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Tabernanthe iboga – Visionäre Pflanzenmedizin aus Afrika

Der Ibogastrauch zählt zu den wichtigsten afrikanischen Schamanenpflanzen und ist für die Anhänger des Bwiti-Kultes der wahre, direkt aus dem biblischen Garten Eden stammende Baum der Erkenntnis, dessen Wurzel, abhängig der eingenommenen Dosierung, entweder als euphorisierende Stimulanz oder als visionäres Psychedelikum wirkt.

Eingesetzt wird die Ibogawurzel traditionell als Aphrodisiakum, zur Steigerung der konditionellen Leistungsfähigkeit sowie im Kontext von spirituellen Initiations- und Heilungsritualen.

In Europa und Nordamerika wird der psychoaktive Wirkstoff Ibogain vereinzelt als Therapeutikum zur Behandlung von Suchterkrankungen genutzt.

Botanische Synonyme

Iboga vateriana, Tabernanthe albiflora, Tabernanthe bocca, Tabernanthe manii, Tabernanthe tenuiflora

Aussehen

Tabernanthe iboga ist ein immergrüner und Milchsaft führender Strauch mit einer durchschnittlichen Wuchshöhe von 1,5 m sowie einem gegenständig angeordneten, lanzettförmigen Blattwerk. Die einzelnen Blätter erreichen eine Länge von 10 bis 15 cm. Die Wurzeln des Ibogastrauches sind stark verzweigt, genau, wie die oberirdischen Teile der Pflanze. Charakteristisch für die Wurzel sind ihre braune Rinde sowie das gelbliche Holz. Die Blüten sind gelb und nur 5 bis 10 mm groß. Aus ihnen entwickeln sich die gelb-orangenen, olivgroßen und eiförmig zugespitzten Früchte. In natürlicher Umgebung hat die Pflanze ihre Blütezeit im Zeitraum von März bis Juli. Sobald die Trockenzeit einsetzt, beginnen die Früchte zu reifen.

Vorkommen

Das Unterholz des tropischen Afrikas (Äquatorialguinea, Gabun, Kongo, Kamerun u. a.) ist die Heimat des Ibogastrauches. Inzwischen wird die alte Ritualpflanze aber in vielen Regionen in Zentral- und Westafrika angebaut. In Wildform ist sie besonders in Wassernähe anzutreffen, etwa am Flussufer oder in Sumpfgebieten.

Inhaltsstoffe

Die getrocknete Wurzelrinde enthält diverse Alkaloide, wovon Ibogain mit einer Konzentration von bis zu 6 % das Wichtigste ist. Als Nebenalkaloide wurden Catharanthin, Gabonin, Ibogamin, Ibolutein, Tabernanthin, Voacangin und Voaphyllin identifiziert.

Anzucht

Da die Pflanze im tropischen Westafrika heimisch ist, gestaltet sich ihre Anzucht in Europa sehr schwierig. Vor allem der Laie wird große Schwierigkeiten haben. Wer es dennoch probieren möchte, der benötigt ein warmes Gewächshaus oder einen Wintergarten mit einer hohen Luftfeuchte. Draußen im Garten würde der Ibogastrauch nicht lange überleben. Angezogen und vermehrt wird die Pflanze entweder über Saatgut, einem Ableger oder abgetrennten Wurzelstück.

Wird Saatgut benutzt, muss berücksichtigt werden, dass dieses nur frisch eine hohe Keimfähigkeit aufweist. Getrocknete Samen brauchen nicht verwendet werden.

Am einfachsten ist es, die Samen in einem Minigewächs keimen zu lassen, denn sie brauchen dafür eine durchschnittliche Temperatur von 28 bis 30 °C. Zuvor lässt man sie aber ein bis zwei Tage in lauwarmem Wasser quellen und setzt sie dann etwa 1 cm tief in die Erde. Wichtig ist, dass das Substrat immer ein wenig feucht ist. Sind diese Bedingungen erfüllt, beginnen die Samen nach etwa einem Monat zu keimen. In Einzelfällen dauert die Keimung jedoch auch länger- bis zu drei Monaten. Danach können die Keimlinge pikiert, in große Töpfe gepflanzt und ins warm-feuchte Gewächshaus gestellt werden.

