu einer der relevanten Versorgungstagungen Deutschlands schafft, dürfte sich an der Folgeauflage zeigen. Insbesondere daran, wie weit der Kreis der unabhängigen Akteure dann reicht und ob das Format auch ohne den industriellen Hintergrund der Veranstalterin trägt.







































