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Die Werkstatt zur findigen Libelle - textile Handwerkskunst aus Hanf

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Die robuste Hanffaser mag für viele in Vergessenheit geraten sein, gerade was ihre Verwendung in der Textilindustrie angeht. In einer kleinen gemütlichen Werkstatt, Werkstatt zur findigen Libelle, in Wien wurde Hanf als solches neu entdeckt und wird neben anderen Naturfasern in textiler Handwerkskunst veredelt.

Die Verwendung von Hanffasern reicht bis in das Jahr 2800 v. Chr. zurück, was an der Vielfalt der Nutzfähigkeit als auch Festigkeit liegt. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurden Hanffasern, die aus dem Bast der Nutzhanfplanze gewonnen werden, für unterschiedliche Anwendungen genutzt, wie zum Beispiel Textil, Papier, naturfaserverstärkte Kunststoffe und Zellstoffe. Heute scheint die nützliche Naturfaser in Vergessenheit geraten zu sein. Gut, dass es handwerksbegabte Menschen wie Carmen Feichtinger aus Wien gibt, die Hanf als Textil neu entdecken und daraus wunderschöne Dinge, wie Schlüsselbänder, Schals, Acessoires und vieles mehr fertigen.

Auf einem Herbstmarkt für Handwerk & Kunst in Graz, Österreich, habe ich Carmen getroffen und mich ein wenig mit ihr über Hanf unterhalten:

Erzähl mir doch in wenigen Worten was du genau machst und wie du dazu gekommen bist.

Ich habe 2014 das Label „Werkstatt zur findigen Libelle“ gegründet und stelle handgemachte Accessoires, mittlerweile hauptsächlich aus Hanfstoffen und Hanfgarnen her.

Wie hast du Hanf als textile Faser für dich entdeckt?

Nachdem ich vor ein paar Jahren zuerst viel mit Schurwolle gearbeitet habe, und ich mir schließlich für mich selbst einen Gürtel machen wollte, war klar, das geht nicht mit Wolle. Solch ein Gürtel wäre viel zu weich und nachgiebig. Leder kam auch nicht in Frage, weil ich ihn ja aus Garn häkeln wollte. Irgendwie kam ich dann auf die Idee, ich könnte es mal mit einer Hanfschnur versuchen. Es hat mich gewundert, warum es keine Gürtel etc. aus dieser soliden, pflanzlichen Naturfaser gibt. Gerade auch für Leute, die auf vegane Kleidung achten und die nicht auf erdölbasierte synthetische Kunstfasern ausweichen wollen, wäre das doch das ideale Material, habe ich mir gedacht.

Jedenfalls habe ich dann einen ersten Gürtel aus einer ziemlich groben, unregelmäßigen Verpackungsschnur, wie man sie fast auf jedem Postamt bekommt, gehäkelt. Als daraus eine schön feste Struktur und tatsächlich ein tragbarer Gürtel wurde, habe ich davon nicht mehr abgelassen. Ich habe in der Zeit auch viel recherchiert und gelesen, sodass mir auch mehr und mehr klar wurde, weshalb Hanf in der Textilbranche dieses Schattendasein führt. Politisch und wirtschaftlich gewollt.

Woher beziehst du deine Stoffe?

Es war gar nicht leicht da was Passendes zu bekommen. Schon gar nicht in Handarbeits- oder Stoffgeschäften. Den ersten Hanfstoff habe ich in Graz im Headshop „Hanf im Glück“ gekauft. Das war allerdings ein Stoff aus China, worüber ich nicht so erfreut war. Da ich am Anfang keine bunten Garne fand, habe ich selber naturbelassene Garne mit Pflanzenfarben eingefärbt.

Schließlich bin ich 2014 über eine Plattform zur Beschaffung nachhaltiger und innovativer Materialien in der Bekleidungsbranche auf eine Herstellerfirma in Rumänien gekommen, von wo ich seitdem gewebte und gestrickte Hanfstoffe, sowie Garne und Gurtbänder beziehen kann. In Italien habe ich schließlich auch eine Firma gefunden, die Stoffe produzieren lässt. Aber auch in Österreich hat zum Beispiel die Textilwerkstatt Obermühle einen sehr schönen Hanfstoff in Haslach an der Mühl weben lassen Hoffentlich bleibt das keine Rarität, sondern passiert in Zukunft noch mehr in diese Richtung!

Wie nimmt dein Freundes- und Bekanntenkreis dein Interesse an der Hanffaser auf? Gibt es auch Menschen, die sich dagegen aussprechen?

Zu Beginn wurden mein Interesse und meine Experimente vielleicht nicht so ernst genommen, aber das hat sich schon geändert. Ich bin dann auch nach Rumänien und Italien gereist, um direkten Kontakt zu den Stoffirmen zu haben und mir selbst ein Bild zu machen. Außerdem habe ich das Gefühl, je mehr die Leute zu sehen oder anzugreifen bekommen, desto eher sind sie auch selbst davon angetan. Explizit dagegen hat sich niemand ausgesprochen. Sogar meine Eltern finden es gut, dass ich mich mit dem Thema so intensiv, handwerklich wie intellektuell, beschäftige.