Ritueller Gebrauch

In Westafrika wird die Wurzel, aufgrund ihres visionären Wirkverhaltens, im Rahmen schamanischer Rituale verwendet, etwa zum Divinieren, Einweihen, Heilen oder zur Herstellung von Geister- oder Ahnenkontakt. Der italienische Ethnobotaniker Giorgio Samorini, der den rituellen Gebrauch der Ibogawurzel bei den Bwiti ausführlich erforscht hat, schreibt: „ Die […] Bwiti-Messen werden in drei aufeinanderfolgenden Nächten (von Donnerstag bis Samstag) durchgeführt, wobei die Gläubigen eine bescheidene Menge gemahlene Ibogawurzeln zu sich nehmen und sich bis Tagesanbruch ihren Tänzen und Liedern hingeben […]. Der tobe si ist der Initiationsritus, der beim Eintritt jedes Novizen in die Glaubens-Gemeinde durchgeführt wird. In diesem Falle muss der Novize eine riesige Menge Iboga zu sich nehmen […].

Eine Menge, die ihn allmählich in ein tiefes und andauerndes Koma versetzt, während seine Seele eine Reise in die andere Welt macht […]“ (SAMORINI 1995 zit. in RÄTSCH 2012: 492).

Ein solches Ritual, bei dem eine Person eine Initiation bzw. Einweihung erlebt und aufgrund der hohen Dosierungen einen Ahnenkontakt in der Anderswelt erfährt, heißt übersetzt aus dem Pahuin passenderweise: „Den Kopf aufbrechen“.

Erstmalig beschrieben wurde der psychedelische Ibogain-Kult im Jahre 1903 durch den französischen Forscher J. Guien, der vor über einhundert Jahren einem Einweihungsritual in West-Zaire beiwohnen durfte: „Bald streckten sich alle seine Sehnen auf ungewöhnliche Weise. Ein epileptischer Irrsinn überfiel ihn und der Mund des Bewusstlosen formte Worte, die, wenn sie von einem Eingeweihten vernommen werden, prophetische Bedeutung haben.“ (GUIEN 1903)

Traditionell ist es nicht ungewöhnlich, dass im Rahmen des Iboga-Kults zur Verstärkung bestimmter Wirkungen weitere psychoaktive Pflanzen verwendet werden, beispielsweise der Milchsaft der Sukkulenten Elaeophorbia drupifera oder die Wurzelrinde der Brechnussspezies Strychnos icaja. In Kombination mit dem Rindensaft aus Parquetina nigrescens wurde zur damaligen Zeit in einigen Regionen Westafrikas aus der Ibogawurzel außerdem ein potentes Pfeilgift hergestellt.

Mythologie

In der Mythologie der Fang heißt es zum Ibogastrauch, dass dieser, genau wie eine Vielzahl weiterer psychoaktiver Gewächse, ursprünglich aus einem Menschen entstanden ist.

„Zame ye Mebege, der letzte der erschaffenden Götter, gab uns Iboga. Eines Tages bemerkte er den Pygmäen Bitamu hoch oben in einem Atangabaum beim Pflücken der Früchte. Er ließ ihn zu Boden fallen. Bitamu starb, und Zame schnitt der Leiche des Pygmäen die kleinen Finger und Zehen ab und pflanzte sie in verschiedenen Teilen des Waldes. Aus ihnen entwickelte sich der Ibogastrauch.“ (SCHULTES/HOFMANN 1995: 112)

Medizinischer Gebrauch

In der westafrikanischen Volksmedizin werden Zubereitungen aus der Ibogawurzel primär als Tonikum zur physischen und psychischen Stärkung sowie als aphrodisierend wirkendes Liebesmittel verwendet. Daneben zur Behandlung von Bluthochdruck, Husten, Fieber und Zahnschmerzen, meist jedoch in Kombination mit weiteren Heilpflanzen.

Moderne Forschungsarbeiten haben herausfinden können, dass die Ibogawurzel außerdem bei der Therapie von Suchterkrankungen hilft. Dieser Effekt lässt sich dadurch erklären, dass die Iboga-Visionen, ähnlich wie jene der Ayahuasca, eine Person sehr häufig direkt zu der im Unterbewusstsein versteckten Ursache seiner Suchterkrankung führen. Diese Ursachen, die oft auf einem individuellen Mangel oder einer unstimmigen bzw. unbefriedigenden Lebensführung basieren, werden erkannt und können bearbeitet werden.

Krankheitsursache und Lebensführung haben nämlich, insbesondere bei den modernen Zivilisationskrankheiten, sehr häufig einen unmittelbaren Zusammenhang.

Im Falle des Iboga ist es also nicht die Pflanze selbst, die heilt, sondern vielmehr sind es die durch diese Pflanze bewirkten Visionen. Deshalb kann die Ibogawurzel, trotz der Tatsache, dass viele Alkohol-, Kokain- oder Opiatabhängige dank Ibogain ihre Drogenabhängigkeit wieder in den Griff bekamen, auch nicht als universelles Heilmittel für Süchte bezeichnet werden. Denn ob eine Suchtbehandlung mit Ibogain letztlich erfolgreich verläuft, hängt zu einem großen Teil von Set und Setting ab sowie davon, ob die visionär gewonnenen Einsichten auch nutzbringend ins Alltagsbewusstsein integriert werden können.

Entdeckt wurde die entzugsfördernde Eigenschaft des Ibogain im Rahmen eines Selbstversuchs durch den Amerikaner Howard S. Lotsof (1943-2010). Dieser gilt heute als einer der bedeutsamsten Ibogain-Forscher, der inzwischen außerdem herausgefunden hat, dass Ibogain bei Hepatitis C helfen kann und die Leberwerte verbessert.

Wirkung

„Die pulverisierte Rinde entlässt die Seele für eine Zeit aus dem Körper und ermöglicht so dem Initianden das Eintreten in den spirituellen Kosmos Afrikas, wo ihm der Grundplan seines Schicksals gezeigt wird.“ (PINCHBECK 2003: 15)

Hauptverantwortlich für die Wirkung der Ibogawurzel ist das Indolalkaloid Ibogain. Dieses Molekül ist ein sogenannter Cholinesterase-Hemmer, das seine Aktivität primär auf das Zentralnerven- sowie das kardiovaskuläre System entfaltet. Geringdosiert wirkt Iboga stimulierend. Jedoch auf völlig eigene Weise und in keiner Weise mit anderen Stimulanzien (z.B. Amphetamin oder Koffein) vergleichbar.

Nach der Einnahme höherer Dosierungen kommt es zu visionären Effekten, die sich am besten als bewusst wahrgenommenen und sehr lebhaften Wachtraum beschreiben lassen, der meistens mit einem Zustand von innerem Wohlbefinden einhergeht. Häufig läuft während des akuten Rauschzustandes das gesamte Leben einer Person vor dem geistigen Auge ab, inklusive aller positiven und weniger erfreulichen Ereignisse.

Interessant ist jedoch, dass sich dabei nicht in negative Emotionen, wie Trauer, Schuld oder Hass, verstrickt wird, sondern der Konsument sieht den ganzen „Film“ aus der Perspektive eines neutralen und stillen Beobachters, der für alles Empathie und Liebe empfindet.

Hinweis: Ibogain wirkt als MAO-Hemmer!

Es sollte daher kein Mischkonsum betrieben werden, vor allem nicht mit Opiaten oder Substanzen aus der Gruppe der Antidepressiva. Die Wechselwirkungen derartiger Kombinationen haben schon einige Personen das Leben gekostet. Im Falle einer Opiatabhängigkeit muss daher unbedingt sichergestellt sein, dass der Konsument bei der Einnahme des Ibogain nüchtern ist. Ansonsten droht Lebensgefahr!

Wirkdauer

Die Wirkzeit der Ibogawurzel liegt abhängig von Dosis, Set und Setting bei 6 bis 12 Stunden. Erste Effekte können in der Regel nach 15 bis 30 Minuten festgestellt werden.