Welche Bedeutung hat das Thema Hanf für dich?

Obwohl mir das ganzheitliche Potential der Pflanze bewusst ist, bin ich hauptsächlich an der textilen Seite der Hanfpflanze interessiert. Auf diesem Gebiet stellen sich viele Fragen. Die größte Lücke ist – in Österreich wird Nutzhanf zum Beispiel zur Gewinnung der Hanfnüsse angebaut, aber was passiert mit den Stängeln für potenzielle Fasern? Im besten Fall werden sie zu Dämmstoffen oder Einstreu verarbeitet, die meisten Stängel verrotten aber, weil es hierzulande mehr keine Faseraufbereitung und keine Spinnerei, die diese Fasern verarbeiten könnte, gibt. Wir hatten das Know-how, aber jetzt stehen die Maschinen in China oder in anderen Ländern. Das ist wirklich bizarr. Die Auslagerungen nach Asien oder andere „Billiglohnländer“ haben uns gleichzeitig unserer Möglichkeiten beraubt –vom Anbau bis zur Weberei – Stoffe selbst produzieren zu können. Bei Hanf oder Flachs wäre das aber möglich, weil diese Pflanzen, im Gegensatz zur Baumwolle, hier leicht zu kultivieren sind. Und es wäre ressourcen- und klimaschonend, wenn man bedenkt, dass lange Transportwege einfach hinfällig würden oder es auch keine Pestizide braucht.

Du hast jetzt erst die Hanfmesse Cultiva in Wien besucht - was waren deine Eindrücke? Wie kamen deine Produkte bei den Besuchern und Mitausstellern an?

Es waren drei intensive, tolle Tage. Bin sehr zufrieden wie es gelaufen ist, sowohl bei den Workshops als auch am Messestand. Gab viel Zuspruch und Interesse, auch international. Diesmal befand sich die Industriehanf-Bühne in der Pyramide und stand so gut im Mittelpunkt. Das hat mich auch für die handwerklichen Vorführungen von Klaus Eisserer, dem Seiler, ein guter Freund von uns, gefreut.

Findest du es Bedarf an mehr Aufklärung was das Thema Hanf angeht?

Auf jeden Fall. Aber ich finde, es tut sich da eh schon auch mehr in die Richtung. Man merkt, dass es gesellschaftlich ein nicht mehr ganz so verpöntes Thema ist. Die Berichterstattung hat sich auch in den großen Mainstream-Medien geändert. Da wird das Thema auch nicht nur mehr über Drogendealer und enthüllte Cannabis-Plantagen verhandelt.

Was glaubst du was passiert, wenn man Hanf/Marihuana im deutschsprachigen Raum komplett legalisiert und vor allem endkriminalisiert?

Gute Frage. Die ganze Gesellschaft wäre vielleicht mal ein bisschen entspannter. Ich befürworte eine Entkriminalisierung und gerne auch Legalisierung. Wahrscheinlich würden auch mehr Landwirte Hanf anbauen, weil sie keine Kontrollen mehr zu erwarten hätten, und das könnte sich auch positiv auf die textile Entwicklung auswirken.

Wie bist du zusammen mit dem Gründerkollektiv auf die Idee für das textile Hanf Forum gekommen?

Wir fünf haben uns auf verschiedenen Wegen, aber mit demselben Interesse am Hanfthema letztes Jahr kennengelernt. Irgendwann war uns klar, da gibt es eine Riesenlücke, da müsste man was tun. Schon allein um darauf aufmerksam zu machen und die Leute ein bisschen sensibler dafür zu stimmen, was sie eigentlich auf ihre Haut lassen. Und dass das auch anders gehen könnte.

Wie kommt euer Verein bei der Allgemeinheit an? Könnt ihr euch Gehör verschaffen?

Wir haben auf der Cultiva zum ersten Mal Flyer aufgelegt und unsere Homepage ist seit zwei Wochen online und definitiv noch ausbaufähig. Es soll dann auch ein öffentliches Forum geben. Ich denke mal, wir werden noch daran arbeiten uns Stück für Stück Gehör zu verschaffen.

Was hast du für Zukunftspläne?

Mit der „Werkstatt zur findigen Libelle“ möchte ich weiter tüfteln, experimentieren, Bestehendes verfeinern und Leuten mit handgemachten Hanf-Accessoires eine Freude machen. Mit dem Verein wollen wir den Faden in der textilen Hanfgeschichte wieder aufnehmen und die gesamte textile Entwicklung in eine gute, tatsächlich nachhaltige Richtung pushen.

Carmen ist zudem äußerst aktiv in der textilen Hanfszene. 2016 hat sie das textile Hanfforum gegründet, mit welchem sie versucht die Vorteile und das ressourcenschonende Potential der Hanffaser in Erinnerung zu rufen und den Menschen von heute wachzurütteln. Ganz nach dem Motto back to the grass roots beschäftigt sich der Verein mit dem Austausch und der Vernetzung rund um die (digitale) Hanfgeschichte. Alle Infos zum gemeinnützigen Verein Textiles Hanf Forum findest du auf www.textiles-hanfforum.at.

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