Ibogain als Reinstoff wirkt mit einer Dauer von rund 4 bis 8 Stunden zwar kürzer als die Wurzelrinde, dafür ist es aber stärker – zumindest was die subjektive Einschätzung vieler Psychonauten betrifft.

Nebenwirkungen

Typische Nebenwirkungen sind Übelkeit, Erbrechen, Mundtrockenheit, Muskelkrämpfe, Schweißausbrüche sowie eine Erhöhung der Herzschlagfrequenz. Im schlimmsten Falle, meist jedoch nur nach einer Überdosierung oder in Folge von Mischkonsum, kann es zu einer tödlichen Atemlähmung kommen. Als mögliche Nachwirkungen eines Iboga-Trips sind Schlafstörungen sowie Kraftlosigkeit bekannt.

Dosierung

Für eine leichte Stimulierung wird ein (gehäufter) Teelöffel des getrockneten Wurzelpulvers benötigt; das entspricht ungefähr 1 -2 g. Abhängig vom Wirkstoffgehalt liegt die psychedelisch-visionäre Wirkung bei einer Dosis von 5 bis 10 g. Im Rahmen der Initiationsrituale des Bwiti-Kults werden 50 bis 100 Gramm des Wurzelpulvers eingenommen. Ab einer solchen Dosis wird es allerdings ernsthaft gefährlich.

Reines Ibogain wirkt in einer Dosierung von 1-4 mg pro kg Körpergewicht stimulierend und ab 5 mg pro kg Körpergewicht psychedelisch.

Rechtstatus

Ibogain, der zentrale Inhaltstoff von Tabernanthe iboga, fällt nicht unter die Bestimmungen des BtmG, jedoch tritt § 2 Abs. 1 des Arzneimittelgesetzes in Kraft, sobald die Substanz für die Anwendung an Mensch oder Tier vorgesehen ist.

Herstellung von Iboga-Pulver

Die Herstellung ist einfach und geschieht, indem die Wurzelrinde zunächst getrocknet und im Anschluss geraspelt oder gemahlen wird. Das Ergebnis sollte ein hellbraunes Pulver sein. Dieses ist im Geschmack extrem bitter und ekelerregend. Meistens wird es oral eingenommen und mit einem Getränk heruntergespült. Seltener wird aus dem Pulver ein Tee oder ein alkoholischer Auszug gewonnen. Ebenfalls möglich, jedoch darf dadurch keine visionäre, sondern „nur“ eine stimulierend-aphrodisierende Wirkung erwartet werden, ist eine Zubereitung als Räucherwerk, etwa in Kombination mit der Alraune (Mandragora) und Styrax (Liquidambar).

Safer-Use-Regeln für einen mündigen Umgang

  • Ibogain sollte nur in Begleitung eines Tripsitters konsumiert werden, der im Bedarfsfall eingreift und hilft.
  • Keinen Mischkonsum mit anderen psychoaktiven Substanzen betreiben. Die Wechselwirkungen einiger Substanzkombis birgen ein hohes Risiko.
  • Bei erstmaligem Konsum sollte sich immer an der am niedrigsten wirksamen Dosis orientiert werden. Auf diese Weise kann der Pflanzengeist erst einmal kennengelernt werden, worauf sich seine Wirkkraft viel besser einschätzen lässt.
  • Ibogain sollte niemals während einer Schwangerschaft, im hohen Alter, bei Herz-, Leber- oder Nierenschäden, allgemeinem Unwohlsein oder bei Vorliegen einer psychischen Erkrankung eingenommen werden.

Literatur

Schultes, Richard E. und Albert Hofmann: Pflanzen der Götter, Aarau: AT Verlag 1995.

Rätsch Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, 10. Auflage, Aarau: AT Verlag 2012.

Pinchbeck, Daniel: Den Kopf aufbrechen – Eine Psychedelische Reise ins Herz des Schamanismus, München: Wilhelm Goldmann Verlag 2003.

Foto: Alexander Ochse

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